| # taz.de -- Das KZ überstanden: Ich lebe | |
| > Grigorij Nikonovitsch Kulbaka hat das Inferno des Konzentrationslagers | |
| > Neuengamme überlebt. Ein gemeinsamer Spaziergang über die heutige | |
| > Gedenkstätte vor den Toren Hamburgs. | |
| Bild: Überlebten das Grauen: Grigorij Nikonovitsch Kulbaka und Ksenija Maximov… | |
| Als Grigorij Nikonovitsch Kulbaka vor ein paar Tagen die Gedenkstätte | |
| Neuengamme betrat, hat er geweint. Hat ein Taschentuch hervorgekramt, sich | |
| das Gesicht getrocknet und gesagt: "Ich lebe" - als könne, vielleicht als | |
| dürfe das nicht sein. Heute sagt er: "Schön ist das hier, schön." | |
| Nachmittagssonne, zwei träge Windräder, Geflüster in der Silberpappelwehr. | |
| Dann beginnt er zu zählen, zwei, drei, vier, den rechten Zeigefinger auf | |
| dem Daumen, die restlichen Finger zur Faust, bewegt er die Hand im Takt. | |
| "Da wars", sagt er und deutet auf eine der lang gezogenen, drahtumzäunten | |
| Steinmarkierungen von der Größe der zwei Klinkerbauten, die das Gelände | |
| begrenzen. "In der Baracke dort war ich untergebracht." Er erinnert sich so | |
| genau daran, als sei es gestern gewesen - und nicht schon gut ein | |
| Menschleben her. | |
| Der heute 83-jährige Kulbaka kam im Januar 1943 ins KZ Neuengamme. Da war | |
| er gerade 17 Jahre alt. Als Partisan hatte er zuvor gegen die deutsche | |
| Besatzungsmacht in der Region Dnepropetrowsk der heutigen Ukraine gekämpft. | |
| Kulbaka trägt einen grauen Nadelstreifenanzug mit Weste, dazu ein blaues | |
| Hemd. Er hat sich bei der 79-jährigen Ksenija Maximovna Olchova eingehakt, | |
| die einen blauen Fleece-Pullover anhat. Darauf steht, klein gedruckt unter | |
| dem Markennamen: "Make yourself heard". Auch Olchova ist ehemalige | |
| Zwangsarbeiterin, nach dem Warschauer Aufstand wurde sie als 14-Jährige | |
| verhaftet und ins KZ Neuengamme deportiert, anders als Kulbaka aber in eine | |
| innerstädtische Außenstelle. Heute sind die beiden ein Paar. Kennengelernt | |
| haben sie sich vor ein paar Jahren, als sie bei der Stiftung Erinnerung, | |
| Vergangenheit und Zukunft (EVZ) zwecks Entschädigung den Nachweis ihrer | |
| Zwangsarbeit erbringen mussten. | |
| Wie die beiden nun übers Gelände der Gedenkstätte wandeln - der Ruf eines | |
| Fasans, ein Hase hoppelt vorbei - könnte man sie für ländliche | |
| Sonntagsspaziergänger halten. Man muss sich fast zu dem Bewusstsein | |
| zwingen, dass man auf infernalischem Boden steht, dass hier etwa 55.000 | |
| Menschen umkamen, an Entkräftung, Unterernährung, Seuchen oder als Opfer | |
| von Mord und Misshandlung. | |
| Weitere Tausende starben nach der Auflösung des Lagers Ende April 1945. | |
| Kulbaka wurde damals mit gut 10.000 Mithäftlingen auf die "schwimmenden KZ" | |
| der Schiffe Thielbek und Cap Arcona in der Lübecker Bucht verlegt. Als | |
| britische Flugzeuge die Schiffe kurz darauf versenkten, fanden 7.000 | |
| Menschen den Tod. Kulbaka konnte sich an einer Planke festklammern und ans | |
| Neustädter Ufer retten. In den nächsten Tagen wird er die Stelle, wo er | |
| halbtot an Land krabbelte, wieder besuchen: "Baden gehen", sagt er und | |
| lacht. | |
| Jetzt aber gehen wir zum Klinkerwerk, der Ziegelei am Rand der | |
| Gedenkstätte. Dort war die nationalsozialistische "Vernichtung durch | |
| Arbeit" in Neuengamme am massivsten. Auch Kulbaka hatte die Schinderei des | |
| Tontransports nach wenigen Wochen ausgemergelt und an den Rand des | |
| körperlichen Zusammenbruchs getrieben. Es rettete ihm damals das Leben, | |
| dass er durch die Hilfe befreundeter Mithäftlinge im Arbeitseinsatzbüro in | |
| die Gärtnerei versetzt wurde. | |
| Dort konnte er sich körperlich erholen, gefährlich war aber auch das. Als | |
| er beim Versuch erwischt wurde, vier Tomaten einzustecken, prügelte man in | |
| bewusstlos, mit Stricken, an denen Metallkugeln befestigt waren. "Der | |
| Wärter hieß Speck", erinnert sich Kulbaka. Lachend zeigt er ein paar | |
| Goldzähne und sagt dann: "Schrecklich, schrecklich". | |
| Auf dem Weg zum Klinkerwerk kommen wir an Schiebewagen auf Schienen vorbei. | |
| "Die Lore", sagt Kulbaka mit rollendem R und in dem seufzenden Tonfall, in | |
| dem man sich alte Jugendfreunde ins Gedächtnis ruft. Er geht zu einem der | |
| Wagen, versucht, einen eingerosteten Hebel umzulegen, sagt: "Sechs Mann | |
| brauchten wir früher zum Schieben" und stemmt sich mit dem Oberkörper | |
| dagegen. Nichts regt sich. "Wir sind beide alt, die Lore und ich." Und | |
| weiter geht Kulbaka, und dreht sich nicht noch einmal um nach der Lore, in | |
| der zartgrün das Gras und gelb der Löwenzahn sprießt. | |
| Vor der Ziegelei steht Kulbaka schweigend. Die massive Rampe; das große U | |
| des Ofens; die Falten in seinem jetzt verschatteten Gesicht, wie | |
| Grabinschriften gekerbt: aus einer Hand, denkt man, und erschrickt. | |
| Auch auf dem Rückweg: Schweigen, stilles Leiden. Dann, auf den letzten | |
| Schritten vorm Eingang, hakt sich Kulbaka bei mir ein. Sein Arm ist noch so | |
| kräftig wie seine Stimme. "Ich muss an alle denken, die hier nicht | |
| rausgekommen sind", sagt er. "Die Menschen, die hier geblieben sind, bei | |
| denen bin ich. Immer." | |
| Auch wenn er jetzt schon wieder einem Mitarbeiter der Gedenkstätte zuruft: | |
| "Wir spazieren, sprechen, essen"; auch wenn er jetzt der Fotografin | |
| weltgewandt einen Handkuss gibt und lacht; auch wenn oder gerade weil - er | |
| eben lebt, Grigorij Nikonovitsch Kulbaka. | |
| 12 May 2009 | |
| ## AUTOREN | |
| Maximilian Probst | |
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