| # taz.de -- Debatte Konservative Mehrheit am US-Gerichtshof: Bastion des Konser… | |
| > Auch nach einem Wahlsieg von Barack Obama wird es für einen | |
| > Politikwechsel schwer. Konservative Richter im Obersten US-Gericht können | |
| > wichtige Reformen behindern. | |
| Bild: Der konservative Samuel Alito am Obersten Gerichthof der USA | |
| Im amerikanischen Präsidenten-Wahlkampf schwillt der Chor der "Yes, we | |
| can"-Enthusiasten gegenwärtig mächtig an. Was Barack Obama als "change" | |
| verspricht, mag inhaltlich wolkig sein. Eindeutig hingegen ist, wogegen | |
| sich der Schlachtruf richtet. Mit der aggressiven, die Welt in Gut und Böse | |
| spaltenden, stets das große Geld begünstigenden, den Armen und der | |
| afroamerikanischen Minderheit aber feindlich gesinnten Politik George W. | |
| Bushs soll Schluss sein. | |
| Unter den erwartbaren Hindernissen, die im Fall von Obamas Sieg jeder Art | |
| von Politikwechsel entgegenstehen, ist die gegenwärtige konservative | |
| Mehrheit im Obersten Gerichtshof, dem Supreme Court, sicher das am | |
| schwierigsten zu bewältigende. Denn selbst bei einer Mehrheit in beiden | |
| Häusern des Kongresses könnten wichtige Reformvorhaben - vor allem in der | |
| Innenpolitik - an der Hürde des Supreme Court scheitern. | |
| Institutionell verfügt der Oberste Gerichtshof der USA über eine | |
| Machtfülle, die dem europäischen Verfassungsdenken bis vor kurzer Zeit | |
| fremd war. Die neun Richter des Supreme Court werden, wie auch die unteren | |
| Bundesrichter der ersten und zweiten Instanz, vom Präsidenten | |
| vorgeschlagen, vom Senat geprüft, gewählt und schließlich vom Präsidenten | |
| ernannt. Das ganze Prüfungsverfahren findet unter großer Anteilnahme der | |
| Öffentlichkeit statt; jede Rechtsmeinung, jede politische Ansicht des | |
| Kandidaten wird hin und her gewendet. | |
| Die Obersten Richter amtieren auf Lebenszeit, im Schnitt 24 Jahre. Obwohl | |
| theoretisch ein Verfahren zum "Impeachment" existiert, sind sie praktisch | |
| unabsetzbar. Das Gericht ist einmal Revisionsinstanz, dann aber auch | |
| zuständig, um über die Verfassungsmäßigkeit von Bundesgesetzen wie Gesetzen | |
| der Einzelstaaten zu urteilen. Das deutsche Bundesverfassungsgericht ist | |
| nach dem Vorbild des Supreme Court modelliert, ohne über dessen Befugnisse | |
| und Prestige zu verfügen. | |
| Den gegenwärtigen Supreme Court als Bastion des Konservativismus zu | |
| charakterisieren, mag auf den ersten Blick überraschend klingen. Hat nicht | |
| erst vor kurzem der Supreme Court erneut geurteilt, den Internierten von | |
| Guantánamo stünde das Recht auf richterliche Nachprüfung der Haftgründe | |
| durch ein ordentliches Bundesgericht der USA zu (Habeas Corpus)? Verhalf | |
| nicht ein Richter, Anthony Kennedy, der generell dem konservativen Lager | |
| zugeordnet wurde, den liberalen Richtern in diesem Fall zu einer | |
| 5-zu-4-Mehrheit? Und hat nicht derselbe Richter vor wenigen Wochen die | |
| liberale Mehrheitsmeinung (ebenfalls 5 zu 4) begründet, wonach es | |
| unzulässig sei, den Kindesmissbrauch mit der Todesstrafe zu ahnden, wie es | |
| in einigen Staaten der USA der Fall ist? Wäre mithin die Einordnung des | |
| Gerichtshofs als Bastion des Konservativismus eine zumindest voreilige | |
| Festlegung? | |
| Eine Analyse der Gerichtsentscheidungen der letzten zwei Jahre erweist, | |
| dass sich im Rahmen des Obersten Gerichts eine Vierergruppe herausgebildet | |
| hat, die - in der Regel vom swing vote des Richters Anthony Kennedy | |
| unterstützt - auf breiter Front die Positionen angreift, die jahrzehntelang | |
| als anerkanntes Recht (settled law) galten. Seit der Ernennung des neuen | |
| chief justice John Roberts und des Richters Samuel Alito tendierten die | |
| Entscheidungen des Obersten Gerichts dahin, die Macht des Präsidenten im | |
| Rahmen des "Kampfs gegen den Terror" zu stärken, Maßnahmen zu Gunsten der - | |
