| # taz.de -- Besuch beim Teltower Tisch: Eintopf für die ganze Woche | |
| > Der Teltower Tisch hat seit einiger Zeit genug Essen für alle | |
| > Bedürftigen. Hartz-IV-Empfänger, aber auch Rentner. "Denen geht es oft | |
| > noch schlechter." Ein Blick ins Abseits der Armut. | |
| Bild: Essensausgaben für Arme haben Konjunktur – wie hier die Tafeln. | |
| Anfang der 1990er-Jahre wurde in Berlin die erste "Tafel" gegründet, ihre | |
| Tätigkeit bestand im Einsammeln und Verteilen übrig gebliebener, nicht mehr | |
| verkäuflicher Lebensmittel für Arme nach dem amerikanischen Vorbild der | |
| "Food Banks" beziehungsweise des "Second Harvest". Was damals für | |
| Obdachlose gedacht war, wurde zu einem stetig wachsenden Versorgungssystem | |
| für eine stetig wachsende Anzahl arm gewordener Normalbürger. | |
| Auch als Folge von Hartz IV entstanden bis heute deutschlandweit mehr als | |
| 850 Tafeln, die ein Netz von etwa 2.000 Ausgabestellen beliefern, in denen | |
| laut Schätzungen des Bundesverbandes 1 Million Bürger vorstellig werden. | |
| Die Beschaffung und Verteilung von jährlich etwa 130.000 Tonnen | |
| Lebensmitteln verlangt logistisches Management, vor allem aber das | |
| Engagement zehntausender ehrenamtlicher Helfer und 1-Euro-Jobber. | |
| Es gibt eine Reihe bekannter und unbekannter Sponsoren aus der | |
| Geschäftswelt, ganze Schulklassen spenden jedes Wochenende von ihrem | |
| Taschengeld, Betriebe sammeln, eine Supermarktkette hat ihren | |
| Pfandflaschenautomaten einen Knopf einbauen lassen, mit dem auf | |
| Kundenwunsch der Betrag den Tafeln gutgeschrieben wird. Die Tafel ist ein | |
| sogenannter Sympathieträger mit hohem Ansehen, die aus dem Nichts eine Art | |
| Schlaraffenland hervorzaubert. | |
| Für viele Arme ist sie nicht mehr wegzudenken. Und auch nicht für viele | |
| Lebensmittelketten, Discounter und Geschäfte. Ehedem musste bezahlt werden | |
| für die Abholung des "Biomülls" - aus dem die Entsorgerfirmen eine | |
| Gärsubstanz herstellen, die sie an Biogasunternehmen weiterverkaufen, und | |
| die wiederum gewinnen aus 8.000 Tonnen Lebensmitteln ungefähr 3.000 | |
| Megawatt sauberen Strom. | |
| Nun erspart die Entsorgung über die Tafeln nicht nur die Kosten, es gibt | |
| auch noch gratis eine Imagewerbung mit dazu. Und die steuerliche | |
| Abschreibung der Spende. | |
| Die geschickte Nutzung dieser drei Fliegen pro Klappe hat die Tafel zu | |
| einer Art Wohlfahrtskonzern werden lassen, der längst seine Fühler nach | |
| einer europäisch vernetzten deutschen Foodbank großen Stils ausgestreckt | |
| hat. Und für die Strategen einer "Verschlankung der Sozialpolitik" sind die | |
| Tafeln, ist private Wohlfahrt, absolut unverzichtbar. | |
| Was ursprünglich Philanthropie war, wird unter der Parole "Essen, wo es | |
| hingehört" zur schöngefärbten Abspeisung der Armen und zur Beihilfe bei der | |
| stillschweigenden Aushöhlung des im Grundgesetz vorgegebenen | |
| Sozialstaatsgebots. | |
| ## | |
| Die Privatisierung des Armutsrisikos macht Fortschritte. Und nicht von | |
| ungefähr steht die berüchtigte Berater- und Rationalisierungsfirma McKinsey | |
| dem Bundesverband der Tafeln seit vielen Jahren zur Seite (ebenso den | |
| Tafeln in Österreich, der Schweiz, Kanada usw.). McKinsey war unter anderen | |
