| # taz.de -- Dein Brötchen killt Fische in der Ostsee | |
| > Im Baltischen Meer sterben immer wieder massenhaft Fische, weil | |
| > verwesende Algen ihnen den Sauerstoff rauben. Verantwortlich sind auch | |
| > Düngemittel aus der Landwirtschaft – und somit letztendlich die | |
| > Verbraucher | |
| Bild: Fischsterben im Kleinen Jasmunder Bodden 2022 | |
| Aus Kiel und Dersau Jost Maurin | |
| Tausende tote Fische liegen auf dem feinen Sand des Ostseestrands von | |
| Rostock-Warnemünde. Silberne, weiße und bräunliche Fischkörper glänzen im | |
| Sonnenlicht mit leeren Augen und oft weit geöffneten Mäulern, als hätten | |
| sie nach Luft geschnappt. Das war [1][Ende September]. Ein ähnliches Bild | |
| hatte sich wenige Tage zuvor im schleswig-holsteinischen [2][Timmendorfer | |
| Strand] geboten. | |
| Wenn Laboranten das Grundwasser in Deutschland untersuchen, zeigen die | |
| Messgeräte oft beunruhigende Zahlen an: Mehr als 50 Milligramm der | |
| Stickstoffverbindung Nitrat pro Liter können im Trinkwasser die Gesundheit | |
| gefährden. Aber [3][fast 26 Prozent aller untersuchten deutschen | |
| Grundwassermessstellen] des EU-Nitratmessnetzes überschritten laut | |
| Bundesregierung 2020 bis 2022 im Mittel diesen Schwellenwert. Dabei wird | |
| das [4][meiste Trinkwasser] in Deutschland aus Grundwasser gewonnen. Manche | |
| Wasserwerke können die Grenzwerte nur noch einhalten, indem sie belastetes | |
| Wasser mit unbelastetem [5][mischen]. | |
| Sowohl das Fischsterben in der Ostsee als auch das verschmutzte Grundwasser | |
| haben gemeinsame Ursachen. Eine davon ist, dass die Landwirtschaft | |
| insgesamt mehr Dünger auf die Felder ausbringt, als die Pflanzen aufnehmen | |
| können. Ein Teil des Überschusses an Pflanzennährstoffen versickert ins | |
| Grundwasser oder gelangt über Flüsse ins Meer. Die Politik ermöglicht die | |
| Überdüngung durch laxe Regeln, die CSU-Bundesagrarminister Alois Rainer | |
| sogar noch weiter schwächen will. Verantwortlich sind aber auch | |
| Verbraucher. Zumindest die, die Industriebrot, Fleisch und Lebensmittel aus | |
| konventioneller Landwirtschaft essen. | |
| ## Mehrfach im Jahr fehlt der Sauerstoff | |
| Helmke Hepach steht in der Bibliothek des Geomar Helmholtz-Zentrums für | |
| Ozeanforschung Kiel. Die 41 Jahre alte Umweltwissenschaftlerin zeigt durch | |
| das Fenster auf die „Littorina“, ein 30 Meter langes Schiff am Kai des | |
| Flusses Schwentine, der hier in die Ostsee mündet. Von dem blau-weißen | |
| Forschungskutter aus ziehen Kollegen von Hepach einmal im Monat in der | |
| Eckernförder Bucht Wasserproben aus der Ostsee. Sie werden in den | |
| Geomar-Labors analysiert, die Ergebnisse landen dann auf dem Bildschirm | |
| der Wissenschaftlerin. Aus den Daten folgert sie: „Die Ostsee enthält zu | |
| viel Nitrat und Phosphat, unter anderem aus Düngern.“ | |
| Wegen der vielen Nährstoffe wüchsen auch Algen stärker, sagt Hepach. Falls | |
| es giftige Blaualgen sind, ist das ein unmittelbares Gesundheitsrisiko für | |
| Badegäste. Für die Natur ist vor allem problematisch, was passiert, wenn | |
| die Algen absterben. Denn dann sinkt der Sauerstoffgehalt im Wasser. | |
| Normalerweise können Fische einfach in andere Zonen des Meers schwimmen, wo | |
| genügend Sauerstoff vorhanden ist. Aber manchmal wirbeln Wind und Wellen | |