| vor allem afroamerikanischen - Minderheiten (affirmative action) | |
| zurückzuschrauben, die Trennung von Kirche und Staat durch die Zulassung | |
| staatlicher Zuwendungen an kirchliche Institutionen zu durchlöchern, die | |
| Möglichkeiten der Wahlkampffinanzierung durch das große Geld zu erweitern | |
| und das Recht auf freie Meinungsäußerung zu beschneiden. | |
| Es wäre gänzlich verfehlt, der rechten Mehrheit eine durchgängige | |
| juristische Philosophie zuzuschreiben. Wenn es in das konservative Weltbild | |
| passt, werden entweder die verfassungsmäßigen Rechte der Einzelstaaten | |
| gegenüber der Union hochgehalten - oder sie werden negiert, wie jüngst bei | |
| der Annulierung der Affirmative-action-Programme der Städte Louisville und | |
| Seattle. Das Pionierbeispiel für dieses prinzipienlose Verfahren bildete, | |
| noch kurz vor der Installation des jetzigen rechten Blocks, das weltweit | |
| bekannte 5-zu-4-Urteil im Fall "Bush versus Gore", bei dem das Oberste | |
| Gericht überhaupt nicht in die Kompetenz des Staates Florida hätte | |
| eingreifen dürfen. | |
| Geschickterweise interpretiert die rechte Mehrheit ihre Urteile so, dass | |
| sie wie die Anerkennung bestehender Urteile des Obersten Gerichtshofs | |
| aussehen, obwohl sie sie de facto aufheben. Diese Taktik ist insofern | |
| bedeutsam, als sie mit dem Bedürfnis nach Rechtssicherheit (stare decisis) | |
| zusammenhängt, das durch das amerikanische Präjudiziensystem gegeben ist. | |
| Untere Gerichte haben sich nicht nur an die Präjudizien des Supreme Court | |
| zu halten, sondern auch an deren jeweilige Interpretation. Mit dieser | |
| Taktik will die rechte Mehrheit verschleiern, dass sie sich schrittweise | |
| von den Elementen der liberalen Tradition abwendet, die in den | |
| Sechzigerjahren vom Supreme Court unter dem Vorsitz von Earl Warren | |
| begründet wurde. | |
| Diese Elemente sind von dem liberalen Rechtstheoretiker Ronald Dworkin so | |
| zusammengefasst worden: die rassisch begründete Spaltung und Isolation | |
| abbauen, den Raum der Demokratie gegenüber den großen Korporationen | |
| erweitern, einen vernünftigen Geltungsbereich für die Freiheit der Rede | |
| eröffnen, das Recht der Frauen auf Abtreibung sichern, schließlich faire | |
| Strafprozesse ermöglichen. | |
| Nur ein Sieg Obamas kann verhindern, dass die liberale Vierer-Minderheit im | |
| Obersten Gericht abbröckelt. Denn der Doyen der Liberalen, John Paul | |
| Stevens, ist 89 Jahre alt, die große Verfechterin der Frauenrechte, Ruth | |
| Bader Ginsburg, wird aus Gesundheitsgründen nicht mehr lange weitermachen | |
| können. Die konservative Vierergruppe hingegen setzt sich aus "Youngstern" | |
| zusammen: dies ist der Unterschied zur reaktionären Vierergruppe der "alten | |
| Männer", die jahrelang die Reformen Franklin D. Roosevelts in den | |
| Dreißigerjahren blockierten. Die Hoffnung der Liberalen ruht jetzt, im Fall | |
| von Obamas Sieg, auf dem swing vote des Richters Anthony Kennedy. Die | |
| Chancen eines Übertritts ins liberale Lager stehen allerdings nicht | |
| besonders gut. | |
| Jetzt rächt es sich, dass die Partei der Clintons der Richterwahl für alle | |
| Bundesgerichte der USA zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Die | |
| Rechtskonservativen wie auch die religiösen Fundamentalisten hingegen haben | |
| hier ganze Arbeit geleistet - sowohl was die Platzierung zuverlässiger | |
| Kandidaten wie die Blockade missliebiger Richter mit den Mitteln der | |
| Verschleppung anlangt. Das Reservoir liberal gesinnter Juristen aus den | |
| Reihen der Bundesgerichte zweiter Instanz, aus der viele Richter des | |
| Obersten Gerichtshofs hervorgehen, ist deshalb ziemlich geschrumpft. Es | |
| wird für Obama schwierig werden, die Bremsen zu lockern. | |
| 5 Jul 2008 | |
| ## AUTOREN | |
| Christian Semler | |
| ## TAGS | |
| USA | |
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