| # taz.de -- EINSATZ Ursula von der Leyen will als Verteidigungsministerin der B… | |
| > LiterBier und Wein ließen sich 2007 die 3.500 Soldaten nach Afghanistan | |
| > liefern | |
| Bild: Auf dem Truppenübungsplatz in Munster/Bergen, mitten in der Lüneburger … | |
| Aus Hannover, Köln und Munster Julia Maria Amberger | |
| An einem Samstagnachmittag im Juni dieses Jahres hat es | |
| Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen für einen kurzen Moment | |
| geschafft: Die Deutschen klatschen für ihre Armee. Es ist Tag der offenen | |
| Tür bei der Bundeswehr, in der Emmich-Cambrai-Kaserne in Hannover | |
| applaudieren 300 Menschen – all den Soldatinnen und Soldaten in | |
| Afghanistan, Somalia und den anderen Ländern, in denen die Bundeswehr | |
| vertreten ist. Von der Leyens Rede wird von der Bühne in ihre Feldlager | |
| übertragen. Der Brigadegeneral, heute der Gastgeber hier, beugt sich zu der | |
| Ministerin hinunter, streckt den Arm aus und sagt: „Hier geht es lang, Frau | |
| Ministerin.“ Und schon marschiert die Ministerin los. | |
| Vor einem blauen Lastwagen, dem sogenannten Karrieretruck, halten sie. An | |
| einer Tür, die in die Ladefläche hineinführt, flimmert ein Video. Soldaten, | |
| die mit dem Fallschirm in einer Wüste landen oder mit Skiern einen Berghang | |
| hinabgleiten. Ursula von der Leyen läuft die Stufen zum Eingang hoch und | |
| schüttelt einem Mann die Hand, der, seit sie Ministerin ist, nicht mehr | |
| Wehrdienstberater, sondern Karriereberater heißt. Dann verschwindet sie im | |
| Inneren des Lastwagens. Auf einem Pfeil steht „militärische Karriere“, | |
| rechts daneben „zivile Karriere“. Ursula von der Leyen läuft nach rechts. | |
| Es ist das erste Mal, dass die Bundeswehr so aufwendig ihr Innenleben | |
| präsentiert. An 15 Standorten in Deutschland wurden Panzer vorgefahren, | |
| Fallschirmjäger stürzen sich auf die Erde, Kinder dürfen sich in Tarnfarben | |
| schminken lassen oder auf Panzer klettern. Der „Tag der Bundeswehr” ist | |
| Teil der Attraktivitätsoffensive, mit der die Ministerin die Bundeswehr | |
| modernisieren will. Denn seit 2011 die Wehrpflicht beendet wurde, fehlt es | |
| der Armee an jungen Menschen. Weil sie aber in den nächsten Jahren trotzdem | |
| Nachwuchs braucht, muss sich die Bundeswehr jetzt anstrengen. Sie | |
| konkurriert mit Firmen wie Siemens und McKinsey um angehende Ingenieure und | |
| Computerspezialisten. Sie will sich von ihrem alten Image befreien – von | |
| Stubendurchgang, Gehorsamspflicht und Abendbrot um 17 Uhr. Und deshalb | |
| vergleicht von der Leyen die Bundeswehr gern mit einem international | |
| tätigen Konzern. | |
| Kurz vor ihrem Rundgang hatte die Ministerin noch knapp 30 Soldatinnen und | |
| Soldaten auf die Bühne geholt: junge Leute im Karatedress, im | |
| Adidas-Trainingsanzug, im Flecktarn, die Moderatorin des Bundeswehrradios, | |
| Sanitäter. Ganz vorne strahlt von der Leyen im cremefarbenen Anzug. Sie | |
| tritt einen Schritt aus der Menge heraus. „Hier wird die Logistik | |
| organisiert, rund um den Erdball“, sie zeichnet dabei einen Kreis in die | |
| Luft. „Wir haben einen Logistikkonzern, ein Luftfahrtunternehmen, eine | |
| Reederei.“ Besucher halten ihre Handykameras hoch. Väter mit ihren Kindern, | |
