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# taz.de -- Umstrittenes Gewinnspiel in Niedersachsen: Fünf Frauen, ein Busen
> In einer Disko in Celle kämpfen Frauen um einen Beauty-Gutschein. Dass es
> sich um eine Brust-OP handelt, dürfen sie nicht sagen. Denn Behörden und
> Ärztekammer haben heftig protestiert.
Bild: "Es ist mein großer, großer Traum": Brust-OP-Show in Celle.
Um 3.21 Uhr geht Nadine Leier in die Knie. Sie weint jetzt hemmungslos,
hält mit letzter Kraft das Pappschild in die Höhe. "3.700 Euro" steht
darauf, es ist der Hauptgewinn. Aus den Boxen dröhnt "The winner takes it
all", Frau Liese, die Agenturchefin, kommt quer über die Bühne auf sie zu,
es ist Zeit für das Siegerfoto. Nadine rappelt sich hoch, sie fällt dieser
fremden Frau um den Hals, klammert sich an sie. Ihr magerer Körper zuckt,
die Nase läuft, sie kann es einfach nicht fassen. Sie hat gewonnen. Jetzt
kann sie es endlich allen sagen, sie schluchzt ins Mikrofon: "Ich will mir
von dem Geld meinen großen Traum erfüllen - nämlich wieder Frau zu sein.
Ich werde mir die Brust operieren lassen!" Margarethe Liese - die Sponsorin
- lächelt tapfer zu diesen Worten. Genau das sollte keine der Kandidatinnen
sagen, schon gar nicht die Gewinnerin.
"Das soll ich nicht sagen", raunt Nadine Leier vier Stunden zuvor auf die
Frage, ob sie sich im Falle eines Sieges ihre Brüste vergrößern lassen
wird. Sie grinst wagemutig auf ihren flachen Busen hinunter, "Ein Herz für
Möpse" steht rosa auf weiß auf ihrem Top. Es ist kurz vor Mitternacht,
gleich wird sie mit den anderen Kandidatinnen auf die Bühne der Diskothek
Inkognito treten, sich dem Publikum und der vierköpfigen Jury stellen. Ihre
Chance, zu gewinnen, ist im Lauf der letzten Woche kräftig gestiegen. Von
dreizehn Bewerberinnen sind acht wieder abgesprungen, ihnen ist die Sache
zu heiß geworden. Die verbliebenen fünf Frauen zwischen 21 und 37 Jahren
wetteifern um eine Brustoperation in Polen. Das weiß jeder hier. Nur sagen,
sagen darf es keine.
Nachdem nämlich die Cellesche Zeitung über das "Gewinnspiel um eine
Brustoperation" berichtet hatte, waren die Veranstalter mächtig unter Druck
geraten. "Kämpfe um deinen Traum! Sei dabei und gewinne eine
Brust-Vergrößerung (oder Verkleinerung) im Wert von 3.700 Euro!" stand auf
den Inkognito-Flyern und -Plakaten. Von Tauziehen und Karaoke war die Rede.
Von einem "Erschreck dich nicht-Spiel", bei dem die Frauen mit verbundenen
Augen Titten-Luftballons zerbeißen sollten. Davon, dass sie vor einer Jury
den Satz "Ich will neue Brüste, weil..." vervollständigen sollten. Ein
knallbunter Abend sollte es werden, ein Partygag, richtig gute PR für "Du
bist schön", Margarethe Lieses Agentur, die Kundinnen an eine
Schönheitsklinik im polnischen Poznan vermittelt. Aber das Ding ist voll
nach hinten losgegangen.
Nicht nur dass Celles Gleichstellungsbeauftragte das Spektakel als
"würdelos und menschenverachtend" klassifizierte, es meldeten sich auch
gleich noch die niedersächsische Ärztekammer, die Deutsche Gesellschaft der
Plastischen Chirurgen und die Wettbewerbszentrale. 6.000 Euro Strafe drohte
man der Agentur an, weil es verboten ist, medizinische Leistungen zu
verlosen. Chefin Margarethe Liese unterschrieb eine Unterlassungserklärung,
und auf den Plakaten wurde aus der Brust-OP ein "Beauty Package", das
"sämtliche kosmetischen Leistungen" umfasst. Ab sofort war nur noch von
Nagelmodellagen, Maniküre, Pediküre, Profi-Makeup und Wimpernverlängerung
die Rede. Das Wort "Brust-OP" durfte nicht mehr fallen.
