# taz.de -- NS-Gegner Wilm Hosenfeld: "Was sind wir Feiglinge" | |
> Vor 65 Jahren verübte Stauffenberg das Hitler-Attentat. Der Widerständler | |
> Wilm Hosenfeld ist weniger bekannt - trotz des Films "Der Pianist". | |
Bild: Von einem strammen Patrioten zu einem Regimegegner: Schauspieler als Wilm… | |
Eigentlich will Helmut Hosenfeld keine Interviews mehr geben. Vor sieben | |
Jahren, als Roman Polanskis Film "Der Pianist" ins Kino kam, hat er mit | |
Journalisten und Filmleuten über seinen Vater geredet. Und vor fünf Jahren, | |
als ein 1.200-seitiger Band mit Briefen und Tagebüchern seines Vaters | |
erschien. Sein Vater war Wilhelm Hosenfeld, genannt Wilm, der als | |
Wehrmachtshauptmann in Polen das Leben von Juden rettete. Auch das des | |
Pianisten Wladyslaw Szpilman, den er versteckte und vor dem Hungertod | |
bewahrte. | |
Helmut Hosenfeld ist 88 Jahre, wohnt in einem Vorort von Fulda und das | |
Gespräch strengt ihn an. Er hat buschige Augenbrauen und wache Augen. Er | |
hört schlecht und sagt: "Ich erzähle manchmal Dinge zweimal. Dann müssen | |
sie mich unterbrechen." Er sagt, "die deutlichste Erinnerung an meinen | |
Vater ist eine Szene in Warschau 1941". Damals besuchte er als | |
zwanzigjähriger Soldat, der an der Ostfront kämpfte, seinen Vater. In | |
Warschau erzählt der Vater eine Geschichte, die sich in sein Gedächtnis | |
gegraben hat. Ein polnischer Junge hatte Heu gestohlen. Ein SS-Mann wollte | |
ihn erschießen. Der Vater flehte ihn an, das Kind zu verschonen. Der | |
SS-Mann zog seine Pistole und sagte: ,Verschwinde, sonst legen wir dich | |
auch um.' Danach, sagt Helmut Hosenfeld, war etwas anders geworden. "Ich | |
war vorher als guter Soldat bereit, mein Leben zu opfern. Danach wollte ich | |
nur noch überleben." | |
Sein Vater Wilm ist vor einem Monat von Jad Vaschem, der israelischen | |
Schoa-Gedenkstätte, als "Gerechter unter den Völkern" ausgezeichnet worden. | |
Als einer von knapp 500 Deutschen. Die Anerkennung kam spät und war | |
schwierig. Denn die Sowjets verurteilten Hosenfeld 1949 in Minsk als | |
Kriegsverbrecher. Er starb 1952 elendig in einem Lazarett bei Wolgograd. | |
Die weißrussische Regierung sah keinen Bedarf, das Urteil zu revidieren. | |
Deshalb dauerte die Ehrung, trotz der Publizität durch Polanskis "Der | |
Pianist", so lange. | |
Wilm Hosenfeld war zu Beginn kein Hitler-Gegner. Er kam aus der völkischen | |
Wandervogelbewegung, die empfänglich war für das Antibürgerliche und die | |
Volksgemeinschaftsidee der Nazis. Und er war als Lehrer und Soldat im | |
Ersten Weltkrieg national eingestellt. Kaum eine Berufsgruppe unterstützte | |
Hitler so fanatisch wie die deutschen Pädagogen. Hosenfeld war seit 1933 in | |
der SA und im NS-Lehrerbund und seit 1935 in der NSDAP. Im Jahr 1933 | |
abonniert er das NS-Propagandablatt Völkischer Beobachter - aber nur zwei | |
Monate. Er fand es zu hetzerisch. | |
Im Jahr 1936 nahm er als SA-Mann am Reichsparteitag in Nürnberg teil und | |
notierte in seinem Tagebuch: "Mich ergreift das Erlebnis der großen | |
Gemeinschaft, in der wir marschieren. Es ist wie im Krieg." Am 10. März | |
1936 schrieb er: "Goebbels ist ein großartiger Volksredner. Er überzeugt." | |