| Rentner, ein paar Jugendliche. Doch insgesamt viel weniger, als die | |
| Bundeswehr erwartet hatte. | |
| Wer es im politischen Geschäft zu etwas bringen will, muss sich an eine | |
| Regel halten: Verfolge eine Vision – und unterfüttere sie mit den passenden | |
| Bildern. Thomas de Maizière, Sohn des einstigen Generalinspekteurs Ulrich | |
| de Maizière, stellte das Dienen in den Vordergrund. Er zeichnete von sich | |
| das Bild eines korrekten Aktenverwalters, ganz im Dienst seines Amtes. | |
| Unter ihm warb die Bundeswehr mit dem Slogan „Wir.Dienen.Deutschland“. | |
| ## Die Ministerin sagt: Ich will eine Armee der Berater | |
| Von der Leyen hat einen neuen Slogan hinzugefügt: „Aktiv.Attraktiv.Anders“. | |
| Kaum im Amt, feuerte sie zwei Staatssekretäre und zwei Abteilungsleiter und | |
| holte dafür Berater der Firma McKinsey ins Ministerium. Sie ließ sich | |
| erklären, wie die Rüstungsabteilung geführt werden müsste, und baute sie | |
| daraufhin um. Von der Leyen.Will.Viel. In den Kasernen ersetzt sie derzeit | |
| die militärtypischen Spinde durch Einbauschränke, verspricht freies | |
| Internet und mehr Kitas für die Kinderbetreuung. Jetzt, da die Ämter mit | |
| der Zahl der Flüchtlinge überfordert sind, schickt sie Soldaten ins | |
| Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und stellt 4.000 | |
| Bundeswehrmitarbeiter als „helfende Hände“ frei. | |
| Anfang November hat sich die Bundeswehr auch einen neuen Werbeslogan | |
| zugelegt: „Mach, was wirklich zählt“. Für 10,6 Millionen Euro hat das | |
| Verteidigungsministerium die Düsseldorfer Firma „Castenow“ engagiert, die | |
| auch für McDonald’s und für Rewe wirbt. Sie hat 5,5 Millionen Postkarten | |
| bedruckt, 30.000 Plakate in zwölf Städten aufgehängt und präsentiert ihre | |
| Sprüche auch auf einer neuen Website und in sozialen Netzwerken. „Den Weg | |
| zu dir selbst findest du nicht in einer Running-App“, heißt es da, oder | |
| „Bei uns geht es ums Weiterkommen, nicht ums Stillstehen“. Sie wecken | |
| Interesse mit dem Kennenlernen der eigenen körperlichen und physischen | |
| Grenzen und mit Kameradschaft – doch in keinem der Videos auf der neuen | |
| Website wird auch nur ein Schuss abgefeuert. In dieser Woche hat deshalb | |
| auch ein Netzwerk von Aktionskünstlern, das „Peng-Kollektiv“, die Kampagne | |
| im Netz persifliert: „Mach, was zählt“, gleiche Aufmachung, fast gleiche | |
| Domain. „Wenn du deinen Mitmenschen helfen und die Gesellschaft wirklich | |
| voranbringen möchtest, ergreife einen sinnvollen Beruf“, heißt es da. Es | |
| folgt eine Auflistung, von Arzt/Ärztin, Krankenpfleger/in bis zur Arbeit | |
| mit Flüchtlingen. | |
| Was genau ist das für eine Armee, die die Ministerin sich vorstellt? Was | |
| ist das für eine Bundeswehr, die man vorfindet, wenn man sich mit Soldaten | |
| trifft? Und wie passen diese beide Armeen mit dem Bild zusammen, das eine | |
| mehrheitlich kriegskritische Gesellschaft sich von ihr macht? | |
| Auch wenn die Ministerin eine neue, moderne Bundeswehr will, wirbt sie beim | |
| Tag der offenen Tür mit alten Werten. Das, was die Soldaten tun, sei | |
| sinnvoll und ehrenhaft, obwohl das in der Bevölkerung vielleicht anders | |
| gesehen wird. Sie hebt den Finger und schiebt ihr Kinn nach vorne – wie so | |
