| # taz.de -- „Die Bestrafung der Insassen war nie das Ziel“ | |
| > Permanente Überwachung und Kontrolle: Der Hamburger | |
| > Politikwissenschaftler Peter Niesen erklärt, wie der englische | |
| > Sozialreformer Jeremy Bentham den Strafvollzug mit seinem Panopticon | |
| > humaniseren wollte | |
| Bild: Vergleichsweise privat: Die JVA Wolfenbüttel geht aufs Jahr 1873 zurück… | |
| Interview Paula Bäurich | |
| taz: Herr Niesen, welche Funktion haben Gefängnisse: (Re)Sozialisierung | |
| oder Bestrafung? | |
| Peter Niesen: Zu dieser Unterscheidung gibt es ja berühmte Straftheorien. | |
| Ich selbst vertrete keine davon, sondern sehe mich eher auf der Seite | |
| derer, die von der Politischen Theorie aus auf die Strafpraxis schauen und | |
| die Gefängnisstrafe kritisch sehen. | |
| Warum? | |
| Ich habe den Eindruck, dass die Gewalthaltigkeit des Rechts hauptsächlich | |
| an den Strafgefangenen ausgeübt wird. Ich denke, man sollte versuchen, das | |
| Recht nach und nach weniger gewaltsam zu machen. Das heißt nicht, dass man | |
| sich nicht Alternativen überlegen sollte, etwa im Täter-Opfer-Ausgleich. | |
| Aber man sollte sich kritischer mit dem Gewaltpotenzial der Strafe, wie sie | |
| ausgeübt wird, beschäftigen. | |
| Sind also auch unsere Gefängnisse eine Form der Gewaltausübung? | |
| Ja, Wegsperren, wie es in Gefängnissen der Fall ist, hat auf jeden Fall | |
| eine Zwangs- und Gewaltdimension, da in die autonome Lebensführung der | |
| Insassen eingegriffen wird. | |
| Ist dabei auch die Architektur des Gefängnisses entscheidend? | |
| Architektur hat einen großen Einfluss auf die Lebensbedingungen der | |
| Inhaftierten. Sie wirkt sich aber auch auf das Verhältnis zwischen den | |
| Wärtern und Insassen aus. | |
| Wie man die Architektur eines Gefängnisses nutzen kann, wurde bereits im | |
| 18. Jahrhundert in England thematisiert. | |
| Ja, von Jeremy Bentham. Er war mit der Gewalthaltigkeit der damaligen | |
| Strafpraktiken unzufrieden. Bentham wollte beispielsweise die Abschaffung | |
| der Folter und der Todesstrafe. Daraus entstand die Energie, die zu | |
| Entwürfen wie dem des Panopticons geführt hat ... | |
| ... ein Konzept zum Bau von Gefängnissen, das auf stetige Überwachung | |
| abzielte. | |
| Ja, in erster Linie entwarf Bentham den Plan für Gefängnisse. Entscheidend | |
| an der Architektur war, dass es einen zentralen Ort gab, von dem aus alle | |
| Insassen beobachtet werden konnten. Das Besondere daran ist, dass der | |
| Wärter so zwar alle Inhaftierten beobachten kann, sie ihn aber nicht, | |
| sodass sie immer davon ausgehen müssen, überwacht zu werden. Zudem wollte | |
| Bentham verhindern, dass die Insassen untereinander Kontakt haben, um einen | |
| Ausbruch oder Ähnliches zu planen. | |
| So ähnlich sehen ja auch die Entwürfe für das geplante Jugendgefängnis in | |
| Hamburg aus. Marco Lange, Sprecher der Justizbehörde, sprach davon, es gebe | |
| „keinen Blickkontakt von Haftraum zu Haftraum“. | |
| Durchaus kann man hier von einer Steigerung der Macht der Überwachung | |
| sprechen, wenn die Gruppen voneinander isoliert werden. Auch scheint es so, | |
| als wolle man eine lückenlose Überwachung erreichen, wie auch Bentham sie | |
| geplant hat. Der Trick im Panopticon liegt ja darin, dass man den Menschen | |
| das Gefühl gibt, dass sie ständig überwacht werden, weil sie ständig | |
| überwacht werden könnten. Es geht also um die bloße Möglichkeit, dass es so | |
| sein könnte. | |
| Zudem wurde die gute Einsehbarkeit im geplanten Jugendgefängnis gelobt. | |
| Ja, auch die totale Einsehbarkeit, also dass die Insassen sich nicht hinter | |
| Türen oder Ähnlichem verstecken können, ist ein Prinzip des Panopticons. | |
| Zwar hat Bentham später eingesehen, dass die Intimsphäre der Menschen in | |
| manchen Lebensvollzügen respektiert werden muss, weit darüber hinaus geht | |
| er allerdings nicht. Im Prinzip soll man die gesamte Zeit vollständig dem | |
| Blick des Wärters ausgesetzt sein. | |
| Das hört sich sehr autoritär an. | |
| Ja, das ist es auch. Wichtig ist dabei aber, dass Bentham auch eine | |
| Überwachung der Wärter plante, indem ihr Platz und damit auch der Blick auf | |
| die Häftlinge für die kritische Öffentlichkeit geöffnet sein sollte. So | |
