# taz.de -- DIE SLAMMERIN Zoe Hagens Texte haben großen Erfolg auf Poetry Slam… | |
Bild: „Ich denke nicht, dass es mir zusteht, Witze über Lesben zu machen, so… | |
Interview Jacinta Nandi undClaudius PrößerFotos Dagmar Morath | |
Jacinta Nandi: Zoe, wir duzen uns, wir standen ja schon beim Poetry Slam | |
zusammen auf der Bühne. Was macht für dich einen Slam-Text aus? | |
Zoe Hagen: Für mich ist das einfach jeder Text, der in das vorgegebene | |
Zeitlimit passt bzw. dafür geschrieben worden ist. | |
JN: Ist er nicht lustiger als andere Texte? | |
Nicht unbedingt. Klar, manchmal feile ich viel an Pointen rum, aber ich | |
habe auch ernste Texte und versuche, nicht auf Publikum zu schreiben – auch | |
wenn das schwierig ist. | |
Claudius Prößer: Ich gestehe, ich war noch bei keinem Slam. Also habe ich | |
mir deine Auftritte auf YouTube angesehen. Einmal wird dir einfach das | |
Mikro weggezogen. Ist das üblich? | |
Auf Meisterschaften ja, da ist die Zeit streng begrenzt. Mir war es vorher | |
nie passiert, und es war auch meine eigene Schuld. Wenn man das Publikum zu | |
lange lachen lässt, kostet das wahnsinnig viel Zeit. Manche Moderatoren | |
sind nicht so streng und fragen das Publikum, ob es den Text zu Ende hören | |
will. Aber nur auf den regulären Slams. | |
JN: In Berlin ist es am härtesten, da haben wir auch weniger Zeit als | |
anderswo. | |
CP: Wird man bei Zeitüberschreitung disqualifiziert? | |
Nein, ein abgebrochener Text reicht manchmal sogar für einen Sieg. Aber | |
meistens eher nicht. | |
JN: Es gibt nicht viele Women of Colour unter den Slammern? | |
Es gibt überhaupt nicht viele Women unter den Slammern. | |
CP: Würdest du dich als Woman of Colour (WoC) bezeichnen? | |
Also ich würde mich einfach als schwarz bezeichnen. Aber wenn mich jemand | |
PoC, also Person of Colour nennt, ist das okay. WoC ist mir jetzt nicht so | |
geläufig. | |
JN:Aber „Double-u-o-cee“ klingt doch cooler! | |
Ich finde, das P bei „Pee-o-cee“ knallt besser. Ich finde das Wort auch | |
sinnvoll, es gibt ja nicht nur Rassismus gegen Schwarze. Aber was die | |
wenigen Slammerinnen angeht, da gibt es viele Gründe. Erstens fangen die | |
meisten sehr jung an, und wenn du in eine Umgebung kommst, wo fast nur | |
Männer sind, wenn du auf Tour die einzige Frau bist, ist das nicht ganz | |
leicht. Zweitens fangen die meisten Frauen mit Lyrik an. Dummerweise steht | |
das Publikum eher selten auf Lyrik. Drittens kommt irgendwann für viele das | |
Studium, und sie können das nicht so vereinbaren, wie sie dachten. | |
JN: Frauen müssen abends auf ihre Kinder aufpassen, Männer lassen sie bei | |
ihren Frauen. | |
Ich sage jetzt nicht: „Schluss mit Lyrik“, aber wenn mehr Frauen sich | |
trauen würden, Standup zu machen und auch mal derbere Wörter zu benutzen, | |
würden sie häufiger einen Slam gewinnen. Dann würden mehr teilnehmen, weil | |
sie sehen, dass es als Frau möglich ist, zu gewinnen. Bei meinem ersten | |
Text waren alle schockiert, was ich für Begriffe in den Mund nehmen kann, | |
wenn ich will. Das hätten mir viele gar nicht zugetraut. Bei Männern ist | |
das eine Selbstverständlichkeit. | |
CP: Kommt es nicht gerade gut an, wenn Frauen das tun? | |
Wenn sie sich trauen, schon. | |
JN: Die Menschen wollen Frauen nicht lustig finden. Frauen, die lustig sein | |
wollen, beleidigen das Publikum ein bisschen. | |
Es gibt schon viele Frauen, die über Frauen lachen wollen. Aber ja, es ist | |
schwieriger, ein weibliches Publikum von sich zu überzeugen. | |
JN: Aber deine Texte kommen gut an. | |
