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# taz.de -- Vom Rekordtorschützenkönig in die Provinz: Schieß, Erdal!
> Erdal Kilicaslan spielte beim FC Bayern und war auf dem Weg zu einem Star
> - und zu einem Rollenvorbild der Integration. Heute, mit 23, ist er in
> der anatolischen Provinz gelandet.Was ist schiefgelaufen?
Bild: Die Trophäen von eins stehen auf dem Schrank, heute spielt Kilicaslan in…
Trainer Horst Hrubesch wusste seinerzeit, dass er es mit einem besonderen
Jahrgang zu tun hatte: "Da waren sehr viele junge Fußballer dabei, die
technisch und charakterlich das Zeug hatten, den Sprung nach ganz oben zu
schaffen." In der Saison von 2003 auf 2004 hatte er den 84er-Jahrgang
übernommen.
Hrubesch, der ehemalige Stürmer des Hamburger SV, der danach acht Jahre
lang als Trainer der deutschen U19-Nationalmannschaft tätig war, hatte
bereits damals eine ansehnliche Junioren-Mannschaft aufgestellt: im Tor
Michael Rensing, der beim FC Bayern gerade die Nachfolge des großen Oliver
Kahn angetreten hat; im Mittelfeld Bastian Schweinsteiger, der es in der EM
2008 durch sein Tor auf den Titel von Bild schaffte ("Schweini-Geil!");
außerdem Piotr Trochowski, dem man beim Hamburger SV zutraut, Rafael van
der Vaart zu beerben. Und David Odonkor, der bei Betis Sevilla in der
Ersten spanischen Liga spielt. Im Angriff schließlich der Kapitän und
überragende Star des Hamburger SV-Teams: Erdal Kilicaslan.
Bitte wer?
Erdal Kilicaslan. Von der U 15 bis zur U 20 brachte er es auf 63 Einsätze
und schoss dabei 41 Tore - eine Trefferquote in den deutschen
Junioren-Nationalmannschaften, die bis heute unerreicht ist. Erdal trug
maßgeblich dazu bei, dass die B-Junioren des FC Bayern im Jahr 2001
deutscher Meister wurden, und wiederholte im Jahr darauf diesen Erfolg mit
den A-Junioren.
## Tiefer Fall
Doch heute, mit dreiundzwanzig Jahren, wo viele seiner früheren Mitspieler
zu festen Größen im deutschen Fußball geworden sind, spielt er in der
Türkei. Und zwar nicht bei einem der drei großen Istanbuler Clubs, sondern
in der tiefsten anatolischen Provinz. In der letzten Saison in Gaziantep an
der türkisch-syrischen Grenze, in der neuen im zentralanatolischen Konya,
der Hochburg der türkischen Islamisten.
Und selbst wenn es ihm gelingen sollte, noch einmal an seine früheren
Leistungen anzuknüpfen, wird aus ihm kein "Role Model" der Integration mehr
werden: Für Deutschland wird er nicht mehr spielen können, denn die
deutsche Staatsbürgerschaft hat er längst abgelegt.
Was ist geschehen? Ist ihm der frühe Erfolg zu Kopf gestiegen? Ist er einer
dieser blasierten Genies, die sich am Ende zu sehr auf ihr
außerordentliches Können verlassen statt auf das, was man im Fußball ganz
unverkrampft "deutsche Tugenden" zu nennen pflegt - also: rennen,
grätschen, Gras fressen? Hat ihn eine seltsame Sehnsucht nach der Heimat
seiner Großeltern gepackt? Oder lag es daran, dass es deutschtürkische
Fußballer schwerer haben, sich in der Bundesliga durchzusetzen? Ist er
womöglich sogar ein Opfer von Diskriminierung? Oder wurde er zu seinen
Erfolgen von einem dieser überaus ehrgeizigen Väter oder einer dieser
Mütter getrieben, die davon besessen sind, dass ihre Söhne und Töchter all
das werden sollen, was ihnen selbst versagt blieb: Eiskunstläuferin,
Konzertpianist, Fußballstar?