| sollen sich die Menschen außerhalb des Gefängnisses vergewissern können, | |
| dass die Insassen nicht gequält werden. Das heißt, es gab sowohl eine | |
| Überwachung der Häftlinge, aber auch eine Überwachung der Überwacher | |
| selbst. Und wenn man sich dieses Prinzip der umgekehrten Blickrichtung | |
| anschaut, fällt auf, dass es auf viele andere gesellschaftliche Bereiche | |
| übertragen werden kann. | |
| War das auch Benthams Idee? | |
| Ja, er hat sich vorgestellt, das panoptische Prinzip auch auf Fabriken, | |
| Schulen oder das Parlament anzuwenden. Beim Parlament war seine Idee, dass | |
| die Abgeordneten ständig dem Blick der Bürger ausgesetzt sind. So sollten | |
| die Machthaber kontrolliert werden. Das panoptische Prinzip von Bentham | |
| geht also immer in zwei Richtungen: Auf der einen Seite sollen die | |
| „Schwachen“, also die Häftlinge oder Arbeiter diszipliniert werden, auf der | |
| anderen Seite aber auch die Mächtigen. Ob ein panoptisches Prinzip | |
| funktioniert hat, bewertet Bentham dann anhand dessen, ob es zur Mehrung | |
| des gesellschaftlichen Glücks dient. | |
| Warum war das für ihn das entscheidende Kriterium? | |
| Bentham war Begründer des Utilitarismus, eine Denkrichtung, die sich der | |
| Maximierung des gesellschaftlichen Glücks verschrieben hat. Dabei geht es | |
| um die Summe des Glücks der einzelnen Mitglieder. Die kann allerdings auch | |
| dann sehr hoch sein, wenn einige Personen in der Gesellschaft unterdrückt | |
| oder unglücklich sind. | |
| Waren die Insassen der Gefängnisse für Bentham dann glücklich oder gehörten | |
| sie zu den Unterdrückten? | |
| Bentham geht davon aus, dass es den Inhaftierten im panoptischen Gefängnis | |
| viel besser geht als im zeitgenössischen Strafvollzug, der aus Folter, | |
| Prügelei oder Fesseln bestand. Zudem plante er, dass sie im Gefängnis ein | |
| Handwerk erlernen, sodass sie sich etwas Geld ansparen können, um sich dann | |
| in Freiheit eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Seine Idee war also, dass | |
| es den Gefangenen gut geht. | |
| War sein Ziel auch, dass sie sozialisiert werden, so wie es die Aufgabe | |
| heutiger Gefängnisse ist? | |
| Ja, auch Bentham wollte die Inhaftierten sozialisieren. Dabei vergaß er | |
| allerdings vollständig, dass die Inhaftierten dafür Kontakt zueinander und | |
| zur Außenwelt brauchen. Stattdessen stand die Arbeit für ihn im | |
| Vordergrund. Die Wiedervergeltung hingegen spielte bei ihm im Strafzweck | |
| keine Rolle, die Bestrafung der Insassen war also nie das Ziel seines | |
| Entwurfs. | |
| Ging Bentham nicht sowieso davon aus, dass die Insassen durch die | |
| permanente Überwachung sozialisiert werden? | |
| Nein, zumindest nicht automatisch. Bentham selbst hält sich die Möglichkeit | |
| von Sanktionen offen. Er nimmt also nicht an, dass sich allein durch den | |
| permanenten Eindruck der Überwachung der sozialisierende Effekt bei den | |
| Insassen einstellt, sondern durch ihre Isolierung voneinander und die | |
| Möglichkeit der Sanktionierung. Zur Abschreckung stellte er sich ein | |
| Straftheater vor, bei dem keine wirkliche Bestrafung stattfindet, sondern | |
| das Schauspiel ausreicht, um die Menschen von falschem Verhalten | |
| abzuhalten. | |
| Wurde Benthams Idee des Panopticons denn jemals umgesetzt? | |
| Eins zu eins wurde das Panopticon nach den Bauplänen von Bentham zwar nie | |
| erbaut, aber zumindest in einer ähnlichen Form. Vor allem einzelne | |
| Prinzipien wie die gute Einsehbarkeit waren und sind allerdings immer | |
| wieder Vorbild für heutige Gefängnisse. Zum Beispiel die ständige | |
| Video-Überwachung stellt ein panoptisches Element dar. | |
| Was würde Bentham zu unseren Gefängnissen heute sagen? | |
| Ich vermute, er würde die Architektur unserer Gefängnisse für einen sehr | |
| großen Fortschritt gegenüber seiner Zeit halten. Als Utilitarist würde ihm | |
| die Gesamtreduzierung der Gewalt in der Gesellschaft positiv auffallen. | |
| Dabei würde er allerdings nicht beachten, wie Inhaftierte zu diesem Zweck | |
| unterdrückt werden. | |
| 7 Nov 2020 | |
| ## AUTOREN | |
| Paula Bäurich | |
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