| # taz.de -- Die Handschrift der Erde | |
| > Das Museum Folkwang widmet dem italienischen Fotografen Luigi Ghirri die | |
| > lange ersehnte Einzelausstellung und gibt ihr nach Houellebecq den Titel | |
| > „Karte und Gebiet“ | |
| Bild: Luigi Ghirri, Modena 1973 | |
| Von Max Florian Kühlem | |
| Zu allererst fallen die große Bescheidenheit und das zutiefst Unprätentiöse | |
| auf, wenn man sich mit Luigi Ghirris Werk beschäftigt. Aus einfachen | |
| Verhältnissen stammend, führte sein Interesse für Topografie und die großen | |
| Wohnungsbau- und Infrastruktur-Projekte der 1950er und 1960er Jahre nicht | |
| zu einem Architekturstudium, sondern zu einer Ausbildung zum Landvermesser. | |
| Als Ghirri 1973 beschloss, sich ganz der Fotografie zu widmen, | |
| fotografierte er weiter konsequent mit seiner kleinen Canon-Kamera in Farbe | |
| und gab die Filme ganz normal zum Entwickeln ab – „weil die reale Welt | |
| farbig ist und der Farbfilm erfunden wurde“, so seine einfache Erklärung. | |
| Den Gedanken an einen eigenen, charakteristischen Stil lehnte er ab, sah | |
| sich als Vermittler einer Geschichte, sich kreuzender Sichtweisen. | |
| Wenn das Museum Folkwang in Essen ihm jetzt eine Einzelausstellung widmet, | |
| die erste große zu Luigi Ghirris fotografischem Gesamtwerk der 1970er | |
| Jahre, dann weiht das Haus seine Besucher damit in ein offenes Geheimnis | |
| ein. „Unter Fotografen wie Robert Frank, Andreas Gursky oder William | |
| Eggleston wurde er immer sehr verehrt“, sagt James Lingwood, der externe | |
| Kurator der Schau. „Auch Thomas Demand war ein großer Bewunderer, hat ihn | |
| 2011 ins Zentrum einer Ausstellung gestellt. Beim normalen Publikum war | |
| Ghirri allerdings nicht sehr bekannt.“ | |
| Das mag zum einen an seinem frühen Tod im Jahr 1992 liegen, zum anderen | |
| aber sicher an der eingangs erwähnten Bescheidenheit. Luigi Ghirri | |
| fotografierte zu einer Zeit, als sich die Fotografie zum Massenmedium | |
| entwickelte – und er fotografierte auf den ersten Blick nicht anders als | |
| Menschen beim Sonntagsausflug fürs Familienalbum. Er suchte sogar die | |
| passenden Orte dafür auf: Touristenstrände, Vergnügungsparks, Urlaubsorte | |
| in der Schweiz oder Österreich. Gibt man sich dem Strom der kleinformatigen | |
| Bilder in den verschiedenen Räumen des Museums Folkwang hin, und der Welt, | |
| von der sie erzählen, erkennt man jedoch schnell gewaltige Unterschiede. | |
| Ghirri rückt fast nie Menschen in den Mittelpunkt seiner Bilder. Lichtet er | |
| sie ab, dann meist von hinten und aus der Distanz heraus. Sein Interesse | |
| gilt nicht einem Typen oder Charakter, sondern der Einrichtung von Räumen. | |
| Selbst seine Bilder von Touristenstränden und -attraktionen sind meist fast | |
| menschenleer, als hätte er auf den Moment gewartet, die gestaltete Welt | |
| frei von jeder Person zu zeigen. Doch in einem gleichsam dialektischen | |
| Schritt lenkt er den Fokus des Betrachters so auf die – wie es Georges | |
| Perec in seinen „Träumen von Räumen“ ausdrückt – „Wahrnehmung einer | |
| Handschrift der Erde, einer Geographie, von der wir vergessen haben, dass | |
| wir ihre Schöpfer sind“. | |
| Die Essener Ausstellung heißt „Karte und Gebiet“, ein Titel, der durch den | |
| vorletzten Roman Michel Houellebecqs Berühmtheit erlangte. Tatsächlich ist | |
| Luigi Ghirri in der Fotoserie „Atlante“ ähnlich vorgegangen wie | |
| Houellebecqs Held Jed Martin: Er fotografierte Ausschnitte aus Karten und | |
| Atlanten mit einem Makroobjektiv, machte Detailaufnahmen von Bergketten, | |
| Wüsten, Inselgruppen oder einfach nur einem Breitengrad auf dem offenen | |
| Ozean. „Alle Reisen wurden bereits gemacht und beschrieben. Es bleibt nur | |
| noch die ins Innere der Zeichen, der Bilder“, hat er sein Konzept selbst | |
| beschrieben. | |
| Auch in der äußeren Welt haben ihn die Zeichen und Bilder fasziniert. | |
| Ghirri lichtete Werbetafeln, Schilder und Fotoplakate ab – und zwar genau | |
| wie seine Landschaften oder Architekturansichten frontal mit dem | |
| untrüglichen Blick des Landvermessers für Proportionen und Fixpunkte. Er | |
| zeigt eine Wirklichkeit, die sich „zunehmend in eine Fotografie | |
| gigantischen Ausmaßes verwandelt“. Die Fotomontage musste er nicht mehr | |
| vornehmen, sie hatte ja schon stattgefunden. | |
| Ghirri, der auch Surrealisten wie René Magritte verehrte, liebte das Spiel | |
| mit verschiedenen Schichten von Realität und mit Größenverschiebungen: | |
| Einen ebenso großen Humor wie Irritationseffekt haben seine Bilder aus dem | |
| Park Italia in Miniatura bei Rimini. Seinem Eiffelturm vor karger | |
| Küstenlandschaft haben die Essener Kuratoren ein Foto aus Paris | |
| beiseitegestellt: Ein Tourist (natürlich von hinten abgelichtet) hält ein | |
| Eiffelturm-Souvenir in der Hand. | |
| In einem einzigen Bild aus L’Île-Rousse 1976 ist der Fotograf auch selbst | |
| zu sehen: Sein Gesicht verbirgt sich hinter dem Zwischenraum zwischen zwei | |
| Spiegeln auf einer öffentlichen Toilette. Man erkennt einen schlaksigen | |
| Typen mit dunklem Haarschopf und rot gestreiftem T-Shirt. | |
| Einen melancholischer Clown vielleicht, vielleicht einen selbstreflexiven | |
| Intellektuellen, der sich bloß selbst nicht so wichtig nimmt und so wenig | |
| ins Zentrum rückt, wie er sich selbst nie in den großen Zentren aufgehalten | |
| hat. Sein Hauptaugenmerk galt immer seiner kleinen Heimatstadt Modena und | |
| ihrer Peripherie, den ganz normalen Bauprojekten, in denen ganz normale | |
| Menschen leben. | |
| Bis 22. Juli. Museum Folkwang, Essen. Katalog (Mack) 45 Euro | |
| 16 May 2018 | |
| ## AUTOREN | |
| Max Florian Kühlem | |
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