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# taz.de -- Indien Drei Jahre ist die Gruppenvergewaltigung in Neu-Delhi her. D…
> mal in der Stunde, also alle zwanzig Minuten, wird in Indien eine Frau
> vergewaltigt oder missbraucht
Bild: Eine Frauenhändlerin verkaufte Amila nach Rajasthan. Sie hat fünf Kinde…
Von Katharina Finke (Text) und David Weyand (Fotos)
Die Hand, die sie mir reicht, ist groß und kräftig. Ganz anders als die
weichen Gesichtszüge. Ich treffe Amila in einem leer stehenden Gebäude in
Alwar in der Provinz Rajasthan im Nordwesten Indiens. Die Fassade bröckelt,
die Steinwände sind zerstört. Drinnen wartet sie, komplett in einen
rosafarbenen Stoff mit Blütenmuster eingehüllt. Amila ist mit ihrem
Vergewaltiger verheiratet.
Sie lächelt, schaut mich mit großen braunen Augen eindringlich an und zieht
ein paar blonde Strähnen unter dem Kopftuch hervor, das ich für die
Begegnung trage. Wir setzen uns auf das rostige Bettgestell zu ihren beiden
Töchtern. Nachdem wir lange Zeit geredet haben, zieht Amila den rosa Stoff
hoch und zeigt ihre vernarbten Beine. Die 24-Jährige sagt: „Das möchte ich
nie wieder erleben!“
Es war schwierig, die junge Muslimin zu treffen. Das Schweigen über Gewalt
gegen Frauen in Indien ist beharrlich, selbst drei Jahre nach der brutalen
Gruppenvergewaltigung in der Hauptstadt Neu-Delhi. Der Fall sorgte weltweit
für Schlagzeilen und zeigte doch nur die Spitze des Eisbergs.
Laut den Vereinten Nationen ist Indien für Frauen nach Afghanistan das
zweitgefährlichste Land der Welt. Sexuelle Gewalt ist alltäglich, egal zu
welcher Kaste eine Frau gehört, egal, ob sie Muslimin ist, Hinduistin oder
Christin. Oder aus welcher Region oder Schicht sie kommt. Ich will von
diesen Schicksalen erfahren. Ich treffe auf Amila, die Muslimin auf dem
Land, auf Kala, die Christin in Tamil Nadu, und auf Maya, die
Schauspielerin in Mumbai. Ihre Namen sind geändert, auch die Orte, an denen
sie leben.
Ihre Geschichten sind unterschiedlich, doch am Ende irgendwie gleich.
Es ist ein junger Mann, der mich zu Amila bringt. Ich habe Raj zum ersten
Mal in Neu-Delhi getroffen. Er kommt aus Bihar, einem Staat im Osten des
Landes. Als er mitbekam, wie Mädchen aus seiner Heimat als Bräute in den
Nordwesten verschleppt werden, reiste er hinterher.
Seine kleine Hilfsorganisation kümmert sich um ein paar Dutzend Paros, wie
auf Hindi die Frauen genannt werden, die unter dem Schutzmantel der Ehe
verkauft und als Arbeits- und Sexsklavinnen missbraucht werden. Raj und
seine Helfer treffen sich mit den Frauen, geben ihnen Geld und versuchen
die Not, in der viele von ihnen stecken, irgendwie zu lindern. Die
Ehemänner, die ihre Frauen kaum aus den Augen lassen, dürfen von alldem
nichts mitbekommen. Deswegen haben sich Rajs Leute Vorwände und Legenden
zurechtgelegt, um ihr Vertrauen zu gewinnen und sie ablenken zu können.
Der Mann Ende zwanzig, dem die Kleider sackartig am schmächtigen Körper
hängen und der jetzt aus der Auto-Rikscha steigt, führt eine kleine
Undercover-Truppe.
Amila ist eine Paro, eine von Rajs Schützlingen. Ein Treffen in ihrem
kleinen Dorf ist unmöglich, dort leben nur wenige Familien. Sie ist mit
ihrem Mann Akthar und den fünf Kindern nach Alwar, in die nächste Stadt,
gereist. Es ist Markttag.
