| # taz.de -- herzensort: Adleraugen am Abgrund | |
| Nach den letzten Windungen des einst von Napoleons Heeren geebneten | |
| Saumpfades betrete ich das Plateau des Simplonpasses. Wacholdersträuche | |
| beduften die frische Luft auf 2000 Metern über dem Meer. | |
| Die Nähe der Ferne ist, was diesen Ort im südlichen Teil der Schweizer | |
| Alpen immer schon prägte. Als Kind spielte ich in den milden Sommermonaten | |
| oft im umliegenden Hochmoor und fand dort alte Schmugglerhöhlen, im Geröll | |
| unscheinbare Schießscharten. Vor dem Bergpanorama stechen dünne Lärchen in | |
| die Höhe, dazwischen Schilder, die vor Panzern warnen. Alpenrosen säumen | |
| die betonierten Bunker und Trassen der Artillerie. | |
| Auf der Krete thront ein gravitätisches Granitgebilde von neun Metern Höhe. | |
| Erst mit den Jahren dämmerte mir, dass dieser Steinhaufen – zu einem | |
| wachsam gen Süden spähenden Adler aufgetürmt – jene Grenze bewachen soll, | |
| hinter der zur Zeit seiner Errichtung das faschistische Italien begann. | |
| „Gebirgsbrigade II 1939–1945“ steht in das Fundament gekerbt und erinnert | |
| an die angstvoll am Abhang harrenden Soldaten. Jede Grenze erzwingt die | |
| Gewalt ihrer Aufrechterhaltung. Nathan Pulver | |
| 22 Jun 2024 | |
| ## AUTOREN | |
| Nathan Pulver | |
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