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# taz.de -- berliner szenen: Habe Angst vor dem Verkehr
Alle fahren Rad, ich nicht. Habe Angst vor den Autos, Motorrädern, anderen
Rad-Fahrenden. Bin mehr der Fußgänger-Typ und ÖPNV-Hopser. Jahrelang stand
mein Rad im Keller, dann kam die Pandemie und all das und ich holte es
wieder hoch.
Am Anfang war es leicht, weil nicht so viel Verkehr war. Aber jetzt ...
Kaum höre ich, dass ein Auto näherkommt, fang ich vor Schreck an, mit dem
Lenker zu wackeln. Geschweige denn, wenn das Auto mich überholt. Dann fahr
ich fast Schlangenlinien wegen meines Gezitters. Mich wundert, dass mich
die Polizei noch nicht angehalten hat, mit Verdacht auf Trunkenheit. Auch
wenn sich ein anderer Fahrradfahrer von hinten nähert, werd’ ich nervös.
Ich spüre, dass ich den Flitzern zu schneckig bin und versuche, so weit
rechts wie möglich zu radeln, damit sie mich überholen können. Ist aber gar
nicht so einfach, weil ich ja, wie gesagt, immer gleich rumzitter mit
meiner Verkehrs-Phobie.
In solchen Momenten greif ich oft zu einer Spezialmethode: Ich weich auf
den Bürgersteig aus. Das ganze verbinde ich mit einem Psycho-Hygiene-Twist:
Ich würdige die bedrängende Person keines Blickes. Sie soll nur meinen
Rücken sehen und denken: „Ich hab den armen schwachen Mitbürger verjagt,
ich Verkehrs-Raubtier.“ Der Gedanke, dass die andere Person das jetzt
denkt, tröstet mich ein bisschen.
Aber neulich hatte ich’s mal eilig und vor mir fuhr ein Radler, der noch
langsamer war als ich. Als er bei Grün nicht sofort von der Ampel losfuhr,
hab ich vielleicht sogar geklingelt. Ohne echte Not, ausgerechnet ich. Und
was machte der Radfahrer da? Er wich einfach auf den Bürgersteig aus. Ich
war perplex und spürte das schlechte Gewissen in mir hochkriechen. Da
wollte ich ihm hinterherrufen: Hey, ich gehör zu deiner Fraktion. Aber ich
sah nur seinen Rücken.
Giuseppe Pitronaci
17 Jun 2020
## AUTOREN
Giuseppe Pitronaci
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