| # taz.de -- Debatte Nahostkonflikt: Antisemitismus von links | |
| > Die Antiglobalisierungsbewegung täte gut daran, einmal ihr Weltbild zu | |
| > überprüfen. Das zeigt Naomi Klein, die wegen des Gazakriegs zu einem | |
| > Israel-Boykott aufgerufen hat. | |
| Bild: Bürgermeister Johann Smidt war Pastor und Antisemit. Sein Denkmal steht … | |
| Dass sich in die Kritik an Israel antisemitische Stimmen mischen, sobald | |
| die Spannung im Nahostkonflikt steigt, ist als Befund nicht neu. Der | |
| Gazakrieg jedoch hat das gewöhnliche Ressentiment gegen die Juden in | |
| ungewohnte Höhen getrieben: Der anschwellende Antisemitismus kommt | |
| zunehmend aus der extremen Linken, wo er gerne als Antizionismus auftritt. | |
| So riefen zu Protestveranstaltungen gegen den Krieg neben palästinensischen | |
| und islamistischen Organisationen auch Gruppierungen aus dem linksradikalen | |
| Spektrum auf, die bekanntlich dazu neigen, Israel auf ihrer speziellen | |
| "Achse des Bösen" als Statthalter der imperialistischen USA, als | |
| Speerspitze des internationalen Finanzkapitals oder als rassistischen | |
| Apartheidstaat ins Visier zu nehmen. | |
| Wer sich immer noch mit dem "palästinensischen Widerstand" gegen die | |
| israelische Besatzungsmacht identifizierte, musste freilich die jüngere | |
| Geschichte ignorieren: Dass die radikalislamische Hamas Raketen | |
| hinterherschoss, als Israel den Gazastreifen räumte. Dass sie dort eine | |
| Scharia-Gesellschaft aufzubauen begann und die säkulare Fatah mit Gewalt | |
| vertrieb. Dass sie sich als Teil einer islamistischen Internationale | |
| begreift, die einen doppelten Feldzug führt: gegen Israel (dessen | |
| Existenzrecht sie nicht nur in ihrer Charta - einem einzigartigen Dokument | |
| des Judenhasses - bestreitet) und zugleich gegen den ungläubigen, moralisch | |
| verderbten, mammonistischen Westen. | |
| Kein Wunder also, dass die so genannten Friedensdemonstrationen sich bald | |
| als Aufmärsche gegen den Aggressor Israel entpuppten. Man ergriff Partei | |
| für die Hamas, rief antisemitische Parolen und attackierte israelische | |
| Fahnen. Auf den Webseiten von Indymedia und alternativen Blogs war die Rede | |
| vom "umgekehrten Holocaust", vom "israelischen Vernichtungskrieg", vom | |
| "Massenmord an Palästinensern" und von "israelischen Terrorgruppen", die an | |
| der "Endlösung der Palästinenserfrage" arbeiteten. Kein Vergleich wurde | |
| gescheut, um die Juden, indem man sie symbolisch ins Kostüm der Nazis | |
| zwang, zum eigentlichen Tätervolk zu machen. | |
| Passend dazu warb der außenpolitische Sprecher der Linkspartei um | |
| Verständnis für die Kassam-Raketen der Hamas: "Wer eine Politik der | |
| Strangulierung und Entwürdigung verfolgt, darf sich nicht wundern, wenn aus | |
| der Verzweiflung und Ohnmacht der Opfer Terrorakte entstehen, die die | |
| israelische Bevölkerung in der Nachbarschaft des Gazastreifens treffen." Da | |
| störte nicht weiter, dass nun auch die NPD den Terror als Waffe der | |
| Schwachen rechtfertigte und auf ihrer Homepage vom "Holocaust an | |
| Palästinensern" sprach, die sich von Gaza aus "mit Nadelstichen gegen ihre | |
| Kollektivhaft im von Israel kontrollierten Hungerkerker" wehrten. | |
| Die antisemitische Radikalisierung erreichte ihren Höhepunkt, als Naomi | |
| Klein, Ikone der Antiglobalisierungsbewegung, im Guardian dazu aufrief, | |
| israelische Produkte, Firmen und Institutionen weltweit zu boykottieren, um | |
| endlich den von palästinensischen Gruppen erfundenen Israel-Boykott in der | |
| globalisierungskritischen Linken salonfähig zu machen. Umgehend übernahmen | |
| Professoren an britischen Universitäten den Aufruf und forderten einhellig | |
| Israels Niederlage ("Israel must lose!") - unter ihnen der unvermeidliche | |
| Slavoj Zizek und jener Ted Honderich, dem Micha Brumlik, weil er | |