Ich glaube, ich habe eine ganz gute Mischung gefunden aus lustig und | |
anrührend. | |
JN: Was ist nachteiliger beim Slam, weiblich zu sein oder schwarz? | |
Ach, man kann doch letztlich alle vermeintlichen Nachteile zu Vorteilen | |
machen. Das macht einen ja auch unverwechselbar, egal ob schwarze Frau oder | |
deutscher Türke oder blonder Vorstadtbubi. Man macht sich über die | |
Klischees, die man mit sich herumträgt, auf eine hoffentlich intelligente | |
Art lustig. | |
JN: Beim Slam, wo wir uns kennengelernt haben, hast du zwei Texte gelesen: | |
Der erste war witzig und der zweite eher politisch. Willst du das Publikum | |
erst mal locken und dann eine Botschaft hinterherliefern? | |
Der erste Text waren die Ratschläge an meinen Bruder anlässlich seiner | |
Volljährigkeit … | |
CP: … der damit anfängt, dass du ihn erwischt hast, als er mit zwölf vor | |
dem Computer masturbierte. | |
Genau. Den fand ich im Nachhinein so oberflächlich, dass ich ihn mehrmals | |
überarbeitet habe, bis er eine Tiefe erreicht hatte, die meinen Ansprüchen | |
genügte. Der andere Text, „Panda“, ist eigentlich auch nicht politisch, | |
sondern einfach eine Beschreibung des Rassismus, dem ich ausgesetzt bin. | |
Okay, letztlich ist das auch politisch. | |
JN: Haben Leute auf diesen Text beleidigt reagiert? | |
Nein. Er kommt immer gut an, weil er am Anfang lustig ist und weil ich sehr | |
harten Rassismus schildere. Da überwiegt wohl der Mitleidfaktor. Was mich | |
nervt, ist, dass viele denken, ich übertreibe. Natürlich denke ich mir | |
insgesamt so einiges aus, aber doch nicht den Rassismus. | |
JN: Manchmal denke ich, es beruhigt die Leute, wenn man ihnen Geschichten | |
von krassem Rassismus erzählt. Das entlastet sie – so was tun sie ja nicht. | |
CP: In dem Text erzählst du, wie du als Kind wegen deiner Haut gemobbt | |
wurdest, wie andere dich mit Wasser begossen, um dich „sauberzuwaschen“. | |
Naiverweise habe ich beim Hören gedacht: Sind wir echt noch nicht weiter? | |
Die Formen sind sicher auch davon abhängig, wo du aufwächst. In einem | |
Bezirk wie Charlottenburg ist der Rassismus eher unterschwellig, trotzdem | |
gibt es da auch Beschimpfungen. Als Frau bin ich ja privilegierter; es ist | |
weitaus härter, ein schwarzer Mann zu sein. Ich werde übersexualisiert oder | |
kriege blöde Kommentare, aber gewalttätig wird es eigentlich nie. Kein | |
Vergleich mit der Gewalt, die schwarzen Männern mitunter widerfährt. Da | |
kann ich mich wohl glücklich schätzen. | |
CP: Aber dieses nervige Kompliment „Sie sprechen gut Deutsch“ ist ein | |
Klischee, oder? | |
Du kannst dir nicht vorstellen, wie oft ich das zu hören kriege. | |
JN: In Großbritannien würde das niemand sagen, behaupte ich. Vielleicht, | |
weil ich nur London kenne. | |
Wir haben Verwandte in Großbritannien und Kanada, die bestätigen das. Da | |
ist man in der Wahrnehmung einfach weiter. | |
CP: In einem deiner Texte heißt es: „Ich darf über Behinderte lachen, ich | |
bin ja schwarz.“ Das ist ironisch, aber du machst schon öfters mal einen | |
Witz auf Kosten von Gruppen, die auch diskriminiert werden. | |
Ich finde, man muss das differenzieren. Ich denke nicht, dass es mir | |
zusteht, Witze über Lesben zu machen, so wie ich Witze über Schwarze mache. | |
Wenn mir eine Lesbe oder eine behinderte Person sagte: „Das hat mich | |
verletzt“, würde ich das sehr ernst nehmen. | |
CP: Ist nicht auch eine Gefahr, dass die Leute aus den falschen Gründen | |
lachen? | |
Das Risiko gibt es bei jedem Text. Theoretisch könnten Leute wirklich | |