Alwar ist eine Stadt wie viele an den Ausläufern der Wüste Thar. Der Staub
hüllt die Straßen ein, es stinkt nach verbranntem Müll und den Abgasen der
hupenden Motor-Rikschas, die sich ständig den Weg versperren. Es sind nur
ein paar Schritte durch den Basar, vorbei an Ständen voller Chips mit
Masala-Geschmack und Haufen aus Handyladekabeln. Ein Mann streift mich grob
an der Schulter, würdigt mich aber keines Blickes. „Das ist Akthar, Amilas
Mann“, sagt Raj leise. „Meine Kollegen lotsen ihn gerade weg.“
Wenige Minuten später sitze ich auf dem rostigen Bettgestell. Amilas rote
und goldfarbene Plastikarmreifen klimpern, während sie erzählt: „Da, wo ich
herkomme, ist alles tausendmal schöner als hier.“
Als sie neun Jahre alt ist, muss Amila ihre Heimat Assam, östlich von
Bangladesch, verlassen. Moti nennt Amila die Frau aus dem Nachbardorf, die
auf einmal auftaucht und sich mit der Familie anfreundet. Sie überzeugt
Amilas Mutter, dass ein Ausflug ins fast 2.000 Kilometer entfernte
Neu-Delhi dem Mädchen guttun würde. Sie könnte dort ihren künftigen Ehemann
kennenlernen. Die kleine Amila locken sie mit der Aussicht auf die
Sehenswürdigkeiten. Von Neu-Delhi, sagt sie, „habe ich bis heute nicht mehr
gesehen als den Bahnhof“.
Die Frau, die zu Hause noch respektvoll „Aunty“ hieß, entpuppt sich als
Frauenhändlerin. Moti, wie Amila sagt, ist in Indien eine abschätzige
Bezeichnung für dicke Frauen. Sie bringt das Mädchen von Neu-Delhi weiter
nach Rajasthan. Amila muss auf den Feldern arbeiten, Gras schneiden und
Weizen ernten. Zur Schule darf sie nicht. „Ich war völlig verzweifelt“,
erzählt Amila, „ich musste viel weinen.“ Für die kleinste Träne bekommt …
Prügel, so hart, wie sie sie nie mehr erleben wird.
## Wo eine Frau weniger als eine Kuh kostet
Nach zwei Jahren sucht Moti einen Mann für Amila. Sie wird mit einem viel
älteren Witwer handelseinig. Amila läuft nach ein paar Tagen von ihm weg.
Weil sie nicht weiß, wo sie hinsoll, kehrt sie zu der Frauenhändlerin
zurück.
Es gibt schon bald einen neuen Mann für sie: den etwa zehn Jahre älteren
Akthar. Amila ist jetzt elf, die Hochzeit findet ohne sie statt. Das ist in
der Gegend unter Muslimen üblich. Es reicht das Eheversprechen des Mannes
vor männlichen Trauzeugen. Als Akthar von der Zeremonie zurückkommt,
vergewaltigt er Amila das erste Mal.
Ein Jahr später bringt sie ihr erstes Kind zur Welt. Was mit ihrem Körper
geschieht, dass ihr Bauch trotz der anstrengenden Arbeit wächst: All das
kann sie nicht verstehen. Als sie sich an die Geburt erinnert, steigen
Amila das erste Mal Tränen in die Augen: „Danach musste ich sofort wieder
aufs Feld.“
Bollywood, Yoga und würziges Essen – das Bild Indiens wird im Westen von
vielen Klischees beherrscht. Manche verbinden damit auch noch das
Kamasutra, dieses uralte Lehrbuch der Liebeskunst, ein Klassiker aus den
Zeiten der sexuellen Befreiung. „Im alten Indien“, kann man beispielsweise
in Berlin in der Werbung für einen Tantrakurs lesen, „war es Sitte, den
Mädchen und jungen Männern ein Liebeshandbuch wie das Kamasutra zu geben,
um ihnen zu helfen, ihre Sexualität besser zu verstehen und sie auf das
Liebesleben vorzubereiten.“
Alles Folklore, längst ausgestorben. Die Diskriminierung der Frau hat in
Indien uralte Tradition. Sex ist Tabuthema, das Kamasutra gilt seit
Jahrhunderten nicht mehr. Fast jede Frau wurde dort schon einmal beleidigt,
angegriffen oder sexuell belästigt. Laut Studien findet der Großteil der
Vergewaltigungen, etwa 98 Prozent, im häuslichen Umfeld statt. Täter sind
Ehemänner, Väter, Onkel.