| alle Schichten durcheinander, sodass die Fische überall in Atemnot geraten. | |
| Das ist der Grund für das Fischsterben. Die Tiere ersticken und werden dann | |
| an Land gespült. | |
| Hepach nennt es „Sauerstoffminimumereignis“, wenn der Sauerstoffgehalt so | |
| stark sinkt, dass Fische oder andere Meereslebewesen gefährdet sind. „Die | |
| Frequenz, mit der diese Sauerstoffminimumereignisse auftauchen, die wird | |
| auf jeden Fall deutlich größer. Wir können die jetzt eigentlich jährlich | |
| beobachten und teilweise sogar mehrfach im Jahr“, sagt sie. | |
| Der Wissenschaftlerin fällt auch auf, wann die Fischsterben passieren. | |
| Früher seien sie im August und September aufgetreten, weil da durch die | |
| hohen Temperaturen im Sommer besonders viele Algen gewachsen seien. Gerade | |
| im Spätsommer und Herbst gelange dann sauerstoffarmes Wasser in Tiefen, wo | |
| Fische leben. „Mittlerweile nehmen wir das teilweise auch schon zum | |
| Beispiel im Frühsommer wahr. Das ist definitiv schlimmer geworden.“ | |
| Hepach hält jetzt eine weiße Scheibe mit 50 Zentimetern Durchmesser in der | |
| Hand, an der ein langes orangefarbenes Seil und an der Unterseite kleine | |
| Gewichte befestigt sind. „Diese Secchi-Scheibe schmeißt man ins Wasser und | |
| guckt, wie lange man sie sehen kann“, sagt die Wissenschaftlerin. Je tiefer | |
| und länger, desto weniger Algen und Plankton enthält das Wasser. Die | |
| Scheibe, erzählt Hepach, sei heutzutage zum Beispiel nur sechs bis sieben | |
| Meter sichtbar, früher seien es zehn bis zwölf Meter gewesen. | |
| Zwar fließe inzwischen [6][40 Prozent weniger Nitrat und 50 Prozent weniger | |
| Phosphor] als 1995 über Flüsse in die Ostsee. Das liege vor allem an | |
| modernen Kläranlagen und Maßnahmen gegen Überdüngung. „Aber das reicht | |
| nicht, um den Effekt des Klimawandels zu kompensieren. Deshalb müssen wir | |
| die Nährstoffeinträge in die Ostsee noch stärker reduzieren.“ | |
| Die Agrarbranche war 2016 bis 2018 für 80 Prozent des Stickstoffs und 45 | |
| Prozent des Phosphors verantwortlich, die in die deutsche Ostsee gelangten. | |
| Das steht im neusten [7][Bericht des Bundesumweltministeriums] über den | |
| Zustand des Meers. Deswegen müssten jetzt vor allem die Bauern handeln, | |
| sagt Hepach. Ähnlich stark ist der Beitrag der Bauern in der Nordsee, | |
| allerdings verdünnen sich die Nährstoffe dort schneller und können leichter | |
| in den Atlantik abfließen, zu dem die Ostsee nur schmale Zugänge hat. | |
| Jochen Flessner ist Landwirt. Er steht gerade auf seinem Hof, kaum 40 | |
| Kilometer von Kiel entfernt in der Nähe des Plöner Sees. Flessner – Typ | |
| gemütlicher Bär, groß, Lockenkopf – zeigt nach rechts über leicht hügeli… | |
| grüne Felder, die von Erdwällen mit Hecken begrenzt sind. „Da hinter dem | |
| Knick ist Kulisse“, sagt er. „Kulisse“, damit sind die besonders stark mit | |
| Nitrat belasteten Felder und Wiesen gemeint. Man nennt sie auch „Rote | |
| Gebiete“, weil sie mit dieser Farbe auf speziellen Karten markiert sind. | |
| Hier ist mehr Nitrat im Grundwasser als zulässig. | |
| Deswegen müssen hier Landwirte laut Düngeverordnung 20 Prozent weniger | |
| Stickstoffdünger benutzen, als die Pflanzen offiziell benötigen. „Das ist | |