applaudieren, weil ich rassistisch beleidigt worden bin, nicht weil ich so | |
schön ironisch darüber schreibe. Das kann ich nicht verhindern. Aber es | |
gibt doch auch genug Leute, die davon geweckt werden, die etwas anfangen zu | |
hinterfragen. | |
JN: Lass uns über deinen Roman reden. Bulimie ist darin ein wichtiges | |
Thema. Prinzessin Diana hat gesagt, Bulimie ist ein Tabu, weil es mit | |
Erbrechen zu tun hat, das finden die Leute eklig. | |
Ich denke, dass von den Essstörungen die Magersucht gesellschaftlich am | |
stärksten akzeptiert ist. Magersüchtige sind Opfer, denen man mit Mitleid | |
begegnet. Fresssüchtige bekommen nicht dieselbe Achtung, und Bulimiker | |
erkennt man äußerlich nicht, das macht die Krankheit ja so tückisch. Ob sie | |
so ein Tabu ist, weiß ich gar nicht. Im Übrigen bedeutet Bulimie nicht | |
unbedingt Erbrechen, es geht einfach darum, das Essen wieder loszuwerden. | |
Das kann auch durch Abführmittel geschehen, durch exzessiven Sport oder | |
Hungerphasen. | |
CP: An einer Stelle im Buch ist die Protagonistin von den gängigen | |
Erklärungen genervt: Magersucht ist, wenn man nichts mehr isst, Bulimie, | |
wenn man dauernd kotzt. Warum trifft das nicht den Punkt? | |
Rein optisch betrachtet, würde das schon hinhauen. Aber die ganze | |
Gedankenwelt dahinter wird nicht beleuchtet: Warum esse ich nicht, warum | |
kann oder darf ich nicht essen, warum bin ich es nicht wert, zu essen? | |
Diese Beweggründe werden oft gar nicht beachtet, und wenn, beschränkt man | |
sich oft auf den Einfluss von Schönheitsidealen. Aber das ist Blödsinn. Ja, | |
Magersüchtige haben oft eine verzerrte Körperwahrnehmung, aber niemandem | |
mit einer schweren Essstörung geht es darum, gut auszusehen. | |
CP: An einer anderen Stelle heißt es, hinter Magersucht stehe eigentlich | |
der Wunsch zu sterben. Wie ist das bei einer Bulimie? | |
Bei mir war es ein ständiger Kampf zwischen Aufgeben und Lebenwollen, | |
zwischen dem Wunsch abzunehmen und dem, nicht so strikt mit sich zu sein. | |
Da sagen dann manche Therapeuten: Das ist die fehlende Mutterliebe, die | |
das auslöst. | |
JN: Ist die Mutter im Buch eine negative Figur? | |
Wir sehen sie durch die Brille einer 15-jährigen Essgestörten, und das | |
verändert nicht nur ihr Verhalten, sondern auch ihre Wahrnehmung. Wenn die | |
Mutter ihr morgens Pfannkuchen macht, findet die Tochter das natürlich | |
scheiße, aber die Motivation der Mutter ist vielleicht eine ganz andere, | |
als sie denkt. Überhaupt halten ja viele in diesem Alter die eigenen Eltern | |
für die schlimmsten Leute der Welt. | |
JN: In Großbritannien hieß es früher, Magersucht und Bulimie seien weiße | |
Mittelschichtskrankheiten. Als Teenager hat mich das gefreut. Beim Lesen | |
dachte ich, vielleicht ist deswegen offen, ob die Protagonistin schwarz | |
oder weiß ist. | |
Es ist wohl wirklich vor allem ein westliches Problem, in vielen | |
Gesellschaften stehen einfach andere Probleme im Vordergrund. Dass es keine | |
schwarzen Essgestörten gibt, glaube ich aber nicht. Ich denke, Essstörungen | |
sind in schwarzen Gesellschaften ein stärkeres Tabu. Ob die Protagonistin | |
schwarz oder weiß ist, bleibt tatsächlich offen, obwohl ich mir das nie | |
bewusst vorgenommen hatte. Durch die Tagebuchform des Romans stellte sich | |
die Frage nicht. Mir gefällt diese Ungewissheit ganz gut: Man weiß auch die | |
meiste Zeit nicht, wie die Protagonistin heißt und wie alt sie ist. | |
JN: Wie autobiografisch ist dein Roman? | |
Die Geschichte gar nicht. Aber die Gefühle der Protagonistin, ihre | |
