| # taz.de -- Wenn beim Kinderkriegen nachgeholfen wird: "Ich wollte auch mal" | |
| > 1,4 Millionen Menschen sind hierzulande ungewollt kinderlos. Manche | |
| > wenden sich an die Reproduktionsmedizin. Ein Paar erzählt von seinen | |
| > Erfahrungen und Empfindungen. | |
| Bild: "Auch bei der Therapeutin hingen Babyfotos, worüber ich mich erst wahnsi… | |
| Ute Meyer: Für mich war immer klar, dass ich schwanger werde. Als ich 36 | |
| war, haben wir aufgehört zu verhüten - und nachdem wir es zwei Jahre | |
| erfolglos versucht haben, haben wir es mit künstlicher Befruchtung | |
| probiert. | |
| Frank Meyer: Im Nachhinein frage ich mich, ob wir das gemacht hätten, wenn | |
| uns vorher klar gewesen wäre, was das bedeutet, und wie niedrig die Chancen | |
| sind, dass wir wirklich ein Baby bekommen. Aber wahrscheinlich muss man das | |
| ausblenden, sonst macht man es nicht. Wenn es geklappt hätte, wäre im | |
| Nachhinein alles egal gewesen. Zum Beispiel der Arzt, der mir auf die | |
| Schulter haute mit den Worten: "Ich habe heute sieben Frauen schwanger | |
| gemacht, Ihre schaffe ich auch noch." | |
| Ute: Man erträgt einiges, weil man nur an das große Ziel denkt. Bevor es | |
| losging, wurde ich künstlich in die Wechseljahre versetzt. Ich hatte an der | |
| Gebärmutter kleine Wucherungen, die operiert wurden, das haben einige | |
| Frauen. Die Hormone bekam ich hinterher - um die Entzündungsherde | |
| auszutrocknen, hieß es. | |
| Frank: Das war keine einfache Zeit. Ich musste ziemlich viel aushalten, | |
| weil Ute wegen der Hormone große Stimmungsschwankungen hatte. Parallel | |
| musste ich ebenfalls Medikamente nehmen. Meine Spermaprobe war nicht so | |
| doll. | |
| Ute: Als ich im Herbst 2005 andere Hormone bekommen habe, die ein schönes | |
| Ei heranwachsen lassen sollen, habe ich gedacht: Jetzt sind die Hindernisse | |
| weg, jetzt können wir richtig loslegen! Das habe ich eigentlich nach jedem | |
| Schritt gedacht. | |
| Frank: Wir haben genau ausgerechnet bekommen, wann wir miteinander schlafen | |
| sollten, wann das Ei befruchtungsfähig sein würde. Wir hatten früher schon | |
| Tage geplant, an denen sich Sexualität abspielen soll, jetzt ging es um | |
| Stunden. Das heißt, dass ich schon mal früher von der Arbeit gekommen bin. | |
| Mit Lust hatte Sex zu dieser Zeit nichts mehr zu tun. | |
| Ute: Da haben wir es aber noch sportlich genommen. | |
| Frank: Stimmt, es ging immer noch schlimmer. Anfang 2006 haben wir uns an | |
| eine Kinderwunschklinik gewandt. | |
| Ute: Dort ging es zu wie am Fließband, die Wände waren mit Kinderbildern | |
| gepflastert. Wie Trophäen. Erklärt hat man uns nichts, man hat uns nur | |
| suggeriert: "Das kriegen wir schon hin und Sie nehmen jetzt mal das und das | |
| und das ein." Sie wollten es mit Insemination versuchen, ich bekam also | |
| wieder Hormone für schöne Eizellen und sollte die Spermien gespritzt | |
| bekommen. Wir sind extra nicht in Urlaub gefahren, weil wir aus familiären | |
| Gründen nicht sofort loslegen konnten und keinen weiteren Zyklus | |
| verstreichen lassen wollten. Im August 2006 war es so weit - dachten wir | |
| jedenfalls. Das Ei war groß genug, doch dann kam der Anruf: "Die | |
