# taz.de -- Manege frei für die Uni | |
> Forschung In Schweden kann man Zirkuswissenschaft studieren, in | |
> Frankreich wird die Zirkuskunst wissenschaftlich erforscht.Eine | |
> Doktorandin aus Münster will erreichen, dass der Zirkus künftig auch an | |
> deutschen Unis wahrgenommen wird | |
Bild: Unterhaltung für Familien, aber auch Sujet für die Wissenschaft? Die Zi… | |
von Thomas Krämer | |
Gastiert ein Zirkus in einer deutschen Universitätsstadt, so steht das Zelt | |
bestenfalls in der Nähe der Alma Mater. Mag sein, dass in Universitäten | |
bisweilen zirzensische Verhältnisse herrschen – zu einem Gegenstand | |
akademischen Interesses oder gar zur Zirkuswissenschaft selbst haben es | |
Löwen, Clowns und Akrobaten hierzulande noch nicht gebracht. Geht es nach | |
dem Willen von Franziska Trapp, soll sich das ändern. | |
Obwohl derzeit noch immer rund 300 Zirkusse, oftmals Familienunternehmen, | |
unterschiedlicher Größe durchs Land reisen, sucht man einen Lehrstuhl für | |
Zirkuswissenschaft vergebens in der deutschen Hochschullandschaft. „Bisher | |
haben sich höchstens Einzeldisziplinen wie Anthropologie, | |
Theaterwissenschaft oder Semiotik mit zirkusnahen Themen beschäftigt“, sagt | |
Franziska Trapp, selbst Literaturwissenschaftlerin an der Westfälischen | |
Wilhelms-Universität Münster. Nach ihrem Master schreibt sie nun an der | |
Graduate School Practices of Literature im Fachbereich Philologie an ihrer | |
Doktorarbeit. Ihr Arbeitstitel: „Zur Narrativierung der zirzensischen Kunst | |
– Grundlegung einer neuen Zirkusästhetik“. | |
Doch Franziska Trapps Interesse am Leben in der Manege ist nicht rein | |
wissenschaftlicher Natur. Schon vor der Uni war es ihre Leidenschaft. | |
Aufgewachsen im ostwestfälischen Bünde, entdeckte sie mit zwölf das Leben | |
unter dem Chapiteau – dem Zirkuszelt – für sich. Noch immer schwärmt sie | |
von „ganz neuen Welten und unbegrenzten Möglichkeiten“, die sie dort kennen | |
lernen durfte. Die Faszination dieser anderen Welt teilte sie schnell mit | |
anderen Kindern, eine erste „Kompanie“ Gleichgesinnter fand sich rasch | |
zusammen. „Wir sind dann jährlich in den Sommerferien von Bielefeld aus auf | |
,Tournee‘ gegangen“, lacht die 28-Jährige. „Daraus ist eine Varieté-Gru… | |
entstanden, die besteht jetzt noch“, sagt sie nicht ohne Stolz. Die zehn | |
Mitglieder der Truppe „Varieté olé“ touren alle zwei Jahre quer durch die | |
Republik. Die Vorliebe der Münsteranerin gilt neben dem Seiltanz der | |
Akrobatik: „In unserer Nummer bin ich die Porteuse, meine Partnerin macht | |
einen Handstand auf meinen Schultern.“ | |
Auch wenn der Zeitpunkt für den Beginn des neuzeitlichen Zirkus umstritten | |
ist, steht doch so viel fest: Seinen Ursprung hat der Zirkus in der Antike, | |
bei den alten Griechen und Römern mit ihren Wagenrennen und | |
Gladiatorenkämpfen. Aus deren kreis- oder ellipsenförmiger Arena, das dem | |
klassischen Amphitheater nachgebaut war, ging das spätere Zirkusrondell | |
hervor. Und das lateinische Wort für Kreis – circus – hat sich bis heute im | |
Namen vieler Unternehmen erhalten. | |
Vom industrialisierten England des 18. Jahrhunderts und von Frankreich ein | |
Jahrhundert später gingen wichtige Impulse für den klassischen Zirkus aus. | |
Stets spielten Artistenfamilien, oft regelrechte Zirkus-Dynastien, eine | |
entscheidende Rolle. „Es entstand vor allem immer dann ein großes | |
öffentliches Interesse am Zirkus, wenn es zu größeren gesellschaftlichen | |
Umwälzungen oder Neuerungen kam“, erzählt Trapp. So zog etwa das | |
elektrische Licht zusätzliche Zuschauer in die Vorstellungen oder Dressuren | |
mit „wilden“ exotischen Tieren, die erst der Kolonialismus nach Europa | |
brachte. | |
Der Wanderzirkus mit Zelt und all dem, was wir seit Kindertagen mit Zirkus | |
verbinden, kam erst mit dem 20. Jahrhundert auf. Auch dafür, sagt Trapp, | |