| das, was uns schmerzt“, sagt Flessner. „Wir ernten irgendwas zwischen 10 | |
| und 15 Prozent weniger an Menge, weil wir 20 Prozent weniger gedüngt | |
| haben.“ Hinzu komme, dass der Weizen ungefähr ein Zehntel weniger Protein | |
| enthalte. Deshalb könne er ihn nicht mehr als Brotweizen, sondern nur noch | |
| als billigeren Futterweizen verkaufen. | |
| Hier schließt sich der Kreis zum Brötchen der Verbraucher: Die hier | |
| angebauten Weizensorten haben einen hohen Proteingehalt, sodass der Teig | |
| etwas leichter zu verarbeiten ist und stärker aufgeht. Das ist vor allem | |
| für große Industriebäckereien wichtig, die ihre [8][Knetung und | |
| Wasserzugabe] nicht für jede Mehllieferung anpassen wollen. Viele | |
| handwerkliche und Biobäcker dagegen stellen auch aus Weizen mit weniger | |
| Protein hervorragende Backwaren her. Bioweizen hat in der Regel weniger | |
| Eiweiß, weil Ökobauern nicht so viel düngen dürfen. Aber Flessner verkauft | |
| sein Getreide an Händler, die das nicht interessiert. Das Ergebnis: „Es | |
| sind zwischen 25.000 und 30.000 Euro bei meinem Anteil in der Kulisse, die | |
| ich jährlich weniger erlöse.“ | |
| Das ärgert den Agrarunternehmer umso mehr, weil er die 20 Prozent weniger | |
| Dünger auch nicht als Vorteil für die Umwelt sieht. Im Wohnzimmer seines | |
| Hauses aus dem 19. Jahrhundert liegt ein DIN-A4-Ringbuch auf der weißen | |
| Tischdecke. „Düngeplanung“ steht auf der Titelseite. Für jedes Feld hat i… | |
| ein Ingenieurbüro ausgerechnet, wie viel Nährstoffe seine Pflanzen brauchen | |
| und wie viel er düngen muss. Und nur diese Menge Dünger wolle er | |
| ausbringen, sagt Flessner. Es könne also kaum etwas in den Gewässern | |
| landen. | |
| In einer Zeile der Tabellen steht: „Abschlag Rotes Gebiet“ und dahinter die | |
| Menge Stickstoff, die er vom errechneten Bedarf abziehen muss. Am Ende | |
| müsse er den Pflanzen weniger Dünger geben, als sie bräuchten, argumentiert | |
| Jochen Flessner. | |
| Diese Wahrnehmung macht viele Landwirte regelrecht wütend. Sie ist ein | |
| wesentlicher Grund für das Gefühl mancher Bauern, dass der Staat sie | |
| ungerecht behandele. Wenn er wieder nach Bedarf düngen würde, wäre es | |
| Flessner zufolge so: „Ich würde der Umwelt damit nicht schaden, aber meinem | |
| Portemonnaie nutzen.“ | |
| Doch renommierte Wissenschaftler halten die Bedarfsberechnungen für | |
| fehlerhaft. Die Düngeverordnung erlaube oft höhere Stickstoff- und | |
| Phosphormengen als für die Pflanzen nötig, sagt zum Beispiel der Kieler | |
| Agrarprofessor Friedhelm Taube, der seit Jahrzehnten zu dem Thema forscht. | |
| Er beruft sich auf mehrere experimentelle Studien, unter anderem seine | |
| eigenen. „Vor allem unterschätzen die Berechnungen gemäß Düngeverordnung | |
| massiv die Nährstoffmengen aus den Ernteresten der Pflanzen, die vorher auf | |
| dem Feld standen.“ Unter anderem deshalb ergäben sie, dass die Bauern mehr | |
| düngen als notwendig. | |
| So könnte das auch bei der Kalkulation für eines von Flessners Feldern | |
| sein. In der Tabellenzeile „Vorfrucht/Nachlieferung aus Ernteresten“ steht: | |
| 0,00 Stickstoff und Phosphor. So, als ob der Raps und der Weizen, die vor | |
| der Gerste auf dem Acker wuchsen, komplett inklusive Wurzeln und Stoppeln | |
| aus dem Boden gerissen worden wären. „Das ist unrealistisch“, urteilt | |