Kala ist 13. Sie lebt seit einem Jahr in einem Mädchenhaus in Tamil Nadu im
südlichen Indien, nicht weit von ihrer Familie entfernt. Sie hat schwarze
kurze Haare, Jeans und einen Kapuzenpulli an, als ich sie besuche.
Mathematik ist ihr Lieblingsfach. Und weil sie gut mit Zahlen ist, weiß sie
auch, dass „drei Prozent der Bevölkerung Christen sind.“ So wie sie.
Das Mädchenheim ist eines von ganz wenigen in Indien. Es gibt auch
staatliche, aber die haben den Ruf von Opferheimen. Wer darin lebt, ist
stigmatisiert. Kala sagt deswegen, wenn sie gefragt wird, sie wohne in
einem Internat. Sie teilt sich mit zehn Mädchen den Schlafsaal im obersten
Stock eines unscheinbaren Hauses in Chennai.
Kala wurde von ihrem Onkel beim Nachhilfeunterricht betatscht und von ihrem
Vater sexuell missbraucht. Sie lief weg und hatte Glück, irgendwann kam sie
in dem Mädchenheim an. „Ich hasse meine Mutter“, sagt sie wütend, als sie
von ihrer Flucht erzählt. „Ich habe ihr gesagt, was mein Vater mit mir
gemacht hat, und sie wollte nichts unternehmen.“
Kala kann im Heim bleiben, bis sie volljährig ist und die Schule beendet
hat. Sie geht auf eine christliche Schule, Essen gibt es reichlich,
regelmäßig kommen eine Ärztin und Therapeutinnen vorbei. Alles keine
Selbstverständlichkeit in den Familien, sagt mir die Heimleiterin. „Mädchen
bekommen dort oft weniger Essen und Bildung, um ihre Gesundheit kümmert
sich kaum jemand.“
„Am liebsten würde ich Ingenieurin werden“, träumt Kala, dafür betet sie
jeden Tag. Doch wie ihre Zukunft aussieht, ist unsicher. „Ich hoffe, dass
sie an einen guten Mann gerät, wenn ich sie später hier entlasse“, sagt die
Heimleiterin.
In manchen Gegenden Indiens kostet eine Frau weniger als eine Kuh. Für eine
Paro wie Amila, erklärt Raj, verlangen die Frauenhändler etwa 10.000
indische Rupien, umgerechnet rund 145 Euro, genauso viel wie für eine
Saisonkraft. Eine Kuh, die auf dem Land oft noch den Traktor ersetzt und
den Indern ohnehin heilig ist, ist teurer. Viele Eltern sehen die Geburt
einer Tochter als Unglück an, sie macht aus ihrer Sicht nur Unkosten. Der
Brauch verlangt, dass die Familie der Braut bei der Hochzeit eine teils
horrende Mitgift zahlt. Obwohl sie schon seit Jahrzehnten verboten ist,
lässt sich diese Tradition kaum ausmerzen. Die Familie der Braut würde ihr
Gesicht verlieren, wenn sie sich weigerte zu zahlen.
Viele weibliche Säuglinge müssen deshalb sterben. Auf dem Land bringen
Eltern ihre Töchter direkt nach der Geburt um. Im Nordwesten Indiens wurde
laut UN-Angaben so ein Viertel der weiblichen Bevölkerung ausgerottet. In
den Städten, wo die Mittel- und Oberschicht zu Hause ist, dienen moderne
Ultraschallgeräte vor allem dazu, das Geschlecht des Kindes festzustellen.
Täglich werden 7.000 weibliche Föten abgetrieben. Das ist illegal, die
Gesetze dagegen wurden vor Kurzem sogar verschärft. Es kann nicht
verhindern: Je besser die Technologie, desto weniger Mädchen werden
geboren. Auch Fortschritt, Bildung und Wohlstand sind also keine Garanten
gegen Diskriminierung. Inzwischen führt der Mädchenmangel dazu, dass sich
Männer Frauen aus anderen Bundesstaaten kaufen.
Verallgemeinern lässt sich in Indien schwer etwas, dafür ist das Land zu
komplex und von vielen Kontrasten geprägt. In Mumbai fahren mehr BMWs als
in München, sogar relativ zur Anzahl der Einwohner. In den Slums haben die
Menschen aber noch nicht mal eine Toilette, geschweige denn sauberes
Wasser. Der Subkontinent steht für Hochtechnologie und Callcenter, aber
weniger als fünf Prozent der Bevölkerung haben Zugang zum Internet. Und
doch gibt es eine Konstante: das patriarchalische Weltbild und die
alltägliche sexuelle Gewalt.
