# taz.de -- Baseball in den USA: Flatterhafte Kunst | |
> Mit dem Karriereende von Pitcher Tim Wakefield droht auch eine rare | |
> Wurfvariante auszusterben: der Knuckleball. Sein tanzender Wurf wird | |
> fehlen. | |
Bild: Tim Wakefield spürt den Ball in den Fingerspitzen. | |
Tim Wakefield ist 45 Jahre alt. Er hat 19 Jahre lang auf höchstem Niveau | |
Baseball gespielt. Er hat zwei Mal die World Series gewonnen, war einmal | |
ein Allstar. Er hatte gute Jahre und weniger gute Jahre. Er hat 200 Spiele | |
gewonnen, 180 Spiele verloren und in noch viel mehr Partien seine | |
Mannschaft im Spiel gehalten. Nun aber war es Zeit aufzuhören. | |
Als Wakefield am vergangenen Wochenende verkündete, dass er vom | |
Leistungssport zurücktreten wird, war das keine Überraschung, wurde aber | |
trotzdem bedauert. Der allgemeine Tenor: Ohne Wakefield wird Baseball ärmer | |
sein. Denn er war nicht nur ein Vorzeigeprofi, der vollkommen skandalfrei | |
seine lange Karriere absolvierte und sich sozial engagierte. Vor allem war | |
er ein Exot, einer der letzten Vertreter einer aussterbenden Art, ein | |
Knuckleballer. | |
Der Knuckleball ist die mit Abstand seltsamste Methode, einen Ball vom | |
Wurfhügel in den Handschuh des Catchers zu befördern. Der Pitcher versucht | |
dem Ball möglichst wenig Rotation mitzugeben. Rotation aber stabilisiert | |
die Flugbahn. Die Folge: Der Ball tanzt. Allerdings nicht im Takt. Im | |
besten Fall nimmt der Ball einen Weg wie ein Korkenzieher, erratisch und | |
unvorhersehbar. | |
Das ist natürlich ein Problem für den Batter, der den Ball mit seinem | |
Schläger treffen soll. Das ist allerdings auch ein Problem für den Pitcher | |
selbst: Auch er hat es kaum unter Kontrolle, wo der Ball landen wird und | |
welche Kurskorrekturen er unterwegs vornehmen wird. So unkonventionell ist | |
der Wurf, dass Knuckleballer meist einen eigenen Catcher benötigen, der | |
spezialisiert ist auf die unberechenbare Flugbahn. | |
## Auf Knöcheln und Fingerspitzen | |
Die ersten Pitcher, die den kuriosen Wurf Anfang des 20. Jahrhunderts | |
entwickelten, setzten den Ball auf die Knöchel von Mittel- und Ringfinger, | |
auf die "knuckles", daher der Name. Seitdem ist der Wurf immer wieder | |
modifiziert worden, Wakefield erreichte den obskuren Effekt, indem er den | |
Ball nur mit den Fingerspitzen fasste. | |
Aber wie auch immer man den Ball dazu bringt, unerwartete Wege zu gehen: Es | |
geht nicht nur zu Lasten der Kontrolle, sondern auch zu Lasten der | |
Geschwindigkeit. Ein Knuckleball ist immer ein vergleichsweise langsamer | |
Ball - und damit, wenn er sich entschlossen hat, doch nicht zu tanzen, ein | |
leichtes Opfer für einen Batter. | |
## Eine überraschend lange Karriere | |
Ein Knuckleballer bewegt sich deshalb immer am Rande der Katastrophe. An | |
guten Tagen sehen die Gegner mit den Schlägern aus wie Anfänger, wenn sie | |
ein Luftloch nach dem anderen schlagen. Wakefield hatte viele gute Tage, | |
vor allem in seinen 17 Jahren bei den Boston Red Sox. Er gehörte zu jenem | |
legendären Team, das 2004 endlich wieder eine Meisterschaft nach Boston | |
holte und damit den 86 Jahre währenden "Fluch des Bambino" brach. | |
In seiner Abschiedsrede gestand Wakefield, dass er selbst "ein bisschen | |
überrascht" sei, dass seine Karriere überhaupt so lange gedauert habe. Denn | |
an schlechten Tagen sieht ein Knuckleball-Pitcher aus, als habe er sich nur | |
auf einen Baseball-Platz verirrt. 2007 wurden Wakefield und die Red Sox | |
noch einmal World-Series-Champion, aber zuletzt hatte er immer öfter | |
schlechte Tage. | |
Das lag zum einen natürlich an seinem Alter. Zum anderen aber auch daran, | |
dass sein Lieblingswurf nicht mehr zeitgemäß ist, sondern ein Relikt aus | |
den frühen Jahren des Profi-Baseballs, eine sentimentale Erinnerung an die | |
Pioniertage des Sports. | |
Die Fahne muss nun R. A. Dickey hochhalten. Der ist Pitcher bei den New | |
York Mets und nach dem Rücktritt von Wakefield der letzte Mohikaner, der | |
einzige verbliebene Knuckleballer in den beiden Major Leagues. "Ich bin | |
traurig", kommentierte Dickey den Abgang seines Kollegen, "ich fühle mich | |
ein bisschen einsam." Der seltsame Wurf, der ihn und Wakefield verbindet, | |
sei leider "eine aussterbende Kunst". Tatsächlich ist Dickey auch schon 37 | |
Jahre alt. Und talentierte Nachwuchs-Pitcher, die sich an der hohen Kunst | |
des instabilen Wurfs versuchen, sind bislang nicht in Sicht. | |
22 Feb 2012 | |
## AUTOREN | |
Thomas Winkler | |
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