Introduction
Introduction Statistics Contact Development Disclaimer Help
# taz.de -- Sicherheit ist auchein Gefühl
> Wird der Drogenhandel wirklich zum Problem für das Hamburger
> Schanzenviertel und den Schanzenpark? Und können da neue Straßenlaternen
> helfen? Die Antwort hängt davon ab, mit wem man spricht
Bild: Hier traut sich nicht jede lang: durch den Schanzenpark zum Fernsehturm
Von Annika Lasarzik
An einem Novemberabend steht Yussif am Rand des Schanzenparks. Aus der
Ferne ist er kaum zu sehen, seine Silhouette verschmilzt mit den Schatten
der Bäume. Erst als sich ein Passant nähert, tritt er ins Licht einer
Straßenlaterne: „Alles gut?“ Der Passant schüttelt stumm den Kopf. Yussif
nickt und geht ein paar Schritte zurück.
Szenen wie diese lassen sich im Hamburger Schanzenpark oft beobachten.
Yussif ist einer der Straßendealer, die dort auf potenzielle Kunden warten.
Heute läuft das Geschäft nicht gut. Es ist kalt, es ist ruhig, nur ein paar
Radfahrer fahren über die spärlich beleuchteten Wege. 15 Euro habe er heute
verdient, erzählt Yussif, das sei viel zu wenig. Er pfriemelt seine Ware
aus einer Jackentasche: ein Plastiktütchen, darin ein paar verschrumpelte
grüne Bobbel.
„Very good!“
Woher hat er das Zeug? Ein Typ habe es ihm gegeben. Wer? Dürfe er nicht
sagen.
Sonst was? „Trouble.“
Dass im Schanzenviertel, besonders im Schanzenpark, gedealt wird, ist nicht
neu. Das Thema beschäftigt Anwohner und Bezirkspolitiker seit Jahren, es
gab Stadtteilkonferenzen und runde Tische. Die Hamburger Polizei hat ihre
„Task Force Drogen“ im Frühjahr personell aufgestockt und mehr
Drogendelikte erfasst, allerdings wurde auch öfter kontrolliert. Im
September sorgte der Rechtsanwalt Christian Abel mit seiner Idee, eine
Bürgerwehr im Schanzenpark patrouillieren zu lassen, für Aufsehen. Im
Stadtteil regte sich Protest, Linke wie Konservative distanzierten sich,
später ruderte Abel selbst zurück – er sei falsch verstanden worden.
Steigt die Nervosität in der Schanze? Die Antwort hängt auch davon ab, mit
wem man spricht. Denn Sicherheit ist auch ein Gefühl. Die Polizei hatte
sich im Juni „dringlich“ für mehr Licht im Park ausgesprochen. Anfang des
nächsten Jahres will der Bezirk Altona nun fünf neue Laternen auf dem
südlichen Verbindungsweg entlang der Fern- und S-Bahn-Gleise installieren
lassen. Dort, wo es besonders dunkel ist und wo Yussif und seine Kollegen
stehen. Die nötigen 130.000 Euro dafür zahlt die Wirtschaftsbehörde. Den
Dealern soll das Geschäft mit den Drogen erschwert werden, den Anwohnern
wird signalisiert: Hier tut sich was.
Henning Breuer, Vorsitzender des Stadtteilbeirats, lebt seit 15 Jahren im
Schanzenviertel. „Unsicher fühle ich mich im Park nicht“, sagt er und läs…
den Blick quer über die im Dunkeln liegende Wiese schweifen. Wenn
Polizisten Straßendealer durch Hinterhöfe jagten, störe ihn das mehr, als
wenn ihm jemand auf der Straße Gras anbiete. Er wolle den Drogenhandel
nicht kleinreden, sagt Breuer, der Schanzenpark sei der „größte
Cannabis-Umschlagsplatz Norddeutschlands“.