Gedankenwelt, die Essstörung sind es. | |
CP: Du hast das Buch mit 17 geschrieben. Wenn jemand meint, in dem Alter | |
schreibe man keine Romane, was sagst du dem? | |
Das kann man ja nun über viele Dinge sagen. Bin ich mit 17 alt genug, um zu | |
sagen, ich bin verliebt? Ist das die Liebe, was ich da empfinde? Vielleicht | |
habe ich darauf später mal einen anderen Blick, aber in dem Moment, in dem | |
wir die Dinge erleben und tun, sind sie etwas ganz Wichtiges. | |
JN: Du hast das Buch in wenigen Wochen geschrieben. | |
Das stimmt, das ist kein Marketinggag. Ich habe einfach losgeschrieben. Es | |
gab keinen Plot, was passiert, hat sich erst beim Schreiben ergeben. Das | |
Ganze hatte etwas Therapeutisches für mich. | |
CP: Und dann lag das Manuskript drei Jahre in der Schublade? | |
Ich habe es relativ bald rausgeschickt und eine Absage bekommen. Dann habe | |
ich es liegen gelassen und irgendwann eine Drehbuchfassung angefangen, bis | |
jemand meinte: „Mach doch erst mal einen Roman draus!“ Und na ja, den Roman | |
hatte ich ja schon. (lacht) | |
CP: Mit dem warst du vor Kurzem auf der Leipziger Buchmesse. Wie war das? | |
Aufregend. Ich bin zwar bei den Lesungen mit anderen zusammen aufgetreten, | |
aber eine halbe Stunde gehörte nur mir. Es war sehr schön, dass die Leute | |
einem wirklich zugehört haben und das Ganze außerhalb jeglichen | |
Bewertungsraums stattgefunden hat. Mit neun habe ich an meinem ersten | |
Schreibwettbewerb teilgenommen und immer gesagt: Eines Tages veröffentliche | |
ich ein Buch. Als ich in Leipzig abends im Bett lag, dachte ich nur: Wie | |
krass, du bist auf der Buchmesse, mit einem Autorenticket, irre! | |
JN: Ist „Tage mit Leuchtkäfern“ ein Teenieroman? | |
Nein. Es ist ein Roman ab 14, und 14-jährige Mädchen können sich mit | |
manchem wohl besser identifizieren. Aber alle erwachsenen Leser waren ja | |
auch mal in der Pubertät. Ich glaube, es geht über einen Teenieroman | |
hinaus, weil es um weitaus mehr als die Ebene der Essstörung geht. Um die | |
großen Gefühle und Fragen und Ängste und Wünsche, die wohl jeder hat. Ich | |
kenne genügend Erwachsene, die das Buch gelesen haben und sich | |
zurückversetzt gefühlt haben in eine Gedankenwelt, die sie vermeintlich | |
längst abgeschlossen hatten, und sich jetzt zurückerinnern, mal lächelnd, | |
mal weinend. | |
JN: Findest du „Teenieroman“ abwertend? Ist „Tschick“ das nicht auch? | |
Ich bin jetzt nicht so arrogant, mein Buch mit „Tschick“ zu vergleichen, | |
aber natürlich ist die Zielgruppe ähnlich. „Tschick“ wurde anfangs auch a… | |
Jugendroman verkauft, bis der Verlag gemerkt hat, dass es viel mehr als das | |
ist. | |
CP: Welche Pläne hast du für die Zukunft? | |
Ich will gern schreiben, Drehbücher, Romane, alles. Im Moment studiere ich | |
Afrikanistik und Deutsche Literatur, aber da sehe ich eher nicht meine | |
Zukunft. Da muss ich mich ständig mit Werken anderer beschäftigen. Als | |
Inspirationsquelle ist das okay, aber mir fehlt die Praxis. Vielleicht | |
bewerbe ich mich bei einer Drehbuch-Akademie. | |
CP: Könntest du dir vorstellen, dass dein Buch jetzt verfilmt wird? | |
Ich persönlich glaube, es wäre ein guter Film. Andererseits hätte ich eine | |
sehr genaue Vorstellung davon, wie er aussehen müsste. Da würde ich dann am | |
liebsten auch noch Regie führen und mitspielen und die Musik machen. Also | |
erst mal eine Pause ist auch gut. (lacht) | |
23 Apr 2016 | |
## AUTOREN | |
Claudius Prößer | |
Jacinta Nandi | |
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