Diese Fragen führen nach München, Erdal Kilicaslans Geburtsort. Seine
Familie lebt dort in einem Einfamilienhaus in Ramersdorf-Perlach, am
südöstlichen Stadtrand der Bayern-Metropole. Zum Bezirk gehört auch
Neuperlach, die größte westdeutsche Satellitenstadt und genau das, was man
einen "sozialen Brennpunkt" nennt.
Doch die Kilicaslans leben in einem weitaus gediegeneren Teil des Bezirks,
dort, wo Einfamilienhäuser, blumige Gärten und Autos der gehobenen
Mittelklasse das Straßenbild bestimmen. Hierher ziehen Leute, die sich
etwas leisten können. In der Nachbarschaft gibt es nur eine weitere
türkische Familie. Erdal, der dank seines Fußballtalents schon als Schüler
tausend Euro und mehr verdiente, hat zum Hauskauf einen Teil beigesteuert
und sich nun im zweiten Stock eine eigene Wohnung eingerichtet. "Sobald ich
ein paar Tage freihabe, komme ich nach München", erzählt er. "Meine Familie
ist mir sehr wichtig, meine Freundin lebt in München, meine ganzen Freunde
sind hier."
## Atatürk und Pokale
Zwei Dinge lassen sofort erkennen, dass es sich bei diesem Haushalt um
einen türkischen handelt. An einer Wand im Flur hängt Mustafa Kemal
Atatürks "Ansprache an die Jugend" aus dem Jahr 1927. Ein Stück
Nationalfolklore, das, auf Papier oder auf Stoff gedruckt, etliche
türkische Wohnzimmer und Geschäfte schmückt ("Oh du, türkische Jugend!
Deine erste Pflicht ist es, die nationale Unabhängigkeit, die türkische
Republik immerdar zu wahren und zu verteidigen. […] Die Kraft, die du
hierfür brauchst, findest du in dem edlen Blute, das in deinen Adern
fließt!"). Den zweiten Hinweis bemerkt man beim Eintreten. Erdal zieht sich
die Schuhe aus und bietet dem Gast Pantoffeln an.
Er selbst schlüpft in Badeschlappen mit dem Emblem des FC Bayern. Erdals
Wohnung ist anzumerken, dass er nicht wirklich hier lebt. Das Schlafzimmer
hat den Charme eines Mittelklassehotelzimmers, nur die Dutzende von Pokalen
auf dem Kleiderschrank fallen auf. Die einzige persönliche Note in seinem
Wohnzimmer ist eine Steppdecke, ebenfalls mit FC-Bayern-Emblem. "Ich hatte
von diesen Sachen noch viel mehr, das meiste habe ich weggeräumt", sagt er.
Zum Gespräch lädt Erdal in die offene Küche der Eltern ein. Dort ist der
Fernseher eingeschaltet, zur Mittagszeit läuft der Nachrichtensender n-tv.
Wir nehmen am Küchentisch Platz, Erdals Vater Yusuf setzt sich dazu, Mutter
Fatma kredenzt Kaffee, setzt sich aber nach einigem Smalltalk auf das Sofa
im Wohnzimmer. Nur zweimal mischt sie sich ins Gespräch ein. Einmal, als
sie erzählt, wie sie und ihr Mann Erdal vergeblich zuredeten, den
Realschulabschluss zu machen, nachdem er wegen seiner vielen Fehlzeiten in
der zehnten Klasse sitzen geblieben war. Das zweite Mal, als sie laut
auflacht bei der Frage, ob sich Erdal in Gaziantep selbst um alltägliche
Dinge wie Kochen und Putzen kümmert. (Die Antwort: Nein, er hat ein Zimmer
in einer Wohnanlage des Clubs. Das Personal dort erledigt das.)
