| # taz.de -- Frauenbeauftragte über Ost und West: Das große Muttern | |
| > Die Wissenschaft hat sich vom Muttermythos schon längst verabschiedet. | |
| > Doch in der deutschen Gesellschaft wirkt er weiter fort -auch in seiner | |
| > Negation durch den Feminismus. Es ist Zeit, sich von der Trennung | |
| > zwischen Kopf und Körper abzunabeln. | |
| Bild: Fotogen und verpartnert mit Lübeck: Wismar und sein Alter Hafen | |
| ## Das große Muttern | |
| ## | |
| VON HEIDE OESTREICH | |
| Schrapp, macht die Guillotine. Und der Kopf der Madame Roland ist vom | |
| Körper getrennt. Wir sind ins Zeitalter der Mütterlichkeit guillotiniert | |
| worden. Jeanne-Marie Roland hatte sich während der Französischen Revolution | |
| erdreistet, außer Mutter auch noch Politikerin zu sein. Die Begründung | |
| ihrer Hinrichtung: "Sie war Mutter, doch sie hatte die Natur | |
| vernachlässigt, indem sie sich über sie erheben wollte." | |
| Es waren die Erben der Rousseauschen Aufklärung, die hier eine Mutter | |
| exekutierten, die wider ihre "Natur" handelte. Den Menschen wollte Rousseau | |
| von religiösen und feudalen Ketten befreien. Doch die Frau fesselte er | |
| sogleich wieder: an ihre vermeintlich mütterliche Natur. Sie habe keinen | |
| freien Willen, meinte er. Die Frau ist Körper, nicht Geist, so das Verdikt. | |
| Alles längst vorbei? Keineswegs: Die Aufklärung ist für uns immer noch die | |
| Epoche des Lichts nach langer Dunkelheit. Ihr Denkschema, den Mann als | |
| vernunftbegabtes Geistwesen zu definieren, die Frau bei der Natur und den | |
| Leidenschaften anzusiedeln, haben wir bis heute mitgeschleppt. Die | |
| Exekution der Madame Roland ist das Symbol dieses Paradigmas: Deinen | |
| eigenen Kopf sollst du deiner "Natur", dem Körper, unterordnen, sonst ist | |
| er bald ab. Auch der Feminismus, der dies Muster immer wieder entlarvte, | |
| ist in seinem Bann geblieben. Auf eine unheimliche, weil über weite | |
| Strecken unbewusste Art wirkt das Paradigma der Mutter als natürlicher | |
| Bestimmung der Frau bis heute. | |
| Die Humanwissenschaften haben gerade dieses Erbe der Aufklärung lange | |
| weitergetragen. Auf der einen Seite erklärten Soziobiologen unter Verweis | |
| auf liebevolle Affenmütter, das große Muttern stecke in den Genen. Doch | |
| auch Psychologen, die vor allem in der sozialen Umwelt die Ursachen für das | |
| Verhalten der Menschen finden, kamen interessanterweise beim Muttermythos | |
| an. Bahnbrechend waren die Forschungen des Psychologen John Bowlby aus den | |
| Sechzigerjahren. Er beobachtete, dass Kinder stabile Beziehungen brauchen, | |
| um nicht zu verwahrlosen. Und lange Zeit zweifelte niemand daran, dass es | |
| die Mutter sein müsse, die diese Bindung zu garantieren habe. Fazit: Wer | |
| sein Kind liebt, erzieht es selbst und stellt eigene Interessen zurück. Das | |
| ist das Schafott, auf dem den Frauen sinnbildlich bis heute der Kopf vom | |
| Körper getrennt wird. | |
| Mit solchen Thesen wollte die neue Frauenbewegung gründlich aufräumen. Die | |
| Rebellion der Frauen Anfang der Siebzigerjahre hatte genau dieses Ziel: Sie | |
| wollten ihre Köpfe behalten. Nicht mehr auf den Körper reduziert werden. | |
| Ganz sein. Doch hier begann das unheimliche Wirken des Muttermythos: Er | |
| bestand nämlich auch noch in seiner Negation fort. | |
| Denn die feministische Rebellion war zwar in vieler Hinsicht erfolgreich, | |
| aber die Mütter hat sie nicht befreit. Und das ist bemerkenswert. Frauen | |
| erkämpften sich gleiche Rechte. Das Patriarchat wurde analysiert und der | |
| Muttermythos entzaubert. Zu hunderten beschrieben Autorinnen die Falle, in | |
| die Mütter nach der Geburt der Kinder geraten. Aber es gelang ihnen nicht, | |
| ein neues Modell von Mutterschaft zu etablieren. Warum nicht? | |
| Die politisch dominierende Strömung des Feminismus hat vor lauter | |
| Begeisterung, den Frauen endlich den Kopf zu retten, den Körper einfach | |