Er organisierte in Thalau, dem heimischen Dorf in der Rhön, das | |
Heldengedenken für gefallene Soldaten im Ersten Weltkrieg. | |
"Wir haben uns gefragt, warum er das gemacht hat", sagt Detlev Hosenfeld, | |
der sechs Jahre jüngere Bruder. Er wohnt in Kiel und ist so etwas wie der | |
Sprecher der Familie. Bei der Gedenkfeier für den Vater im Jüdischen Museum | |
in Berlin hat er kürzlich die Dankesrede gehalten. Die beiden Söhne sind | |
Kinderärzte geworden und haben, eine Prägung durch den reformpädagogisch | |
orientierten Vater, mit Kindern gearbeitet. | |
Detlev Hosenfeld macht Pausen beim Sprechen, um die Worte richtig zu | |
wählen. Er redet analytischer, auch distanzierter als sein Bruder über den | |
Vater. Helmut, der Erstgeborene, war dem Vater näher, auch wegen der | |
Erfahrung als Soldat. Detlev Hosenfeld sagt, dass im Ersten Weltkrieg die | |
"besten Freunde des Vaters neben ihm gestorben sind. Das war ein Trauma, | |
das ihn belastet hat." Deswegen hatte er das Gefühl, etwas schuldig zu | |
sein, deswegen das Heldengedenken. | |
Im Jahr 1939 nimmt Wilm Hosenfeld, national gestimmt, am Überfall auf Polen | |
teil. Und erkennt im November 1939, was passiert. Dass dies kein normaler | |
Krieg und kein normales Besatzungsregime ist und dass die Nazis | |
systematisch die polnische Intelligenz ausrotten. Am 15. Dezember 1939 | |
schreibt er an seine Frau, dass man "sich schämt, ein Deutscher zu sein". | |
Und doch ist der Hauptmann 1940 noch keineswegs ein entschlossener | |
Regimegegner. Am 26. Juni 1940 schreibt er, beeindruckt von den | |
Blitzkriegerfolge im Westen: "Der Krieg [gegen England] kann nur mit | |
brutaler Gewalt entschieden werden. Die Engländer wolltens ja so." Im Jahr | |
1941 wird er Leiter einer Wehrmachtsportschule in Warschau. Und beginnt | |
Polen und Juden vor dem Besatzungsterror zu schützen. Er rettet den | |
katholischen Priester Anton Cieciora vor der SS, lernt Polnisch und | |
freundet sich mit einer polnischen Familie an. Er fälscht Papiere und | |
bewahrt 1944 einen Schwager von Anton Cieciora vor der Erschießung. Im | |
Winter 1944 nach dem mit Terror niedergeschlagenen Warschauer Aufstand | |
verhört er Gefangene und versucht so viele wie möglich vor dem Tod zu | |
bewahren. Diese Wandlung, sagt Detlev Hosenfeld, "war ein Prozess". Es gab | |
nicht das "eine alles entscheidende Schlüsselerlebnis". | |
Die Briefe und Tagebuchnotizen, die von Thomas Vogel vorzüglich für das | |
Buch "Ich versuche jeden zu retten" editiert wurden, zeigen, dass 1942 der | |
endgültige Wendepunkt ist. Denn Hosenfeld nimmt präzise wahr, was passiert. | |
Das NS-Regime hat im Januar auf der Wannseekonferenz die "Endlösung" | |
beschlossen, die Ghettos werden geräumt. Im Juli 1942 schreibt er in sein | |
Tagebuch von der Massentötung von jüdischen "Männern, Frauen und Kindern | |
durch Gaswagen". Diese "Virtuosität im Massenmorden" sei ohnegleichen. Am | |
13. August 1942 notiert er Berichte aus dem Ghetto, dass Gestapo-Männer | |
jüdische Säuglinge aus der Entbindungsanstalt holen und töten. "Man glaubt | |
das nicht, trotzdem ist es wahr. Was sind wir Feiglinge, dass wir das | |
geschehen lassen." Im Juni 1943, nach dem vollbrachten Massenmord an den | |
