| # taz.de -- Aus Le Monde diplomatique: Israels Schutzschild | |
| > Mit mobil einsetzbaren neuen Abfangraketen will Israel seine fragilen | |
| > Grenzen sichern. Es glaubt, damit auch seine Verhandlungsposition stärken | |
| > zu können. | |
| Bild: Mit selbstgebastelten Waffen gegen einen hochgerüsteten Feind. | |
| Der israelische Anti-Raketen-Schutzschirm "Iron Dome" ("Eisendom") wurde | |
| vom staatlichen israelischen Rüstungsunternehmen Rafael Advanced Defense | |
| Systems entwickelt. Er besteht aus kleinen radargelenkten Abfangraketen, | |
| die nicht nur feindliche Kurzstreckenraketen (mit Reichweiten bis 70 | |
| Kilometer) zerstören können, sondern auch Artillerie- und Mörsergranaten. | |
| Das System wurde bereits erfolgreich gegen Katjuscha-Raketen vom Typ Grad | |
| getestet, die Israel im letzten Libanonkrieg der Hisbollah abgenommen hat. | |
| Nach Angaben des israelischen Verteidigungsministeriums sollen die ersten | |
| beiden Batterien des Iron-Dome-Systems auf Lastwagen montiert werden, um | |
| sie an der Grenze zum Libanon oder zum Gazastreifen mobil einsetzen zu | |
| können. | |
| Eine einzige Batterie hält man für ausreichend, um eine Stadt wie Ashkelon | |
| im Süden des Landes mit 100.000 Einwohnern zu schützen. Zunächst soll das | |
| System in der Nähe des von der Hamas kontrollierten Gazastreifens zum | |
| Einsatz kommen, im zweiten Schritt soll es dann an der libanesischen Grenze | |
| stationiert werden. Der israelische Militärgeheimdienst geht davon aus, | |
| dass die Hisbollah im Libanon heute über ein Arsenal von 40.000 Raketen | |
| verfügt. | |
| Iron Dome ist Teil eines mehrschichtig angelegten Schutzprogramms. Nach | |
| einer im September 2010 mit den USA abgeschlossenen Vereinbarung wollen die | |
| Israelis zusätzlich ein Verteidigungssystem namens "Zauberstab" entwickeln, | |
| inklusive der neuen Abfangrakete "Kala David" ("Davids Schleuder"). | |
| Die soll nicht nur Kurzstreckenraketen mit Reichweiten zwischen 70 und 250 | |
| Kilometern abwehren können, sondern auch Marschflugkörper und großkalibrige | |
| Langstreckenraketen mit bis zu 500 Kilo schweren Sprengköpfen. Als dritte | |
| Komponente kommt eine verbesserte Version der landgestützten | |
| "Stunner"-Abwehrrakete hinzu, eine Gemeinschaftsentwicklung des | |
| Staatsunternehmens Rafael und des US-Rüstungskonzerns Raytheon. | |
| ## 422,7 Millionen Dollar vom Pentagon | |
| Zur Abwehr ballistischer Raketen mit Reichweiten von mehr als 250 | |
| Kilometern verfügt Israel bislang über das "Arrow"-System (hebräisch | |
| "Hetz"), für dessen jährliche Kosten zur Hälfte das Pentagon aufkommt. Seit | |
| 1995 arbeitet der israelische Staatskonzern Israel Aerospace Industries | |
| (IAI) an dem Arrow-II-System, das für den Einsatz gegen konventionelle | |
| ballistische Raketen größerer Reichweite gedacht ist (insbesondere gegen | |
| die iranischen mit mehr als 1600 Kilometer Reichweite). | |
| Aus Furcht vor einem iranischen Nuklearangriff hat Israel schließlich noch | |
| mit der Entwicklung von Arrow III begonnen, einer Flugabwehrrakete, die | |
| eine größere Reichweite hat und in größeren Höhen operieren kann. Zu diesem | |
| Zweck haben die USA und Israel im Oktober 2007 ein bilaterales Komitee | |
| gebildet, das die gemeinsame Entwicklung des neuen Systems durch den | |
| US-Konzern Boeing und IAI beaufsichtigen soll. Die Arbeit an Arrow III | |
| begann 2008; die Rakete soll noch dieses Jahr getestet werden und 2014 | |
| einsatzbereit sein. | |
| Insgesamt unterstützt das Pentagon die verschiedenen israelischen | |
| Anti-Raketen-Programme mit 422,7 Millionen Dollar, die zusätzlich zu den | |
| jährlich 3 Milliarden Dollar US-amerikanischer [1][Militärhilfe fließen]. | |
| Der Verlauf der Kriege gegen die Hisbollah (im Sommer 2006) und gegen die | |
| Hamas im Gazastreifen (um die Jahreswende 2008/2009) hat der israelischen | |
| Regierung eine militärische Rechtfertigung für die Weiterentwicklung der | |
| Raketenschutzschilde und insbesondere für das Projekt Iron Dome geliefert. | |
| In beiden Konflikte gerieten israelische Städte unter heftigen | |
| Raketenbeschuss. Im Sommer 2006 feuerte die Hisbollah rund 4 000 Raketen | |
