| # taz.de -- Das obere Ende der Wickel | |
| > WRAP Dieser Sattmacher, dessen Bezeichnung sich quetschend-gurgelnd | |
| > irgendwie aus dem Rachen windet – wie kam der nur über uns? Eine | |
| > Spurensuche | |
| VON FELIX ZIMMERMANN | |
| Es gab Zeiten, da galt es als ungehörig, auf der Straße zu essen. Da setzte | |
| man sich hin, um sich in Ruhe einer Mahlzeit zu widmen. Mühsam hatte sich | |
| die Menschheit im langwierigen Prozess der Zivilisation das Zerlegen und | |
| Zummundführen von Lebensmitteln mit Hilfe von Messer, Gabel und Löffel | |
| beigebracht, hier konnte diese Errungenschaft mit Muße zelebriert werden: | |
| bei Tisch. | |
| ## Der Unterwegsesser: ein Schnäppchenstöberer | |
| In Zeiten, in denen alles immer schneller gehen muss, ist das aus der Mode | |
| gekommen. Man mampft im Gehen, weil die Zeit für andere Dinge benötigt | |
| wird. Man sieht die Unterwegsesser deshalb oft beim Shoppen in | |
| Fußgängerzonen, wie sie sich im Eilverfahren gebackene Fettteile der Marke | |
| mit dem sprechenden Namen „Ditsch“ reinschieben und mitunter nicht so genau | |
| wissen, ob sie gerade in die Papiertüte beißen oder noch beim mit käsigem | |
| Belag ausgestatteten Teiglappen sind. Hauptsache, eine Hand bleibt frei und | |
| kann in Schnäppchen stöbern. | |
| Als die – zumindest optisch – elegantere Form des Ditsch-Fladens ist einmal | |
| ein Ding mit schier unaussprechlichem Namen auf den Markt geworfen worden: | |
| der Wrap. Gestopftes und Gerolltes, das von Pfannkuchen oder dünnen Broten | |
| oder auch Brotartigem umhüllte – nun ja, was eigentlich? – Allerlei, um es | |
| mal möglichst wertfrei zu sagen. Denn so ein Wrap bietet unzählige | |
| Möglichkeiten der Befüllung. Fleisch diverser Tiere, Gemüse, Käse, Ei. Wer | |
| ihn schätzt, findet gerade das ja so toll. Ein Mahl der Möglichkeiten. | |
| Wer eher skeptisch ist, wittert Gefahr: In Mensen und Kantinen, hieß es, | |
| solle man davon absehen, Paniertes zu bestellen, weil so allerhand unter | |
| der Panade eingebraten worden sein könnte. Und geht nicht der Wrap in genau | |
| dieselbe Richtung? | |
| Man weiß nie, was drin ist, sieht in den Auslagen der Bahnhofsbackshops, | |
| die zu Wegelagerern des Strebens nach Sättigung geworden sind, immer nur | |
| das obere Ende der Wickel, der Rest wird von der Teighülle verdeckt. Es | |
| kann also auch der ausgebürstete und mit Saucen angereicherte Inhalt ganzer | |
| Großküchen kleingehäckselt darin verschwunden sein. Neulich, so war zu | |
| lesen, fand ein Brite einen Frosch in seinem Mund, nachdem er in einen | |
| Chicken Wrap gebissen hatte. Das Tier lebte noch, bei genauerem Hinsehen | |
| stand fest: Ihm fehlte ein Vorderbein, wahrscheinlich hat der Mann es im | |
| Glauben verzehrt, ein besonders zartes Stück Hühnerfleisch erwischt zu | |
| haben. | |
| Aber was ist denn auch von einem Sattmacher zu halten, dessen Bezeichnung | |
| sich beim Aussprechen irgendwie gequetscht-gurgelnd aus dem Rachen windet, | |
| bevor sie in einem ploppenden p endet? | |
| ## Wie den Wrap verkaufen? So: Salat, gesund – will ich! | |
| Der Wrap kam über uns, irgendwann in den neunziger Jahren, als alles auf | |
| Effizienz ausgerichtet war und der mobile Mampf kultiviert und zugleich dem | |
| Streben nach gesunder Ernährung angepasst wurde. Gesunde Ernährung, das | |
| hieß damals schon vor allem: Salat, weshalb unausrottbar auch heute noch | |
| vor allem zu Streifen gerupfte Blätter vom Eisbergsalat oder sich | |
| kräuselnde Lollo-Fragmente aus den gerollten Dingern nach draußen drängen, | |
| nur um den Kaufwillen zu wecken: grün, Salat, gesund – will ich haben! | |
| Eisbergsalat, das ist übrigens der, der immer so schön knackig ist, weil er | |
| besonders viel Wasser enthält. Deshalb – womöglich sein einziger legitimer | |
| Nutzen – legen ihn Köche, vor allem pseudoindischer Restaurants, gerne | |
| unters Gericht auf eine heiße Platte, weil das verdampfende Wasser dann so | |
| schön zischelt. Aber das nur am Rande. | |
| Zurück zum Wrap. Aus der Tex-Mex-Küche, heißt es, stamme er, was auch eine | |
| Menge über ihn sagt. Tex-Mex-Lokale sind in der Regel die verkitschtesten | |
| Lokale, die man sich vorstellen kann, Kunstprodukte der Gastrowelt, | |
| ausgeschmückt mit möglichst bunten Dekoartikeln, die in irgendeiner Weise | |
| etwas mit Tex-Mex zu tun haben sollen, tatsächlich aber nur der Vorstellung | |
| dieser Grenzregion von Nord- und Mittelamerika entspringen. Genauso auch | |
| der Wrap, wie er uns angeboten wird. Reiner Fast-Food-Kitsch. | |
| Wer sich trotzdem einen mitnimmt, wird schnell merken, dass der Stopfwickel | |
| nur unangetastet einigermaßen hübsch aussieht, dass er zum Verzehr aber | |
| völlig ungeeignet ist: wo reinbeißen, wie den zu Würfeln zerhackten Inhalt | |
| zusammenhalten, wenn die stramm gewickelte Teighülle angebissen wird und | |
| dadurch nachgibt? Dann tropft es und trieft es, Bröckchen fallen, wer jetzt | |
| keine Tüte hat, aus der er seinen Wrap zuvor hervorgeklaubt hat und der er | |
| ihn nun wieder zuführt, wird eine Spur von Wrap-Resten hinterlassen. Und | |
| mit Messer und Gabel vorgehen? Unmöglich. | |
| Man sollte die Wraps dort liegen lassen, wo sie sich lockend auftürmen, bis | |
| auch das knackigste Eisbergsalatstreiflein verdorrt ist. Und sich zum Essen | |
| wieder setzen. | |
| 21 Jan 2012 | |
| ## AUTOREN | |
| FELIX ZIMMERMANN | |
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