Fatma Kilicaslan ist 46, hat als Verkäuferin gearbeitet und ist derzeit
arbeitslos. Ihr Ehemann Yusuf ist Facharbeiter bei BMW. Beide kamen schon
als Kinder nach Deutschland. Erdal und seine ältere Schwester Bahar, die
Kommunikationsdesign studierte und verheiratet ist, gehören somit zur
sogenannten dritten Generation der Migranten. Erdals Mutter spricht
selbstsicher und freundlich. Aber viel häufiger redet ihr Mann. Er ist auch
der Erste, der auf Erdals Karriere zu sprechen kommt. Sein Sohn hört
schweigend zu.
Wer von Erdal etwas erfahren will, muss erst mal den Vater stoppen.
"Dein Vater redet viel?"
"Ja, schon. Aber ich höre ihm gerne zu. Ich habe immer auf seinen Rat
gehört, weil ich weiß, dass er viel Erfahrung hat. Er hat selbst auch
Fußball gespielt."
"Wollte dein Vater, dass du Profifußballer wirst?"
"Nein. Das war immer mein Traum. Und so mit 16, 17 habe ich alles dafür
gegeben."
"Es heißt, wer Profi werden will, muss auf vieles verzichten, was für
Teenager selbstverständlich ist."
"Ich hatte keine Probleme damit. Nach einem Spiel sind wir auch mal feiern
gegangen. Aber natürlich nicht so extrem mit Alkohol und was weiß ich."
"Gibt es nicht einen harten Konkurrenzkampf unter Juniorenspielern?"
"Bei uns gabs das nicht. Jeder hatte sein Ziel vor sich. Aber wir hatten
auch eine super Freundschaft. Zu vielen habe ich immer noch Kontakt, mit
Christian Lell zum Beispiel war ich gerade ein paar Tage auf Ibiza."
## Vordbild Müller
Erdal redet langsam, lächelt dabei oft, wirkt aber zuweilen etwas
teilnahmslos. Er ist höflich und freundlich - ein Eindruck, den später
seine früheren Betreuer bestätigen werden, die ihn allesamt als nett, brav
und respektvoll beschreiben. Dass er ausgerechnet den introvertierten
"Bomber der Nation", Gerd Müller, sein fußballerisches Vorbild nennt, passt
gut.
Erdal erzählt auch, wie er mit Christian Lell in der F-Jugend angefangen
hat. Erzählt, wie jedes Jahr einige Spieler aussortiert wurden und neue
hinzukamen, sie beide aber blieben; wie er von Klaus Sammer in die U 15
berufen wurde; wie ihm Horst Hrubesch mit Zustimmung der Mannschaft die
schwarz-rot-goldene Kapitänsbinde übertrug; wie sehr ihn Hrubesch in der U
19 und Stefan Beckenbauer als Trainer der Bayern-B-Jugend beeinflusst haben
und dass er zu beiden noch immer Kontakt hält. Er erzählt, dass es ein
tolles Erlebnis war, an der Juniorenweltmeisterschaft in den Vereinigten
Arabischen Emiraten teilzunehmen - die einzigen Spiele übrigens, bei denen
sein Vater nicht im Publikum saß. "Sonst war ich bei allen Spielen und oft
auch im Training", sagt der Vater stolz.
Der Vater ist auch derjenige, der sich an Daten, Zahlen oder Namen genau
erinnert. Und wenn er darüber spricht, klingt es, als rede er von Dingen,
die erst gestern geschehen wären. Aber vielleicht ist das immer so, wenn
Eltern über die Kindheit ihrer Zöglinge sprechen. Dann erzählt er davon,
wie er bei BMW regelmäßig in der Nachtschicht arbeitete, um seinen Sohn
tagsüber von der Schule nach Hause und zum Training fahren zu können. "Wir
wollten immer unseren Kindern alles geben", sagt er. Man glaubt es ihm.