| auf den Norden Israels und zwang etwa eine Million Menschen, in Bunkern | |
| Schutz zu suchen oder in den sicheren Süden des Landes zu flüchten. Bei den | |
| tausenden Geschossen, die vor und während des Gazakriegs im Süden Israels | |
| einschlugen, handelte es sich zumeist um Kassam- oder Katjuscha-Raketen, | |
| die in klandestiner Heimarbeit hergestellt wurden und aus einfachen | |
| Komponenten wie Salpeter, Zucker und Düngemitteln bestanden. | |
| Aber wie wirksam ist ein solches Verteidigungssystem? Diese Frage stellte | |
| sich schon einmal in den 1980er Jahren in den USA im Hinblick auf die | |
| Strategic Defense Initiative (SDI) des damaligen US-Präsidenten Reagan, | |
| besser bekannt als "Star Wars". Und die Antwort könnte wie damals lauten: | |
| Ein absolut sicheres System gibt es nicht. | |
| ## Operation Gegossenes Blei | |
| Viele und vornehmlich israelische Experten verweisen darauf, dass auch der | |
| "Eisendom" nichts an dem entscheidenden Schwachpunkt ändert: der | |
| geografischen Lage der grenznahen israelischen Städte wie Sderot, dessen | |
| Zentrum nur etwa zwei Kilometer vom Gazastreifen entfernt ist. "Die | |
| Kassam-Raketen, die von der Hamas auf Sderot abgeschossen wurden, waren | |
| relativ langsam", erklärt der israelische Militärexperte Reuven Pedatzur. | |
| "Aber vor allem während der Operation 'Gegossenes Blei' (Anmerkung der | |
| Redaktion: So lautet der Codename für den Angriff der israelischen Armee | |
| auf den Gazastreifen im Dezember 2008 bis Januar 2009) haben sie auch schon | |
| Kassams der dritten Generation und Grad-Raketen eingesetzt. Die fliegen | |
| drei- oder viermal so schnell wie die alten Modelle." | |
| Zudem ist angesichts der 40.000 Raketen, über die angeblich die Hisbollah | |
| verfügt, keineswegs auszuschließen, dass das israelische Abwehrsystems | |
| überfordert ist. "Das ist eine reale Gefahr und ein Problem aller | |
| Raketenabwehrsysteme", meint auch Joseph Henrotin, Chefredakteur der | |
| Zeitschrift Défense et Sécurité Internationale (DSI) und Experte für | |
| Raketenabwehrsysteme. "Bei aller Effizienz der Abfangsysteme ist die hohe | |
| Zahl der potenziellen Geschosse auf jeden Fall schon mal ein Vorteil. Hinzu | |
| kommt, dass jeder Abschuss viel Geld kostet, während die Raketen der | |
| Hisbollah oder der palästinensischen Gruppen sehr billig sind." Der | |
| israelische Experte Pedatzur schätzt den Preis einer Tamir-Abfangrakete des | |
| Iron-Dome-Systems auf rund 100.000 Dollar, die einer Kassam-Rakete dagegen | |
| nur auf einige hundert. | |
| Auf einen ganz anderen Aspekt verweist die israelische Tageszeitung | |
| Ha'aretz. Für sie stand hinter der Entscheidung über die Entwicklung von | |
| Iron Dome von Anfang an offenbar auch die Absicht, "die Wissenschaftler des | |
| Staatskonzerns Rafael weiterzubeschäftigen und das Unternehmen dafür zu | |
| entschädigen, dass es nicht von den Forschungs- und Entwicklungsgeldern des | |
| Arrow-Projekts abbekommen hat, das von Israel Aerospace Industries | |
| entwickelt wurde." | |
| Zudem sprachen für Iron Dome offenbar nicht nur militärische, sondern auch | |
| politische Gründe. So hat der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak | |
| geäußert, das System könne für den Fall, dass sich Israel im Rahmen eines | |
| möglichen Friedensabkommens mit den Palästinensern aus dem Westjordanland | |
| zurückzieht, den israelischen Bürgern als eine Sicherheitsgarantie | |
| präsentiert werden. Auch Joseph Henrotin sieht diese politische Dimension: | |
| Das Iron-Dome-Systeme sei eine "natürliche Reaktion" darauf, dass der | |
| Raketenbeschuss in der israelischen Gesellschaft innerhalb der letzten | |
| Jahren zu einem wichtigen Thema der politischen Debatte geworden ist: "Das | |
| System soll nicht so sehr den Staat Israel ,verbarrikadieren' als vielmehr | |
| seine Verhandlungsposition stärken. So kann er der anderen Seite sagen: | |
| 'Mit diesem System könnt ihr uns nichts mehr anhaben. Akzeptiert jetzt also | |
| unsere Bedingungen.'" | |
| Henrotin glaubt allerdings, dass dies eine Illusion sein könnte: "Ehud | |