148 Delikte aus dem Bereich „unerlaubter Handel/Schmuggel mit
Betäubungsmitteln“ hat die Hamburger Polizei im ersten Halbjahr 2018 in der
Schanze erfasst. Der Stadtteil gilt neben St. Pauli und St. Georg als einer
der Brennpunkte in Sachen Drogenhandel. Die Polizei spricht von „deutlichen
Erfolgen“. Breuer glaubt aber nicht daran, dass Razzien und Kontrollen die
richtigen Mittel sind, um das Geschäft auf der Straße einzudämmen. „Ist
doch sinnlos. Wenn zur einen Seite Polizisten den Park stürmen, laufen die
Dealer zur anderen wieder raus“, sagt er. Er plädiert für eine Anpassung
der Drogenpolitik: Cannabis müsse legalisiert werden, „wer das nicht
einsieht, verkennt doch die Realität!“
Auch diese Idee ist nicht neu, bereits vor zwei Jahren setzte sich der
Stadtteilbeirat dafür ein, einen Coffeeshop nach niederländischem Vorbild
einzurichten. Straffreier Verkauf und Konsum, es wäre ein Versuch gewesen –
doch ein Antrag dazu versickerte im Gesundheitsausschuss der Hamburgischen
Bürgerschaft. Den Glauben, dass eine Art Verhaltenskodex helfen könnte, hat
Breuer nicht aufgegeben: Am besten sollten sogenannte Kiezläufer durchs
Viertel ziehen und nicht nur Dealer ansprechen, schlägt er vor – die seien
nämlich nicht das größte Ärgernis im Viertel. Belastender seien die
ausufernde Außengastronomie im Viertel und die vielen lärmenden Partygänger
am Wochenende. Die sähen in der Schanze einen Ort zum Feiern, aber keinen
Lebensraum. „Da muss was getan werden“, sagt Breuer.
Cornelia Templin wohnt seit 20 Jahren im Schanzenviertel, nahe dem
Schulterblatt. Sie glaubt: Dass sich Leute von den Dealern gestört fühlten,
habe nichts mit Unsicherheitsgefühlen in der Dunkelheit, sondern mit
Rassismus zu tun. „Früher dealten hier Osteuropäer, heute sind es Schwarze.
Und die sind eben leichter zu erkennen“, sagt sie. Rassismus, ein Vorwurf,
der sich immer wieder durch die Debatte zieht. Denn „die Dealer“, von denen
hier die Rede ist, die draußen stehen und nicht im Taxi zu ihren Kunden
fahren, die eher nicht hinter verschlossenen Türen Drogen verkaufen, sind
meistens schwarz. Sie kommen aus Ländern wie Gambia oder Senegal, kamen
meist als Geflüchtete her. Dass Drogenfahnder nun vor allem schwarze Männer
ins Visier nehmen, regt Templin auf. Doch auch in der Nachbarschaft gebe es
einige Leute, die besonders abfällig über die Dealer redeten. Die „ja nur
illegale Afrikaner in den Jungs sehen, was mit denen passiert, ist egal,
Hauptsache, sie verschwinden aus dem Blickfeld“.
Andreas Grutzeck (CDU), Vize-Vorsitzender der Altonaer Bezirksversammlung,
sagt, die neue Straßenlaternen reichten einfach nicht aus. Was nötig wäre?
Mehr Polizisten, die im Park Streife laufen. Die Razzien und Kontrollen der
vergangenen Monate hätten die Lage im Viertel zwar entspannt – doch
besonders Frauen trauten sich abends nicht mehr allein in den Park, in
letzter Zeit gingen viele Beschwerden bei seiner Fraktion ein, erzählt
Grutzek. „Das ist nicht nur lästig, sondern eine echte Bedrohung.“
Auch Henning Breuer vom Stadtteilbeirat kennt Berichte über Frauen, die
sich verfolgt fühlten von Dealern, weil die nicht locker ließen, und nun
lieber Umwege um den Park herum gehen. Es seien nur wenige. Aber: „Angst
ist was sehr persönliches. Die will ich niemandem absprechen“, sagt Breuer.
Fragt man Anke Mohnert, Geschäftsführerin der Drogenberatungsstelle
„Palette“ zur Stimmung im Schanzenviertel sagt sie: „Die Toleranzschwelle
ist spürbar gesunken.“ Dass einige Nachbarn „so empfindlich“ auf Dealer
reagierten, begründet sie so: „Der Stress im Alltag nimmt zu. Je voller es
im Viertel wird, je aggressiver und enger, je mehr Touristen herkommen,
umso anstrengender wird das gemeinsame Leben im öffentlichen Raum
empfunden.“ In der Folge verändere sich die Nachbarschaft. „Auch weil
Neuzugezogene die schönen Seiten des Viertels erleben wollen und Dreck und
Elend lieber ausblenden.“
Neben einer höheren Polizeipräsenz fordert die CDU, den bezirklichen
Ordnungsdienst wieder einzuführen. Uniformierte im Park könnten die Dealer
abschrecken, sagt Grutzek. Den Ordnungsdienst gibt es seit fünf Jahren
nicht mehr, auf politischer Ebene wird immer mal wieder über eine
Reinstallation diskutiert. Das fänden viele im Stadtteil gut – nicht der
Dealer wegen, sondern damit der Bezirk konsequenter gegen Lärm, Müll und
zugestellte Bürgersteige, eben die lästigen Begleiterscheinungen des
Partytourismus, vorgeht. Für eine Bürgerwehr, die Dealer nach dem
Jedermannsrecht der Polizei übergeben sollte, spricht sich niemand offen
aus. Und Christian Abel, der diese Bürgerwehr überhaupt erst ins Gespräch
brachte, möchte lieber gar nicht reden, auf Anfragen reagiert er nicht.