Aber war es zu viel des Guten?
"Natürlich gibt es diese Väter oder auch Mütter, die immer sagen: Du musst,
du musst, du musst", erzählt Werner Kern. Der 62-Jährige ist seit zehn
Jahren für den Junioren- und Amateurbereich des FC Bayern verantwortlich.
Zuvor hat er dort in der zweiten Mannschaft gespielt. Später war er
Assistenztrainer bei den Bayern und Cheftrainer in der Zweiten Liga. Er
kannte die Kilicaslans sehr gut. "Erdals Vater hat seinen Sohn unterstützt
und ihm Orientierung gegeben, ihn vielleicht auch mal in den Hintern
getreten, aber ich hatte nie den Eindruck, dass er zu viel Druck ausgeübt
hat", sagt Kern. "Wenn Berkant Göktan das Elternhaus von Erdal Kilicaslan
gehabt hätte, wäre aus ihm ein Weltklassestümer geworden."
## Das größte Talens des FC Bayern
Berkant Göktan, das ist der andere Deutschtürke und das andere
Fußballtalent, das nach einem verheißungsvollen Auftakt beim FC Bayern
nicht weiterkam. Begonnen hatte seine Profikarriere im Oktober 1998, als
Ottmar Hitzfeld den damals 17-Jährigen beim Rückstand gegen Manchester
United in der Champions League einwechselte. Doch schließlich konnte sich
Göktan in Deutschland nicht durchsetzen und wechselte in die Türkei, wo er
bei Galatasaray und Besiktas mit durchwachsenem Erfolg spielte. Inzwischen
spielt er wieder in seiner Geburtsstadt München. Allerdings nicht beim FC
Bayern, sondern beim Zweitligisten TSV 1860. "Berkant Göktan war
gottbegnadet", sagt Kern. "Nach Meinung unserer Trainer war er das größte
Talent, das wir jemals beim FC Bayern hatten."
So milde Werner Kern über Erdal redet, so sehr klingt beim Thema Göktan die
Klage über ein verschwendetes Talent und die Trauer über eine
fußballerische Tragödie durch. Allerdings habe es Göktan auch an vielem
gefehlt, zum Beispiel an "den Einsichten, der Professionalität, der
Mentalität. Göktan hat völlig den Boden unter den Füßen verloren und war
für niemanden mehr zu erreichen", sagt Kern.
Und zwar nicht mal, als es um die Nationalmannschaft ging, denn anders als
Erdal entschied sich Göktan für die Türkei. "Wenn die Spieler hier ihren
Weg machen, sollen sie auch für Deutschland spielen", meint Kern dazu.
"Integration muss man aktiv leben. Man braucht für alles Vorbilder, und
wenn es solche Spieler gibt, ist das wunderbar. Wir leben doch nicht mehr
in der Steinzeit."
Die Steinzeit, die ist in dieser Hinsicht nicht allzu lange her. Noch Ende
der Neunzigerjahre, als Erdal erstmals zu einer Auswahlmannschaft des DFB
eingeladen wurde, war die Nationalmannschaft kein besseres Spiegelbild der
Einwanderungsgesellschaft als eine Jahreshauptversammlung des Verbandes
deutscher Hausmeister. Und wer wollte, konnte am Fehlen von
Einwandererkindern im DFB-Team ablesen, wie schlecht es um die Integration
bestellt war. Während der DFB das Thema vernachlässigte, und selbst in der
Bundesliga kaum deutschtürkische Spieler anzutreffen waren, akquirierte das
Europabüro des türkischen Verbands reihenweise die besten Talente: und zwar
für die türkische Nationalmannschaft.
