| # taz.de -- Märzrevolution 1848: Ein Schild-Bürgerstreich | |
| > Den "Platz der Märzrevolution" kennt fast niemand. Kein Wunder: Das | |
| > Schild steht in Kreuzberg. Ein zweites wurde zersägt. | |
| Orte der Märzrevolution von 1948 gibt es viele in der Stadt. Etwa am | |
| Alexanderplatz, wo heute Abend im Rahmen der Historiale die | |
| Barrikadenkämpfe vom 18. März nachgestellt werden. Seit einigen Jahren | |
| erinnern zwei Plätze der Stadt auch namentlich an die Ereignisse von 1848: | |
| zum einen der Platz vor dem Brandenburger Tor, der seit März 2000 "Platz | |
| des 18. März" heißt. Zum andern der wenig bekannte "Platz der | |
| Märzrevolution", der weder als Platz erkennbar ist noch ein Namensschild | |
| trägt. Im Berliner Straßenverzeichnis kann man den Platz allerdings finden, | |
| da er 1998 ganz offiziell durch Verwaltungsakt so benannt worden ist. | |
| Und das kam so: Der Forderung der "Aktion 18. März" zum 150. Jahrestag im | |
| Jahr 1998, den Platz vor dem Brandenburger Tor umzubenennen, stand der | |
| damalige CDU/SPD-Senat ablehnend gegenüber. Er entzog im Oktober 1997 der | |
| Bezirksverordnetenversammlung Mitte das Verfahren und kam auf die Idee, an | |
| weniger prominenter Stelle eine Ersatzlösung anzubieten. | |
| Man mutmaßte damals, dass der Platz am Brandenburger Tor später einmal nach | |
| Helmut Kohl benannt werden sollte. So schlug der damalige Bausenator Jürgen | |
| Klemann (CDU) vor, den seit 1952 stillgelegten Straßenbahntunnel hinter der | |
| Neuen Wache mit Beton zu deckeln und diese Fläche neben dem | |
| Maxim-Gorki-Theater zu einem Platz zu erklären. Der könne dann am 18. März | |
| 1998 offiziell eingeweiht werden. Gesagt, getan: Dem Aktionskünstler Ben | |
| Wagin, der den Tunnel als Lagerfläche und Ausstellungsort nutzte, wurde der | |
| Mietvertrag gekündigt. Der Umbau zog sich hin und kostete schließlich circa | |
| 2,5 Millionen Mark. | |
| Doch am 18. März 1998 war der Platz noch nicht fertig. Und ohne Platz keine | |
| Platzbenennung. Stattdessen enthüllte an diesem Tag um 14 Uhr die damalige | |
| Bürgermeisterin Christine Bergmann (SPD) am Maxim-Gorki-Theater zwar nicht | |
| ein Schild für den Platz, aber eine Gedenktafel an der Eingangstreppe des | |
| Theaters. Diese erinnert daran, dass in diesem Gebäude ab Mai 1848 die | |
| Preußische Nationalversammlung tagte, die durch allgemeine Wahlen am 1. Mai | |
| 1848 gebildet worden war. | |
| Gleichzeitig mit Bergmanns Enthüllung demonstrierte die "Aktion 18. März" | |
| vor dem Brandenburger Tor für die Benennung dieses Platzes. Die | |
| Bürgermeister der damaligen Bezirke Tiergarten und Mitte, Jörn Jensen | |
| (Grüne) und Joachim Zeller (CDU), brachten Straßenschilder an mit der | |
| Aufschrift "Platz des 18. März 1848". Die Benennung des Platzes am | |
| Maxim-Gorki-Theater in "Platz der Märzrevolution" blieb dagegen ein | |
| seelenloser Vorgang, lediglich im Amtsblatt von Berlin veröffentlicht. | |
| Doch damit ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende. Die | |
| Senatsverwaltung hatte zur stilgerechten Beschilderung des Platzes neben | |
| dem Gorki zwei Schilder in Auftrag gegeben, die aufwendig aus Guss- und | |
| Schmiedeeisen mit einem Emailleschild hergestellt waren. Genau so wie die | |
| Schilder am heutigen "Platz des 18. März". Da der Gorki-Platz noch nicht | |
| fertig war, blieben die Schilder bei der beauftragten Kunstschlosserei in | |
| Treptow, die allerdings in Konkurs ging. Die zwei Schilder, an denen der | |
| Senat offensichtlich kein Interesse mehr hatte, gerieten in die | |
| Konkursmasse des Unternehmens und wurden verkauft. | |
| Wie es der revolutionäre Zufall wollte, wurden die Reste der Schlosserei | |
| von einem Bekannten des 18.-März-Sprechers Volker Schröder aufgekauft. | |
| Dieser bot Schröder die Schilder an, der natürlich auf den Handel einging. | |
| Ein Schild ist seitdem in der Kreuzberger Bergmannstraße nahe dem | |
| Dreifaltigkeitsfriedhof zu sehen. Es steht dort an einer Stelle, die fast | |
| genauso wenig ein authentischer Ort der 1848er-Revolution ist wie der Platz | |
| neben dem Gorki-Theater. | |
| Dem anderen Schild erging es noch schlechter. Die Freireligiöse Gemeinde | |
| von Berlin, seit vielen Jahren tätig bei der "Aktion 18. März", kaufte das | |
| Schild und brachte es in ihrer Feierhalle in der Pappelallee in Prenzlauer | |
| Berg unter. Als das Haus verkauft wurde, musste das Schild seinen Platz | |
| räumen. Da es aber mit über vier Meter Höhe und einer Breite von fast einem | |
| Meter sehr sperrig ist und nicht die Kellertreppe runterkam, wurde es | |
| kurzerhand in zwei Teile zersägt. Das revolutionäre Herz blutete. | |
| Was nun? Da es in der Stadt massenweise Straßen und Plätze gibt, die an | |
| Könige, Kaiser, preußische Generäle oder Kanzler erinnern, ist es mehr als | |
| gerecht, wenn zwei Plätze an die Revolution von 1848 erinnern, selbst wenn | |
| der zugeschüttete Straßenbahntunnel schwerlich als Platz bezeichnet werden | |
| kann und, im Gegensatz zum Brandenburger Tor, kein authentischer Ort der | |
| Revolution ist. Der Senat sollte die verpatzte Platzbenennung nachholen. | |
| Aber bitte mit neuen Schildern! JÜRGEN KARWELAT | |
| 17 Mar 2008 | |
| ## AUTOREN | |
| Jürgen Karwelat | |
| ## ARTIKEL ZUM THEMA | |
| Historiale: "Geschichte ist auch Action" | |
| 50.000 Besucher werden zum Geschichtsfestival Historiale erwartet. Thema | |
| ist die Märzrevolution 1848. "Wir möchten die jungen Leute erreichen", sagt | |
| Darsteller Enno Lenze. |