| Spermaprobe können Sie vergessen." | |
| Frank: Mir wurde gesagt, dass die Spermaqualität sehr schwanken kann. Im | |
| September war der nächste Versuch. Damals dachte ich, mit der Kanüle, in | |
| der meine Spermien drin sind, werden unsere Probleme erledigt. | |
| Ute: Dabei standen wir immer noch ganz am Anfang. Ich bekam meine Tage, und | |
| wir haben die Klinik gewechselt, in einer anderen Stadt. Wir haben uns dort | |
| sehr wohl gefühlt, mussten etwas unterschreiben, wo sinngemäß drinstand, | |
| wir verstehen, dass die Ärzte nicht zaubern können. Man hat uns gleich | |
| gesagt: "Insemination können Sie vergessen." Die Befruchtung sollte | |
| außerhalb des Körpers stattfinden. Wegen der Weihnachtsfeiertage mussten | |
| wir wieder einmal warten, bis wir mit der ICSI-Behandlung beginnen konnten. | |
| Dann gab es ein Riesenpaket mit Medikamenten. Man kommt sich vor wie ein | |
| Junkie. Erst die Spritzen, um die Eizellenproduktion anzukurbeln, dann die | |
| Auslösespritze für den Eisprung, die zu einer exakt berechneten Uhrzeit | |
| dran ist: Sonntag um 23 Uhr, das weiß ich noch genau. Die Spritzen musste | |
| mein Mann setzen, ich steche mir nicht in den Bauch. Am Dienstagmittag | |
| wurden mir unter Vollnarkose acht Eibläschen entnommen, drei davon stellten | |
| sich als befruchtungsfähig heraus. | |
| Frank: Ich durfte währenddessen für die Spermaprobe in einem speziellen | |
| Zimmer Platz nehmen. Da stand ein Ledersofa, und es lief ein Film. | |
| Ute: Ich war mir so sicher, dass es jetzt klappt. Aber als wir zu Hause aus | |
| dem Bahnhof gingen, kam der Anruf: "Es ist leider nichts befruchtet." Ich | |
| hatte das Gefühl, etwas von mir in der anderen Stadt gelassen zu haben. Was | |
| machen die mit unseren Eizellen und unserem Sperma?, habe ich gedacht. | |
| Frank: Meine Frau ist weinend zusammengebrochen, und ich habe nur noch | |
| funktioniert, habe zugesehen, dass ich sie so schnell wie möglich nach | |
| Hause bekomme. Vorwärts leben, rückwärts verstehen, würde ich das nennen. | |
| Ute: Mir war vorher schon geraten worden, mir eine Krankschreibung für die | |
| Woche zu besorgen. Es hieß, dass das alle so machen. Aber wie heftig das | |
| sein würde, hatte ich mir nicht vorstellen können. Die Hormone fallen nach | |
| einer erfolglosen Behandlung rapide ab, es geht dir nur noch dreckig. | |
| Seelisch war ich in einem tiefen Loch, ich habe gedacht, ich habe einen | |
| Makel. Dass es Frühling wurde, machte es noch schlimmer. Alle Tiere | |
| bekommen das hin, nur ich nicht. Es waren immer irgendwelche Frauen | |
| schwanger, meine Schwester gerade mit dem vierten Kind. Ich fand das so | |
| unfair. Jetzt lasst mich doch mal, ich bin dran, habe ich gedacht. Dennoch | |
| habe ich das relativ schnell als Misserfolg weggebucht und weitergemacht. | |
| Frank: Den zweiten Versuch haben wir abgebrochen, weil die Eier zu klein | |
| waren. Wenn der gescheitert wäre, hätten wir einen dritten nicht bezahlt | |
| bekommen. | |
| Ute: Der war im Mai 2008, kurz vor meinem 40. Geburtstag. Ab 40 zahlt die | |
| Kasse nicht mehr. Es war also unser letzter Versuch, die Hormongaben waren | |