Was dachte Kilicaslans Vater, als der Sohn einen anderen Weg einschlug und
sich für den FC Bayern entschied? "Wenn die Türken sich so frühzeitig und
ernsthaft um Erdal bemüht hätten, hätte uns das natürlich gefallen, ihn für
die Türkei spielen zu sehen", meint er. Aber wer beim FC Bayern sei, könne
so etwas nicht allein entscheiden. Und die Bayern sähen es nicht gern, wenn
ihre Jugendspieler für eine andere Nationalmannschaft spielten, weil diese
dann ständig zu Lehrgängen und Spielen eingeladen würden und der Mannschaft
fehlten.
Während er das erzählt, hat seine Frau Fatma einige Fotoalben herausgeholt:
Erdal am Ball, Erdal im Torjubel, Erdal im Kreis seiner Mitspieler, Erdal
im Zweikampf mit dem heutigen spanischen Europameister Andrés Iniesta,
Erdal bei einem Empfang mit Edmund Stoiber. Einige Fotos hat sie zusammen
mit Ausschnitten aus deutschen und türkischen Zeitungen eingerahmt.
"Tormaschine Erdal" oder "Torhungrig wie Gerd Müller" lauten die
Überschriften. Die Fotos und Zeitungsschnipsel zeigen deutlich: Erdal ist
auf dem Weg nach oben. Zur Saison 2003 auf 2004 kommt der ersehnte Schritt:
Er wechselt in die zweite Mannschaft des FC Bayern. Und dann bricht das
Unheil über das sorglose Fußballerleben herein. Für die Kilicaslans ist
klar, welchen Namen dieses Unheil trägt: Hermann Gerland.
Der ehemalige Bundesligaspieler trainiert die zweite Mannschaft des FC
Bayern. In den vergangenen Jahren hat er etliche Talente zu
Bundesligaprofis geformt. Aber er gilt auch als extrem harter Knochen.
"Gerland ist ein sehr guter Trainer. Aber er mag keine türkischen
Fußballer", sagt Yusuf Kilicaslan. Das sei ihm mit der Zeit immer
deutlicher geworden. Warum er sich so sicher ist? "Erdal war Gerland nicht
gut genug, einverstanden. Aber was ist mit Serkan Atak? Der hat gerade bei
Ankara Oftas eine sehr erfolgreiche Saison gespielt, aber bei Gerland bekam
er nie eine Chance. Genauso wie Erdal." Der sich indes nicht darauf
festlegen will, dass Gerland Probleme mit Türken hat. Doch er sagt
ebenfalls: "Gerland fördert junge Spieler. Aber mich hat er nicht
gefördert, er hat mir nie das Vertrauen gegeben, mal vier, fünf Spiele
hintereinander zu machen. Er hat mich fertiggemacht."
## An der Säbener Straße
Anfangs habe er es akzeptiert, sich hinter Zvjezdan Misimovic und Paolo
Guerrero einzureihen. "Aber im Jahr darauf waren die weg - und ich bekam
immer noch keine echte Chance. Das hat mich so verunsichert, dass ich mir
nicht mehr alles zugetraut habe. Und wenn du in einem Spiel erst
eingewechselt und dann wieder ausgewechselt wirst, ist das das Schlimmste,
was dir als Fußballer passieren kann."
Selbst als wir am folgenden Tag zum Vereinsgelände des FC Bayern in der
Säbener Straße fahren, ist Erdal keine Wehmut oder Verbitterung anzumerken.
Doch hier zeigt er Gefühle, die Kränkung ist ihm noch immer anzumerken.
"Ein- und auswechseln, so was macht man nicht mit einem Spieler", murmelt
er.
"Wenn einer nicht das macht, was ich ihm sage, dann hol ich ihn schon mal
vom Platz", antwortet der seinerzeit verantwortliche Trainer Hermann
Gerland, als er mit diesen Vorwürfen konfrontiert wird. Gerland ist ein
anderer Typ als der freundliche Bayer Kern und der kumpelhafte Hrubesch;
selbst wenn er mit Journalisten spricht, klingt er laut und zackig. "Erdal
war schon sehr früh ein komplett fertiger Spieler und in der Jugend
überragend", sagt Gerland. "Aber dann haben seine Mitspieler ihn überholt,
während er in seiner Entwicklung stehen geblieben ist." Und hat er etwas
gegen türkische Spieler? "Blödsinn! Aber viele Kinder von türkischen
Mitbürgern sind früher entwickelt als deutsche. Sie sind relativ früh groß
und schnell und haben früher Haare auf der Brust als ihre deutschen
Mitspieler. Aber irgendwann holen die auf."