| oft, wenn sie dem Gesagten Nachdruck verleihen will. „Unsere Soldaten sind | |
| auch am Horn von Afrika, um die Seewege vor Piraterie zu schützen“, sagt | |
| sie, und zieht dabei das Wort „unsere“ in die Länge. „Das heißt, dass | |
| unsere Bundeswehr und andere Nationen sicherstellen, dass die Schiffe der | |
| Welthungerhilfe auch ihren Weg nehmen können dorthin, wo Menschen hungern, | |
| damit diese Hilfe bekommen.“ Die rund 30 Soldatinnen und Soldaten blicken | |
| ins Publikum, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, während von der | |
| Leyen sie für den Kampf gegen das Hochwasser und die Seuche Ebola lobt. | |
| Vielleicht fragen sich die Soldatinnen und Soldaten, wozu sie bei der | |
| Bundeswehr das Schießen lernen, wenn alles so freundlich sein soll in der | |
| Armee. Sie alle müssen Waffen bedienen können, auch die sogenannten zivilen | |
| Mitarbeiter, die an einem Auslandseinsatz teilnehmen. Denn wenn von der | |
| Leyen von einer Tätigkeit „rund um den Globus“ spricht, dann meint sie | |
| nicht Los Angeles oder Tokio, sondern Erbil oder Mogadischu. | |
| Oder Rakka, Mossul, Kobani? Die Situation einer Armee kann sich schnell | |
| ändern. Nach den Anschlägen von Paris am 13. November, als Hollande von | |
| einem „Kriegsakt“ der Terroristen sprach und die Luftangriffe gegen den | |
| „Islamischen Staat“ in Syrien ausweitete, stand eine Frage plötzlich im | |
| Raum: Was, wenn Frankreich die Nato um Hilfe bittet? Was, wenn es den | |
| Bündnisfall ausruft? Müssen dann auch deutsche Soldaten ran? Artikel 5 des | |
| Nato-Vertrags besagt: Ein Angriff auf einen Mitgliedsstaat ist ein Angriff | |
| auf alle. | |
| Doch so weit geht Frankreich derzeit nicht. Es beruft sich, zum ersten Mal | |
| in der Geschichte der Europäischen Union, auf den EU-Vertrag, der die | |
| anderen Staaten dazu verpflichtet, „alle in ihrer Macht stehende Hilfe und | |
| Unterstützung“ zu leisten, die aber auch finanzieller Natur sein können. | |
| Ursula von der Leyen hat nun erklärt, das militärische Engagement der | |
| Deutschen in Mali ausbauen zu wollen und so Frankreich zu entlasten. Am | |
| Donnerstag wurde bekannt, dass die Bundesregierung auch Tornados und | |
| mindestens ein Kriegsschiff nach Syrien schicken will. | |
| ## Der Soldat sagt: In meinem Beruf geht es ums Kämpfen | |
| Major Marcel Bohnert, 36 Jahre, ist ein sportlicher Mann mit Jungengesicht. | |
| Er weiß, warum Soldaten das Schießen lernen. 1997 ging er zu den | |
| Panzergrenadieren, der Truppengattung, die mit Fahrzeugen wie „Leopard“ | |
| oder „Marder“ ins Gefecht zieht. Er sah sich lange als einen Diplomat in | |
| Uniform. Dann war er in Afghanistan. „Ich verfalle der Illusion nicht mehr, | |
| die Bundeswehr sei ausschließlich eine Armee, die in humanitären Einsätzen | |
| ein Land stabilisiert“, sagt er. | |
| Es ist ein Nachmittag im Juli, an einem der runden Plastiktische auf der | |
| Terrasse stoßen Männer im Offiziershemd mit Weißbier an. Bohnert setzt sich | |
| auf eine Bierbank am Rand. Hier, am Bundessprachenamt der Bundeswehr in | |
| Köln, studiert Bohnert Militär-Englisch. Der Sprachkurs ist Teil der | |
| sogenannten Generalstabsausbildung, in der eine neue Führungselite | |