| nicht mitgenommen. Man könnte sogar sagen, unbewusst haben sie ihn | |
| verleugnet. Der Verweis auf ihren gebärfähigen Körper war für diese Frauen | |
| ein ideologisches Instrument des Patriarchats. Aus dieser Differenz zum | |
| Mann wurde die Unterdrückung der Frau abgeleitet. Simone de Beauvoir sprach | |
| von der Mutterschaft als "Versklavung der Frau durch die Gattung". Wer | |
| Mutter ist, kann nicht frei sein. Die Klassikerinnen der Frauenbewegung, | |
| Betty Friedan, Kate Millet, Germaine Greer, sie alle lehnten mit der | |
| patriarchalen Kleinfamilie das herkömmliche Mutterbild ab. Alice Schwarzer | |
| schreibt noch im Jahr 2000: "In der Tat sind Mutterschaft und Kinderkult | |
| heute die effektivste Waffe gegen die Emanzipation." Nur: Sie alle | |
| entwickelten kein alternatives Bild vom Körper, keine Alternative für | |
| Mütter. Ihre Antworten auf die Mutterfrage blieben theoretisch: | |
| Kinderbetreuung muss her. Die Väter müssen einbezogen werden. Aber es gab | |
| keine Strategie, wie man dies durchsetzen könne. Der feministische Kampf | |
| wurde auf anderen Feldern gefochten: Paragraf 218, Männergewalt, Lohn- und | |
| Quotenkämpfe. Das Recht auf Abtreibung wurde erkämpft - aber nicht das | |
| Recht auf Kinder. | |
| Es war eine unbewusste Verleugnung der Mutterschaft. Denn die implizite | |
| Antwort auf die Frage nach dem eigenen Lebensentwurf lautete: Bloß kein | |
| Kind bekommen. So haben Beauvoir und Schwarzer es vorgemacht, und viele | |
| beruflich engagierte Frauen von heute machen es ihnen nach. Wer sich | |
| freiwillig in die Falle der Mutterschaft begibt, ist selbst schuld. | |
| Schlimmer noch: Sie übt eigentlich Verrat am Feminismus, denn jede | |
| Kleinfamilien-Mutter ist eine Kollaborateurin, die das Patriarchat | |
| verlängert. Die Avantgarde des Feminismus wollte nicht mehr auf den Körper | |
| reduziert werden - und nahm ihn gleich ganz aus dem Blickfeld. Zugespitzt | |
| könnte man sagen: Sie haben die Guillotine nur umgedreht. Jetzt sieht man | |
| nicht den Kopf fallen, sondern den Körper. | |
| Eine Gegenbewegung ließ nicht lange auf sich warten: Ebenfalls in den | |
| Siebzigern fingen "Differenz-Feministinnen" an, mit den Unterschieden von | |
| Mann und Frau auch die Mütterlichkeit zu feiern. Zwar forderten viele | |
| Differenz-Vertreterinnen grundsätzlich eine weiblichere und mütterlichere | |
| Politik ein, also auch die Mütterlichkeit von Staat und Männern. Doch in | |
| der Praxis verkümmerte auch der Differenz-Feminismus - diesmal in die | |
| andere Richtung: Hier wurden Menstruationszyklen studiert und mit dem | |
| Mondkalender verglichen, Gebären und jahrelanges Stillen als urweibliche | |
| Erfahrung propagiert. Politische Forderungen, etwa im 1987 verfassten | |
| "Müttermanifest" einer Mütterfraktion bei den Grünen: Geld für ihre | |
| Erziehungsarbeit und Mütterzentren. Weder Staat noch Väter sollten für | |
| Kinder zuständig werden - das erledigten die grünen Mütter lieber selbst. | |
| Fronten und Feindbilder entwickelten sich. "Ihr ignoriert unseren | |
| mütterlichen Körper", riefen die einen. "Ihr reduziert uns auf den | |
| mütterlichen Körper", die anderen. Obwohl nun schon alle nach der ganzen | |
| Frau riefen, blieb am Ende eines: eine scharfe Klinge, die Kopf und Körper | |
| trennt. | |
| Das Unbehagen am großen Muttern, diesem unbewussten Anderen der Aufklärung, | |
| hat dennoch für Fortschritte gesorgt. In anderen Ländern. Schneller als in | |
| Deutschland hat man dort die Arbeitskraft der Mütter jenseits der | |
| Kinderzimmer gebraucht und zu schätzen gewusst. Im Ostblock sowieso, in | |
| Skandinavien, in den USA, in Frankreich. | |
| Dass der Staat gerade in Deutschland nicht gern das Bemuttern übernimmt, | |
| hat viel mit der Befeuerung der Mutterideologie im Nationalsozialismus zu | |
| tun. Aber auch mit der Gegenbewegung dazu: In der Nachkriegszeit lehnte man | |