Etwas verständnisvoller spricht Werner Kern über seinen früheren
Schützling. Erdal sei immer Mittelstürmer gewesen, habe bei Gerland aber an
der Seite spielen müssen. Allerdings bestätigt Kern, dass die Mitspieler
von Erdal beim Übergang zu den Senioren aufgeholt hatten. Erdal sei
womöglich daran verzweifelt, dass er seine früher überragenden Leistungen
nicht habe fortführen können.
"Problemorientiertes Denken", nennt der Sportpsychologe Thorsten Leber
dieses Phänomen. Er ist im "Institut für Sportpsychologie und Mentales
Coaching" in Schwetzingen für den Nachwuchsbereich zuständig; sein Chef
Hans-Dieter Hermann wurde von Jürgen Klinsmann als erster Sportpsychologe
zur Nationalmannschaft geholt. "Ein Spieler, der in ein neues Umfeld kommt,
etwa von der Jugend zu den Profis, kann versuchen, die Herausforderung
anzunehmen", sagt Leber. "Problematischer ist es, wenn er sich auf die
Schwierigkeiten konzentriert. Im ersten Fall sagt er vor oder bei einer
Leistungssituation: ,Heute zeige ichs allen.' Im anderen Fall sagt er: ,Oh
Gott, heute bin ich aber schlecht drauf. An diesem Punkt kann ein
Sportpsychologe mit dem Spieler arbeiten."
Selbst der kann natürlich nicht garantieren, dass aus jedem Teenagerstar
ein Bundesligaprofi wird. "Nicht jeder, der ein exzellentes Abitur macht,
schafft auch einen exzellenten Hochschulabschluss und wird Topmanager",
meint Uwe Harttgen, der zur Bremer Meisterschaft von 1993 gehörte, später
Psychologie studierte und heute Nachwuchsmanager bei Werder ist.
In Bremen sind es im Schnitt jährlich nur zwei Spieler, denen der
Durchbruch in die erste Mannschaft gelingt.
Und wie war das für Erdal, als es plötzlich nicht mehr weiterging? "Ich
habe weiter trainiert", sagt er. Erst auf mehrmalige Nachfrage gibt er zu,
dass er damals "fertig" war. "Aber du kannst dich ja nicht den ganzen Tag
im Bett verkriechen und weinen. Und ich habe nie an mir gezweifelt und habe
mir gesagt: Es gibt noch andere Fußballclubs als den FC Bayern."
Und sei es Gaziantepspor, ein im Niemandsland der türkischen Liga
beheimateter Verein. Von dort erhält Erdal in seiner dritten Saison bei
Bayern II ein Angebot, das er nicht ablehnen zu können glaubt.
Dabei hat er sich, anders als viele Deutschtürken, vorher kaum für den
türkischen Fußball interessiert. Jetzt aber sieht er keine Perspektive -
zum Bedauern von Hrubesch: "Er hätte sich durchbeißen sollen. Sein Wechsel
ging viel zu schnell. Und hat ihn letztlich nicht weitergebracht."
Tatsächlich läuft es in Gaziantep zunächst nicht besser. Kaum ist Erdal
dort eingetroffen, wird der Trainer, der ihn verpflichtet hat, entlassen.
Dessen Nachfolger plant nicht mit ihm. Anfang 2006 wird er an den
Lokalrivalen ausgeliehen, Gaziantep Belediyespor, Zweite türkische Liga,
Endstation.