sei der technische Fortschritt Wegbereiter gewesen: der Siegeszug der | |
Eisenbahn. Vorher waren Akrobaten, Clowns, Tierdressuren und Zauberei nur | |
in festen Spielhäusern zu sehen, von denen heute nur noch wenige übrig | |
geblieben sind, wie etwa in München bei Circus Krone. Über die Jahrhunderte | |
und die gesamte Entwicklung hinweg hat sich aber eines am Zirkus nicht | |
geändert: die Absicht der Akteure, dem Publikum aus allen Schichten unter | |
der Zeltkuppel ein attraktives Programm zu bieten – eine klassenlose | |
Unterhaltung sozusagen. | |
Wenn sie der universitären Erforschung des Zirkus in ihrem Heimatland zum | |
Durchbruch verhelfen wollte, das war Franziska Trapp sehr bald klar, dann | |
musste sie zumindest eine gewisse Zeit im Ausland studieren. Länder wie | |
Frankreich, Kanada oder Schweden sind Deutschland auf diesem Fachgebiet | |
weit voraus. „In Schweden zum Beispiel kann man außer dem Master auch ein | |
PhD in Circus Arts machen.“ Trapp selbst ging 2012 mit einem | |
Erasmus-Stipendium für ein Jahr an die renommierte französische Uni | |
Sorbonne und arbeitete sogar in der Produktion und Administration des | |
bekannten Festival Mondial du Cirque de Demain in Paris. „In Frankreich ist | |
der Zirkus einfach viel mehr in das gesellschaftliche Leben integriert als | |
bei uns.“ | |
Kein Zufall also, dass von dort seit den 1970er Jahren die Entwicklung zum | |
zeitgenössischen Zirkus „Nouveau Cirque“ ausging. Typisch für das neue | |
Genre der darstellenden Kunst: Eine Geschichte wird durch traditionelle | |
Zirkuskunst dargestellt. Der moderne Zirkus hat sich vielfach gewandelt: In | |
ihm agieren zumeist professionell ausgebildete Artisten, statt Märschen | |
ertönen vielfältige Musikbeiträge zur Untermalung von schauspielerisch | |
angelegten Darbietungen, und Tierdressuren sind weitgehend verpönt – | |
zunehmend aus Tierschutzgründen . | |
Diesen Punkt sieht die Münsteranerin durchaus ambivalent: „Für mich | |
persönlich ist es generell fraglich, dass menschliche Unterhaltung auf | |
Kosten von Tieren stattfindet. Hier haben wir es allerdings mit einem | |
Phänomen zu tun, das keineswegs nur auf das Genre ‚Zirkus‘zu begrenzen | |
ist.“ Mit den Augen der Wissenschaftlerin betrachtet sie Tiernummern | |
hinsichtlich ihres semantischen Gehalts, also hinsichtlich ihrer Bedeutung. | |
„Das Animalische, Andersartige und Wilde ist in vielen neuen und | |
zeitgenössischen Zirkusstücken weiterhin zentral.“ Allerdings würden diese | |
Themen dort mit Hilfe menschlicher Darbietungen visualisiert. | |
Zurück in Deutschland war Franziska Trapp zwar zunächst erneut als | |
Einzelkämpferin für ihre Sache unterwegs. Aber die neu gewonnenen Kontakte | |
sollten sich als ausgesprochen nützlich erweisen, um eine erste | |
internationale Tagung zum Thema „Semiotics of the Circus“ im Frühjahr 2015 | |
auf die Beine zu stellen. Eine Tagung, die, wie Franziska Trapp urteilt, | |
auf „großes Interesse der Fachwissenschaftler“ gestoßen sei. Immerhin sei… | |
72 Teilnehmer aus 16 Nationen am Schlossplatz vor dem Uni-Hauptgebäude | |
zusammen gekommen – und zwar stilecht unter der Zeltkuppel des „Cirque | |
Bouffon“, der gerade in Münster gastierte. „Das Bedürfnis, sich miteinand… | |
auszutauschen und zu vernetzen, war besonders groß“, so das Resümee der | |
Initiatorin. | |
Aus diesem Grund plant Franziska Trapp fest damit, das internationale | |
Treffen im kommenden Jahr zu wiederholen. Wird sich ihr Wunsch, den Zirkus | |
als Forschungsgegenstand an deutschen Hochschulen zu etablieren, irgendwann | |
einmal erfüllen? „Das weiß ich natürlich nicht“, sagt Trapp mit einem | |
Augenzwinkern. „Aber ich hoffe doch, dass ich in zwanzig Jahren einen | |
Lehrstuhl für Zirkuswissenschaft habe.“ | |
28 Dec 2016 | |
## AUTOREN | |
Thomas Krämer | |
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