| # taz.de -- Kommentar von Anna Lehmann zum EU-Gipfel in Brüssel: Die EU ist ha… | |
| Geht doch: Die Ukraine bekommt die nötigen Mittel, um sich weiterhin gegen | |
| den russischen Angriff zu verteidigen, Russland kann in absehbarer Zeit | |
| nicht auf seine in Europa gebunkerten Geldreserven zugreifen. Das ist das | |
| Ergebnis nächtlichen Ringens auf dem EU-Gipfel in Brüssel. Die 27 | |
| EU-Staaten sind trotz aller Querelen handlungsfähig, die Ukraine bleibt bis | |
| auf Weiteres zahlungsfähig. Dennoch sieht dieser Erfolg bei Lichte | |
| betrachtet blass aus. Das liegt zum einen an den hohen Erwartungen, die vor | |
| allem der deutsche Bundeskanzler vor dem Gipfel geweckt hatte. Friedrich | |
| Merz hatte vorgeschlagen, die 210 Milliarden Euro russisches Staatsvermögen | |
| in Europa sofort anzuzapfen, gleich auch noch mit einem anderen Wunsch | |
| verknüpft: dem Abschluss des Freihandelsabkommens mit den südamerikanischen | |
| Mercosur-Ländern. Letzteres wurde erneut verschoben, zur Unterstützung der | |
| Ukraine nimmt Europa nun selbst Schulden auf. | |
| Gelitten hat vor allem die Glaubwürdigkeit des Kanzlers, der erneut all-in | |
| gegangen ist. Wie schon zu Beginn des Jahres, um im Bundestag eine | |
| Abstimmung über seine Migrationspolitik zu erzwingen. Merz neigt dazu, aus | |
| Sachfragen Machtfragen zu machen, stößt potenzielle Verbündete vor den Kopf | |
| – und zieht am Ende den Kürzeren. Nach sieben Monaten im Amt sollte Merz | |
| gelernt haben, dass sich die Welt nicht als Wille und Vorstellung formt. | |
| Auch im Falle der eingefroren russischen Vermögen wäre es klüger gewesen, | |
| zunächst klandestin zu verhandeln, als forsch ein Ziel vorzugeben, das in | |
| aller Öffentlichkeit wegverhandelt wird. | |
| Dass es der EU trotz der Absolutheit Deutschlands und der Blockade von drei | |
| Visegrád-Staaten gelungen ist, einen Weg zu finden, der das Überleben der | |
| Ukraine in den kommenden Monaten sichert, ist erst einmal gut. Es ist ein | |
| notwendiger, aber kein hinreichender Faktor auf dem Weg zum | |
| Waffenstillstand. Die EU hat sich und der Ukraine Zeit verschafft. Die 90 | |
| Milliarden, die die Ukraine erhalten soll, werden nicht, wie Kritiker | |
| meinen, gebraucht, um den Krieg zu verlängern, sondern um Russland zu einem | |
| einigermaßen fairen Frieden zu zwingen. Aber es reicht nicht, der Ukraine | |
| Geld und Waffen zuzuschieben und darauf zu hoffen, dass sich das Blatt auf | |
| dem Schlachtfeld wendet oder dem russischen Diktator Putin die Puste | |
| ausgeht. Es braucht mehr wirtschaftlichen, diplomatischen und finanziellen | |
| Druck, damit der russische Präsident seine Ambitionen auf die in seinen | |
| Augen „historischen Gebiete“ aufgibt. Europa muss die Atempause nutzen, um | |
| eine eigene Strategie zu entwickeln. Die USA sind wichtig als Verbündete, | |
| aber keine verlässlichen Partner mehr. Wären die Europäer aus diesem Gipfel | |
| zerstritten herausgegangen, hätten US-Präsident Donald Trump und seine | |
| MAGA-Leute sich vermutlich abgeklatscht. Die Zerstörung der EU ist | |
| schließlich ihr Ziel. Es gilt andere Partner zu gewinnen, vor allem im | |
| Globalen Süden: Indien, Brasilien, Südafrika, China. Dabei ist deutsche | |
| Initiative gefragt, gepaart mit Fingerspitzengefühl. | |
| 20 Dec 2025 | |
| ## AUTOREN | |
| Anna Lehmann | |
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