| # taz.de -- Gesundheitsgipfel: Das Orakel aus München | |
| > Kommt Söder? Was sagt Seehofer? Der Streit um die Gesundheitspolitik | |
| > zeigt: In Berlin sehen sie in der CSU mittlerweile das größere Problem | |
| > als in Westerwelle und seiner FDP. | |
| Bild: Markus Söder (links) und Horst Seehofer während der Sitzung des bayeris… | |
| Mittags um eins wird die Welt noch in Ordnung sein in der | |
| nordrhein-westfälischen Landesvertretung am Rand des Berliner | |
| Regierungsviertels. Die GesundheitspolitikerInnen der Koalition werden | |
| eintreffen, auf Einladung von Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP). | |
| Genau zwei dürfen aus jeder der drei Regierungsparteien kommen. Der Kreis | |
| soll so klein wie möglich sein. Zusammen werden sie das Fußballspiel | |
| zwischen Deutschland und Serbien anschauen, und wenn es ein schönes Spiel | |
| wird, dann wäre vielleicht eine gute Grundlage geschaffen für eine der | |
| schwersten Verhandlungsrunden im Berliner Parlamentsbetrieb. | |
| Seit Monaten liefern sich Politiker aus der Koalition, vor allem aus CSU | |
| und FDP, einen erbitterten Streit um die Gesundheitspolitik. Vordergründig | |
| geht es um die Frage, ob eine einkommensunabhängige Kopfpauschale ein Weg | |
| sein kann, das drohende Defizit im System in den Griff zu bekommen. | |
| Zwischen den Fraktionen, so hört man, ist das Arbeitsklima gut. | |
| Doch am Samstag, am zweiten Tag der Klausur, gibt es einen Tausch in der | |
| Arbeitsgruppe. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Johannes Singhammer wird wegen | |
| eines privaten Termins nicht mehr dabei sein können. Für ihn kommt | |
| möglicherweise der bayerische Gesundheitsminister Markus Söder nach Berlin. | |
| Der Mann, der in den vergangenen Monaten jeden Vorschlag seines Berliner | |
| FDP-Kollegen Rösler abschmetterte. | |
| Es wäre im aktuellen Streit um die Gesundheitspolitik das erste Mal, dass | |
| einer aus München an konkreten Vorschlägen mitarbeitet, statt die Berliner | |
| Kompromisse von außen zu torpedieren. Es könnte eine Chance sein, wenn | |
| Söder kommt, heißt es deshalb in Berlin. Obwohl auch das noch keine | |
| Garantie ist, dass der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer am Ende mit im Boot | |
| sitzt. Er hält sich wie immer alles offen. Bis zuletzt. | |
| Deshalb spielen sie in der Koalition das Treffen schon herunter, bevor es | |
| überhaupt begonnen hat. Es handele sich um ein Gespräch von Fachpolitikern, | |
| sagt Hans-Peter Friedrich, Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag: "Das ist | |
| nicht ein politisches Entscheidungsgremium." Eine neuerliche | |
| Regierungskrise brauche an diesem Wochenende niemand zu befürchten. | |
| Es ist eine Art zweite Koalitionsverhandlung, die CDU, FDP und CSU jetzt | |
| führen. Sogar der Ort ist der gleiche, die nordrhein-westfälische | |
| Landesvertretung, in der die Regierungsparteien vorigen Herbst bis zur | |
| Ermattung um Formelkompromisse stritten. Und dann die Sätze in die | |
| Koalitionsvereinbarung schrieben, um deren Interpretation es an diesem | |
| Wochenende wieder geht. | |
| "Langfristig", heißt es dort, wolle die Regierung ein System von | |
| "einkommensunabhängigen Arbeitnehmerbeiträgen, die sozial ausgeglichen | |
| werden." Aber was heißt "langfristig"? Ist damit die Kopfpauschale der FDP | |
| gemeint? Und was will Seehofer, der gegen dieses Prämienmodell eine | |
| Privatfehde führt, seit er 2004 deshalb als Fraktionsvize zurücktrat? | |
| Damals antwortete Seehofer mit einem seiner typischen Sätze, geheimnisvoll | |
| und hinterfotzig. Jeder dürfe davon ausgehen, "dass die Formulierung dazu | |
| sehr persönlich auch von mir mitentwickelt wurde, damit der Verdacht, es | |
| würde das Gegenteil von dem angestrebt, was ich 2004 vertreten habe, von | |
| vornherein ausgeblendet ist". | |