In dieser Zeit gibt Erdal die deutsche Staatsbürgerschaft ab. Der Grund: Er
gehört zu jenen 50.000 eingebürgerten Türken, die stillschweigend wieder
ausgebürgert wurden. Da diese Geschichte bei den Deutschtürken für die
größte Enttäuschung der vergangenen Jahre gesorgt hat, in der deutschen
Öffentlichkeit aber kaum zur Kenntnis genommen wurde, sei sie kurz noch
einmal erzählt: Die rot-grüne Bundesregierung schaffte zwar im Jahr 2000
das reine Blutsrecht ab, erschwerte aber Jugendlichen und Erwachsenen die
Einbürgerung.
So war es bis dahin üblich, dass man die alte Staatsbürgerschaft abgab, die
Deutsche annahm, um dann wieder die alte zu erwerben. Seit der
Gesetzesreform aber gilt: Wer nach dem Erwerb der deutschen
Staatsangehörigkeit die vorige wieder erwirbt, hat die deutsche
Staatsangehörigkeit automatisch verwirkt. Genau das widerfuhr den
Kilicaslans.
Als dieser Sachverhalt durch eine Verfahrensrichtlinie im Jahr 2005 bekannt
wird, beantragen Erdals Eltern ein zweites Mal die deutsche
Staatsbürgerschaft. Erdal hingegen gibt den deutschen Pass ab. "Die
Nationalmannschaft hatte ich schon abgeschrieben, und da ich schon in der
Türkei war, habe ich den türkischen Pass behalten." Er bestreitet, dass
sein Club ihn dazu drängte, um sein limitiertes Ausländerkontingent nicht
unnötig zu belasten. Aber glaubwürdig klingt das nicht.
## Schicksalsgenosse aus Österreich
Wenigstens läuft es jetzt fußballerisch besser: Der Trainer des
Zweitligisten lässt ihn spielen. Er trifft wieder. Nach einer Rückrunde
kehrt er zurück, spielt nun bei Gaziantepspor und trägt in der Saison von
2007 auf 2008 dazu bei, dass der Club die Klasse halten kann.
Und er findet einen Schicksalsgenossen: den in Österreich aufgewachsenen
Ekrem Dag. "Wir haben uns gegenseitig geholfen. Weil, die Türkei ist
anders, und türkische Mannschaften sind auch anders. Du musst zum Beispiel
extrem Respekt vor den älteren Spielern haben. Aber ich glaube, in anderen
Vereinen ist es noch krasser."
Anpassungsschwierigkeiten will er jedoch nicht gehabt haben - anders als
beispielsweise Selim Teber, der in der vergangenen Saison als Kapitän die
TSG Hoffenheim in die Bundesliga führte und zuvor ein Jahr lang im
westtürkischen Denizli gespielt hatte: "Mein Türkisch hat nicht immer
gereicht, die Leute sind anders, weniger distanziert als in Deutschland.
Und das Sagen hatten drei, vier ältere Spieler." Selim Teber ist einer von
elf Deutschtürken, die in der Bundesliga spielen. Es doch geschafft haben.
Ein anderer, der Stuttgarter Serdar Tasci, gab im August sein Debüt in der
A-Nationalmannschaft.
Und Erdal? Was denkt er, wenn er seine früheren Teamkollegen bei einer
Europa- oder einer Weltmeisterschaft im Fernsehen sieht? "Ich drücke ihnen
die Daumen. Natürlich geht mir durch Kopf: Da hätte ich auch stehen können.
Aber ich mach mich deswegen nicht fertig. Ich habe ja immer noch Ziele."
Und wenn er sich einen Wunschclub aussuchen könnte? "Einer der Istanbuler
Vereine wäre schon ein Traum", sagt er. "Und natürlich der FC Bayern."
5 Sep 2008
## AUTOREN
Deniz Yücel
## TAGS
FC Bayern München
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