# taz.de -- Stadträte tolerieren halblegales Pflanzen: Lasst tausend Blumen bl… | |
> Viele Grünflächenämter können sich keine Frühjahrsbepflanzung mehr | |
> leisten. Da das Geld fehlt, dürfen nun die Bürger ran. "Guerilla | |
> Gardening" wird toleriert - meistens. | |
Bild: Sonnenblumenkerne setzt man ab April in den Boden. Blumenwiesensamen gibt… | |
"Guerilla Gardening", die heimliche Aussaat von Pflanzen auf städtischen | |
Brachflächen, ist illegal. Doch angesichts der leeren Kassen der | |
Grünflächenämter entdecken viele Stadträte ihre Sympathien fürs Illegale. | |
"Eine eigenständige Bepflanzung von Grünanlagen ist nach dem | |
Grünanlagengesetz ordnungswidrig", erklärt Klaus-Dieter Gröhler (CDU), | |
Baustadtrat in Charlottenburg und studierter Jurist. Ein Delikt, das den | |
Christdemokraten aber nicht zu stören scheint. Wildgärtnerei habe er nie | |
geahndet, so Gröhler. Wollen die Bürger selbst pflanzen, so bittet der | |
Stadtrat sie lediglich, nicht zu viel frische Erde für die Baumscheiben zu | |
verwenden, denn die Baumrinden vertrügen die Feuchtigkeit nicht. | |
Auch seinen Neuköllner Amtskollegen, Baustadtrat Thomas Blesing (SPD), | |
kümmern die ordnungswidrigen Pflanzaktionen nicht: "Da sollen die Leute | |
machen, wie sie wollen" sagt er. Denn: "Für Frühjahrsblüher fehlt dem | |
Bezirk das Geld", so Blesing. Lediglich drei repräsentative Standorte, rund | |
um den Brunnen am Rathaus, am Standesamt und am Britzer Schloss, werden | |
ganzjährig bepflanzt. | |
Mit einem Tulpenaktionstag, an dem 10.000 Tulpenzwiebeln an Freiwillige | |
verteilt wurden, hat der BUND in der letzten Woche auf die defizitäre Lage | |
der Grünflächenämter aufmerksam gemacht. | |
Die 37-jährige Birgit war die Erste, die in Neukölln ihre Tulpenzwiebeln | |
abholte. Einen Trolley hatte sie mitgebracht, um die 100 Tulpenzwiebeln zu | |
transportieren, die sie sorgfältig aus einem Pappkarton auswählte. Die | |
Tulpen wird sie zusammen mit vier Freunden am Richardplatz einpflanzen, | |
erzählt die zierliche blonde Frau. "Blumenbeete gibt es hier nicht. Darum | |
kreieren wir unsere eigenen", sagt sie. "Der Bezirk interessiert sich nicht | |
für die Bepflanzung", fügt sie hinzu. Ihren Nachnamen will Birgit nicht | |
nennen, schließlich ist ihr Handeln nicht gesetzeskonform. | |
Dabei findet Baustadtrat Thomas Blesing die Aktion des BUND durchaus | |
lobenswert - allerdings zweifelt er den Erfolg an. Zumal es nicht die | |
richtige Zeit zum Pflanzen sei, wie auch Christian Hönig von BUND einräumt. | |
Tulpen müssen im Herbst gepflanzt werden, weil sie einen "Kälteschock" | |
benötigen. Die verteilten Zwiebeln werden daher wohl drei bis vier Wochen | |
verspätet aufblühen, manche sogar erst nächstes Jahr, so Hönig. Carmen | |
Schultze, die Sprecherin des BUND, ficht das nicht an. "Die | |
Grünflächenämter sind so ausgeblutet, dass sie noch nicht mal mehr das Geld | |
für Tulpenzwiebeln haben", kritisiert sie. | |
Eine Aussage, die sich im Neuköllner Nachbarbezirk Friedrichshain-Kreuzberg | |
bestätigt: "Für die Bepflanzung mit Frühjahrsblühern stehen keine Mittel | |
zur Verfügung", räumt Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne) ein. "Die Mittel | |
wurden bereits in den 90er Jahren derartig gekürzt, so dass es keine | |
Frühjahrsbegrünung mehr gibt", so Panhoff. Gegen die Pflanzaktionen von | |
Bürgern hat auch Panhoff nichts. Im Gegenteil: "Wir freuen uns über | |
Eigeninitiative", sagt er. | |
"Die Pflanzaktion ist eine schöne Idee, aber man sollte da schon vorsichtig | |
sein und das am besten mit den Grünflächenämtern abstimmen", mahnt Petra | |
Rohland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, an. "Die | |
Wildgärtnerei hat auch Nachteile", sagt sie. Bestimmte Grünflächen seien | |
beispielsweise schon gestaltet, und zusätzliche Pflanzungen könnten das | |
Gesamtbild stören. | |
Ein Bezirk, in dem das Pflanzbild tatsächlich noch gestört werden könnte, | |
ist Berlin-Mitte. Hier werden 15.420 Euro auf die Frühjahrsbepflanzung | |
verwendet. Mit knapp 40.000 Pflanzen wurden in dieser Woche die | |
Schmuckanlagen an der Luiseninsel, im Englischen Garten und am | |
Alexanderplatz verschönert. | |
Aber auch in Mitte sind die Gelder knapper geworden. "In den letzten zehn | |
Jahren haben sich die Mittel für die Bepflanzung um ungefähr 50 Prozent | |
reduziert", sagt Jürgen Götte, Inspektionsleiter des Grünflächenamtes. | |
Dadurch bleiben Beete, wie das am Tiergarten-Ufer, das letztes Jahr noch | |
bepflanzt wurde, in diesem Jahr leer. | |
Eine positive Ausnahme zur klammen Finanzlage der Grünflächenämter bildet | |
der Bezirk Reinickendorf. Hier wurden in den letzten Jahren die Mittel | |
aufgestockt, was Rüdiger Zech, Leiter des Garten- und Straßenbauamts | |
Reinickendorf, seit drei Jahren eine grünere Bepflanzung erlaubt. Er sei | |
sich bewusst, dass Reinickendorf hier eine positive Ausnahme zu anderen | |
Bezirken bilde, so Zech. | |
Rund 70.000 Blumenzwiebeln waren bereits im Herbst gepflanzt worden, nun | |
werden noch knapp 10.000 Frühjahrsblüher folgen. Den Aktionstag des BUND | |
findet Zech "eher unglücklich". Eine Kooperation mit den Grünflächenämtern | |
sei sinnvoller gewesen, damit der Bezirk nicht nachher selbstbepflanzte | |
Beete ummähen müsste. | |
Die reichhaltige Begrünung in Reinickendorf sei ein gezieltes Anliegen der | |
Politik, erklärt Baustadtrat Martin Lambert (CDU). Aufgrund des | |
Haushaltsüberschusses sei man in Reinickendorf in der Lage, für eine | |
ausgiebige Bepflanzung zu sorgen. Mit Blumenpartnerschaften versuche man, | |
die BürgerInnen in die Blumenpflege einzubeziehen. "Die Menschen sollen | |
sich hier wohl fühlen" sagt Lambert. Ein Ziel, das er mit "Wildgärtnern" | |
wie Birgit und ihren Freunden gemein hat. | |
3 Apr 2011 | |
## AUTOREN | |
Sarah Kohlhauer | |
## TAGS | |
Urban Gardening | |
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