# taz.de -- Erfahrungsmuster USA und Europa | |
> Wie kommen die Bilder in den Speicher der Erinnerung und wer führt hier | |
> Regie? Diese Fragen verfolgt Arnold Dreyblatt, Videokünstler mit einer | |
> Vergangenheit in der Minimal Music, der jetzt im n.b.k. -Showroom | |
> ausstellt | |
Bild: Arnold Dreyblatt, „The Resting State“, Ausstellungsansicht Neuer Berl… | |
Von Michael Freerix | |
Seit dem Beginn seiner künstlerischen Laufbahn beschäftigt sich der | |
US-Amerikaner Arnold Dreyblatt, geboren 1952, mit Themen wie Identität und | |
Gedächtnis. Als Kind osteuropäischer Migranten spielen diese Begriffe für | |
Dreyblatt seit seiner Jugend eine große Rolle. In seiner neuen Arbeit, „The | |
Resting State“, nun taucht er tiefer ein in den Moment, der die | |
wahrgenommenen Bilder zu Erinnerungsmomenten verdichtet und abspeichert. | |
Und sie den bereits gespeicherten zuordnet. Damit verwandelt er den | |
Showroom der n.b.k. in eine Bewusstwerdungszelle. | |
Begonnen hat die künstlerische Existenz von Arnold Dreyblatt Anfang der | |
siebziger Jahre mit intensiven musikalischen Studien. Er wurde Student von | |
Avantgardekomponisten wie Pauline Oliveros, Alvin Lucier und insbesondere | |
LaMonte Young. Wie deren Werk ist seine eigene Musik seit dieser Zeit unter | |
dem Begriff Minimal Music einzuordnen, auch wenn sich Dreyblatt ganz | |
besonders mit der Wirkung von Obertönen auf unsere Wahrnehmung beschäftigt. | |
Seit seiner Erstveröffentlichung, „Nodal Excitation“, im Jahr 1982 hat | |
seine Musik etwas Traumhaft-Rauschhaftes, in das sich der Hörer versenken | |
kann, um sein eigenes Sinneskostüm neu zu erfahren. | |
## Im Umkreis von„The Kitchen“ | |
Mitte der siebziger Jahre ließ sich Dreyblatt in New York nieder, wo das | |
Videokünstlerpaar Steina und Woody Vasulka „The Kitchen“ etabliert hatte, | |
einen Präsentationsort für Videokunst, der schnell zu einem Raum für | |
jegliche zeitgemäße Avantgarde mutiert war. Als Dreyblatt dazustieß, gingen | |
hier Komponisten wie Phillip Glass oder Steve Reich ein und aus, oder die | |
junge Laurie Anderson zeigte, neben zahllosen anderen Künstlern, ihre | |
frühen Arbeiten. Gleichzeitig gab es bahnbrechende Ausstellungen mit | |
Videokünstlern wie Joan Jonas, Nancy Holt oder Bill Viola. Für Dreyblatt | |
wurde „The Kitchen“ „zu einer Art Wohnzimmer“ und er enger Vertrauter d… | |
Künstlerpaares. | |
Die Vasulkas brachten ihn dann auch mit dem damals recht neuen Medium Video | |
in Berührung. Dreyblatt faszinierte insbesondere, dass das weiße – wie auch | |
das schwarze – Bild auf dem Videoband zwei unterschiedliche Arten von | |
Rauschen im Fernseher hervorrief. Dreyblatt stellte daraufhin einige Videos | |
her, die sich mit diesem Klangphänomen beschäftigten – und wurde zu einem | |
Bildhauer, der mit den unterschiedlichsten Kombinationsebenen von Bildern | |
und Tönen arbeitete. | |
1984 kam Dreyblatt nach Berlin und blieb. Dieser Schritt brachte ihn näher | |
an seine eigenen familiären Wurzeln. Themenblöcke wie Identität und | |
Erinnerung traten nun stärker in das Zentrum seiner künstlerischen Arbeit, | |
eben weil er sich im Land der Täter niederließ. Sein Erfahrungsprozess aus | |
dieser Beschäftigung mit der eigenen Herkunft kulminierte in der Arbeit „My | |
Baggage“, die 2011 im Rahmen der Ausstellung Heimatkunde im Jüdischen | |
Museum Berlin zu sehen war. | |
Neben dieser Collage aus Erinnertem und Überliefertem tritt nun seine neue | |
Arbeit. Dreyblatt geht es im Showroom des n.b.k. um den kurzen Moment des | |
Einsortierens, den unser Gehirn vornimmt, nachdem ein Moment erlebt worden | |
ist. Wie viele Neurologen stellt er sich die Frage, was genau und warum ein | |
Moment in die Erinnerung einsortiert wird und wie solche Erinnerungsmomente | |
wesentlich für unsere eigenen Zukunftsentscheidungen und für unser | |
zukünftiges Sein sind. Dieser Prozess ist kaum zu erklären, begleitet uns | |
aber ununterbrochen und verlischt erst mit dem Tod. | |
Dreyblatt reflektiert in dieser Arbeit auch sein eigenes Älterwerden. Er | |
blickt auf seine eigene Reise zurück im Hinblick darauf, wie sich Identität | |
bildet, Bei ihm durch das Erfahrungsmuster, 32 Jahre in den USA gelebt zu | |
haben im Verhältnis zu 35 Jahren in Europa. Was genau sind nun die eigenen, | |
selber erlebten Erinnerungen, und was sind nur Erzählungen anderer, die wir | |
in unsere Erinnerungsarchitektur eingebaut haben? Dreyblatt will dieses | |
kleine Staniolpapier, das zwischen den gespeicherten und ungespeicherten | |
Momenten liegt, hochpusten, um erlebbar zu machen, wo „the subject (not) at | |
rest“ oder eben „at rest“ ist. | |
Erinnerung ist ein fester Bestandteil eines jeden Menschen an jedem Eck der | |
Welt, untrennbar verbunden mit dem, was sich Identität nennt. Es sind | |
Fundamente des Sich-Nennens, unbegrenzt, unbegrenzbar. | |
Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass derzeit eine weitere Arbeit | |
von Arnold Dreyblatt, „Repertoire“, noch bis zum 30. April als | |
Dauerausstellung in der Akademie der Künste Berlin zu sehen ist. Und dass | |
er das Denkmal zur Bücherverbrennung, das auf dem Königsplatz in München | |
entstehen soll, dem Originalort dieses Fanals, in diesem Jahr installieren | |
soll. | |
Arnold Dreyblatt, The Resting State, Neue Gesellschaft für bildende Kunst, | |
Chausseestraße 128/129, Di.–So. 12–18 Uhr, Do. bis 20 Uhr, bis 28. 4.; | |
Repertoire (2016) in der Akademie der Künste am Hanseatenweg, bis 30. 4. | |
2019, täglich von 10–20 Uhr | |
6 Mar 2019 | |
## AUTOREN | |
Michael Freerix | |
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