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# taz.de -- Umweltpolitik: "Bäume sind billiger"
> Ist FDP-Umweltexperte Henner Schmidt der bessere Grüne? Von der
> Umweltzone in der Innenstadt hält er zwar nichts, dafür fordert er mehr
> Büsche und Bäume an Berlins Straßen.
taz: Herr Schmidt, alle Parteien sind für die geplante Umweltzone in der
Berliner Innenstadt, nur Sie nicht. Warum?
Henner Schmidt: Weil ich mir anschaue, was derlei Maßnahmen bringen. Die
Umweltzone soll ja die Konzentration von Feinstaub in der Innenstadt
verringern, indem dort manche Autos nicht mehr fahren dürfen. Der Umwelt
bringt das wenig, denn den größten Teil des Feinstaubs pusten nicht die
Fahrzeuge in die Luft. Außerdem dürfen 20-Liter-Autos, die entsprechend
viel Abgase erzeugen, mit der richtigen Plakette weiter innerhalb des
S-Bahn-Rings brettern, Kleinwagen mit dem falschen Katalysator nicht. Der
Aufwand, auch für kleine Gewerbetreibende, ist riesig, der Ertrag für die
Umwelt ziemlich mager.
Heißt das, noch viel weniger Autos sollten in die Umweltzone fahren dürfen?
Das ist nicht die Kernfrage.
Und die lautet?
Die lautet: Wie senken wir die Feinstaubbelastung, wie es die EU
vorschreibt?
Und?
Wir haben Studienergebnisse aus anderen deutschen Großstädten und Gegenden
durchforstet und erkannt: Begrünung entlang der Straße bindet eine Menge
Feinstaub. Wir müssen immer im Blick haben, was billiger ist. Und die
Umweltzone kostet viel und bringt wenig.
Bäume sind billiger?
Bäume sind billiger. Oder Büsche, um genau zu sein. 50 Zentimeter hohe
Pflanzen genügen.
Wo braucht Berlin am dringendsten Büsche?
Natürlich zuerst dort, wo besonders viel los ist, beispielsweise an der
Karl-Marx-Allee: Da braust viel Verkehr, und an den Straßenrändern ist jede
Menge Platz für Pflanzungen. An der Leipziger Straße ist es ähnlich. Dort
stehen schon einige Bäume. Sträucher hätten dazwischen auch noch Platz.
Da wollen doch sicher Ämter, Bezirke und Senat mitreden.
Da muss man halt durch.
Aber wie überzeugen Sie sie davon, dafür Geld auszugeben? Können Sie
Erfolge vorweisen?
Es gibt erfolgreiche Pilotprojekte, beispielsweise im deutsch-holländischen
Grenzgebiet. Und so teuer ist das nicht. Geld und Arbeitskraft, die die
Bezirke für die Umweltzonen-Bürokratie aufwenden, können wir auch in
Anpflanzung und Pflege von Grün stecken. Wir dürfen Grün nicht nur als
Kostenfaktor sehen. Wir sitzen hier im Monbijoupark, die Promenade an der
Spree ist erst seit kurzem eröffnet. Das ist ein Gewinn an Lebensqualität,
damit müssen wir wuchern. Außerdem können wir auf ehrenamtliches Engagement
setzen. Schon heute pflegen Anwohner Patenschaften für den Baum vor ihrer
Tür. Das geht auch mit Büschen.
Haben Sie schon mal versucht, vor Ihrer Haustür einen Baum zu pflanzen?
Vor meiner Tür passt keiner hin. Ich habe mal mit dem Bezirk Mitte
diskutiert, warum in meiner Straße keine Bäume stehen dürfen. Angeblich
passen sie dort - in die Umgebung des Gendarmenmarkts - aus
stadtentwicklungspolitischen Gründen nicht hin.
So grün scheint Ihnen die Verwaltung nicht zu sein. Wie wollen Sie
öffentlichen Druck aufbauen, um die Bedenken zu überwinden?
Ich glaube, da lassen sich politische Mehrheiten gewinnen. Außerdem will
ich die Umweltverbände mitnehmen, Quartiersmanagements und Anwohner. In der
Spandauer Vorstadt, beispielsweise in der Linien- und Auguststraße, gibt es
seit Jahren Interesse an mehr Grün in diesem Kiez.
Sie schwärmen auch von Fassadenbegrünung. Wächst denn an der FDP-Zentrale
Efeu?
Das Haus gehört nicht der FDP. Aber Fassadenbegrünung ist eine gute Idee.
Dazu braucht man keine Genehmigung des Bezirks, und die Blätter isolieren
die Hauswand. Ich werde mal die Bundespartei fragen, ob sie da was pflanzt.
Mit Gebüschen allein ist die notwendige Reduzierung des Feinstaubs nicht zu
erreichen. Sie wollen auch den Güterverkehr eindämmen. Wie soll das gehen?