## Sexualkunde an den Schulen? Nicht mit Modi
Ich treffe Maya in einem Theatercafé in Juhu, im Nordwesten von Mumbai. Der
Stadtteil wurde schon Mal das „Beverly Hills von Bollywood“ genannt. Maya
ist Mitte 30 und Schauspielerin. Sie trägt eine pinke körperbetonte Kurta,
hohe Schuhe und zwischen den Augenbrauen ein Bindi. Der kleine rote Punkt
ist bei den Hindu-Frauen ein Zeichen dafür, dass sie verheiratet sind.
„Aber ich hoffe, nicht mehr lange“, sagt Maya und nippt an ihrem
Cappuccino. Sie will sich scheiden lassen.
Auch Maya wird von ihrem Mann misshandelt. Seit über zehn Jahren ist sie
mit ihm verheiratet. Sie kommt aus einem liberalen Haushalt. Ihre Eltern
sind Schauspieler. Schon mit 15 begann die Tochter am Theater zu arbeiten
und zu reisen. Eine Aufführung in Paris, ein Vorsprechen in den USA, eine
kleine Rolle in einem deutschen Film. Sie sah die große, weite Welt.
Aber in ihrem Familien- und Freundeskreis wurden Ehen dennoch arrangiert.
Einen Fremden zu heiraten, das wollte Maya, als sie volljährig wurde, auf
gar keinen Fall. Sie willigte in die Ehe mit einem Freund ein, der bei
ihren Eltern um ihre Hand angehalten hatte. „Am Anfang lief alles gut“,
erzählt sie, „wir hatten eine schöne Zeit.“
Es dauerte einige Jahre, bis Maya realisierte, dass auch in ihrer Ehe etwas
nicht in Ordnung war. So richtig, als sie ans Theater zurückkehrte und
begann, Frauen zu helfen, die zu Hause Gewalt erlebt hatten. Die Arbeit
spiegelte ihr die eigene Realität. Welchen Unterschied gab es zwischen ihr
und den Frauen, die sie in Workshops am Theater anleitete, Wut und Trauer
herauszuschreien?
Maya hatte inzwischen zwei Kinder bekommen, war ihrem Mann nach Kalkutta
gefolgt, hatte sich seinem Verbot gebeugt und das Schauspielen gelassen.
Jetzt erst realisierte sie, wie privilegiert sie aufgewachsen war. Ihr Mann
war nicht mehr ihr Freund, er war ihr Feind geworden. Und er nötigte sie
auch zum Sex. „Über zehn Jahre habe ich das mit mir machen lassen“, sagt
Maya, „dann konnte ich den Missbrauch einfach nicht mehr ertragen.“
Seit 2005 gibt es mit dem „Protection of Women from Domestic Violence Act“
zwar ein Gesetz gegen häusliche Gewalt, sexuelle ist aber nicht
eingeschlossen. Damit ist Indien die einzige Demokratie der Welt, in der
Vergewaltigung in der Ehe keine Straftat ist. Nach der
Gruppenvergewaltigung in Neu-Delhi wurde ein Komitee unter der Leitung des
ehemaligen Obersten Richters J. S. Verma, ins Leben gerufen, um das
Sexualstrafrecht zu verschärfen. Einige seiner Vorschläge wurden
übernommen. Seitdem sind nicht mehr nur Vergewaltigungen strafbar, sondern
auch psychische Misshandlungen wie Stalking, Voyeurismus und verbale
Belästigung. Für Vergewaltigungen, deren Opfer dauerhaft ins Koma fällt
oder stirbt, kann die Todesstrafe verhängt werden.
Doch das Plädoyer des Verma-Komitees, Vergewaltigung in der Ehe unter
Strafe zu stellen, lehnte die Regierung im Mai dieses Jahres ab. Ein
solches Gesetz gefährde das Familiensystem und könne die Institution der
Ehe zerstören. Im indischen Strafrecht heißt es weiter: „Der sexuelle
Verkehr eines Mannes mit seiner eigenen Frau ist keine Vergewaltigung,
sofern sie nicht jünger als 15 ist.“
Seitdem der Hindu-Nationalist Narendra Modi als Premierminister im Amt ist,
hat sich die Regierung wieder darauf verlegt, das Problem zu verharmlosen.
