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# taz.de -- Götz Kubitschek Ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit ist die Ge…
Bild: Auf Konfrontationskurs: Götz Kubitschek bei einer Blockade der Berliner …
von Volker Weiß
Mitunter tritt in einem Moment zutage, was sonst aufwendig untersucht
werden muss. Nach einer Lesung meines Buches „Die autoritäre Revolte“ bei
der Leipziger Buchmesse stand der neurechte Politaktivist Götz Kubitschek
mit seiner Gattin Ellen Kositza am Signiertisch. Beide kommen im Buch vor.
Kositza, lange Jahre Redakteurin der Jungen Freiheit und nun zuständig für
Bücher, Heim und Garten bei der Zeitschrift Sezession, warf mir einige
provozierende Sätze hin. Noch bevor ich reagieren konnte, polterte ihr Mann
los. Eine Schimpfkanonade über meine Arbeit, meine Person und meinen Verlag
brach aus dem Gründer des Institut für Staatspolitik (IfS) heraus. Einige
Tage später verteidigte er seinen Auftritt auf dem Blog der Sezession.
Kubitschek präsentiert sich gern als rechter Feingeist, aber vor mir stand
der autoritäre Charakter in Reinform, ein zeternder Kleinbürger. Von einem
Gast der Lesung gebeten, seine Lautstärke zu drosseln, herrschte ihn
Kubitschek an, er habe eben eine „männliche Stimme“.
Brüllende Alpha-Männchen sind fester Teil der Welt des Ex-Offiziers.
Affektkontrolle, Grundlage der Zivilisation, zählt hier wenig. Häufig
zitiert Kubitschek Ernst Jüngers Hoffnung auf die „jungen Leute, die an
Temperaturerhöhung leiden“. Ein altes Programm. „Gefühl geht vor Verstand…
hieß es auch bei den „Jungkonservativen“ in den Zwanzigerjahren, die in
Kubitscheks Kreis unter Berufung auf Armin Mohlers „Konservative
Revolution“ als historische Vorbilder gelten.
Bereits 2008 störte Kubitschek mit seiner „Konservativ Subversiven Aktion“
eine Günter-Grass-Lesung in Hamburg. Die rechte Pennälertruppe mit Vorliebe
für schwarze Hemden war ein Experimentierfeld für die Aktionsformen der
heutigen Identitären. Öffentliche Provokation und die anschließende
Selbstdarstellung als Opfer zählten zu den zentralen Aktionsmechanismen.
Soweit zum Habitus des Mannes, den der Spiegel allen Ernstes zum „dunklen
Ritter“ verklärte.
Ausgelöst hatte den Wutausbruch die Nennung von Edgar Julius Jung in meinem
Vortrag. Ein Name, der tief in die historischen Verästelungen der deutschen
Rechten führt. Der Berater des Reichskanzlers Franz von Papen wurde 1934 im
Zuge der Röhm-Krise von der SS ermordet und dient der Neuen Rechten als
Dekontaminierungsnachweis gegenüber dem Nationalsozialismus. Jung war
tatsächlich ein Kritiker Hitlers, allerdings von rechts. Er hielt den
NSDAP-Chef für einen Demokraten. In der Demokratie sah Jung die „Herrschaft
der Minderwertigen“, wie er 1927 sein Hauptwerk betitelt hatte. Mit
politischen Gegnern war Jung selbst wenig zimperlich umgegangen. 1924 war
er führend an der Ermordung Pfälzer Separatisten beteiligt. In seinen
eigenen Tod waren ausgerechnet frühere Weggefährten verstrickt.
Der Widerstand der Jungkonservativen gegen den Nationalsozialismus, auf der
die Neue Rechte ihre ganze Nachkriegserzählung gründete, ist eine Legende.
Doch der Hinweis auf die tiefen Verstrickungen der eigenen Heroen in den
Nationalsozialismus führt bei Kubitschek umgehend zur thymotischen
Kernschmelze.
Da die historische Selbstinszenierung der Denkschule Kubitscheks kaum der
Prüfung standhält, verlegen sich seine Kreise bisweilen auf eine andere
Argumentation. Plötzlich wird die Relevanz des eigenen Kanons einfach
bestritten. In diesem Sinne schrieb jüngst Sezession-Autor Martin
Lichtmesz, er persönlich kenne niemanden, der Jungs „Herrschaft der
Minderwertigen“ gelesen habe. Dabei wird Jungs Bedeutung in der eigenen
Schulungsliteratur unterstrichen. „Neben Arthur Moeller van den Brucks Das
dritte Reich (1923) (…) ist Die Herrschaft der Minderwertigen eines der
wirkmächtigsten Bücher der Konservativen Revolution“, heißt es im 2. Band
des Staatspolitischen Handbuchs, das in Kubitscheks Verlag erschienen ist.
Selbst wer die Lektüre im Originals scheut, findet im Handbuch die
wesentlichen Punkte zusammengefasst: „In Abkehr vom Egalitarismus der
westlichen Demokratien plädiert Jung für ein organisch-ständisches
Gemeinschaftsleben, das durch Autorität und Hierarchie bestimmt sein
sollte.“ Ein Zitat Jungs wird gleich mitgeliefert: „Es gibt keine Hebung
der Massen zu echter Kultur ohne das zwingende Vorbild wahrer Führer. Zu
allen Zeiten war es Aufgabe der Hochwertigen, die Stumpfen mitzureißen; ja,
es muß gesagt werden: auch unter Anwendung von Gewalt. Die Menschheit
bedarf der Zucht.“
Vor knapp zwei Jahr präsentierte der in Schnellroda, dem Wohnsitz
Kubitscheks, ansässige Antaios-Verlag den Gesprächsband „Tristesse Droite�…
Unter dem Stichwort „Massengesellschaft“ kommt man darin auch auf Jung zu
sprechen. Torsten Hinz, Autor der Jungen Freiheit, sagt „Minderwertigkeit,
gut“ – und fügt hinzu: „‚Die Herrschaft der Minderwertigen‘, aber da…
ich niemals schreiben. Aber der Massenmensch besteht auf dem Recht, sie
auch auszuleben.“ Mit am Tisch saßen Lichtmesz, Kositza und Kubitschek.
Ohne jeden Zweifel sind Jung und Consorten nach wie vor ihre zentralen
Stichwortgeber. Und während sie sich dem bürgerlichen Feuilleton
erfolgreich als biedere Konservative verkaufen, schwärmt Kubitscheks
Zeitschrift Sezession für italienische „Faschisten des 3. Jahrtausends“ und
feiert den „weißen Nationalismus“ der amerikanischen Alternative Right.
Mimikry, Fake News und Fake History, ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit
ist die Geschäftsgrundlage dieser Neuen Rechten. Es wäre wünschenswert,
dass sich diese Einsicht auch in den Redaktionen verbreitet, bevor sie das
nächste Kubitschek-Interview planen.
Volker Weiß ist Historiker. Sein Buch „Die autoritäre Revolte – Die Neue
Rechte und der Untergang des Abendlandes“ erschien dieses Jahr bei
Klett-Cotta.
22 Apr 2017
## AUTOREN
Volker Weiß
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