| noch stärker als zuvor, wir haben wieder Ausreden gefunden, warum man nicht | |
| arbeiten kann, wir mussten ja immer in die andere Stadt fahren. Dieses Mal | |
| waren es zwar nur zwei befruchtungsfähige Follikel, aber wir bekamen die | |
| Nachricht, dass die Befruchtung eingetreten ist. Ab da war für mich alles | |
| Roger. Am 11. Mai sollte der Embryonentransfer sein, es war nur einer übrig | |
| geblieben, weil der andere irgendwelche Schäden hatte. Während des | |
| Transfers lief klassische Musik, es war wie eine Zeremonie, ich hatte das | |
| Gefühl, hier passiert etwas ganz Tolles. Auf einem Bildschirm konnten wir | |
| verfolgen, wie in einem anderen Raum die befruchtete Zelle in die Kanüle | |
| gezogen und anschließend an den Arzt überreicht wurde. Ich hatte das | |
| Gefühl, mir wird etwas zurückgegeben, und fühlte mich superschwanger, wie | |
| eine Königin. Das Glück dauerte eine Woche. Als ich das Blut im Slip | |
| gesehen habe, ist alles zusammengebrochen, der Strohhalm war weg. | |
| Frank: Ich habe noch am Abend vor dem Schwangerschaftstest bei einer | |
| Psychotherapeutin angerufen, die Paare mit Kinderwunsch berät. Ich bin | |
| überhaupt nicht der Typ für so etwas, aber in dem Moment war mir klar: Das | |
| schaffen wir nicht alleine. | |
| Ute: Auch bei der Therapeutin hingen Babyfotos, worüber ich mich erst | |
| wahnsinnig geärgert habe. Ich dachte: Was soll ich denn hier? Jetzt bin ich | |
| froh, dass wir das gemacht haben. Ich habe mich so wertlos gefühlt, als ob | |
| ich durchsichtig wäre, als ob mich niemand sehen würde. Die Therapeutin hat | |
| mich gesehen. Sie hat mir geraten, mich als "ungewollt kinderlos" zu | |
| bezeichnen, das konnte ich annehmen. Von alleine wäre ich nicht auf die | |
| Idee gekommen, dass ich mich so elend fühlen darf, aber sie hat mir | |
| klargemacht, dass ich mich nicht von Frauen unterscheide, die eine | |
| Fehlgeburt erlitten haben. Das habe ich später auf der Arbeit erzählt, um | |
| zu erklären, warum ich in der ganzen Zeit so viel gefehlt habe und es mir | |
| so schlecht ging. | |
| Frank: Wir haben nur mit sehr wenigen Leuten gesprochen, bei denen wir | |
| dachten, dass es gut aufgehoben ist. Dabei sind Freundschaften zerbrochen. | |
| Ein Bekannter sagte zu Ute: "Soll ich mal?" | |
| Ute: Und eine Freundin: "Man soll der Natur nicht ins Handwerk pfuschen." | |
| Frank: Ich glaube, das Thema ist für die meisten sehr weit weg, weil unsere | |
| Generation die erste ist, die diese Möglichkeiten hat. | |
| Ute: Es tut weh, darüber zu reden, man ist ja erfolglos geblieben. Dabei | |
| gibt es so viele, denen das passiert. Nur wo sind die alle? Auch in der | |
| Selbsthilfegruppe sind wir ganz wenige, wahrscheinlich, weil schon die | |
| Behandlung so teuer ist, und die Kassen nichts für eine therapeutische | |
| Nachbehandlung zahlen. Die Frauen in der Gruppe sind alle so wie ich, haben | |
| eine gute Ausbildung und verdienen gutes Geld. Aber das eine Glück, das ich | |
| so gerne hätte, kann ich nicht kaufen. Mittlerweile frage ich mich, warum | |
| wir uns das eigentlich antun - zehn Stunden Arbeit am Tag. | |
| 2 Jul 2008 | |
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