| herangezogen wird. Er sieht jünger aus, als er eigentlich ist. „Mein Bild | |
| von einem Soldaten wandelte sich vor fünf Jahren, an einem Tag Mitte | |
| Oktober 2010“, sagt er. Da kam er zum ersten Mal nach Char Darah in der | |
| afghanischen Provinz Kundus. | |
| Er wollte sich einen Außenposten ansehen, auf dem er bald 200 Soldatinnen | |
| und Soldaten führen sollte – sprich: entscheiden, in welche Gebiete die | |
| Soldatinnen und Soldaten als Nächstes vordringen, um dort Aufständische zu | |
| vertreiben. Das Lager war ein Schlammfeld, 200 mal 200 Meter, drum herum | |
| Sandsäcke. Draußen wartete der Tod, Straßenbomben, Selbstmordattentäter. So | |
| hat Bohnert es in Erinnerung. „Das war für mich ein absoluter Schock“, sagt | |
| er. „Ich hatte das Gefühl, die Soldaten leben im Gefecht. Für die war es | |
| Krieg.“ | |
| An diesem Oktobertag kam nachmittags ein Soldat auf der Bahre zurück ins | |
| Lager, ein Heckenschütze hatte ihm durch die Schulter geschossen. Ein | |
| anderer Soldat erzählte, wie er mit einer Handgranate nach dem Feind | |
| geworfen hatte. Die geweiteten Augen der Soldaten sagten Marcel Bohnert: | |
| Hier ist Krieg. „Ein Scheißkrieg, für den wir uns opfern, und niemand weiß, | |
| was hier eigentlich los ist. Gleichzeitig hatten die Soldaten aber das | |
| Gefühl, etwas sehr Wichtiges zu tun. Dieser Stolz“, erzählt Bohnert, | |
| „gemischt mit Zweifeln und der Hoffnung, dass das alles bald vorbei ist, | |
| dass sie endlich zurückkommen zur Frau.“ Zu diesem Zeitpunkt habe sein | |
| Vorgänger bereits etwa 25 verwundete Soldaten und ungefähr genauso viele | |
| wegen psychischer Probleme nach Hause schicken müssen. | |
| ## Die Frage ist: Ändert sich die Bundeswehr gerade? | |
| Manche Deutsche scheinenwieder gezeichnet vom Krieg. Sie erzählen von | |
| Sprengfallen und Heckenschützen. Vom Töten und vom Sterben. Und immer | |
| wieder sprechen sie von „PTBS“, von posttraumatischer Belastungsstörung: | |
| Stress nach der Erfahrung von größter Angst. | |
| Soldaten, die etwa einen Anschlag erlebt haben, behalten die Bilder vor | |
| Augen, der Einsatz geht für sie in Deutschland weiter. Die Betroffenen | |
| können nicht mehr schlafen, sie werden aggressiv und schreckhaft. Das | |
| passiert vor allem dann, wenn sie nicht auf Extremsituationen im Einsatz | |
| vorbereitet wurden. Die Beamten im Ministerium haben lange gebraucht, bis | |
| sie erkannten, dass nicht alle Soldatinnen und Soldaten so aus ihrem | |
| Einsatz zurückkamen, wie sie loszogen. | |
| Bohnert macht das wütend. Er will die Schönwetterpropheten in der | |
| Bundeswehr warnen. Das ist seine private Mission. Letztes Jahr hat er ein | |
| Buch herausgebracht: „Armee im Aufbruch: Zur Gedankenwelt junger Offiziere | |
| in den Kampftruppen der Bundeswehr“. Sechzehn Studenten der | |
| Politikwissenschaft, Geschichte und Pädagogik schreiben darin über ihr | |
| Soldatenbild in einer postheroischen Gesellschaft. Bohnert nennt das Buch | |
| ein Gesprächsangebot. | |
| Für Bohnert ist klar, worum es in der Bundeswehr geht: ums Kämpfen. Und die | |
| Bundesregierung dürfe das nicht mehr verheimlichen. „Niemand wollte anfangs | |
| von Krieg sprechen. Man hat die Anschläge als Versehen gedeutet“, sagt er, | |