Das hat man offenbar vor Beginn des Wetbbewerbs auch den Kandidatinnen
deutlich gemacht. Auf die Einstiegsfrage des Moderators sollen alle
darlegen, warum sie sich vor anderthalbtausend immer betrunkener werdenden
Partygästen um Geld rangeln. Wofür sie die 3.700 Euro wirklich verwenden
wollen, sagt keine, sie mogeln sich so durch. Tatjana Maier sagt: "Weil ich
es unter vielen Bewerbern bis hierher geschafft habe". Sabina Zerner: "Ich
möchte mir einen großen Wunsch erfüllen." Nadine Leier sagt, "es ist mein
großer, großer Traum". Die 27-jährige Simone Löh erzählt, ihr Mann habe ihr
geraten sich zu bewerben. Und Claudia Eichner schließlich erklärt, als
achtfache Mutter habe sie sich doch "bisschen TÜV und ASU" verdient. Es ist
banal.
Und das bleibt es auch. Womöglich haben die Veranstalter geglaubt, an
diesem Abend Partygeschichte schreiben zu können. Aber die Leute sind über
das platte niedersächsische Land zum Tanzen hergekommen, nicht zum Glotzen
und Labern. "Ich finds öd", sagt der 23-jährige Benjamin. Letzte Woche wäre
die Mottoparty viel cooler gewesen, da seien Autos geschrottet worden. Um
fünf Frauen zuzuschauen, hätte er nicht bei Wind und Wetter von Hannover
nach Celle fahren müssen.
Tatsächlich ziehen sich die vier Stunden bis zur Entscheidung. Nach der
Vorstellungsrunde posieren die fünf leicht bekleideten und stark
geschminkten Frauen vor einem Fotografen - es ist der Programmpunkt
"Professionelles Shooting". Die Kandidatinnen geben sich Mühe. Claudia
lutscht an ihrem Zeigefinger, Tatjana macht einen Kussmund, Nadine bleckt
ihre Zunge. Unter den Beat mischt sich Frauenstöhnen vom Band, vor der
Bühne stehen vier Jungmänner mit hochroten Gesichtern, ihre Eier haben sie
fest im Griff.
Nächster Punkt: Karaoke. Sabine macht ihre Sache gut, "Das ist Wahnsinn"
johlt sie ins Publikum, "Höllehöllehölle!" schallt es zurück. Claudia ruft
"Hey baby! Uh! Ah!", Tatjana singt "Killing me softly". Lustiger wird
dieser Abend nicht mehr. Gäste nehmen die Auftritte mit ihrer Handykamera
auf, man denkt an Youtube.
Gleich ist Nadine dran. Sie weint, sie hat vergessen, was sie singen soll.
Sie ist kurz davor schlapp zu machen, aber sie will das jetzt schaffen!
Nach der Karaoke fliegen drei Frauen raus, unter denen will sie nicht sein.
"Guck mich an", sagt sie und deutet auf ihre Brust, "ich habe Körbchengröße
garnicht."
Dann entert sie im Blindflug die Bühne, "Verliebt, verlorn" heißt ihr Song.
Sie schreit den Text, er ist ihr wieder eingefallen. Sie und Claudia, die
achtfache Mutter, kommen ins Finale.
Ab jetzt geht alles ganz schnell. Es ist kurz vor drei, einer der fünf
Juroren ist längst gegangen, die anderen plaudern angeregt, und das
Publikum will endlich einfach nur tanzen. Der Moderator führt zwei
Gogo-Tänzer auf die Bühne, Claudia und Nadine sollen ihre Oberkörper mit
Fingerfarbe bemalen. Die beiden Männer versuchen, während die Frauen unter
dröhnender Musik ihre Haut grün, gelb und rot beschmieren, körpersprachlich
etwas wie sexuelle Stimulation anzudeuten. Sie schließen halb die Augen,
wippen in den Knien, kippen ihre Becken vor und zurück, ihre Oberkörper
winden sich. Nach einer Minute können sie aufhören. Die beiden
Finalistinnen stellen sich vor der Jury auf. Jetzt gilt es.
Nadine Leier fasst sich noch mal ein Herz. Sie bückt sich und grapscht
einem der Tänzer von hinten zwischen den Schenkeln hindurch in den Schritt.
Sie lacht. "Nadiiiiien!" schreit der Moderator den Namen der Gewinnerin ins
Mikro. Sie hat es geschafft. Sie geht in die Knie.
25 Nov 2008
## AUTOREN
Anja Maier
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