| # taz.de -- Trauerfeier nach Amoklauf: Abschied von den Opfern in Winnenden | |
| > Bundespräsident Horst Köhler redet gegen Gewalt in Film und Spielen. Die | |
| > Gewalt des Amoklaufs setzt sich in anderen Medien fort.Kriminologen | |
| > warnen vor einer Heroisierung von Tim K. | |
| Bild: Ruhiges Gedenken bei blauem Himmel: Trauer in Winnenden. | |
| WINNENDEN taz "Zur Selbstachtung gehört es, dass man Nein sagt zu Dingen, | |
| die schlecht sind, auch wenn sie nicht verboten sind." Die Worte, die | |
| Bundespräsident Horst Köhler am Samstag während der Trauerfeier zum | |
| Gedenken an die Opfer des Amoklaufes in der Winnender Sankt | |
| Karl-Borromäus-Kirche wählt, könnten treffender nicht sein. | |
| Die Stadt nimmt Abschied, zusammen mit der politischen Prominenz des | |
| Landes. In die Kirchen der Umgebung wird live übertragen, selbst auf dem | |
| Rasen des Herbert-Winter-Stadions sind Videoleinwände aufgebaut: | |
| Open-Air-Trauer in hellem Sonnenschein. Es sind wesentlich weniger gekommen | |
| als erwartet - knapp 7.500 Menschen statt 30.000. Die vielen Absperrgitter | |
| im Stadion wären kaum nötig gewesen, viele Winnender sind wohl zu Hause | |
| geblieben, als sie hörten, wie voll es werden soll. | |
| Es ist ein würdiges, ruhiges Gedenken bei blauem Himmel. Die Geschäfte in | |
| der Innenstadt von Winnenden sind geschlossen. Die Menschen auf dem Rasen | |
| des Stadions singen "Bewahre uns Gott, behüte uns Gott". | |
| Köhler spricht alle Bürger in ihrer Privatsphäre an und findet deutliche | |
| und direkte Worte gegen Gewalt in Spielen und Filmen. Er meint den Konsum | |
| von Medien, die Fiktion produzieren. Er vergisst leider die Medien, die | |
| Realität konstruieren. | |
| Denn wen Gewalt erregt, der wird von der Medienwelt außerhalb von Winnenden | |
| befriedigt. Gierig nach jedem noch so blutigen Detail, hat sie den Amoklauf | |
| als Spektakel inszeniert. "Der Amoklauf von Winnenden. Alle News! Alle | |
| Infos! Alle Videos!" krakeelt ein Banner bei Bild.de. In einer animierten | |
| Grafik zoomt, wie in einem Ballerspiel, ein rotes Fadenkreuz auf die Orte | |
| des Geschehens. In einer 3-D-Grafik wandert der Surfer durch die Schule und | |
| sieht, wer wo getötet wurde. Der Text ist noch detaillierter: Endlich weiß | |
| der Leser auch, in welches Körperteil die Kugeln eindrangen. | |
| Die Biografien und Fotos der Opfer sind in kürzester Zeit Allgemeingut | |
| geworden. Wo hört Informationsanspruch auf und wo beginnt Voyeurismus? Ein | |
| Opfervater im Interview. Tim K.s Großeltern im Interview. Der Fahrer des | |
| Wagens, mit dem Tim K. nach Wendlingen fuhr, im Interview. Fotomontage von | |
| Tim K. in der Bild, in voller Montur, die Waffe auf den Leser gerichtete. | |
| Auf n-tv und RTL sieht man ein Handyvideo mit den letzten Minuten im Leben | |
| des Amokläufers, zum Schluss sinkt er nach einem Schuss ins Bein zu Boden. | |
| Die Warnungen von Kriminologen vor einer Heroisierung der Täter durch | |
| x-fache Mediendarstellung? Lehren aus Amokläufer-Fanforen im Internet? | |
| Respekt vor den Opfern? Die Familien von sechs Opfern haben sich mit einem | |
| offenen Brief an die Öffentlichkeit gewandt: Sie fordern mehr Jugendschutz | |
| im Internet, ein Verbot von Gewaltdarstellungen im Fernsehen zu Zeiten, in | |
| denen Kinder und Jugendliche zuschauen. Sie wollen zudem, dass keine Bilder | |
| des Amokläufers mehr in der Öffentlichkeit gezeigt werden. | |
| Im Gottesdienst fehlt eine Kerze für ihn, auch sein Name fällt nicht. Dafür | |
| betet ein Lektor für seine Familie und für Menschen, die ihr beistehen | |
| mögen. Am Ende der Feier halten sich alle an den Händen, auch auf dem Rasen | |
| des Fußballfeldes, in dessen Hintergrund der Ort der Tat, die | |
| Albertville-Realschule, zu sehen ist. Davor haben die Menschen einen | |
| einfachen Ausdruck ihrer Trauer gefunden: Ein Teppich aus Kerzen, Blumen, | |
| Kränzen, traurigen und verzweifelten Schreiben. | |
| 22 Mar 2009 | |
| ## AUTOREN | |
| Ingo Arzt | |
| Ingo Arzt | |
| ## TAGS | |
| Deutsche Einheit | |
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