| „aber so eine Denke kann im schlimmsten Fall Tote verursachen.“ | |
| Auch Ursula von der Leyen will ein Buch herausbringen, in dem es um das | |
| Selbstbild der Bundeswehr geht. Als plötzlich der Krieg in der Ukraine | |
| ausbrach und IS-Kämpfer Mossul und Rakka eroberten, musste sie ihr Ziel, | |
| die Bundeswehr zu einem familienfreundlichen Arbeitgeber auszubauen, um ein | |
| weiteres ergänzen: Sie erklärte, dass Deutschland mehr Verantwortung in der | |
| Welt übernehmen sollte. Im neuen Weißbuch, einer Art Kompass dafür, wie man | |
| auf die Krisen der Zeit reagieren soll, will sie diese Ankündigung nun | |
| konkret werden lassen. Ende 2016 soll es fertig sein. Dass von der Leyen | |
| darin fürs Kämpfen wirbt, ist unwahrscheinlich. | |
| Denn von der Leyen führt ihr Buchprojekt wie ein öffentliches Bauvorhaben – | |
| in einer „inklusiven Debatte“, an der sich nicht nur Wissenschaftler, | |
| Politiker, Militärs und einfache Bürger beteiligen. Von Anfang an sind auch | |
| das Auswärtige Amt und das Entwicklungsministerium dabei und fordern, an | |
| einer gesamtheitlichen Strategie mitzuarbeiten, bevor der Bundestag über | |
| einen Militäreinsatz entscheidet. | |
| Doch allein der Ort – ein schicker Saal im Hotel Steigenberger in Berlin – | |
| lässt erahnen, dass dieser Prozess relativ wenig mit der Welt von Major | |
| Marcel Bohnert zu tun hat. Sozialwissenschaftler der Humboldt-Universität | |
| und der Bundeswehr-Universität diskutieren dort über das Verhältnis | |
| zwischen Soldat und Gesellschaft. Sie denken über das Paradox nach, dass | |
| sich Menschen zunehmend unsicher fühlen, wenn mehr über Sicherheit | |
| gesprochen wird. Und statt der Gulaschsuppe, die bei fast allen | |
| Presseterminen der Bundeswehr und des Verteidigungsministeriums serviert | |
| wird, gibt es Garnelenspieße und Himbeertörtchen. | |
| Von der Leyen will eine neue, moderne Bundeswehr, sagt sie. Eine, die | |
| straff organisiert ist wie ein Konzern. Soldatinnen und Soldaten sollen | |
| ihre Zeit nicht in den Kasernen in Deutschland verbummeln, sondern die | |
| Flüchtlingskrise managen oder im Ausland eingesetzt werden. Aber in erster | |
| Linie eben nicht in der Schlammzone, sondern als Profis, die die Spitzen | |
| der afghanische Armee schulen oder Peschmerga-Kämpfer an der Waffe | |
| ausbilden. Eine Armee, die sich dadurch stärker in die Vereinten Nationen | |
| einbringt, dass sie mehr Führungspersonal stellt. Man könnte auch sagen: | |
| eine Armee der Berater. | |
| Und sie will eine Armee der humanitären Helfer. Eine, die mit 3.000 | |
| Soldaten im Ausland mit NGOs und Mitarbeitern des Auswärtigen Amts und des | |
| Entwicklungsministeriums zusammenarbeitet. Eine, die mit 6.000 Soldaten im | |
| Inland andere Behörden und Ehrenamtliche beim Registrieren und Unterbringen | |
| von Flüchtlingen entlastet. Vielleicht trägt die Ministerin auch deshalb so | |
| dick auf, weil sie nach Verbündeten sucht. Auf die Medien kann sie nicht | |
| mehr zählen: Als eine erneute Studie über das Sturmgewehr G36 ergab, dass | |
| sich sein Lauf bei Dauerfeuer verzieht und das Gewehr dann nicht mehr | |
| trifft, zweifelten die Journalisten sogar die Einsatzfähigkeit der Truppe | |
| an. | |
| Die Frage, die sich stellt: Ist das Kämpfen wirklich der Kern des | |
