| # taz.de -- Chawkat Takla über die Lage in Syrien: "Der Westen glaubt an Assad" | |
| > Der Unternehmer Chawkat Takla vertritt Syrien in Norddeutschland als | |
| > Honorarkonsul. Obwohl der Feldzug des Präsidenten Assad gegen die | |
| > Opposition viele Tote fordert und die EU ein Waffenembargo verhängt hat, | |
| > glaubt Takla an das Regime. | |
| Bild: "Ich diene keiner Regierung": Chawkat Takla. | |
| taz: Herr Takla, als Honorarkonsul ist es Ihre Aufgabe, für Investitionen | |
| in Syrien zu werben. Können Sie das angesichts der dortigen | |
| Menschenrechtslage guten Gewissens tun? | |
| Chawkat Takla: Ich diene keiner Regierung. Meine Aufgabe ist die Förderung | |
| der wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit. Das schafft Stabilität | |
| und Wohlstand. | |
| In diesem Fall bedeutet es die Stabilität einer Diktatur. | |
| Wirtschaftlicher Aufschwung kommt auch dem Volk zugute. Wollen Sie das Volk | |
| bestrafen? Hat ein Embargo je dem Volk geholfen? Im übrigen gibt es unter | |
| Assad sehr wohl Reformen. | |
| Welche denn? | |
| Als er im Jahr 2000 an die Macht kam, war Syrien ein sozialistisches Land. | |
| Seitdem gibt es eine Öffnung zur Marktwirtschaft. Dadurch konnten | |
| beispielsweise Privatbanken entstehen. Viele Länder haben seitdem in Syrien | |
| investiert. | |
| In Sachen Bürger- und Menschenrechte kann von einer Öffnung aber keine Rede | |
| sein. | |
| Tatsächlich hat sich in dem Bereich viel weniger getan. Das ist der Grund | |
| für die Protestbewegung dort im Moment. Ich habe Assad zwei Mal getroffen. | |
| Beide Male hat er von seinen politischen Reformvorhaben gesprochen. Die | |
| Wirtschaftsvertreter mit denen ich unterwegs war, und ich waren davon | |
| überzeugt, dass er es ernst meint. | |
| Glauben Sie das noch immer? | |
| Ich bin kein Politiker, sondern Wirtschaftsfachmann. Seine Aussage war, | |
| dass äußere Umstände die politischen Reformen verzögert haben: Der | |
| Irak-Krieg, die Libanon-Krise, das Embargo. | |
| Er ist seit elf Jahren an der Macht. | |
| Natürlich hätte die Regierung in den letzten sechs bis sieben Jahren etwas | |
| tun können. Aber jetzt gibt es ja Fortschritte. | |
| Wo? | |
| Die Notstandsgesetze werden abgeschafft, ebenso die Sondergerichte ohne | |
| Revisionsmöglichkeiten. Parteien sollen zugelassen werden, friedliche | |
| Demonstrationen erlaubt, die Korruption soll bekämpft werden. | |
| All dies hätte er doch längst tun müssen. | |
| Natürlich geschieht es auf Druck der Demonstranten. Die Leute haben ja auch | |
| in vielen Punkten recht. | |
| Assad lässt Tausende Oppositionelle verhaften und auf Demonstranten | |
| schießen. Die EU hat deshalb gestern ein Waffenembargo verhängt. | |
| Die Mehrheit der Demonstranten ist friedlich. Einige jedoch sind es nicht. | |
| Die Opposition spricht von bis zu 800 Toten, die Regierung von ungefähr | |
| 200. Von diesen 200 Toten seien etwa die Hälfte Sicherheitskräfte. Täglich | |
| sterben zehn bis 20 von ihnen. Auch sie werden erschossen. Wer tut das? Das | |
| ist doch eine berechtigte Frage. | |
| Woher wissen Sie, dass so viele Soldaten von Demonstranten getötet wurden? | |
| Aus dem syrischen Fernsehen. Dort habe ich die Berichte über die | |
| Beerdigungen gesehen. | |
| Das ist ein Staatsfernsehen. | |
| Wenn Sie den Berichten über die toten Demonstranten glauben, müssen Sie | |
| auch der anderen Seite glauben. Ich bestätige aber weder das eine noch das | |
| andere. | |
| Fast alle Bundesländer haben in der letzten Woche Abschiebungen nach Syrien | |
| gestoppt. Können Sie dies verstehen? | |
| Ehrlich gesagt: Nein. Die Unruhen sind lokal begrenzt. | |
| Der Grund waren nicht nur die Unruhen, sondern auch der Umgang mit | |
| Oppositionellen. Denen drohen laut Amnesty International Folter, aus | |
| Deutschland abgeschobene werden immer wieder verhaftet. | |
| Ich kenne die Amnesty-Berichte. Das ist ein schwieriges Thema. Das Problem | |
| ist doch: Sind das alles wirklich Regimegegner, die da abgeschoben werden | |
| sollen? Ich kann nicht beweisen, ob es Folter gibt, oder nicht, ich weiß es | |
| nicht. | |
| Sie sehen sich als Wirtschaftsfachmann. Glauben Sie, dass Firmen gern in | |
| einem solchen Land investieren? | |
| Bis vor wenigen Wochen war Syrien extrem stabil. In der letzten Zeit wurde | |
| dort vor allem aus den Golfstaaten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, | |
| Kuwait, Saudi-Arabien und der Türkei unglaublich viel investiert. | |
| Das dürfte kaum so bleiben. | |
| Warum nicht? Was ist mit Ägypten oder Libyen? Gab es da Demokratie? Die | |
| Wirtschaft hat das nicht gestört. Und in den letzten zwei Jahren gab es | |
| praktisch keinen Monat, in dem keine Delegation in Syrien war. Außerdem | |
| sind letztes Jahr acht Millionen Touristen dort gewesen. | |
| Auch die dürften nun abgeschreckt sein. | |
| Bislang war das Land sehr sicher, auch für Touristen. Es gibt dort | |
| unglaublich viel zu sehen, unter jedem Stein ist Geschichte. Das Interesse | |
| an dem Land ist groß. Ich hoffe deshalb sehr, dass sich die Lage dort bald | |
| wieder bessert. | |
| Unter Assad? | |
| Warum nicht? Es ist eine klare Sache: Ich wünsche mir ein | |
| Mehrparteiensystem, Bürgerrechte, Korruptionsbekämpfung und Unabhängigkeit | |
| der Gerichte. Aber Assad ist nach meinem Eindruck reformfähig. Die USA und | |
| die EU haben nicht verlangt, dass er zurücktritt. Das zeigt: Sie glauben an | |
| ihn. | |
| 10 May 2011 | |
| ## AUTOREN | |
| Christian Jakob | |
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