| # taz.de -- Grünen-Politiker Özdemir zur Freilassung: „Nichts ist in Ordnun… | |
| > Grünen-Politiker Cem Özdemir mahnt, die anderen Inhaftierten in der | |
| > Türkei jetzt nicht zu vergessen. Das sei auch im Geiste von Deniz Yücel. | |
| Bild: Die Haftanstalt Silivri, in der Deniz Yücel rund ein Jahr lang gefangen … | |
| taz: Herr Özdemir, [1][Deniz Yücel ist frei]. Wo haben Sie davon erfahren? | |
| Cem Özdemir: Kurz bevor ich heute auf der Münchner Sicherheitskonferenz in | |
| eine Diskussionsveranstaltung ging, habe ich es gehört. Ich habe mich sehr | |
| gefreut, dachte an seine Frau und Familie. Ich dachte aber auch daran, dass | |
| sich Deniz Yücel jetzt garantiert mit aller Kraft für diejenigen einsetzen | |
| wird, die immer noch widerrechtlich im Gefängnis sitzen: seine | |
| Journalistenkollegen, aber auch die Wissenschaftler, Politiker, Vertreter | |
| der Zivilgesellschaft. Wir müssen alle gemeinsam dafür sorgen, dass die | |
| nicht vergessen werden. | |
| Könnte die Bundesregierung auch [2][für diese Gefangenen] irgendetwas | |
| erreichen? | |
| Sie ist nicht so machtlos, wie sie gelegentlich den Eindruck erweckt. Als | |
| die Türkei letzten Sommer diese absurde Terrorliste veröffentlichte, auf | |
| der sich Daimler befand und die ein oder andere Döner-Kebab-Stube in | |
| Deutschland, hatte Berlin zum ersten Mal Konsequenzen angedeutet – bei den | |
| Hermes-Bürgschaften für Exportkredite, also das, was Ankara richtig weh | |
| tut. Innerhalb von 24 Stunden hat die Türkei diese Liste zurückgenommen und | |
| so getan als ob sie davon nichts wüsste. Das zeigt: Es gibt eine Seite, da | |
| ist Erdoğan sehr empfindlich. Das sind Wirtschaftsfragen, weil er auf | |
| Investitionen aus Deutschland und Europa genauso angewiesen ist wie auf | |
| Touristen. | |
| Deniz Yücel kommt einen Tag nach dem Besuch des türkischen | |
| Ministerpräsidenten im Kanzleramt frei. Das ist wahrscheinlich kein Zufall. | |
| Was hat die Bundesregierung hier richtig gemacht? | |
| Nein, das ist natürlich kein Zufall. Man hat nach einer Lösung gesucht, die | |
| für Ankara gesichtswahrend aussieht. Aber es ist klar, dass Erdoğan die | |
| Entspannung mit Deutschland nur sucht, weil er die Investitionen braucht. | |
| Seine Wirtschaft liegt darnieder, die Inflation steigt, die Unzufriedenheit | |
| in der Türkei wächst und deshalb braucht er an einer Front Entspannung. Das | |
| sollte Deutschland nutzen, um auf das Schicksal der anderen widerrechtlich | |
| Inhaftierten in der Türkei hinzuweisen. Man darf jetzt nicht so tun, als ob | |
| alles wieder in Ordnung ist. Nichts ist in Ordnung in der Türkei. Im | |
| Gegenteil, die Situation wird eher schlimmer. Man denke zum Beispiel daran, | |
| wie Ankara jüngst die Legitimation des Verfassungsgerichts anzweifelte, | |
| weil die Richter die Freilassung zweier Journalisten angeordnet hatten. | |
| Also keine Zugeständnisse an die Türkei, bevor sich die Situation dort | |
| nicht grundlegend ändert? Auch keine Rüstungsexporte? | |
| Ich schlage vor, dass wir im Geiste von Deniz Yücel arbeiten. Er hat | |
| dankenswerterweise deutlich gemacht, dass er für einen schmutzigen Deal – | |
| Waffen für Freilassung – nicht zur Verfügung steht. Deniz Yücel hat immer | |
| auf das Schicksal der anderen Inhaftierten hingewiesen und das sollten wir | |
| jetzt auch machen. | |
| Sigmar Gabriel hat sich heute selbst für die Freilassung gelobt. Sollte er | |
| nach diesem Erfolg im Amt bleiben? | |
| Sicherlich hat der Bundesaußenminister seine Verdienste, genauso wie die | |
| Bundeskanzlerin, aber das Hauptverdienst gebührt doch vor allem der | |
| kritischen Öffentlichkeit, die das Thema ein Jahr lang ganz oben auf der | |
| Tagesordnung gehalten hat. Damit hat sie den nötigen Druck entfacht, damit | |
| Deniz Yücel nicht vergessen wird. Denen sollte der Hauptdank gelten. Und | |
| diese Öffentlichkeit brauchen wir jetzt auch für die anderen Inhaftierten | |
| in der Türkei. Denn die große Gefahr ist, dass sich die Türkei mit der | |
| Freiheit von Deniz Yücel die Lage wieder zurechtlügt und zurechtwünscht und | |
| so tut, als ob alles in Ordnung wäre. Und ich sage nochmals: In der Türkei | |
| ist nichts in Ordnung. | |
| 17 Feb 2018 | |
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| [2] https://www.gazete.taz.de/article/?article=!5485308 | |
| ## AUTOREN | |
| Tobias Schulze | |
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