| Soldatenberufs? | |
| Munster ist ein 16.000-Einwohner-Städtchen in Niedersachsen. Hotels heißen | |
| hier „Grenadier“ oder „Deutsches Haus“, an der Rezeption sind Panzer in | |
| Miniaturgröße ausgestellt. Mehr als 7.000 Menschen arbeiten in Munster für | |
| die Bundeswehr. Am Kreisverkehr steht ein Schild mit einem Eisernen Kreuz, | |
| dem Symbol der Panzergrenadiere. Es führt zu ein paar flachen Häusern, von | |
| einem Zaun abgesperrt: dem größten Standort des Heeres der Bundeswehr. Hier | |
| war Bohnert vor seinem Afghanistaneinsatz stationiert. Hier werden die | |
| Soldatinnen und Soldaten ausgebildet, die später mit Panzern durch | |
| Kriegsgebiete fahren. | |
| In einer halben Stunde Fahrt durch die Lüneburger Heide erreicht man den | |
| Truppenübungsplatz Munster/Bergen, einen der größten Europas, fast ein | |
| Drittel so groß wie das Land Berlin. Sümpfe und Kiefernwälder breiten sich | |
| hier aus. Unter manchen Bäumen ducken sich durchlöcherte Panzerwracks. Die | |
| Ketten der Fahrzeuge haben tiefe Furchen in den Boden gerissen. Seit mehr | |
| als 120 Jahren trainieren Soldaten hier ihren Einsatz. | |
| An einer Lichtung haben sie ein Feldlager nachgebaut. Es ist umringt von | |
| einer Mauer aus Steinsäcken. Am Rand eine Tribüne, von der aus ein paar | |
| Soldaten den Kameraden zusehen, wie sie Panzer betanken, beladen und eine | |
| Patrouille zusammenstellen. In wenigen Tagen sollen sie das einer Klasse | |
| von Offiziersschülern vorführen. | |
| Der größte Kampfeinsatz in der Geschichte der Bundeswehr hat auf dem | |
| Münsteraner Übungsplatz Spuren hinterlassen: Auf die Idee mit der | |
| Steinsackmauer kamen die Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan. Der | |
| vierrädrige „Dingo“ mit der Schusswaffe auf dem Dach ist für den | |
| Afghanistaneinsatz entwickelt worden, auch der etwas kleinere „Eagle“ wurde | |
| dafür in neuerer Version ausgeliefert. Und der Panzer dort hinten an der | |
| Wasserstation ist sandfarben-grün-braun lackiert, in den Farben des | |
| Hindukusch, der Berge im Norden Afghanistans. | |
| Aber bei nur einer der sieben Vorführungen, die sich die Offiziersschüler | |
| ansehen werden, geht es tatsächlich ums Kämpfen. | |
| Major Marcel Bohnert bezeichnet den Afghanistaneinsatz in seinem Buch als | |
| „Feuertaufe“, die die Bundeswehr zu ihren militärischen Wurzeln | |
| zurückgeführt habe. Deutsche Soldatinnen blickten stolz und selbstbewusst | |
| auf den Afghanistaneinsatz zurück. „Afghanistan hat die Bundeswehr an ihre | |
| längst vergessene Mündigkeit erinnert“, sagt er. | |
| Ist heute möglich, woran noch vor zwanzig Jahren keiner dachte – darf sich | |
| die Bundeswehr, die selten Armee genannt wird, wieder als Kampftruppe | |
| präsentieren? Wie kein anderer zuvor prägte der Einsatz am Hindukusch die | |
| Bundeswehr als Gesamtorganisation. Mehr als 135.000 deutsche Soldatinnen | |
| und Soldaten waren seit 2001 in Afghanistan, mehr als 5.000 von ihnen sind | |
| in Gefechte geraten. Lange waren Veteranen aus der deutschen Gesellschaft | |
| verschwunden, nun sind sie wieder da. Von der Leyen muss mit diesen | |
| Kämpfern leben, sie kann nicht umhin, Afghanistanveteranen auch ins | |
| Ministerium zu holen. Ihr Adjutant Heico Hübner zum Beispiel war zuvor | |