| Agrarprofessor Taube. | |
| Die sogenannte Stoffstrombilanz hingegen, die Bauern wie Flessner bis vor | |
| Kurzem noch erstellen lassen mussten, kommt Taube zufolge der Wahrheit | |
| näher. Denn sie habe gezeigt, wie viel Stickstoff und Phosphor durch Dünger | |
| auf den Hof gekommen und wie viel in Form von Produkten abgeflossen sei. | |
| Die Differenz landet langfristig in der Umwelt. | |
| Bundesagrarminister Rainer aber strich in einer seiner ersten | |
| Amtshandlungen im Juni 2025 die Pflicht, diese Bilanz zu berechnen. Damit | |
| gab der CSU-Politiker dem Druck des Bauernverbands nach. Dabei hätte man | |
| mit der Bilanz sehr einfach ermitteln können, welche Höfe wirklich zu viel | |
| düngen, sagt Friedhelm Taube. Das wollte der Verband offenbar verhindern. | |
| Jochen Flessner weist das zurück. Die Landwirtschaftskammer, eine | |
| öffentlich-rechtliche Institution, überprüfe die Zahlen zum Düngebedarf | |
| mithilfe von Versuchen regelmäßig. | |
| Taube aber gibt nicht viel auf diese Untersuchungen. „Sie erfassen zum | |
| Beispiel nicht, wie viel Nährstoffe tatsächlich von den Feldern | |
| ausgewaschen werden“, sagt der Wissenschaftler. Er habe in eigenen | |
| Versuchen diese Verlustmengen gemessen – bei Stickstoff hätten sie oft über | |
| den akzeptablen Werten gelegen. | |
| Die Agrarbehörden hätten die Regelungen mit dem Ziel formuliert, dass die | |
| Bauern möglichst viel düngen und ernten können, sagt Taube. Seiner Meinung | |
| nach wollten sie gar nicht Nährstoffverluste in die Umwelt so weit wie | |
| möglich vermeiden, obwohl das Düngegesetz das verlangt. Außer ihm und einem | |
| Kollegen habe niemand die Düngeverordnung „systematisch wissenschaftlich | |
| überprüft“. | |
| Auf Anfrage der taz nannte das Bundeslandwirtschaftsministerium tatsächlich | |
| keine einzige wissenschaftliche Studie, die ausdrücklich die Bedarfswerte | |
| der Düngeverordnung kontrolliert hätte. Eine Arbeitsgruppe von Bund und | |
| Ländern habe die Zahlen festgelegt, schrieb das Ministerium. | |
| Obwohl die Zahlen vom bauernfreundlichen Ministerium stammten, zweifelt | |
| Flessner an, dass die Landwirtschaft immer noch [9][rund 70 Kilogramm | |
| Stickstoff] pro Hektar und Jahr mehr ausbringt, als sie durch pflanzliche | |
| oder tierische Produkte bindet. „Tja, das sind Statistiken, die ich nicht | |
| geführt habe“, sagt er, räumt allerdings ein, dass der Grundwasserkörper in | |
| seiner Region zu viel Nitrat habe. | |
| Wenn er alles richtig macht, wer ist dann dafür verantwortlich? „Ich will | |
| jetzt nicht meinen Vater in die Pfanne hauen“, sagt Flessner, dessen | |
| Familie den Hof bereits in der vierten Generation bewirtschafte, und lacht. | |
| Aber er glaube sehr wohl, „dass wir vor 30 Jahren in Relation zu dem | |
| heutigen Wissen zu viel gedüngt haben.“ Das Nitrat aus der Zeit sei noch | |
| im Boden, es dauere Jahre, bis es im Grundwasser ankomme. | |
| Doch auch hier widerspricht Agrarprofessor Taube: „Ein Nitrat-Ion, das in | |
| Dersau den Wurzelhorizont verlassen hat und über Entwässerungsrohre in die | |
| Flüsse gelangt, ist spätestens nach zwei Jahren in der Ostsee.“ Diese | |
| Geschwindigkeiten hätten Untersuchungen in Dänemark gezeigt, wo Böden und | |
| Klima sehr ähnlich wie im Schleswig-Holsteinischen Hügelland sind. | |