| beteiligt am Konzept von Hartz IV, an der Arbeitsweise der ARGEn und an der | |
| "Reform" der Sozialversicherung. | |
| Vollkommen gratis hat der teure McKinsey für den Bundesverband einen | |
| Leitfaden und ein Handbuch für Aufbau und Betrieb einer Tafel verfasst, | |
| bindende Lektüre für jedes seiner Mitglieder. | |
| Der "Teltower Tisch" befindet sich an einem etwas heruntergekommenen Teil | |
| der Hauptstraße von Teltow/Potsdam Mittelmark. Lebensmittelausgabe ist | |
| samstags von 14 bis 17 Uhr. Auf dem schmalen Grundstück, Potsdamer Straße | |
| 34, befindet sich im hinteren Teil ein Stück Rasen mit einem kleinen | |
| Kinderspielplatz, durch eine Hecke abgetrennt vom betonierten Hof vorn. | |
| Dort steht ein flaches Gewerbegebäude, eineinhalb Zimmer groß, es dient als | |
| Ausgabestelle. Gegenüber hat jemand ein Holzgerüst gezimmert und mit | |
| Plastikplanen bezogen, eine Überdachung, darunter Stände und Obstkisten wie | |
| auf dem Markt. An den Pfosten hängen gelbe Schilder "Hier dürfen Sie sich | |
| selbst bedienen". Alles wirkt geordnet, säuberlich, aber recht ärmlich und | |
| beengt. | |
| Ab 13 Uhr kommen Lieferfahrzeuge auf den Hof, darunter auch von der | |
| Potsdamer Tafel. Männer laden die Obst- und Gemüsekartons aus. Es gibt | |
| Mangold, viele Bananen, Melonen, Radieschen, Tomaten, Trauben, Zucchini, | |
| Auberginen, Möhren, Blumenkohl, viele Nektarinen, Sellerie, diverse Kräuter | |
| und so fort. Ein eingespieltes Team gestandener älterer Frauen sortiert und | |
| mustert aus. | |
| Die Kartons und Kisten füllen sich mit gut aussehender Ware. Ein Fahrzeug | |
| bringt Brot, Brötchen und Backwaren, vorwiegend aus hellem Mehl. Alles wird | |
| hineingetragen ins Gebäude, und auch dort stehen ehrenamtliche Helferinnen | |
| bereit und füllen die Regale und Tische mit dem Angebot. Es gibt auch | |
| Bücher hier und einen Tisch mit Kinderspielzeug. Vier große | |
| Gewerbekühlschränke mit Glastüren, gespendet von einer Sparkasse, geben det | |
| Szenerie ein bisschen was von einem Geschäft. | |
| Die Leiterin der Stelle, Schwester Ulrike Büttner von der Diakonie, | |
| schwirrt hin und her und hat ein Auge auf alles. Sie empfiehlt uns Wolfgang | |
| Leube als Gesprächspartner. | |
| Der zögert nicht lange und bittet ins winzige Dienstzimmer. Wir erfahren, | |
| das er 1956 in Thüringen geboren ist, seit 1965 in Berlin lebt und ein | |
| richtiger Teltower geworden ist. Im Jahr 1973 machte er im VEB Teltomat | |
| seine Ausbildung zum Elektromonteur, daneben arbeitete er auf dem Friedhof | |
| Teltow. Im Jahr 1990 wurde er Friedhofsverwalter. Seit 2003 ist er | |
| ehrenamtlicher Mitarbeiter beim Teltower Tisch. | |
| Wolfang Leube bietet uns Kaffee an und erzählt: "Neun Jahre, sag ich mal, | |
| gibts jetzt diese Institution. Früher waren es mal vier Vereine, eine | |
| Arbeitsloseninitiative, die haben sich zusammengetan im ,Kleinen Netzwerk'. | |
| Die Räume waren in der Jahnstraße, in unserer alten DDR-Sparkasse. | |
| Und die waren viel günstiger, platzmäßig. Und auch viel diskreter als hier, | |
| wo wir ja direkt auf dem Präsentierteller sind, ohne Zaun und Tor. Hier | |
| müssen die Leute bei Wind und Wetter im Freien anstehen, allen Blicken | |
| ausgesetzt. Viele schämen sich, gesehen zu werden. Es gibt auch leider viel | |
| Gerede in Teltow. Die Jahnstraße ist dann gescheitert, aus finanziellen | |