| Kommandeur eines Ausbildungs- und Schutzbataillons in Afghanistan. Markus | |
| Kneip, heute Leiter der Abteilung Strategie und Einsatz, hatte zuvor das | |
| Kommando im Norden Afghanistans inne. | |
| Wie viel Macht haben sie über die Ministerin? Von der Leyen spricht nicht | |
| so konsequent von Frieden wie ihre Vorgänger. Gerhard Schröder verweigerte | |
| eine Beteiligung der Deutschen am Irakkrieg. Die schwarz-gelbe Regierung | |
| enthielt sich in einer UNO-Abstimmung über eine Flugverbotszone und | |
| Luftangriffe über Libyen. Und sie? „Die Kriegsministerin“, titelte das | |
| Magazin Stern 2014, nachdem sie gemeinsam mit Außenminister Frank-Walter | |
| Steinmeier und Bundespräsident Joachim Gauck auf der Münchner | |
| Sicherheitskonferenz eine stärkere – auch militärische – Rolle Deutschlan… | |
| in der Welt angemahnt hatte. Doch bislang hat sie noch keinen Einsatz | |
| befürwortet, in dem es ums Kämpfen geht. | |
| Dennoch stellt sich aktuell die Frage, welche Rolle die Bundeswehr | |
| beispielsweise bei der Terrorbekämpfung spielen soll. Was, wenn Terroristen | |
| in Deutschland schießen? Wolfgang Schäuble schlug nach Paris vor, bei einem | |
| Anschlag die Bundeswehr auch im Innern einzusetzen. Die polizeilichen | |
| Fähigkeiten würden da nicht ausreichen. Es scheint, als würde sich eine | |
| Gesellschaft in Zeiten von Terror mit militärischer Präsenz sicherer | |
| fühlen. | |
| Die deutsche Gesellschaft ist immer wieder Thema des Buchs „Armee im | |
| Aufbruch“. Marcel Bohnert rechnet darin mit ihr ab. „Viele Menschen hier | |
| wollen einfach Spaß haben am Leben, auch wenn ihr Konsum auf anderen Teilen | |
| der Erde Konflikte auslöst. Wenn es aber um die Lösung dieser Konflikte | |
| geht, wollen sie nichts davon wissen und machen einen auf Pazifismus“, sagt | |
| er. „Wenn die Gesellschaft nicht nachvollziehen kann, dass sie hier in | |
| Frieden lebt, weil wir auf einem anderen Kontinent diesen Frieden | |
| verteidigen – warum müssen wir dann ständig darum kämpfen, in der | |
| sogenannten Mitte der Gesellschaft zu stehen?“, fragt er. „Können wir nicht | |
| einfach auch am Rand sein?“ | |
| Es ist ein Sprengsatz, den er zündet mit diesen Worten, und mitten | |
| hineinwirft in die „Aktiv.Attraktiv.Anders“-Bundeswehr der | |
| Verteidigungsministerin von der Leyen. Bohnert stellt die Innere Führung | |
| infrage. Die definiert die Soldatin oder den Soldaten als Staatsbürger in | |
| Uniform mit der Pflicht, am politischen Leben teilzunehmen, sich eine | |
| Meinung zu bilden und nicht nur blind Befehle zu befolgen. Die Innere | |
| Führung wurde in den fünfziger Jahren aufgebaut, damit die Armee niemals | |
| wieder von Politikern instrumentalisiert wird oder ein Eigenleben | |
| entwickelt. In Afghanistan oder Somalia schätzen viele die deutschen | |
| Soldaten für ihre Zurückhaltung im Vergleich zu anderen Nationen und für | |
| ihr respektvolles Auftreten. | |
| Bohnert will die Innere Führung nicht abschaffen, er glaubt aber, dass sie | |
| der Bundeswehr schade. „Die zivile Prägung in der Führung hat auch dazu | |
| geführt, dass Soldaten die Lage vor Ort beschönigt an ihre Vorgesetzten | |
| weitergegeben haben, weil sie Karriere machen wollten. Und die Soldaten an | |