Warschauer Juden, notiert er: "Mit dem Judenmassenmord haben wir einen | |
unauslöschlichen Fluch auf uns gebracht. Wir verdienen keine Gnade, wir | |
sind alle mitschuldig. Jeder Pole hat das Recht, vor unsereinem | |
auszuspucken." | |
Dieses Tagebuch schmuggelt Hosenfeld 1944 in schmutziger Wäsche nach Hause. | |
Wäre es entdeckt worden, er wäre wohl wegen Kriegsverrat und | |
Wehrkraftzersetzung hingerichtet worden. Doch das Bedürfnis, dieses Zeugnis | |
zu schützen, ist stärker. Schon die mit der Wehrmachtspost verschickten | |
Briefe an seine Frau waren mehr als gefährlich. Am 21. Juli 1944 - einen | |
Tag nach dem gescheiterten Attentat Stauffenbergs - schreibt er an seine | |
Frau: "Das Verhängnis nimmt nun weiter seinen Lauf." | |
Detlev Hosenfeld hat seinen Vater vor 65 Jahren, im Februar 1944, das | |
letzte Mal gesehen. Er war als 16-jähriger Flakhelfer in Kassel, der Vater | |
auf Heimaturlaub in Thalau. Der Vater hat selten von dem Schrecken in | |
Warschau berichtet. "Aber im Februar hat er erzählt, dass die Juden in den | |
KZs die Leichen wegschaffen müssen. Ich erinnere mich, weil ich es damals | |
so unfassbar fand", sagt er zögerlich. | |
Helmut Hosenfeld holt ein Gemälde, ein in Blassgrün gehaltenes Portrait | |
seines Vaters. "1940" steht mit Bleistift auf der Rückseite. Wilm Hosenfeld | |
hat auf dem Bild einen geraden Blick, einen korrekten Seitenscheitel, eine | |
ordentliche Uniform. Das Porträt eines deutschen Soldaten. Warum hat | |
ausgerechnet er Menschen gerettet? Warum haben so viele andere, die auch | |
gläubige Katholiken und Patrioten mit humanistischen Idealen waren, dies | |
nicht getan? Empirische Befragungen von Judenrettern zeigen, dass mehr als | |
zwei Drittel spontan handelten und nur ein Fünftel ihre Taten planten. | |
Meistens waren die Rettungen unwillkürliche humane Gesten. Das ist eine | |
Annäherung an das Phänomen, eine Erklärung ist es nicht. | |
Der Vater, sagt Helmut Hosenfeld, hatte immer einen offenen Blick und die | |
"Fähigkeit zum Mitfühlen". Es war so, dass "ihm jeder Mensch etwas bedeutet | |
hat". Er eignete sich nicht als Rassist. So einfach? Ja, so einfach. | |
Helmut Hosenfeld hat den Krieg durch Glück überlebt. Weil Ärzte gebraucht | |
wurden, durfte er 1943 in Frankfurt am Main studieren. Sonst wäre er wohl | |
in Stalingrad umgekommen. Und was hat Helmut Hosenfeld von dem Terror der | |
Nazis im Osten wahrgenommen? Im Jahr 1941, an der Ostfront, erzählt er, | |
musste er einen verwundeten Rotarmisten versorgen. Der Gefangene lag im | |
Keller eines Schulgebäudes. Er brachte ihm Essen. Als die Truppe weiterzog, | |
ging er in den Keller, um nachzusehen. Jemand hatte ihn getötet. | |
"Erschossen, einfach so", sagt Helmut Hosenfeld mit einem Zittern in der | |
Stimme. "Habe ich das jetzt doppelt erzählt?", fragt er unsicher. Für einen | |
Moment ist es still. Man blickt in den Garten und auf den Apfelkuchen. | |
Nein, sagt Detlev Hosenfeld. "Das hast du noch nie erzählt." | |
"Die deutlichste Erinnerung an meinen Vater ist eine Szene in Warschau | |
1941" | |
20 Jul 2009 | |
## AUTOREN | |
Stefan Reinecke | |
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