# taz.de -- Ausgewandert, ausgebeutet, aufständisch | |
> MIGRATION Immer mehr junge Leute aus anderen EU-Staaten, besonders den | |
> Krisenländern Südeuropas, ziehen nach Berlin. Sie hoffen auf eine neue | |
> Perspektive – und finden sich oft in prekären Arbeitsverhältnissen | |
> wieder. Immer öfter aber wehren sie sich dagegen | |
Bild: „Viele junge Spanier sind unzufrieden mit den Arbeitsverhältnissen, in… | |
Text Malene GürgenFoto Karsten Thielker | |
Im italienischen Restaurant Barist, direkt unter den S-Bahn-Brücken am | |
Hackeschen Markt, könnte es am Samstagabend ungemütlich werden: Die | |
GewerkschaftsaktivistInnen von der Freien Arbeiter und ArbeiterInnen Union | |
(FAU) haben ihren Besuch angekündigt, sie wollen vor dem Restaurant eine | |
Protestkundgebung abhalten. Es geht um die Löhne für Alessandro (Name | |
geändert), einem jungen Italiener, der im Barist als Kellner arbeitete. | |
Über 1.000 Euro habe das Restaurant ihm nicht wie vereinbart ausgezahlt, | |
vor allem Nachtzuschläge und Urlaubsentgelte seien nicht gezahlt worden, | |
sagt Alessandro. Nachdem das Unternehmen auf Briefe und | |
Gesprächsaufforderungen nicht reagierte, könnte die Androhung einer | |
Kundgebung vor den speisenden Gästen nun Erfolg haben: Zum ersten Mal in | |
dem seit Monaten andauernden Konflikt habe das Restaurant nun signalisiert, | |
die ausstehenden Beträge möglicherweise doch zahlen zu wollen, sagt | |
FAU-Sprecherin Tinet Ergazina. | |
Ein Restaurant, dass seine MitarbeiterInnen nicht vernünftig bezahlt – kein | |
Einzelfall in Berlin und auch kein Phänomen, von dem nur MigrantInnen | |
betroffen wären. Aber sie haben oft mit besonderen Schwierigkeiten zu | |
kämpfen, sagt der FAU-Aktivist Markus Weise: „Gerade Kolleginnen und | |
Kollegen, die sich erst seit kurzer Zeit in Deutschland befinden und von | |
denen die Arbeitgeber annehmen, dass sie die geltenden Arbeitsrechte nicht | |
kennen, werden oft schamlos ausgebeutet.“ Vor zwei Jahren hat die FAU | |
deswegen eine eigene „Foreigners’ Section“ gegründet, die sich speziell … | |
die Belange nicht-deutschsprachiger ArbeiterInnen kümmert. | |
Die kleine, linksradikale FAU ist damit weiter als die großen | |
Gewerkschaften – dort gibt es bisher kaum eigene Programme für | |
MigrantInnen. Eine Ausnahme ist das beim DGB angesiedelte Projekt Faire | |
Mobilität, das insbesondere WanderarbeiterInnen aus Ost- und Südosteuropa | |
berät. Ein Angebot, nach dem offenbar eine große Nachfrage besteht: „Wir | |
können uns vor Anfragen kaum retten“, sagt Sylwia Timm, die in der Berliner | |
Beratungsstelle arbeitet. Gleichzeitig gebe es aber eine ganze Reihe von | |
Schwierigkeiten: „Das Angebot der Gewerkschaften, dass für gerichtlichen | |
Beistand eine Mitgliedsdauer von mindestens drei Monaten verlangt, geht an | |
der Realität vieler Arbeitsmigranten vorbei“, sagt Timm. Außerdem gebe es | |
in den Gewerkschaften immer noch zu wenig fremdsprachige Mitarbeiter, die | |
sich um die Anfragen der MigrantInnen kümmern könnten. | |
Das Problem, sagt Naiara Gómez, fange aber oft noch früher an – nämlich | |
damit, überhaupt den Kontakt zwischen migrantischen Arbeitskräften und den | |
Gewerkschaften herzustellen. Die 25-jährige Chemieingenieurin sitzt in | |
einem Café am Kottbusser Tor und schaut nach draußen in den Schneematsch, | |
gerade ist sie von einem Besuch bei ihrer Familie in Barcelona | |
wiedergekommen. Vor zwei Jahren ging sie nach Berlin, als Erasmus-Studentin | |
für ein Semester – und blieb, nachdem sie einen Job an der Uni gefunden | |
hatte. „Ich habe viele spanische Bekannte, die das so gemacht haben: Für | |
ein Auslandssemester nach Deutschland gehen und hoffen, dass man hier einen | |
Job findet.“ Die Jugendarbeitslosenquote liegt in Deutschland bei 7 in | |
Spanien bei 47,5 Prozent. | |
In Barcelona hatte Gómez die Proteste der spanischen 15-M-Bewegung erlebt, | |
den Aufstand der Empörten, die ab Mai 2011 überall im Land Plätze besetzten | |
und Protestcamps errichteten. Auch in Berlin gibt es eine 15-M-Gruppe, | |
dieser schloss sich Gómez nach ihrem Umzug an – und lernte bald, dass ihre | |
eigene Arbeitssituation, mit einem festen Vertrag zu guten Konditionen, | |
eher die Ausnahme als die Regel unter ihren Landsleuten in ihrer Generation | |
ist. „Viele junge Spanierinnen und Spanier sind unzufrieden mit den | |