| Barak kann als guter General nicht außer Acht lassen, was der | |
| Militärtheoretiker Vincent Desportes das 'Gesetz der Umgehung' genannt hat: | |
| Wenn man den Gegner daran hindert, seine Mittel effizient einzusetzen - in | |
| diesem Fall die Raketen -, wird er andere Aktionsformen finden. Und die | |
| Palästinenser wie die Hisbollah haben bereits demonstriert, dass sie in der | |
| Lage sind, sich taktisch, operationell und strategisch anzupassen. Wenn es | |
| keine politischen Lösung gibt, wird sich das Problem woanders erneut | |
| stellen." | |
| Zudem scheint das israelische Militär seine eigene Vorstellung vom Nutzen | |
| des Iron-Dome-Systems zu haben: In einem Vortrag an der Universität Haifa | |
| im letzten Dezember sagte der Chef des Nordkommandos, General Gadi | |
| Eizenkot, die verschiedenen Raketenabwehrsysteme seien vor allem "zum | |
| Schutz der Militärbasen konzipiert, selbst wenn das bedeutet, dass die | |
| Bürger in den ersten Tagen der Kämpfe einige Unannehmlichkeiten hinnehmen | |
| müssen" (Jerusalem Post, 1. Dezember 2010). Im Übrigen steht die defensive | |
| Ausrichtung des Iron-Dome-Projekts in einem gewissen Widerspruch zu der | |
| erklärten Priorität der israelischen Armee, ihre offensiven Kapazitäten zu | |
| stärken. | |
| Die Installation des Iron-Dome-Systems zeigt auch ein weiteres Mal die | |
| Widersprüche der US-Politik gegenüber Israel: Trotz der Spannungen zwischen | |
| der Obama-Administration und der Regierung Netanjahu wegen der israelischen | |
| Siedlungspolitik - trotz ihrer verbalen Kritik an Israel hat die | |
| US-Regierung am 18. Februar eine Verurteilung der israelischen | |
| Siedlungspolitik durch den UN-Sicherheitsrat durch ihr Veto verhindert - | |
| hat Obama den US-Kongress im Mai 2010 aufgefordert, 205 Millionen Dollar | |
| für den Aufbau des Raketenschutzschilds zu bewilligen. Am 8. Dezember | |
| stimmte das Repräsentantenhaus für die Finanzierung des Programms. | |
| Die bedingungslose Unterstützung der USA für den Aufbau der israelischen | |
| Raketenabwehr zeigt sich auch an der Installation des Ende 2008 vom | |
| US-Unternehmen Raytheon gelieferten Radarsystems AN/TPY-2 in Israel. Dieses | |
| bodengestützte Radar ist, was das Aufspüren feindlicher Raketen betrifft, | |
| effektiver als die bisherigen Systeme Israels, vor allem aber ist es mit | |
| dem globalen Satellitennetz "Defence Support Programme" verbunden, dem | |
| Herzstück des US-Frühwarnsystems gegen Raketenangriffe. | |
| ## Abfangrakete oder Laserkanone | |
| Die Zusammenarbeit in diesem Bereich hatte schon 1996 mit der Finanzierung | |
| des gemeinsamen Laserwaffensystems Thel (Tactical High Energy Laser) | |
| begonnen. Dieses Projekt wurde jedoch aufgegeben, nachdem man bereits 400 | |
| bis 500 Millionen Dollar investiert hatte. Reuven Pedatzur geht aber davon | |
| aus, dass diese Laserwaffe weit kostengünstiger gewesen wäre als das | |
| Iron-Dome-System mit seinen teuren Abfangraketen. Dennoch wurde das Projekt | |
| 2005 endgültig begraben. | |
| Welche politischen Auswirkungen sind von dem Iron-Dome-Projekt auf | |
| regionaler Ebene und darüber hinaus zu erwarten? "Grundsätzlich betrachten | |
| die arabischen Nachbarstaaten die Entwicklung solcher Kapazitäten aufgrund | |
| der defensiven Ausrichtung als wenig bedrohlich", meint Joseph Henrotin. | |
| Doch das Projekt wird die Gegner Israels auch in Zukunft nicht davon | |
| abhalten, Städte wie Haifa im Norden oder Sderot im Süden mit Raketen | |
| anzugreifen. Im Übrigen gilt nach wie vor, dass der Frieden nicht mit | |
| militärischen Mitteln zu gewinnen ist. Was es für den Frieden braucht, sind | |
| politischen Entscheidungen und ausgehandelte Abkommen. Mit der Fortsetzung | |
| seiner expansiven Siedlungspolitik zeigt Israel allerdings, dass es diesen | |
| Weg offenbar nicht beschreiten will. | |
| Aus dem Französischen von Jakob Horst | |
| [2][Le Monde diplomatique] Nr. 9442 vom 11.3.2011 | |
| 25 Mar 2011 | |
| ## LINKS | |
| [1] http://www.israelvalley.com/news/2010/09/29/28769 | |
| [2] http://www.monde-diplomatique.de | |
| ## AUTOREN | |
| L. Checola | |
| E. Pflimlin | |
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