Es gibt immer noch Minister, die es okay finden, wenn Frauen
„versehentlich“ vergewaltigt werden. Indische Politiker weisen darauf hin,
dass die Vergewaltigungsrate weit unter der westlicher Länder liegt,
nämlich bei 2,7 Frauen pro 100.000 Einwohner, in Schweden dagegen bei 58,9.
Sie lassen dabei unter den Tisch fallen, dass sich in Indien viel weniger
Frauen trauen, zur Polizei zu gehen. Und Narendra Modi selbst propagiert
zwar öffentlich „Null Toleranz“ bei Gewalt gegen Frauen, toleriert aber
nach wie vor traditionelle Dorfgerichte (Panchayats), die Vergewaltigung
noch immer als Strafe verhängen.
Ähnlich absurd argumentiert das konservative Lager, wenn es um sexuelle
Aufklärung geht. Männer beziehen ihr Wissen aus Pornos, die ein
brutalisiertes Bild vermitteln. Für Frauen gehört es sich nicht, auch nur
Fragen zu stellen. Viele Organisationen haben deshalb versucht, Modi zu
überzeugen, Sexualkunde an den Schulen einzuführen. Je mehr über Sex
gesprochen wird, desto früher würde er sich verbreiten, heißt es dagegen.
Schon das Wort „Sex“ ist ein Tabu.
Als das Kamasutra 1996 in Indien verfilmt wurde, eine Bollywood-Produktion,
spielte die Filmcrew den staatlichen Zensoren den gesamten Dreh über ein
anderes Skript vor. Als das echte an die Öffentlichkeit kam, durfte der
Film nur stark gekürzt gezeigt werden. Auch im jüngsten James-Bond-Film
ließ Modi alle Kussszenen herausschneiden. Paradox: Während auf der
Leinwand wie in der Öffentlichkeit jedes Zeichen von Zärtlichkeit verboten
ist, kommt kein Bollywood-Film ohne eine große Portion Liebe, Herzschmerz
und knapp bekleideter Frauen aus, alles auf Grundlage des patriarchalischen
Weltbildes. Junge Männer ahmen auf der Straße nach, was sie in den
farbenfrohen Tanzfilmen sehen: Frauen müssen sich anstarren lassen, werden
angetanzt und besungen, als Sexobjekt gejagt und angefasst.
Frauenfeindliche Rollen wie die naive Schöne, solche Angebote lehnt Maya
inzwischen ab. Abseits der Bühne ist auch sie Ziel von Übergriffen. „Ich
treffe Vorkehrungen“, sagt sie. Ist es dunkel, fährt sie nur mit dem
eigenen Auto. Geht das nicht, nutzt sie in Mumbai und in Neu-Delhi die
Frauen-Wagen in den Zügen. Ist sie ansonsten in öffentlichen
Verkehrsmitteln unterwegs, schützt sie Brüste und Genitalbereich, am besten
mit den Händen oder der Tasche. „Das rate ich jeder Frau, die in Indien
unterwegs ist.“
Und doch hat sich seit 2013 etwas verändert. Die Anzeigen wegen sexueller
Gewalt steigen kontinuierlich, und der Protest gegen die herrschende
Sexualmoral und das Frauenbild wird lauter. Vor einem Jahr riefen
Aktivistinnen im südindischen Kerala online dazu auf, sich öffentlich zu
küssen. Obwohl es zu Festnahmen kam, breiteten sich die Kiss-ins über den
ganzen Subkontinent aus, auch dank des Internets, die Proteste wurden nach
dem Hashtag #kissoflove benannt.
In diesem Jahr setzten die Frauen noch eins drauf. Sie riefen mit dem
Slogan: Red alert – you have a napkin (Roter Alarm – Sie haben eine
Einlage) dazu auf, blutige Binden an eine Fabrik für Einweghandschuhe zu
senden. Alle 42 Frauen der Fabrik waren dort einer Leibesvisitation
unterzogen und dann entlassen worden, nachdem auf einer Toilette eine
gebrauchte Binde gefunden worden war. Menstruierende Frauen gelten laut
radikalen Hinduisten als „unrein“ und werden an bestimmten Orten nicht
geduldet. Das gilt nicht nur für Tempel, sondern auch für öffentliche
Busse, aus denen sie manchmal einfach während der Fahrt rausgeworfen
werden.