| Gründen, wir konnten uns nicht selber tragen, da hat keine Behörde | |
| geholfen, nichts. | |
| Und wenn unsere Frau Kuke nicht gesagt hätte, wir können hierher - das war | |
| der ehemalige Angelladen ihres Mannes -, dann hätte es die Institution | |
| nicht mehr gegeben. Dann wäre es aus gewesen. Die Ämter haben sich nicht | |
| gerührt. Im Jahr 2004 hat dann das Diakonissenhaus Teltow/Lehnin die | |
| Trägerschaft übernommen. | |
| Inzwischen geht es uns wieder ganz gut. Wir versorgen hier drei Orte: | |
| Teltow, Kleinmachnow und Stahnsdorf. Es kommen momentan 38 Familien mit | |
| zwei, vier, fünf oder auch zehn Kindern, und 80 Einzelpersonen. Da hängen | |
| also ein paar hundert Leute dran. In den letzten Wochen und Monaten kamen | |
| neue Leute dazu. | |
| Wir haben auch immer etwa 15 bis 20, ob nun Rentner oder Invaliden, die | |
| keine Marken haben, die ,nicht berechtigt' sind. Die kommen aber trotzdem | |
| und bekommen auch, was eben noch da ist. Es wird niemand weggeschickt. Wir | |
| haben Marken, die werden von den Berechtigten in so einer Art Lossystem | |
| gezogen jede Woche, damit es gerecht zugeht und keiner sich benachteiligt | |
| fühlt. Die Familien kommen immer zuerst. Aber wir haben jetzt immer genug | |
| da, es bekommt also der Erste genug, und auch der Letzte kommt nicht zu | |
| kurz. | |
| ## | |
| Wir hatten zwei Jahre lang einen Engpass bezüglich der Ware, da bin ich | |
| dann immer rumgefahren zu den Geschäften, um die Reste zu bekommen für die | |
| Leute, aber weil wir nicht als ,Tafel' anerkannt waren, haben wir nicht | |
| viel bekommen. Es gab dann auch Meinungsverschiedenheiten mit der Potsdamer | |
| Tafel. Doch jetzt werden wir von der Tafel beliefert, das ist ein Probelauf | |
| für ein halbes Jahr, und die Lage hat sich entschärft, es ist genug da. | |
| Also die Nummer ist eigentlich nicht mehr ausschlaggebend, aber wir | |
| behalten sie bei. | |
| Ganz wichtig ist zu sagen, dass viele Rentner kommen, die ja oft mit nur 10 | |
| Euro über dem Limit liegen, also keinen Sozialausweis kriegen. Denen geht | |
| es oft schlechter als den Hartz-IV-Empfängern. Teltow und Stahnsdorf als | |
| Gemeinden, die stellen Sozialausweise aus, das heißt, die bearbeiten das | |
| dort, die urteilen nach den Papieren, was ich persönlich ja schön finde, | |
| aber ich möchte nicht beurteilen, wer bedürftig ist und wer nicht. | |
| Kleinmachnow stellt keine Karten aus. | |
| In Kleinmachnow wohnen die Reichen, die Schauspieler, da gibt es keine | |
| Bedürftigen, anscheinend. Die kommen aber trotzdem bei uns rein, haben ihre | |
| Hartz-IV-Bescheinigungen und bekommen selbstverständlich was, wie jeder. | |
| Jedenfalls, wir geben den ,Abholern' - wir sagen ,Abholer' und nicht | |
| ,Kunden' wie die anderen, denn wir geben hier die Lebensmittel kostenlos | |
| weiter - denen geben wir so viel, wie da ist am liebsten. | |
| Am Schluss muss hier alles raus, denn wir haben keine Lagermöglichkeit, | |
| außer den Kühlschränken. Und da drin wirds ja auch nicht frischer! Wir | |
| haben ein, zwei Leute, die Schweine haben, wo wir dann, bevor wirs | |
| wegschmeißen, denen Bananen geben, kistenweise, und Brot und Brötchen. | |
| Abfall ist ein Problem, die Biotonnen sind schnell voll, und wir müssen | |
