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# taz.de -- Germanys Next Topmodel: Muttertier auf LSD trifft dicke Eier
> Nun startet die neue Staffel von "Germanys Next Topmodel". Die Models
> sind jedoch nicht unbedingt die Stars, sondern die Juroren.
Bild: Heidi Klum, die Chefin, zeigt ihr schönstes Lächeln.
## Chef
Ganz klar: Sie haben das sagen. Sie sitzen in der Mitte der Jury mit
erhobenem Haupt. Die Jurychefs dürfen alles und haben am Ende immer recht.
Sie entscheiden, wer weiterkommt und wer nicht.
Das ganze Geplänkel mit den anderen Jurymitgliedern ist das Vortäuschen
einer demokratischen Entscheidung, die de facto nicht stattfindet. Doch
Heidi Klum, ihres Zeichens Chefin bei "Germanys next Topmodel" (Pro7),
lässt sich gar nichts von ihren anderen Juroren vorschreiben. Wo kämen wir
denn da hin? Es ist ihre Show. Sie hat die Peitsche in der Hand, und die
beiden Pausenclowns gehorchen ihr aufs Wort - wie gut dressierte Hunde.
Dieter Bohlen ("Deutschland sucht den Superstar", "Das Supertalent"/RTL),
der Prototyp der Chefs, handelt schließlich exakt nach dem gleichen
Prinzip. Er treibt es mehr auf die Spitze. Bohlen beleidigt seine
Kandidaten und tritt ihre Würde mit Füßen. Natürlich macht Klum das auch -
aber bei Weitem subtiler. Der Ex-Modern-Talking-Gitarrist zeigt offensiv,
wer hier in der Castingrunde den längsten Penis und die dicksten Eier hat -
nämlich er.
Die Herrin Klum gibt wenigstens vor, nur das Beste für ihre "Mädchen" zu
wollen. Genau aus diesem Grund sind die Chefs auch so gefährlich. Die
Cheftypen sind eine Hybridform in der Typologie der Castingjuroren. Sie
haben das höchste Amt inne und sind gleichzeitig die Bösewichte. Das ist
per Castinggesetz so verankert. Die Chefs haben sich eine Machtposition
gesichert: Ohne sie wäre die Sendung undenkbar. Es heißt schließlich auch
"Germanys next Topmodel - by Heidi Klum".
## Süß, mehr nicht
Von den Fernsehsendern werden sie als langjährig erfolgreich angekündigt.
Es sind jene Namen, die einem bestenfalls in der allerhintersten Ecke des
Gehirns ein winziges Licht aufgehen lassen. Also muss, bei Interesse, erst
mal Google zurate gezogen werden, um die soeben aufgedeckten Bildungslücken
zu schließen. Fernanda Brandao ("Deutschland sucht den Superstar") war also
Teil der Band Hot Banditoz, die im Jahr 2004 ein Lied in den Top Ten hatte.
Der Bandname an sich macht eigentlich schon klar, warum diese Erinnerung
erfolgreich verdrängt wurde. Auf ihrer Homepage steht, dass sie mit 16
Jahren die jüngste lizenzierte Fitnesstrainerin Deutschlands war - das war
eindeutig eine Bildungslücke. Langjährig erfolgreich war sie zumindest mit
Bushido liiert. Warum die Dame 2011 einen Platz in der "DSDS"-Jury
innehält, wird aber bei aller Mühe nicht klar. Auch ihren Jurykollegen
Patrick Nuo zu googeln, bewirkt etwas Déjà-vu-Ähnliches.
Wobei das wohl eher auf sein Aussehen als auf seine Karriere zurückzuführen
ist. Das Einzige, was einem dank eines Cola-Light-Spots noch ein bisschen
im Ohr hängt, ist seine Single "Beautiful" aus dem Jahr 2005.
Dann wäre da noch Nina Eichinger ("Deutschland sucht den Superstar"), die
ist aber den CO2-Ausstoß einer Google-Suchanfrage einfach nicht wert. Im
Internet nach Sylvie van der Vaart ("Das Supertalent") zu suchen ergibt:
Sie war 2003 "Sexiest Woman" der Niederlande. Dort hat sie auch 2 Jahre
lang eine Barfrau in der TV-Soap "Costa" gespielt. Außerdem ist sie Ehefrau
eines Fussballspielers. Klar muss sie in der Jury einer Talentshow sitzen.
Wer denn sonst.
## Mentoren
Auch bekannt als Juroren mit Kenntnissen der Menschenrechte. Sie bilden den
Gegenentwurf zu den Klums und Bohlens dieser Nation. Die Mentoren sind
Freunde, umarmen die Kandidaten gern, und wenn sie Kritik äußern, dann nur
konstruktive.
Das ganze Pro7-Casting-Format "The Voice of Germany" funktionierte nach
diesem Konzept. Alle haben sich lieb, und viel wichtiger: Es geht angeblich
nur um die Leistung. Denn, die Juroren - Rea Reamonn, The BossHoss, Nena
(Mischform, siehe auch -> crazy) und Xavier Naidoo - sehen die singenden
Kandidaten nicht, sondern hören sie nur.