| So ging es weiter. Bevor die Berliner Gesundheitskommission im März zum | |
| ersten Mal zusammentrat, erklärten die Münchner sie für tot. "Die Arbeit | |
| der Kommission ist so gut wie erledigt, bevor sie angefangen hat", sagte | |
| Söder. Den CSU-Leuten in Berlin war das zu viel. Landesgruppenchef | |
| Friedrich nannte Söder einen "nicht zuständigen Politiker", der sich | |
| "ausschließlich destruktiv" äußere. | |
| Es half nichts. In Berlin betrachten sie Seehofer inzwischen als das größte | |
| Problem der Koalition, nicht etwa den FDP-Chef Guido Westerwelle. | |
| Westerwelles Schicksal ist an den Erfolg des Regierungsbündnisses | |
| gekoppelt, für Seehofer gilt das nicht. Für seinen Erfolg in Bayern wäre es | |
| kein Schaden, wenn Schwarz-Gelb in Berlin nicht mehr regiert. | |
| Am 31. Mai gewährte er Rösler eine Audienz in München. Es war der Montag, | |
| an dem Horst Köhler als Bundespräsident zurücktrat. Der Minister setzte auf | |
| eine konstruktive CSU, das war sein Fehler. Zwei Tage später wollte Rösler | |
| seine Pläne vor Journalisten erläutern. Zeitgleich trat Söder in München | |
| vor die Presse und lehnte den Kompromiss ab. | |
| Penibel plant Söder seit Monaten seine Presseauftritte. Sobald in Berlin um | |
| einen Kompromiss gerungen wird, erklärte er die Pläne für untauglich. "Bei | |
| ihm wissen wir gar nicht mehr, was uns erwartet", sagen viele in der | |
| Berliner Unionsfraktion. Letztlich wissen sie nicht einmal sicher, ob er | |
| nun am Samstag vor der Tür steht. Und ob er dann verhandlungsbereit ist. | |
| Vor der Klausur ist die Situation entsprechend verfahren, die Fachpolitiker | |
| sind angespannt. Zu Wochenanfang waren die CDU-Gesundheitspolitiker Jens | |
| Spahn und Rolf Koschorrek mit Sparvorschlägen an die Öffentlichkeit | |
| gegangen. Knapp 4 Milliarden Euro wollen sie kürzen, bei den Kassen in der | |
| Verwaltung, den Krankenhäusern und den Arzneimitteln. Darüber soll nun am | |
| Wochenende verhandelt werden. "Als Erstes werden wir den Ausgabenbereich | |
| prüfen und Effizienzreserven heben", sagte der CSU-Bundestagsabgeordnete | |
| Johannes Singhammer der taz. "Falls nötig, reden wir noch über die | |
| Einnahmen." | |
| Dass nun vor allem über die Ausgaben gesprochen werden soll, ist der | |
| verfahrenen Situation bei der Kopfpauschale geschuldet. Immer wieder kamen | |
| neue Vorschläge, mal stiegen die Beiträge, mal sanken sie. Mal wurde ein | |
| Sozialausgleich über Steuern angedacht, mal einer über Beiträge diskutiert. | |
| Von 15 bis 150 Euro wurden auch schon alle möglichen Pauschalen ins Spiel | |
| gebracht. | |
| Es wird auf die Minimallösung hinauslaufen, so viel ist klar. Um das | |
| Defizit im nächsten Jahr von 11 Milliarden Euro zu decken, stehen zwei | |
| zusätzliche Milliarden aus dem Bundeshaushalt zur Verfügung. Vier sollen | |
| eingespart werden. Bleiben fünf, die durch eine Erhöhung der Zusatzbeiträge | |
| auf durchschnittlich etwa 15 Euro gedeckt werden könnten. Die Grenze, nach | |
| der die Zusatzbeiträge nicht mehr als 1 Prozent des Einkommens betragen | |
| dürfen, könnte auf 2 Prozent angehoben werden. Dazu könnte eine | |
| Ausnahmeregel für niedrige Einkommen eingebaut werden - dann wäre eine Art | |
| Sozialausgleich geschaffen. Eine Lösung ist das nur für ein Jahr. Schon | |
| 2012 müssten die Beiträge weiter steigen. | |
| "Am Ende brauchen wir einen Kompromiss, den alle drei Parteien mittragen", | |
| sagt der CDU-Gesundheitspolitiker Spahn. "Ich bin optimistisch, dass wir | |
| etwas erreichen", sagt sein Kollege Koschorrek. Mehr ist bei den | |
| beteiligten Partnern wohl nicht drin. Und vielleicht kommt jemand aus | |
| München, der nicht einmal diesen Minimalkonsens mitträgt. | |
| Sie wissen es einfach nicht, bevor es wirklich Samstag ist. | |
| JENS SPAHN, CDU | |
| 18 Jun 2010 | |
| ## AUTOREN | |
| R. Bollmann | |
| G. Repinski | |
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