Arbeitsverhältnissen, in denen sie hier landen“, sagt sie. | |
Diesen Eindruck bestätigen die Ergebnisse einer Langzeitanalyse zum | |
Phänomen der „neuen Arbeitsmigration“, also der in den letzten Jahren | |
verstärkten Zuwanderung insbesondere aus den krisengebeutelten Ländern | |
Südeuropas. „Neben einer kleineren Gruppe von Migranten, vor allem aus dem | |
IT-Sektor, die hier einfach und schnell gute Arbeit bekommen, gibt es eine | |
große Gruppe, die entweder gar keine Arbeit findet oder ihre Beschäftigung | |
als deutlich unter ihrer Qualifikation empfindet“, sagt Christian | |
Pfeffer-Hoffmann, einer der AutorInnen der Studie, die der Berliner | |
Forschungsverbund Minor im Auftrag des Bundesamts für Migration und | |
Flüchtlinge erstellt und deren Ergebnisse in den nächsten Tagen | |
veröffentlicht werden. | |
Gleichzeitig, so Pfeffer-Hoffmann, gibt es bei den Migrationsgründen unter | |
jungen SpanierInnen und ItalienerInnen – diese beiden Gruppen wurden im | |
Rahmen der Studie untersucht –, einen deutlichen Wandel: „Während es früh… | |
noch öfter darum ging, einfach Auslandserfahrung sammeln oder Berlin | |
kennenlernen zu wollen, steht heute für viele die Arbeitssuche im | |
Vordergrund.“ Dennoch würden sich die jungen MigrantInnen im Vorfeld oft | |
nur wenig über die Arbeitsmarktsituation in Berlin informieren, im | |
Vordergrund stünden bei der Ortswahl eher die niedrigen | |
Lebenshaltungskosten und das, was Pfeffer-Hoffmann „Metropoleneffekt“ nennt | |
– der aufregende Ruf Berlins. „Viele landen hier dann in prekären | |
Arbeitsverhältnissen, die erst mal nur als Übergangslösung gedacht werden, | |
aber dann häufig zu einem Langzeitzustand werden“, sagt Pfeffer-Hoffmann. | |
Gómez und ihre MitstreiterInnen erkannten, dass es bei diesen Fällen häufig | |
ähnliche Probleme gibt: „Die Betroffenen wissen nur wenig über ihre eigene | |
arbeitsrechtliche Situation und haben auch Schwierigkeiten dabei, sich | |
diese Informationen zu beschaffen, schon wegen der Sprachbarriere“, sagt | |
Gómez. Aus der Gruppe 15 M Berlin und ihrem Umfeld heraus gründete sich | |
2014 deswegen eine weitere Initiative: Die Grupo de acción syndical, kurz | |
GAS. Sie will MigrantInnen, die Probleme mit ihren Arbeitsverhältnissen | |
haben, untereinander vernetzen und zu gemeinsamem Handeln ermutigen. Und | |
sie will ein Scharnier sein zwischen MigrantInnen und den deutschen | |
Gewerkschaften: „In den Betrieben bleiben die einzelnen Nationalitäten oft | |
unter sich – die Informationen des deutschen Betriebsrats oder der | |
deutschen Gewerkschaftler kommen dadurch bei den Migranten oft gar nicht | |
erst an“, sagt Rafael Aliaga (29), Philosophie-Doktorand aus Madrid, der | |
die GAS mitbegründete. | |
Die Gruppe hat sich mittlerweile einen Namen gemacht in der spanischen | |
Community, sie bekommen Anfragen aus ganz Deutschland, sagt Aliaga. „Es | |
sind Fälle aus dem Einzelhandel dabei, aus der Logistik oder der | |
Gastronomie“, sagt er. Am meisten Anfragen bekommt die Gruppe aus dem | |
Pflegebereich – der Branche, in der besonders viele SpanierInnen arbeiten, | |
und in der speziell konstruierte Knebelverträge weit verbreitet sind (siehe | |
Interview). Bekommt die GAS eine Anfrage, versucht sie nach einem Gespräch | |
zur Klärung des Falls zunächst, Kontakt mit dem jeweiligen Betriebsrat oder | |
der zuständigen Gewerkschaft aufzunehmen. „Die großen Gewerkschaften haben | |
Kompetenzen, die wir nicht haben, aber sie sind oft nicht so nah dran an | |
den Beschäftigten, besonders an den migrantischen“, sagt Aliaga, und Gómez | |
ergänzt: „Für uns ist eine aktivistische, kämpferische Perspektive in den | |
Auseinandersetzungen wichtig.“ | |
Das wiederum hat sie mit vielen der neuen ArbeitsmigrantInnen gemeinsam: | |
„Viele dieser Leute bringen eine kritische Perspektive mit, oft geprägt | |
durch die politischen Auseinandersetzungen in ihren Heimatländern“, sagt | |
der Migrationsforscher Pfeffer-Hoffmann. Vielleicht ist auch das ein Grund | |
dafür, warum sich so viele junge KrisenmigrantInnen nicht mit ihren | |
prekären Arbeitsverhältnissen hierzulande zufrieden geben wollen – wer | |
schon mal mit Zehntausenden einen Platz besetzt hat, der lässt sich von | |
einer ignoranten Geschäftsführung nicht abschrecken. | |
16 Jan 2016 | |
## AUTOREN | |
Malene Gürgen | |
Karsten Thielker | |
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