| Jochen Flessner muss nicht nur düngen, um seine Pflanzen zu ernähren. | |
| Hinter seinem Kuhstall liegt eine vier Meter tiefe Grube mit Betonwänden | |
| und 23 Meter Durchmesser, gefüllt mit der Gülle seiner Kühe. Damit sie | |
| nicht überläuft, müssen die Fäkalien regelmäßig als Dünger auf die Felder | |
| ausgebracht werden. Flessner, so sagt er, habe so wenig Vieh, dass er sogar | |
| Gülle vom Nachbar auf seinen Äckern ausbringen kann. Aber in Regionen mit | |
| sehr vielen Schweinen, etwa in Niedersachsen, sieht die Lage dramatisch | |
| aus. | |
| Flessner räumt durchaus ein, dass die Landwirtschaft für die größten | |
| Stickstoff- und Phosphoreinträge in die Ostsee verantwortlich sei. „Das | |
| will ich nicht infrage stellen“, sagt der Bauer. Er weist auch | |
| Unterstellungen mancher Lautsprecher in der Agrarbranche zurück, die | |
| Kläranlagen und undichte Abwasserrohre als Hauptschuldige darstellen. | |
| Stattdessen ergänzt er, es sei ja „nicht so, dass wir nichts tun“, um die | |
| Nährstoffeinträge zu senken. Zum Beispiel hat er, teils mithilfe | |
| staatlicher Zuschüsse, für 100.000 Euro neues Gerät gekauft, um sparsamer | |
| und damit umweltfreundlicher düngen zu können. In einer Halle seines Hofs | |
| stehen drei Traktoren mit Hinterreifen größer als ein Mensch. Sie lassen | |
| sich mit Satelliten so genau steuern, dass sie den ebenfalls | |
| GPS-überwachten Düngerstreuer nur dorthin ziehen, wo wirklich Nährstoffe | |
| ausgebracht werden sollen. „Da fährt man nicht aus Versehen irgendwo | |
| doppelt hin.“ | |
| Aber muss die Menge Dünger, die ins Meer fließt, nicht noch weiter gesenkt | |
| werden? „Wir arbeiten daran“, beteuert Flessner. Der Bauernverband | |
| Schleswig-Holstein, in dem er aktiv ist, habe sich bereit erklärt, in den | |
| Ostseebeiräten mitzuarbeiten. Das sind von der Landesregierung einberufene | |
| Gremien, in denen Vertreter etwa von Bauern-, Wasser- und Bodenverbänden in | |
| fünf Küstenregionen Pläne entwickeln sollen, damit die Landwirtschaft | |
| weniger Nährstoffe direkt oder indirekt in die Ostsee abgibt. | |
| ## Bei Überdüngung bleibt der Staat passiv | |
| Jochen Flessner findet die Beiräte auch gut, weil die nur freiwillige | |
| Schritte vereinbaren sollen. Die Zielvereinbarung der | |
| schleswig-holsteinischen Landesregierung mit den Bauernverbänden enthält | |
| zum Beispiel nur nichtobligatorische, zehn Meter breite Sicherheitsabstände | |
| von Äckern zu Gewässern. In diesen Pufferzonen soll nicht gedüngt werden. | |
| Gesetzlich vorgeschrieben sind in ebenem Gebiet in der Regel lediglich drei | |
| Meter. | |
| „Es ist immer gut, wenn Landwirte sich in Ostseebeiräten um das Problem | |
| kümmern“, sagt Professor Taube. „Aber ansonsten ist diese | |
| Selbstverpflichtung nicht belastbar. Was passiert denn, wenn sie sie nicht | |
| einhalten? Gar nichts.“ Mecklenburg-Vorpommern etwa hat keine | |
| Ostseebeiräte. Besser wäre es nach Meinung Taubes, die Düngeverordnung so | |
| zu ändern, dass die Nährstoffbedarfe realistisch berechnet werden müssten. | |
| Oberstes Ziel solle sein, die Belastung der Umwelt zu reduzieren. Taube ist | |
| es wichtig zu betonen: „Engagierte Landwirte, die mitdenken, sind nicht das | |
| Problem, sondern das schätzungsweise eine Drittel der Betriebe, das man nur | |