Wer in die Schanze hineinhorcht, spürt keine Hysterie, trotzdem
unterscheiden sich die Erzählungen vom Park. Die einen fühlen sich von den
Dealern eingeschüchtert. Viele Bewohner tolerieren den Handel aber auch,
wirken eher gleichgültig bis resigniert. Oder empören sich über die
Polizei.
Die Gemengelage erinnert an die Debatte über den Görlitzer Park in Berlin,
einen der berüchtigsten Drogenumschlagplätze in der Hauptstadt. Dort hat
das Geschäft zwar längst heftigere Ausmaße angenommen als im Schanzenpark,
aber in Berlin wie in Hamburg verdichten sich in den Parks größere
Probleme, es geht um Migration, Armut, Sucht. Um Lebenswelten, die
aufeinanderprallen, und die Frage, wem der öffentliche Raum gehört, der
sich immer enger, exklusiver anfühlt. Es gibt ein linksliberales Milieu,
dass wenig Vertrauen in die Polizei setzt. Und Hardliner, die mit der Angst
vorm schwarzen Mann Stimmung machen. Oft sind das die lautesten Stimmen.
Im Görlitzer Park wurden bereits 2013 Straßenlaternen aufgestellt, um für
mehr Sicherheit zu sorgen, hieß es. Inzwischen wird Polizeipräsenz mit
präventiven Maßnahmen kombiniert. Es gibt einen Parkmanager mit mobilem
Bauwagen-Büro und sechs mehrsprachige Parkläufer, die selbst einen
Migrationshintergrund haben und auf die Dealer zugehen sollen. Einen
Parkrat, in dem Bürger mitentscheiden, wie der Park gestaltet wird. Wenn es
schon nicht gelingt, den Drogenhandel zu vertreiben, will man zumindest ein
Klima schaffen, in dem sich alle wohl fühlen, so die Idee.
Holger Sülberg, Grünen-Abgeordneter und Mitglied im Ausschuss für regionale
Stadtteilentwicklung in Hamburg, wiegelt ab. „Parkläufer? An sich keine
verkehrte Idee, aber wir brauchen so was nicht.“ Ganz so groß sei der
Bedarf im Schanzenpark dann eben doch nicht – auch wenn er es verstehen
könne, wenn sich Spaziergänger im Park unwohl fühlten. Ein Verhaltenskodex?
„Ohne Sanktionen illusorisch, die Dealer halten sich nicht dran.“ Dann doch
lieber ein Stadtteilkümmerer, schlägt Süllberg vor. Einer, der Beschwerden
aufnimmt, etwa dann, wenn am Wochenende wieder auf der Straße Bier
getrunken wird. Der Drogenhandel ist in der Schanze offenbar nicht das
größte Problem.
Von all diesen Debatten bekommt Yussif nichts mit. Er steht im Park, nahe
der U-Bahn, weil er dort eben auf seine Kunden trifft. „Normal people“, wie
er achselzuckend sagt, die meisten seien junge Männer, am Wochenende kämen
besonders viele. An Jugendliche verkaufe er nicht, beteuert er. Beinahe
jeden Tag verticke er Gras, seit vier Monaten, seit er über München aus
Italien eingereist sei. Yussif fröstelt, seine schwarze Daunenjacke reicht
kaum bis zum Hosenbund seiner Jeans. Ein guter Job? Yussif legt den Kopf
schief und zieht die Augenbrauen hoch, so, als habe man einen schlechten
Scherz gemacht. Dann schnellt sein Kopf zur Seite, ein Zischen, das Zeichen
eines Kollegen, irgendwas tut sich weiter hinten im Park – und Yussif ist
verschwunden.
Der Sohn von Cornelia Templin radelt abends nach dem Fußballtraining schon
mal allein durch den Schanzenpark. Keine Bedenken, im Dunkeln? Templin
schnaubt verächtlich: „Ach was.“
1 Dec 2018
## AUTOREN
Annika Lasarzik
## ARTIKEL ZUM THEMA
You are viewing proxied material from taz.de. The copyright of proxied material belongs to its original authors. Any comments or complaints in relation to proxied material should be directed to the original authors of the content concerned. Please see the disclaimer for more details.