Gefeiert wird dies als die Revolution der Castingshow, etwas mit Tiefgang,
endlich mal nichts Oberflächliches. Das gleiche Prinzip gilt auch für
"Unser Star für Baku" (Pro7/ARD) und erstaunlicherweise für "Das Perfekte
Model" (Vox). Eva Padberg und Karolina Kurkova suchen eine
Laufstegprinzessin, die wahrscheinlich am Ende ähnlich erfolglos wird wie
die Gewinnerinnen von "Germnays Next Topmodel".
Es geht um das Aussehen, so ist das dann halt im Modelgeschäft. Immerhin
werden bei Padberg und Kurkova die Kandidatinnen nicht gequält, stattdessen
nehmen die zwei Mentorinnen die Modelanwärterinnen ständig in den Arm. Sie
sind alle Busenfreundinnen, keiner will jemandem was Böses. "Ich möchte
nur, dass es euch gut geht", sagt Kurkova gern - auch mehrfach
hintereinander. Tränen sind was Gutes, sie heilen - so lautet ihr zweites
Mantra. Dass auch die Kuschel-Caster aus den Emotionen der Kandidatinnen
Kapital schlagen, wird dabei gnädig beschwiegen.
## Bisschen Talent
Ach schön, ein bisschen Talent ist schon mal der richtige Weg, um
Jurymitglied zu werden. Bestes Beispiel ist Sandy Mölling: Sie gewann in
der ersten Staffel der Pro7-Castingshow "Popstars" einen Platz in der Band
No Angels - mit der sie später jahrelang Erfolge erzielte. Wer sonst außer
ihr sollte also das Recht haben, über andere Möchtegernsänger zu urteilen?
Oft bleibt sie dabei natürlich an der Oberfläche, darf nicht so sehr über
Können urteilen - das ist Chefsache. Kommentare wie "Du siehst top aus!"
hören wir stattdessen öfter. Davon kann sich auch Natalie Horler nicht
befreien. Horler ist Sängerin, neues Mitglied in der Jury von "Deutschland
sucht den Superstar" und eher als Cascada bekannt.
Sie ist, wenn man so will, optisch die deutsche Antwort auf Britney Spears
- vielleicht noch eine Spur trashiger. Horler brachte uns nicht nur die
farbigen Strähnchen in der Frisur zurück, sondern begeisterte vor allem in
Großbritannien und Frankreich mit Hits wie "Evacuate The Dancefloor" oder
"Pyromania".
Nun sitzt sie neben Dieter Bohlen, und ähnlich wie Mölling oder alle
anderen vor ihr äußert sie sich in den seltenstes Fällen über das Talent
der Kandidatinnen, sondern mehr über Äußerlichkeiten. Ab und an rutscht ihr
jedoch dann doch ein "Du hast die technisch begabteste Stimme hier" raus -
und oft hat sie damit auch noch recht. Das interessiert nur keinen.
## Crazy
Die "Mother of Punk" Nina Hagen hat die Messlatte für verrückte Juroren
ziemlich hoch gelegt. Bruce Darnell kann da noch am ehesten mithalten.
Klar, er zeigt weniger Zunge, dafür mehr Tränen und spricht im Fernsehen
nicht über Masturbation. Aber seine Aussprüche haben inzwischen Kultstatus.
Bei "Germanys Next Topmodel" ging er mit "De Handetasche muss am Leben!"
und "Drama, Baby!" in die Castingshowgeschichte ein. Früher war er selbst
Model und davor Fallschirmjäger bei der US Army - ja, richtig gelesen.
Jeder Jury ihren Bruce. Er war auch schon beim "Supertalent" und ist jetzt
bei "DSDS". Sein Nachfolger in der Modeljury, "Rolfe" Scheider, hat damals
ausgerechnet Gina-Lisa Lohfink zu seiner Busenfreundin auserkoren, muss
also auch in die Kategorie der verrückten Juroren.
Abgesehen davon ist seine französisch-kölsche Aussprache einfach großartig.
Die Tänzerin Motshegetsi "Motsi" Mabuse hat nicht nur einen schön
klingenden Namen, sie springt auch gern mal übermotiviert vom Sessel und
tanzt wie in Ekstase. Sie muss zeigen, was sie kann. Damit hat sie es
verdient, nicht in Sylvies Kategorie zu landen. Der jüngste Zuwachs in der
Familie der verrückten Juroren ist Nena: gehauchte Liebesbekundungen,
entspanntes Gebrabbel oder albernes Gekicher.
Bei "The Voice of Germany" wirkte sie recht oft wie ein Muttertier auf LSD.
Als Zuschauer war man schon etwas besorgt, wenn sie wieder mal einen ihrer
Friede-Licht-und-Liebe-Monologe hielt. Kann aber auch am Mondwasser liegen,
das sie angeblich mit Vorliebe trinkt.
23 Feb 2012
## AUTOREN
Saskia Hödl
Enrico Ippolito
## TAGS
Madonna
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