# taz.de -- documenta-Kolumne: Hallo, du steinerne Schönheit | |
> Endspurt bei der documenta 12. Unsere Kolumnistin fährt noch einmal zu | |
> Mohnfeld, Fridericanum und Ai Weiwei zurück. | |
Nun ist der Sommer also endgültig vorbei, und weil auch die documenta 12 | |
bald zu Ende ist, heißt es noch einmal: ab nach Kassel zum Arbeitseinsatz | |
im Container. Ungern verlässt man das strahlende Berlin, wenig | |
erwartungsvoll tritt man die Reise an, man kennt ja die Stadt an der Fulda | |
schon. Das Herz klopft kaum stärker, als sich in tiefer Nacht die vielen | |
Lichter Kassels vor der A 7 auftun. | |
In Kassel selbst hat sich auf den ersten Blick nicht viel getan, das | |
Mohnfeld ist verblüht, die Trisha-Brown-Tänzerinnen treten immer noch zur | |
vollen Stunde im Fridericanum auf, winden sich durch Stoffbahnen und machen | |
minimalistische Daumenbewegungen. Der Buchcontainer steht in alter Pracht. | |
Die Besucher strömen hinein und vorbei und suchen den Weg zur Neuen Galerie | |
und irgendwie ist alles gar nicht mehr so schlimm. | |
Was wurde zum Beispiel an dieser Stelle die Kasseler Fußgängerzone | |
gescholten! Und jetzt begrüßt man die steinerne Schönheit wie eine alte | |
Freundin. Hat man sie nicht aus purer Unwissenheit geschmäht und verkannt? | |
Dabei ist sie die erste Fußgängerzone Deutschlands, auch wenn die perfiden | |
Stuttgarter und die bräsigen Kieler ihr den Titel immer noch abstreitig | |
machen wollen! Die Treppenstraße in Kassel (1953) war zuerst da, und auch | |
heute noch liegt die Prachtstraße in ihrer ganzen städtebaulichen | |
Verwegenheit da. | |
Die neuen Ausgaben der Kunstmagazine sind eingetroffen, man hat sich | |
geeinigt, die doc 12 sei doch nicht so der ganz große Wurf, zu didaktisch, | |
zu haptisch, irgendwie dann doch hierarchisch usw. Dabei haben sich die | |
Heftemacher offenbar abgesprochen, grundsätzlich nur über drei Themen zu | |
berichten: Brownie - die plumpe Kunstgiraffe -, das Mohnfeld und den | |
chinesischen Künstler Ai Weiwei. | |
Letzterer ist vollends zum documenta-Liebling und letztendlich zum | |
deutschen Volkshelden geworden. "Des isch vom Wei Wei!", rufen die | |
Kunstenthusiastinnen aus dem Süden erfreut, wenn sie hingebungsvoll in den | |
großen Glasschüsseln mit den Kunstbuttons wühlen und endlich den | |
weiweischen Anstecker mit der Stubenfliege hervorkramen. "Ja, der Weiwei, | |
der isch Spitze!", antwortet dann die Freundin. Aber warum haben gerade so | |
viele Damen im Seniorenalter einen Narren an Weiwei gefressen und stürmen | |
immer wieder in den Container, um den Button mit der Fliege nachzukaufen? | |
Vielleicht hat das wie so vieles im Leben ganz praktische Gründe, und die | |
Damen sind Weiwei schlichtweg dankbar, dass er 1001 Stühle aus China | |
mitgebracht hat, die nun überall herumstehen und zum Ausruhen einladen. | |
Ein findiger Postkartenverkäufer hat sogar das berühmte gefallene Kunstwerk | |
des Chinesen abfotografiert, die einstürzenden Templates mit der humorigen | |
Überschrift "Au Weiwei!" versehen und bietet die Spaßpostkarten auf dem | |
sogenannten Kunsthandwerkmarkt an. | |
Aber die neuen Interviews mit dem beliebten Künstler sind ja auch wirklich | |
schön zu lesen. Während die Sprache der Kunst sonst doch eine recht | |
prätentiöse ist, die sich von der "Arbeit" des Künstlers über die "schöne | |
Arbeit" höchstens einmal zur "spannenden Arbeit" hochschraubt, hört man | |
Weiwei gern zu. Lakonisch und anschaulich berichtet er von seiner | |
armseligen Kindheit in der chinesischen Verbannung, von seinen | |
Slackerjahren in New York mit Allen Ginsberg, seinem Leben in China heute. | |
Inzwischen ist er schon so bekannt, dass sogar die Eintagsbesucher aus dem | |
Umland den Namen richtig aussprechen: Weiwei heißt er nämlich, so wie | |
"Hey!-Hey !" und nicht "Why?-Why?" oder gar "Wie?-Wie?" | |
2 Sep 2007 | |
## AUTOREN | |
Christiane Rösinger | |
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