Derzeit fahren viele Lastwagen halbleer in der Stadt herum. Wenn etwa ein
Supermarkt beliefert wird, schickt jeder Markenhersteller seinen Lkw, und
der ist nicht immer voll. Über längere Strecken lassen sich zudem besser
Schiff oder Eisenbahn nutzen. Das kann man organisieren. Das hat schon die
Logistik für die Großbaustellen hier in Berlin gezeigt. Supermarktketten
und Markenhersteller könnten sich zusammentun: Sie könnten die Güter an
einer Stelle anliefern, dort umschlagen und so die Zahl der Lasterfahrten
in der Stadt reduzieren.
Die Wirtschaftsverbände würden schimpfen, dass dem kleinen Händler verboten
wird, mit seinem Laster durch die Stadt zu fahren. Klingt nicht gerade nach
FDP.
Es soll ja nicht verboten werden. Die FDP will den Leuten etwas anbieten,
das attraktiver und umweltfreundlicher ist. Für die Supermärkte wäre dies
sogar billiger. Das Hauptproblem ist, die Interessenten zusammenzubringen.
Automobilhersteller und Berliner Uni-Institute fördern so etwas schon. Was
wir brauchen, ist ein Pilotprojekt.
Auch die Umweltzone ist ein Anreiz, um umweltfreundliche Produkte schneller
zu nutzen.
Aber damit erwischen Sie nur einen relativ kleinen Teil der Autos. Wir
müssen uns überlegen, ob wir dafür den ganzen Aufriss mit Plaketten und
Sondergenehmigungen machen wollen.
Würden Sie zum Fan der Umweltzone, wenn sie nicht 5, sondern 25 Prozent der
Autos aus der City verbannen würde?
Wenn dadurch die Feinstaubbelastung um 25 Prozent reduziert würde, dann
ließe ich mich dafür begeistern. Wäre der Umwelteffekt dramatisch größer,
wären vielleicht auch die Kosten gerechtfertigt.
Dennoch ist die Einführung der Umweltzone zum 1. Januar 2008 längst
beschlossen. Kommen Ihre Vorschläge nicht viel zu spät?
Es muss ja gegenüber der EU nachgewiesen werden, dass tatsächlich die
Feinstaubbelastung sinkt. Die wird meiner Meinung nach aber nur wenig
zurückgehen. Das heißt, der Senat wird Maßnahmen suchen müssen, die mehr
Entlastung bringen. Viele Ideen sind bisher nicht aufgetaucht. Unsere
Vorschläge bleiben also auch als Ergänzung zur Umweltzone sinnvoll.
Ein Abgeordneter der Autofahrerpartei FDP wehrt sich gegen Fahrverbote in
der Innenstadt. Da liegt der Verdacht nahe, dass Sie selbst einen schicken,
tiefer gelegten Uralt-Mercedes in der Garage haben. Was fahren Sie für ein
Auto?
Gar keins. Ich fahre Fahrrad.
Und warum freuen Sie sich dann nicht, dass der Senat die allerstärksten
Stinker aus der Stadt verbannt, die Ihnen jetzt noch vor der Nase
rumdieseln?
Ich ärgere mich erst mal über einen Senat, der nicht genügend Maßnahmen
gegen die Umweltbelastung entwickelt. Denn ein großer Teil des Verkehrs
bleibt - trotz Umweltzone. Und der große Teil des Feinstaubs, der von außen
reinweht - von Baustellen, durch Reifenabrieb oder den polnischen
Steinkohlekraftwerken - bleibt ja.
Ist für die Zusammenarbeit mit Polen nicht der Bund zuständig?
Da gibt es eine ganz gute Sache, die Interreg-Projekte der EU. Dabei
könnten sich auch Berlin und Brandenburg mit der benachbarten Woiwodschaft
zusammentun. Dafür gibt es EU-Fördertöpfe.
Steinkohlekraftwerke gibt es nicht nur in Polen. Der Energiekonzern
Vattenfall will ein neues in Berlin bauen.
Ja, das ist eine ganz gewaltige Belastung. Der Senat spielt das ein wenig
herunter und sagt: Sollen doch die, die dagegen sind, sich etwas einfallen
lassen. Wir haben das versucht. Man könnte mit dezentralen Maßnahmen
anfangen: mit Biogasanlagen, kleinen Gasturbinen und Blockheizkraftwerken.
Also bräuchte Berlin das Steinkohlekraftwerk gar nicht?
Nein, da wird der Bedarf zu groß gezeichnet. Nur für die Steinkohle als
Energieträger muss es so groß sein. Aber wenn das Kraftwerk gebaut wird,
dann brauchen wir über die Umweltzone gar nicht mehr zu reden. Dann ist die
Belastung durch Feinstaub und CO2 so groß, da hilft es auch nicht mehr,
wenn man ein paar Kleinigkeiten am Verkehr dreht.
31 Jul 2007
## AUTOREN
Gereon Asmuth
Matthias Lohre
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