| aufpassen, dass keine Ratten kommen, denn da ist ja gleich der Kindergarten | |
| in der Nachbarschaft. Fleisch und Wurst kriegen wir immer relativ wenig, | |
| also da bleibt nichts an Abfall. Wir haben ein Ehepaar, die holen sich, | |
| wenn alles verteilt ist, die Reste an Obst. | |
| Erdbeeren waren gerade viele da. Die machen daraus für die Leute Marmelade, | |
| und die Zutaten werden gegen Rechnung von uns hier bezahlt. Ist schön, so | |
| was! Und die Holzkisten holt der Siggi sich, der hat Ofenheizung und macht | |
| sie klein für den Winter. Wir versuchen, so viel wie möglich zu verwerten, | |
| denn das tut einem ja leid, es einfach wegzuwerfen! | |
| Wir versuchen, es hier so gemütlich und schön zu machen, wie es mit unseren | |
| Mitteln geht. Aber wir sind zu beengt, die Leute können sich nicht mal | |
| irgendwohin setzen. Nur wenn der christliche Verein aus der Ruhlsdorfer | |
| Straße kommt - die machen alle 14 Tage ein Grillfest hier -, da stehen dann | |
| Bänke, aber ansonsten … Und im Winter findet die Ausgabe hier drinnen | |
| statt. Die Abholer stehen dann dicht gedrängt, aber irgendwie muss es | |
| gehen. Andere Räume bekommen wir einfach nicht. | |
| ## | |
| Hier haben wir wenigstens einen Halbjahresvertrag, der sich jeweils | |
| verlängert, auf Widerruf. Die Diakonie würde uns vielleicht sogar Räume | |
| geben, aber das wäre für viele Abholer einfach zu weit. Viele gehen mit den | |
| Beuteln ja zu Fuß nach Hause, weil mit dem Bus fahren, das kostet ne Menge, | |
| das ist bei 359 Euro zum Leben und allem einfach nicht drin. Aber trotz | |
| allem, die Leute kommen gern hierher. Die Kinder sind auch gern da, spielen | |
| ein bisschen und kriegen was zum naschen. | |
| Es ist ja auch die Geselligkeit wichtig für den Menschen, manchmal | |
| lebenswichtig. Wir haben einen Behinderten, Rollstuhlfahrer, er hat keine | |
| Beine mehr, jetzt hat er auch noch seine Frau verloren, der sagt, ich bin | |
| froh, dass ich immer ein paar Leute treffe und quatschen kann. | |
| Man sieht es ja auch, dass die Leute hier viel miteinander reden. Sie | |
| tauschen sich aus beim Warten, manchmal tauschen sie auch Kochrezepte, da | |
| höre ich gern zu. Eine fragt, was machst du eigentlich mit dem und dem? Und | |
| der oder die erzählt, was sie kocht, und das macht dann die Runde. | |
| Die Leute haben wieder Spaß am Kochen, und sie machen aus dieser | |
| ,Ergänzung' - denn das soll es laut Definition sein - was Gutes für sich, | |
| für ihre Familie. Und das ist wichtig, besonders für Frauen mit Kindern, | |
| die es ja in allem härter trifft. Denen reicht das vom Amt zugeteilte Geld | |
| noch weniger als den anderen. | |
| Es ist einfach zu wenig, um sich gesund und gut zu ernähren, und schmecken | |
| soll es ja auch. Und das muss ich nun unbedingt noch sagen: Die Sachen | |
| stehen zwar unmittelbar vor dem Ablaufdatum oder müssen raus, weil nächste | |
| Woche Frischware kommt, sie sind aber noch tadellos in Ordnung. Also nicht | |
| nur ,verzehrfähig', sondern, ich sag mal, appetitlich. Alles andere wird | |
| von uns aussortiert, da achten wir Ehrenamtlichen sehr darauf. Denn dass | |
| jeder sich freut über die Waren, das liegt uns am Herzen. | |
| Sonnabends sind wir schon früh hier, erst mal trinken wir Kaffee, | |
| besprechen uns, machen den Hof sauber und bereiten alles vor. Unter der | |