Maya lebt noch immer bei ihrem Mann, aber arbeitet wieder als
Schauspielerin. Sie schlafen nicht mehr in einem Zimmer. Ruhe hat sie
nicht. Ihr Mann kontrolliert sie, ihren Computer, ihr Handy, alles. „Er hat
mich anfangs fünfzigmal am Tag angerufen und ausgefragt“, sagt sie.
Genau in dem Moment klingelt das Smartphone: ihr Mann. Genervt würgt sie
ihn ab und nimmt noch einen Schluck von ihrem Cappuccino. Der kostet in
Indien genauso viel wie hierzulande, nur dass ein Bruchteil der Inder das
bezahlen kann. Ohne ihren Mann könnte Maya sich den Luxus auch nicht
leisten. „Trotzdem will ich mich scheiden lassen“, sagt sie, „aber er will
das einfach nicht verstehen.“
„Kein Einzelfall“, sagt die Frauenrechtsanwältin Veena Gowda. „In Indien
werden nur die wenigsten Ehen geschieden.“ Die Frauen müssten den Männern
eindeutig schuldhaftes Verhalten nachweisen, was nahezu unmöglich sei. Eine
Gütertrennung sieht das Familienrecht nicht vor. Frauen erhalten höchstens
einen Unterhalt von etwa 170 Euro monatlich. Laut Gericht ist das für eine
Frau genug, um in Indien zu leben.
In Mumbai würde Maya damit gerade mal ein WG-Zimmer bekommen. Rechtlich
gesehen verlieren Frauen in Indien durch die Heirat nicht nur ihren
kompletten Besitz, sondern auch ihre Menschenwürde. „Denn die Ehe ist ein
Sexvertrag, laut dem der Mann Geschlechtsverkehr einfordern kann, wie er
will“, sagt Gowda, „auch wenn das bedeutet, dass es gegen den Willen der
Frau und oder unter Anwendung von Gewalt passiert.“
Was das heißt, spürt Amila jeden Tag. Harte körperliche Arbeit und Gewalt,
meist auch sexuelle, sind ihr Alltag. Sie sagt, den Sex lässt sie einfach
über sich ergehen. „Erotik“ und „Lust“ mit diesen Begriffen kann sie n…
anfangen. „Das werde ich sowieso nie erleben.“
Aber sie will keine weiteren Kinder mehr bekommen. Fünf hat sie, das ist
wenig, ihre beste Freundin beispielsweise, auch eine Paro, hat zwölf. Amila
holt sich beim Regierungskrankenhaus umsonst „die Pille danach“. Die nimmt
sie manchmal mehrmals die Woche, nach jeder Vergewaltigung. Nebenwirkungen
wie Herzschmerzen, Bauchkrämpfe und Übelkeit nimmt sie in Kauf. Sie sind
bei indischen Medikamenten meist stärker, weil die Arzneien gleichzeitig
für den westlichen Markt getestet werden. Und sie lässt die Schläge ihres
Mannes über sich ergehen, der wütend ist, dass sie nicht schwanger wird.
Ihre größte Sorge ist, dass Akthar auch ihre Töchter vergewaltigt.
„Manchmal reicht es mir aber“, sagt sie, „ich würde die Kinder am liebst…
nehmen und weglaufen.“ Doch das geht nicht. In der näheren Umgebung würde
Akthar sie finden. In anderen indischen Provinzen hätte Amila als
alleinerziehende Frau mit fünf Kindern gar keine Chance.
Sie hat Akthar abgerungen, dass sie auf dem Basar einkaufen, auch ohne ihn
ihre Freundinnen treffen und mit ihren Töchtern in einem Zimmer schlafen
darf. „Meine Freiheit konnten sie mir nehmen,“ sagt sie, „aber nicht den
Mut.“
Katharina Finke,30, ist freie Journalistin. Sie hat in den letzten vier
Jahren Indien regelmäßig bereist. Eben ist ihr Buch „Mit dem Herzen einer
Tigerin“ erschienen (Heyne, 256 Seiten, 9,90 €), das die Geschichte von
Amila erzählt
David Weyand,37, ist freier Fotojournalist und hat Katharina Finke bei den
Recherchen begleitet
19 Dec 2015
## AUTOREN
Katharina Finke
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