| nun staatliche Eingriffe in die Familie generell ab. Mit der DDR nebenan | |
| hatte die Bundesrepublik zudem das Feindbild "Fremdbetreuung" stets dicht | |
| vor den Augen. Staatliche Kinderbetreuung, das ist die Erziehung des | |
| formierten autoritätshörigen Menschen, so hieß es. Dass man Gruppen | |
| verkleinern, Erzieher besser ausbilden könnte, andere pädagogische Konzepte | |
| entwickeln, versank im Sumpf der Ideologie. | |
| Der unbewusste Mutterkult hat eine Ungeheuerlichkeit geschaffen. | |
| Daheimbleibende Mütter sind ohnehin keine Emanzipations-Vorbilder, dazu | |
| sind sie als Bindungs- und Bildungs-Expertinnen auch noch schuld an jedem | |
| Problem des Kindes. Aber auch Frauen, die im Beruf vorankommen wollen, | |
| sitzen in der Mutterkult-Falle: Sie haben vorsichtshalber keine Kinder und | |
| deshalb Angst, etwas Elementares zu verpassen. Wenn sie doch welche haben, | |
| schlägt pausenlos das schlechte Gewissen. Das große Muttern holt jede ein, | |
| egal, wie sie sich herauswinden möchte. | |
| Dass dies heute überhaupt sichtbar wird, kann nur daran liegen, dass der | |
| ganz große Mythos des Mutterns langsam verblasst. In der Wissenschaft hat | |
| die Verabschiedung schon längst eingesetzt: Bei genauerer Betrachtung | |
| stellt sich heraus, dass der Mutterinstinkt im Tierreich keineswegs blinde | |
| Aufopferung für den Nachwuchs bedeutet. Vielmehr lassen Tiermütter einen | |
| Teil ihrer Nachkommen schon vorsorglich sterben, wenn sie merken, dass die | |
| Aufzuchtbedingungen zu schlecht werden, beschreibt die Evolutionsbiologin | |
| Sarah Blaffer Hrdy in ihrem Standardwerk "Mutter Natur". Wenn man solche | |
| Vergleiche überhaupt heranziehen möchte, dann müsste man sagen: Gerade die | |
| kinderlosen Frauen verhalten sich nach einem urtümlichen Mutterinstinkt: | |
| Sie lehnen es ab, unter ungünstigen Bedingungen Kinder in die Welt zu | |
| setzen. | |
| Auch die psychologische Bindungstheorie hat sich langsam von der Mutter | |
| abgenabelt: Tatsächlich begünstigt die Hormonlage der Mutter nach der | |
| Geburt, dass sie schneller auf das Kind reagiert. Nicht zuletzt beim | |
| Stillen wird diese Bindung verfestigt. Doch wenn keine Mutter da ist oder | |
| die Mutter sich eine Weile taub stellt, so berichtet Blaffer Hrdy, dann | |
| kann auch eine andere Person, ja: auch ein Mann, Mutterqualitäten für eine | |
| gute Bindung entwickeln. Spätestens mit dem Abstillen könnten Väter genauso | |
| gut muttern wie Mütter: Sie müssen nur wollen - und man muss sie lassen. | |
| Es scheint, dass wir nach hunderten von Jahren doch bereit sind, die | |
| Guillotine einzumotten. Gute Ganztagsbetreuung ist sogar in der | |
| Bundesrepublik denkbar geworden - wenn auch noch nicht finanzierbar. Die | |
| Sinnlosigkeit des Streits zwischen Differenz-Müttern und | |
| Karriere-Feministinnen ist weitgehend erkannt. Die beiden | |
| Feminismus-Ansätze sind in der Praxis ohnehin nicht mehr zu spüren: Im | |
| Alltag nämlich geht frau heute zur Karriereberatung und morgen zum Atmen | |
| mit dem Mond. Mit anderen Worten: Sie versucht individuell, Körper und Kopf | |
| vor der Guillotine zu retten, ganz zu bleiben. Das schließt ein, dass man | |
| als Mutter die Ansprüche seiner Kinder nicht verleugnet. Dass man ihnen | |
| aber auch Grenzen setzen kann, falls man sein Heil nicht allein im | |
| Bemuttern sieht. Das zwangsweise große Muttern der Mütter hat ein Ende. Das | |
| große Muttern der Gesellschaft, des Staats und der Väter aber, das fängt | |
| erst richtig an. | |
| 8 Mar 2006 | |
| ## AUTOREN | |
| Heide Oestreich | |
| Heide Oestreich | |
| ## TAGS | |
| Lübeck | |
| ## ARTIKEL ZUM THEMA | |
| Frauenbeauftragte über Ost und West: „Es gibt noch Befindlichkeiten“ | |
| 1987 schlossen Lübeck und Wismar eine Städtepartnerschaft – da dachte | |
| niemand an die Wende. Ein Gespräch über gefühlte Nähe trotz Trennung. |