| palästinensischen Terror gegen Israel moralphilosophisch zu begründen | |
| versucht hatte, einst "philosophischen Judenhass" attestierte. | |
| In Deutschland dagegen, wo das Existenzrecht Israels aus guten Gründen zur | |
| Staatsräson gehört, blieb das mediale Echo auf Naomi Klein verhalten. | |
| Thomas Assheuer verwies in einer Randspalte der ZEIT immerhin auf das | |
| historische Vorbild der Boykottparole ("Kauft nicht bei Juden!") und auf | |
| jenen antisemitischen Affekt, der die Kapitalismuskritik seit Marx und den | |
| Frühsozialisten durchzieht - übrigens bis in den deutschen Linksterrorismus | |
| hinein (als 1972 die RAF den palästinensischen Terroranschlag auf die | |
| israelische Olympiamannschaft in München als "exemplarische Aktion" | |
| feierte, teilte Ulrike Meinhof vor Gericht mit, dass der Antisemitismus der | |
| Nazis "seinem Wesen nach antikapitalistisch" war und die Juden umgebracht | |
| wurden "als das, als was man sie ausgab - als Geldjuden"). | |
| Den ideologischen Boden für einen Israel-Boykott hatte Naomi Klein bereits | |
| mit ihrem letzten Buch gelegt (The Shock Doctrine: The Rise of Disaster | |
| Capitalism, 2007). Dort verbindet sie zwei abenteuerliche Behauptungen zu | |
| einem wahren Schauermärchen vom globalen Kapitalismus. Erstens: Dieser sei | |
| heute ein Katastrophenkapitalismus, der sich die Welt mittels | |
| Schocktherapien - seien es Kriege oder Umweltzerstörung, seien es | |
| neoliberale Sozial- und Wirtschaftsprogramme - gefügig mache. Zweitens: | |
| Nach 9/11 beziehe das internationale Kapital unter dem Vorwand des "Kriegs | |
| gegen den Terror" seine Profite vorwiegend aus der Vermarktung von | |
| Sicherheitstechnologie. Hauptprofiteur dieser Entwicklung sei der Staat | |
| Israel, der seinen einschlägigen Entwicklungsvorsprung in Sachen Sicherheit | |
| dank des Gazastreifens behalte, ein Freiluftgefängnis, das zugleich als | |
| "Labor für eine Festungswelt" diene, um an den Palästinensern als | |
| "Versuchskaninchen" die Mittel zur Einkerkerung, Überwachung und Ängstigung | |
| von Menschen zu testen ("Laboratory for a fortressed world", nachzulesen in | |
| The Nation). | |
| Israel benutze, so Naomi Klein in ihrem verstiegenen Essay, "den Status | |
| eines befestigten Landes, das von wütenden Feinden umgeben ist, als eine | |
| Art rund um die Uhr geöffneten Ausstellungsraum - als lebendiges Beispiel | |
| für den Genuss relativer Sicherheit mitten im Dauerkrieg". Das dämonisierte | |
| Israelbild, das sie hier entwirft, enthält die ganze Palette | |
| antisemitischer Klischees, nur dass diese nicht den Juden, sondern dem | |
| Staat Israel angeheftet werden: die Geschäftstüchtigkeit und Habgier der | |
| Juden; ihre Gerissenheit und Hinterhältigkeit; der heimliche Einfluss, den | |
| sie in aller Welt ausüben, bis zur Wahnvorstellung von jüdischer Allmacht; | |
| das "Gerücht über die Juden" (Adorno), dem Anspielungen genügen, um zu | |
| wissen, wer hinter der großen Weltverschwörung steckt; und schließlich der | |
| Vorwurf, die Juden seien selbst für den Antisemitismus verantwortlich. | |
| Wer dieses Zerrbild von Israel ins eigene globalisierungskritische Weltbild | |
| einbaut, schreibt die Märtyrerrolle des palästinensischen Volkes fort und | |
| braucht zum Schüren des Hasses keinen Antisemitismus mehr. Wer aber | |
| stattdessen auf ein eigenständiges Palästina im Rahmen einer | |
| Zweistaatenlösung setzt, muss nicht nur Israel anerkennen, sondern auch | |
| eine dritte Kraft, die zwischen den Fronten vermittelt. | |
| Entscheidend wird am Ende jedoch sein, ob die Israelis bereit sind, ihren | |
| Nachbarn ein staatsfähiges Territorium zu überlassen - und die | |
| Palästinenser, Verantwortung für ihren zukünftigen Staat zu übernehmen. | |
| 22 Jan 2009 | |
| ## AUTOREN | |
| Martin Altmeyer | |
| ## TAGS | |
| Religion | |
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