# taz.de -- Erweiterter Kunstbegriff: Feminismus mit Holzhammer und Humor | |
> Die Kestnergesellschaft in Hannover zeigt eine große Ausstellung der | |
> Künstlerin Elke Krystufek. Sie ist mindestens so gut wie ihr reichlich | |
> turbulentes Zustandekommen. | |
Bild: Wallende Jesus-Matte, üppiges Gemächt: Krystufeks "Your childhood" aus … | |
Man(n) schlug die Pressemappe auf und wusste gleich: Elke Krystufek ist ein | |
harter Brocken. "Wunschgemäß", heißt es da, sei der Künstlerin die | |
Presseerklärung zur Überarbeitung überlassen worden. Sie verstehe "ihre | |
Überarbeitung im Sinne eines KünstlerInnentextes". Als Krystufek später | |
neben Veit Görner, dem smarten Chef der renommierten Hannoverschen | |
Ausstellungshalle, Platz genommen hatte, war das Klima so frostig wie | |
draußen vor der Tür. | |
Man versicherte zwar, eine schöne Ausstellung zusammengebracht zu haben, | |
aber Görner konnte nicht verhehlte, dass ihm die Dame gehörig auf den | |
Nerven herumgetrampelt war - und umgesetzt hatte, was im Pressetext | |
angedroht war: nicht weniger als eine feministische Attacke auf die | |
"männerdominierte Kunstinstitution". Und das mit dem "weiblichen | |
Holzhammer". | |
Den, so die Künstlerin, habe es auch gebraucht, um "allen 7 ausschließlich | |
männlichen Vorstandsmitgliedern, dem aus 18 Männern und 1 Frau bestehenden | |
Kuratorium, sowie dem männlichen Direktor und dem männlichen Kurator | |
klarzumachen, was feministische Gegenwartskunst" sei. | |
Ganz Anhängerin eines erweiterten Kunstbegriffs, holte Krystufek schon weit | |
im Vorfeld zum Erstschlag aus: Im Mittelpunkt der Kestner-Schau sollte ein | |
Videofilm stehen, der sich mit den Südsee-Utopien der Avantgarden | |
auseinandersetzt. Arbeitstitel "Palau". Auf den Spuren des Expressionisten | |
Max Pechstein, er hatte die gleichnamige Insel 1914 besucht, reiste | |
Krystufek in den pazifischen Ozean. Im Gepäck neben Kamera und Skizzenblock | |
ein männliches Modell. | |
Aus- und eingeladen | |
Die Reisekosten liefen allerdings derart aus dem Ruder, dass Görner den | |
Filmschnitt nicht mehr bezahlen konnte oder wollte. Nach weiteren | |
Unstimmigkeiten und Streitereien sagte die Deutsch-Österreicherin die | |
Ausstellung kurzerhand ab - zwei Tage vor der geplanten Eröffnung am 4. | |
Dezember. "Die künstlerischen Forderungen und die organisatorischen | |
Möglichkeiten der Veranstalter" passten nicht zusammen, hieß die | |
Sprachregelung. Man schätze Elke Krystufek aber weiterhin als Künstlerin, | |
"nicht zuletzt aufgrund ihrer institutionenkritischen Arbeitsweise", ließ | |
Görner verlauten und holte sie wieder ins Boot. Schließlich muss sein Haus | |
über die besucherträchtigen Feiertage irgendetwas anzubieten haben. | |
Einige Kunstkritiker fielen daraufhin in die branchenübliche | |
Schwerdenkerei. "Ist diese Absage Kunst", fragte sich die Neue Presse, | |
während die Hannoversche Allgemeine unwidersprochen Krystufek-Sätze wie | |
diesen druckte: "Geld ist ohnehin nicht immer der bestimmende Faktor für | |
erfolgreiche Kunstproduktionen." Da hat der Kestner-Chef wahrscheinlich | |
schmerzlich aufgelacht - sein Haus muss ohne einen Cent öffentliche | |
Subventionen auskommen. | |
Den Betrieb vorgeführt | |
Auch die Künstlerin dürfte sich gefreut haben, wie einfach es mancherorts | |
ist, den Betrieb vorzuführen. Sie jedenfalls ließ den Holzhammer munter | |
weiter kreisen. Um das Filmprojekt zu retten, bekam sie von der | |
Kestnergesellschaft ein Darlehen. Krystufek warf die Kamera und hielt die | |
Korrespondenz mit Veit Görner vor das Objektiv. Der geistert anfangs als | |
stetig mahnender "Moritz" durch den Streifen, läuft jedoch am Ende zu ganz | |
großer Form aufläuft, wenn er der eigenwilligen Heroine mit sprühenden | |
Geistesfunken Kontra gibt. | |
Der Film ist urkomisch und verschafft dem Laien Einblicke in das | |
Kunstgetriebe, die er nicht vergessen wird. Überdies stellt er bei allem | |
kleinteiligen Irrsinn auch große Fragen nach dem Sinn von Kunst, dem | |
Zusammenhang von Kapital und Kreativität - und unter welchen Bedingungen | |
letztere heutzutage zu haben ist. Das Werk heißt nun "Palau 1 - below the | |
male belt", weil es, so Krystufek, "obskure Vorgänge unterhalb der | |
männlichen Gürtellinie verhandelt". Als da sind "Begehren, Frustration, | |
Eindruck schinden und Verstecken". | |
Die Künstlerin indes versteckt nichts. In der oberen Etage hat sie das | |
Inselmodell nackert auf Ölbilder gebannt. Dort hängt er mit wallender | |
Jesus-Matte und üppigem Gemächt neben anderen Unbekleideten oder auch | |
Porträts von verehrten Künstlern. Im Nebenraum hat sie die Namen aller je | |
in der Kestnergesellschaft Ausgestellten an die Wand gemalt: 391 Männer in | |
Blau, 32 Frauen in Rot. Das mag Feminismus mit dem Holzhammer sein. | |
Ästhetisch aber macht es, wie die Ausstellung insgesamt, bella figura. So | |
haben die Männer der Kestnergesellschaft wenigstens nicht umsonst gelitten. | |
17 Dec 2009 | |
## AUTOREN | |
Michael Quasthoff | |
## TAGS | |
Hannover | |
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