| Woche bin ich ab und zu da, schau nach dem rechten und gieße die Blümchen. | |
| Momentan sind wir 26 Leute etwa, anwesend sind heute 10. Die beiden Herren | |
| sind Strafarbeiter. | |
| Sie sind sehr fleißig und wollen, auch wenn sie die Strafe abgearbeitet | |
| haben, hier bleiben. Und wir haben, was mich besonders freut, auch Jugend | |
| hier, fünfzehnjährige Mädels, die noch Schülerinnen sind und helfen wollen. | |
| Aber letzten Endes sind wir zu wenig Leute. | |
| Was wir bräuchten, das ist eigentlich ein fester Stamm, der jeden Sonnabend | |
| zuverlässig hierherkommt, denn manchmal wird es eng. Das ist das Problem. | |
| Die Damen hier sind sehr engagiert, teilweise schon sehr lange. Einige | |
| kannten sich, glaube ich, noch von den Betrieben her, haben da lebenslang | |
| zusammengearbeitet, im Kombinat elektronische Bauelemente Carl von | |
| Ossietzky oder im VEB Geräte- und Reglerwerke. Das waren Großbetriebe hier | |
| in Teltow, die hatten über 5.000 Beschäftigte! | |
| Man hat ja früher ewig in so einem Betrieb gearbeitet, das war wie Familie. | |
| "Das gabs nicht wie heute, diesen dauernden Wechsel. Oder gar | |
| Arbeitslosigkeit, das gabs gar nicht. Ich selbst habe bis zur Wende im VEB | |
| Teltomat gearbeitet, da wurden die großen Asphaltmischmaschinen | |
| zusammengebaut, Endmontage, und wir haben die Elektrik montiert, die Kabel | |
| verlegt. Die Maschinen gingen sogar in den Export ins nichtsozialistische | |
| Ausland! | |
| Es sind jedenfalls Bekanntschaften entstanden, Ehen sogar. Und | |
| Freundschaften, die teils bis heute gehalten haben. Ich bin damals durch | |
| einen Kumpel zu diesem Verein hier gestoßen, zum ,Kleinen Netzwerk', damals | |
| noch, und ich habe es nie bereut. | |
| Durch meine Friedhofstätigkeit kannte und kenne ich ja eine Menge Leute. | |
| Ich habe das damals schon als Schüler gemacht, mit 15 Jahren habe ich auf | |
| dem Friedhof Teltow angefangen, habe geholfen, Leute zu beerdigen, für 7,50 | |
| Mark Taschengeld. | |
| Während der Lehre habe ich mal eine ,Kent' gekauft, die sooo lang ist, das | |
| war natürlich in der Disko der Hammer, als ich die geraucht habe! Ich bin | |
| dieser Arbeit treu geblieben, über die Lehre hinaus war ich immer auf dem | |
| Friedhof, jeden Tag, 37 Jahre lang, Montag und Donnerstag von 1 bis 18 Uhr, | |
| Sonnabend von 9 bis 14 Uhr. Ich habe die Urnen getragen und Gruften gemacht | |
| für die Erdbestattung. 25 Mark gabs dafür später, ein Schweinegeld! | |
| Der Friedhof ist sehr schön, den müssen Sie unbedingt besuchen, fünf Hektar | |
| groß, mit vielen alten Bäumen. Und dort habe ich schon als junger Mensch | |
| kennengelernt, was seelischer Schmerz ist, was Probleme sind. Was das | |
| bedeutet, wenn ein Kind stirbt, ein Vater, ein Partner. Ich habe auch sehr | |
| viele Trauerreden gehalten, lange und kurze, schon bevor ich | |
| Friedhofsverwalter war. Da kamen oft Leute, die sagten, Sie sind der erste | |
| Mensch, mit dem ich seit Tagen rede. | |
| Die schwerste Zeit, habe ich festgestellt, kommt immer erst nach dem | |
| Bestattungstag, dann ist der Tote unwiderruflich und für immer weg. Aber | |
| das Allerschlimmste ist, wenn Kinder gestorben sind, wie damals das | |
| achtjährige Mädchen beim Sturm 1972 am 17. November. Es war mein erstes | |