| der Basis mussten das ausbaden“, sagt er. | |
| In Afghanistan mussten die Soldaten gegen Regierungsgegner kämpfen, | |
| gleichzeitig die Herzen der Bevölkerung gewinnen und nebenbei noch eine | |
| Schule bauen. Ein Soldat müsse sich auf das konzentrieren können, wofür er | |
| ausgebildet sei, sagt Bohnert. Und das sei nun mal das Kämpfen. Um den Rest | |
| sollten sich das Auswärtige Amt und Entwicklungsorganisationen kümmern. | |
| „Die Bundeswehr braucht auch Leute, die nicht jeden Befehl diskutieren, | |
| sondern stattdessen fragen, ob sie noch mehr schleppen können.“ Es gebe, | |
| sagt Bohnert, eine Lücke zwischen der gelebten Kultur der Soldaten und dem | |
| Bild, das die Bundeswehr in ihren Hochglanzbroschüren vorgibt, | |
| beziehungsweise dem, das die Gesellschaft von ihr hat. | |
| Auf dem Militärübungsplatz in Munster knallt es dumpf. Ein mit | |
| Tannenzweigen getarnter Panzer, gleich neben der Zuschauertribüne, hat | |
| gerade geschossen. Als die Kanonenkugel knapp drei Kilometer weiter vorne | |
| aufprallt, spritzt die Erde wie eine Fontäne. „Panzergrenadierbataillon auf | |
| Stellung“, dröhnt es aus dem Lautsprecher, der die Funkkommunikation der | |
| Soldaten überträgt. „Zugriff auf Seedorf!“ Seedorf ist eines der Dörfer, | |
| die auf der Hügellandschaft etwa 500 Meter vor der Tribüne aufgebaut sind. | |
| Plötzlich schieben sich dort vorne vier Panzer aus dem Wald, sie halten vor | |
| einem der Häuser. Vier Soldaten springen heraus und stürmen das Gebäude. Es | |
| knallt, während die Panzer in den Ortskern vordringen. | |
| Nach etwa einer Stunde ruft ein Soldat: „Operation beendet!“ | |
| Sind die Ministerin und ihr Major wirklich so weit auseinander? Beide haben | |
| noch ein höheres Ziel vor Augen. Die eine will Kanzlerin werden, der andere | |
| General. Deshalb müssen beide auf sich aufmerksam machen: die Ministerin | |
| mit ihrer klinisch sauberen Konzern-Armee, die für jeden etwas bietet; der | |
| Major mit seiner Profikämpfer-Armee für die, die vor allem Soldat sein | |
| wollen. Von der Leyen hat ihn nie zurückgepfiffen. Im Grunde kommt er ihr | |
| gelegen. Zu einer modernen Bundeswehr gehört eben auch, dass sich | |
| Soldatinnen und Soldaten selbst zu Wort melden. Wenn noch dazu einer mit | |
| dem Kämpfen wirbt, dann muss das von der Leyen nicht selbst machen. | |
| Es ist Mittwochvormittag dieser Woche, als sich Ursula von der Leyen vor | |
| die Fernsehkameras stellt. 650 Soldaten will die Ministerin nach Mali | |
| schicken, um Frankreich zu entlasten. Damit wäre Mali nach Afghanistan und | |
| dem Kosovo der drittgrößte Auslandseinsatz der Bundeswehr. Ein Land, in dem | |
| vergangenen Freitag in einem Hotel Geiseln genommen wurden. 21 Menschen | |
| starben. Dieses Mandat, sagt von der Leyen, soll „sehr viel substanzieller | |
| in die Logistik und in die Aufklärung eintreten“. Logistik. Aufklärung. So | |
| sprechen auch Chefs von weltweiten Konzernen. | |
| Julia Maria Amberger, 29, ist freie Journalistin. Sie hat erlebt, wie | |
| Freunde von ihr nach Afghanistan gingen – und am Ende mit Geschichten vom | |
| Krieg zurückkamen | |
| 28 Nov 2015 | |
| ## AUTOREN | |
| Julia Maria Amberger | |
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