| über Ordnungsrecht erreicht.“ | |
| Obwohl es die Roten Gebiete seit 2022 gibt, seien weder die Erträge noch | |
| die Qualitäten des Getreides eingebrochen, sagt Taube. Untersuchungen des | |
| Max Rubner-Instituts, Bundesforschungsinstitut für Ernährung und | |
| Lebensmittel, zeigen tatsächlich, dass beispielsweise 2025 die | |
| Winterweizenernte im Durchschnitt aller untersuchten Proben einen | |
| Rohproteingehalt von [10][12,2 Prozent hatte]. Das reicht in der Regel als | |
| Backweizen. Das Bundesagrarministerium berichtete von | |
| [11][überdurchschnittlichen Erträgen]. | |
| Doch die Politik scheint Taube im Moment nicht folgen zu wollen. | |
| Agrarminister Rainer hat sich bisher vor allem durch einen Schmusekurs mit | |
| dem Bauernverband hervorgetan, der Verschärfungen der Düngeverordnung stets | |
| ablehnt. Sein Ministerium will einem Referentenentwurf zufolge sogar aus | |
| [12][dem Düngegesetz] das Ziel streichen, dass die Bauern effizient düngen | |
| und „Nährstoffverluste in die Umwelt so weit wie möglich zu vermeiden“ | |
| haben. Der Entwurf „gefährdet in seinem aktuellen Zustand die wichtigste | |
| Grundlage für die Wasserversorgung sowie für die Gesundheit der | |
| Bevölkerung: sauberes Grundwasser“, [13][kritisiert die Deutsche | |
| Umwelthilfe]. | |
| Und nachdem das Bundesverwaltungsgericht im Oktober die Roten Gebiete in | |
| Bayern unter anderem wegen für die Landwirtschaft irrelevanter Messstellen | |
| aufgehoben hatte, bestrafen alle Bundesländer bis auf Weiteres keine neuen | |
| Verstöße gegen die Düngeeinschränkungen. | |
| Der Staat bleibt also passiv. Können wenigstens die Verbraucher durch ihre | |
| Kaufentscheidungen helfen, die Überdüngung, das Fischsterben und die | |
| Grundwasserverschmutzung zu reduzieren? „Vielleicht ist es besser, wenn wir | |
| alle mehr Bio kaufen und solche Sachen“, antwortet Umweltwissenschaftlerin | |
| Helmke Hepach. „Da kann man auch von der Konsumentenseite ein bisschen | |
| mitsteuern.“ Also besser ein Brötchen vom Biobäcker kaufen als aus der | |
| konventionellen Backfabrik. | |
| 10 Jan 2026 | |
| ## LINKS | |
| [1] https://www.iow.de/fischsterben-bei-rostock-im-september-2025.html | |
| [2] https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/app/tote-fische-sorgen-in… | |
| [3] https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/2875/dokumente/ni… | |
| [4] https://www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/gewaesser/grundwasser/nutzung-… | |
| [5] https://www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/grundwasser/nutzung-belastunge… | |
| [6] https://www.umweltbundesamt.de/daten/wasser/ostsee/naehrstoffeintraege-uebe… | |
| [7] https://mitglieder.meeresschutz.info/de/berichte/zustandsbewertungen-art8-1… | |
| [8] /!5884100&SuchRahmen=Print | |
| [9] https://www.bmel-statistik.de/fileadmin/daten/0111260-0000.xlsx | |
| [10] https://www.mri.bund.de/fileadmin/MRI/Institute/GE/BEE/BEE-Zwischenbericht… | |
| [11] https://www.bmleh.de/DE/themen/landwirtschaft/pflanzenbau/ackerbau/ernte-2… | |
| [12] https://www.gesetze-im-internet.de/d_ngg/__1.html | |
| [13] https://www.duh.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/aenderung-de… | |
| ## AUTOREN | |
| Jost Maurin | |
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