| Mal, so was vergisst man nicht. Oder die Kinder, die nach der Wende | |
| verstärkt durch Verkehrsunfälle ums Leben gekommen sind, durch neue Autos | |
| und Motorräder. Ganz schlimm. Ich habe das deutlich registriert auf dem | |
| Friedhof. | |
| Im Jahr 1990 bin ich dann übernommen worden als Friedhofsverwalter. Es hat | |
| mich selbst gewundert. Heute ist das sehr eingeschränkt, ich habe zwar noch | |
| eine Stelle, aber nicht mehr in der Verwaltung. Damals bin ich ins kalte | |
| Wasser gesprungen. Ich dachte, den Friedhof kenne ich wie kein anderer, ich | |
| weiß, was gemacht werden muss. Aber ich habe alles falsch gemacht, | |
| anscheinend. | |
| Heute kann ich es ja sagen, ich bin entmachtet worden, habe den | |
| Erneuerungsmaßnahmen im Wege gestanden. Man har mir vorgeworfen, dass ich | |
| nicht marktwirtschaftlich denke und handle. Gut, vielleicht hätte ich den | |
| Leuten grundsätzlich eine Doppelstelle für viel Geld verkaufen müssen, aber | |
| ich habe gesagt, Sie können auch eine Einzelstelle nehmen und dann später | |
| noch eine Urne draufbetten, das kommt billiger. Denn es ist ja alles sehr | |
| viel teurer geworden nach der Wende. | |
| Manch einer war ein armes Schwein. Man versetzt sich ja auch rein in die | |
| Leute, und die waren mir dankbar. Oder wir haben auch alte Einfassungen | |
| gescheuert, ganz primitiv mit Sand und Bürste, und die dann für wenig Geld | |
| weiterverkauft. | |
| Ich erzähle jetzt die ganze Zeit von mir, aber Sie wollen es ja wissen. | |
| Also in mir sträubt sich einfach alles … ja schon, ich bin Christ, aber das | |
| ist ganz schwierig. Eigentlich bin ich radikal, im Grunde. Ich verrate | |
| Ihnen, ich habe Karl Marx gelesen, freiwillig! Und ich bin ein Fan von Rosa | |
| Luxemburg. Daher werde ich auch als Roter beschimpft. | |
| Mir haben immer die Ideale imponiert. Die hat unsere DDR-Führung ja leider | |
| schändlichst missbraucht und verraten, für meine Begriffe. Leider. Und ich | |
| bin auch von den 68ern ein Fan in manchem. Ich war eigentlich schon immer | |
| ,anti'. Ein ganz dummes Beispiel: Ich war im Ferienlager, und es sollte ein | |
| Stück aufgeführt werden. | |
| ## | |
| Die Leiterin hat zu mir gesagt, und du, du machst den Prinzen! Und ich | |
| sagte, nein, auf keinen Fall, ich will den spielen, der gegen den Prinzen | |
| ist! Das ist bis heute so geblieben. Ich lege mich mit jeder Obrigkeit an. | |
| Gründe gibts ja genug. Und ich muss sagen, um das abzuschließen, ich bin | |
| auch maßlos enttäuscht worden von der sogenannten Demokratie, als ich | |
| gemerkt habe, es gibt sie gar nicht! Ich hasse das, wie man für dumm | |
| verkauft wird, und noch mehr hasse ich die Erhabenheit derjenigen, die | |
| Macht haben über die, die sie nicht haben. | |
| So, jetzt wissen Sie, weshalb ich hier bin. Und ich weiß, dass sich dadurch | |
| nichts ändert an den Ursachen. Ist klar. Aber trotzdem, es ist wichtig für | |
| die Leute, dass wir das hier zusammenmachen jeden Samstag. Und ich sage | |
| Ihnen, ich sehe mich bei der ganzen Geschichte nicht als den, der hinter | |
| diesem Ausgabetisch steht, ich sehe mich auch als denjenigen, der davor | |
| steht. | |
| Finde ich wichtig, dass man das weiß. Es kann mir passieren, dass ich | |
| morgen davorstehe, oder auch Ihnen sogar. Dass man dankbar sein muss, wenn | |
| man einen Beutel bekommt. Und was mich immer fertigmacht, wenn ich sehe, | |
| gleichaltrige Kumpel, mit denen ich in der Schule war, mit denen ich | |
| gelernt habe, wie die hierherkommen heute. Also, das ist für mich ein | |
| Problem. | |
| Das sind Kumpel, die einen ordentlichen Beruf hatten ihr Leben lang, die | |
| Familie haben und dann wie viele plötzlich ihre Arbeit und alles verloren | |
| haben. Ein direkter Spielkamerad von mir kommt auch. Der hat studiert, ist | |
| hochintelligent, hat ein großes Wissen und alles, und dieser Mann findet | |
| keine Arbeit mehr und schlägt sich mit Hartz IV und 1-Euro-Jobs rum. | |
| Da komme ich dann schnell ins Nachdenken: Wie kann das denn sein, dass | |
| diese Gesellschaft das angeblich nicht brauchen kann, dieses Wissen und | |
| diese Kenntnisse, dass der Mann einfach nichts mehr wert ist?! Die Logik | |
| verstehe ich nicht. Es geht nur noch um Geld, Geld, Geld! Den ganzen Tag in | |
| allen Nachrichten. | |
| Geld hat schon auch eine Rolle gespielt früher in der DDR, aber nicht die | |
| Rolle, die es heute spielt: die Überlebensrolle! Und ich sehe das hier | |
| besonders deutlich, auch bei den Kumpels. Ich schäme mich zwar nicht, wenn | |
| ich die treffe, ich bin ja nicht dafür zuständig, was passiert, aber ich | |
| habe ein flaues Gefühl im Magen, ehrlich gesagt. | |
| So, jetzt muss ich mal ein bisschen was arbeiten. Heute ist nicht so viel | |
| los, gestern war ,Geldtag', unserer Erfahrung nach kommen dann einige | |
| nicht. Die wollen wahrscheinlich lieber mal richtig einkaufen gehen, im | |
| Supermarkt." | |
| Wir bedanken uns für das Gespräch. Während Elisabeth den leicht verlegenen | |
| Herrn Leube fotografiert, gehe ich hinaus und mische mich unter die | |
| Wartenden. Der Hof ist voll mit plaudernden Menschen, die in Grüppchen | |
| wartend beieinanderstehen. Dann werden Nummern aufgerufen, die Betreffenden | |
| treten mit ihren Taschen und Beuteln zu den Ständen. | |
| Ich spreche eine junge Mutter mit zwei kleinen Kindern an, stelle mich vor | |
| und frage, ob ich sie begleiten darf bei ihrem Rundgang. Sie nickt | |
| unbefangen und erzählt, dass sie Hartz IV bekommt, ihr Mann arbeitet | |
| halbtags und macht eine Ausbildung zum Altenpfleger. Sie öffnet ihren | |
| Einkaufstrolly, nimmt, was sie braucht von den freundlichen Ehrenamtlichen. | |
| "Ja, Nektarinen sind sehr gut", sagt sie, "die kann man nämlich liegen | |
| lassen, bis sie reif sind. Einige von den Honigmelonen auch, bitte." | |
| Sie verstaut diverse Gemüse und Salat, trifft ihre Wahl wohlüberlegt. Auch | |
| die Kinder dürfen mit entscheiden. Sie sagt. "Ich bin jetzt seit vier | |
| Wochen dabei, meine Mutter auch, und ich muss sagen, ich bin | |
| superzufrieden. Wir leben seitdem sehr gesund. Gesünder als vorher und auch | |
| sehr abwechslungsreich. Das ist ja alles sehr wichtig, wenn man Kinder hat, | |
| die möchten ja auch zugucken, wie die Mutter kocht. | |
| Denn es ist doch so, dass man vom Geld, das man kriegt, nicht das richtige | |
| Essen kaufen kann. Ich sag mal so: Es reicht zwar hin, um eine Familie mit | |
| drei Kindern zu ernähren, was wir an Geld bekommen, aber eben mit viel Dose | |
| und Nudeln wenig Frisches. Für frische Sachen reicht es einfach nicht." | |
| Inzwischen wurde auch die Markennummer der Oma aufgerufen, sie verstaut | |
| ihre Waren und gesellt sich zu uns. "Na, heute ist ne Menge da!" Die | |
| Tochter sagt: "Ja, es ist richtig gute Ware dabei, echt super, ich muss | |
| sagen, es war jedes Mal so." - "Die Kinder können frisches Obst und Gemüse | |
| essen", sagt die Oma, "ganz anders als früher." | |
| Die Mutter nickt und sagt: "Ich bin über meinen Schatten gesprungen. Hatte | |
| gehört von dieser Stelle, aber ich dachte immer, ne, so nötig haben wirs | |
| nicht! Aber ich war richtig blöd. Wäre ich doch nur schon früher gekommen." | |
| - "Ja", fügt die Oma hinzu, "es wird ja sonst alles nur weggeschmissen in | |
| den Läden." Wir gehen ins Gebäude. Dort bekommen die beiden Frauen Brot, | |
| Brötchen, Hefeklöße und Milchprodukte. Die Palette des Angebots ist groß: | |
| Bioquark, Biomilch, Frischkäse, mehrere Sorten französischer Ziegenkäse | |
| liegen bereit, Joghurt in Mengen, Butter, Eier, Aufschnitt. | |
| Sogar echte Crevetten und künstliches Krebsfleisch sind im Angebot für den, | |
| der es mag. Die Kinder stehen vor dem Kindertisch und singen im Duett: Wir | |
| möchten ein Mal…buch, ein Mal…buch…" Und sie bekommen ein Malbuch von Fr… | |
| Kuke. "Für ein Lächeln", sagt sie, "es kostet nur ein Lächeln." Der kleine | |
| Junge bekommt auch noch einen Plastiklöwen mit beweglichen Beinen | |
| geschenkt, und als ich ihn nach zehn Minuten draußen wiedertreffe, lächelt | |
| er noch immer. | |
| Ich treffe auf die kleine Gruppe ohne Marken. Sie warten geduldig. Eine | |
| ältere Frau sagt: Wenn man keine Nummer hat, dann muss man halt ausharren | |
| bis zum Schluss, aber sogar dann, wenn man drankommt, ist noch genug da. | |
| Genug für alle, da hat keiner das Nachsehen." - "Ne", sagt eine Rentnerin, | |
| "vor ner Weile wars noch ganz anders, da brauchte man ja gar nicht mehr | |
| herkommen. Jetzt haben sie in Hülle und Fülle. Man kann nicht meckern. Nur | |
| Fleisch ist immer wenig. Aber es geht auch ohne. Ne, ich muss schon sagen, | |
| ist gut hier, und die Mitarbeiter sind richtig freundlich und hilfsbereit." | |
| "Gleich geht es los, ich sehe ihn schon", sagt ein Mann mit Brille. Aber | |
| die Rentnerin schaut auf ihre Uhr und sagt: "Ne … noch fünf Minuten. Na, | |
| ich freu mich schon auf die Paprikaschoten und alles. Das ist ja immer sehr | |
| gut noch, das Obst und Gemüse. Ein dünner Mann, der bisher geschwiegen hat, | |
| ist anderer Meinung: "Ich sehe das nicht so! | |
| Das sind alles alte, abgelaufene, überlagerte Sachen, die sie im Geschäft | |
| gar nicht mehr bis Montag aufheben können. Das wird ziemlich schnell | |
| schimmlig oder schlecht, gerade das Gemüse. Und wenns mal angegangen ist, | |
| dann ist es angegangen. Sicher, man kanns wegschneiden, aber der Schimmel | |
| ist überall. Es ist gefährlich, den Schimmel mitzuessen!" | |
| Die Runde schweigt und macht abweisende Gesichter. Nur die Rentnerin | |
| erklärt unbeeindruckt: "Also, ich habe noch keinen Schimmel gefunden. Man | |
| muss es ja nicht aufheben tagelang. Ich wasche die Sachen gut ab und koch | |
| mir einen schönen Eintopf für die ganze Woche. Dann habe ich auch gleich | |
| was, wenn die Enkel kommen." | |
| Wolfgang Leube nähert sich, begrüßt die Markenlosen und gibt die Reste | |
| frei. | |
| 31 Aug 2009 | |
| ## AUTOREN | |
| Gabriele Goettle | |
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