# taz.de -- Aus Le Monde diplomatique: Euroland – bezahlt wird doch | |
> Die Eurozone ist längst nicht gerettet. Es reicht nicht aus, wenn | |
> Griechen und Spanier zum Sparen gezwungen werden. Es fehlen | |
> Wachstumsimpulse und europäische Solidarität. | |
Bild: Europa soll in der gleichen Währung shoppen. Aussteiger sind nicht vorge… | |
Für Europa ist die Griechenlandkrise das wichtigste Ereignis seit den | |
Kriegen im ehemaligen Jugoslawien. Und das nicht etwa, weil das Land für | |
die EU von entscheidender Bedeutung wäre: Die griechische Volkswirtschaft | |
trägt zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Eurozone nicht einmal 3 Prozent | |
bei und könnte sich spurlos auflösen, ohne dass es groß auffallen würde. | |
Die Gefahr ist eine andere. Sie hat einzig und allein damit zu tun, in | |
welcher Weise sich der drohende griechische Staatsbankrott vollzieht. | |
Ich spreche von diesem Bankrott, als sei er beschlossene Sache, und das ist | |
er auch. Denn die Brüsseler Beschlüsse vom 21. Juli, die unter anderem eine | |
Abwertung der griechischen Staatsanleihen um 20 Prozent vorsehen, stellen | |
nach dem Urteil der Finanzmärkte einen "selective default", also einen | |
teilweisen Zahlungsausfall dar. Dass die griechischen Anleihen nicht mehr | |
voll bedient werden, ist für sich schon eine ernste Angelegenheit. | |
Schließlich gründete sich der Euro auf die Annahme, dass genau dies einem | |
Land der Eurozone nicht passieren könne. Deshalb gibt es dafür keinen | |
Präzedenzfall und auch - was noch wichtiger ist - keinen Mechanismus für | |
die Bewältigung der Konsequenzen. | |
Die "weiche Umschuldung", die die Märkte als "teilweisen Zahlungsausfall" | |
bewerten, ist die Folge des gescheiterten Plan A, also des ursprünglichen | |
Rettungsplans vom Mai 2010. Damals wurde der Regierung Papandreou eine | |
Kreditlinie von 110 Milliarden Euro gewährt, wofür diese allerdings zusagen | |
musste, die Staatsverschuldung durch Kürzungen der Ausgaben und höhere | |
Steuereinnahmen drastisch abzubauen. | |
Diese von Europäischer Zentralbank (EZB), EU-Kommission und Internationalem | |
Währungsfonds (IWF) organisierte Rettungsaktion war nötig geworden, weil | |
sich bei der Finanzmarktkrise von 2008 herausgestellt hatte, dass | |
Griechenland sich nur dank falscher Angaben über seine Staatsverschuldung | |
günstige ausländische Kredite hatte besorgen und damit über Wasser halten | |
können. Da auf den Finanzmärkten jetzt kein billiges Geld mehr zu haben | |
war, stand die Regierung Papandreou vor der übelsten Lage, in die ein Staat | |
geraten kann: Das Land konnte seine Schulden nicht mehr bedienen.(1) | |
## | |
In einem der ansonsten eher schrecklichen "Raumschiff Enterprise"-Filme | |
gibt es eine wunderbare Szene, in der Captain Spock einen alten Spruch | |
zitiert: "Nur Nixon konnte nach China fahren." Gemeint ist die Peking-Reise | |
des eingefleischten Antikommunisten Richard Nixon, die 1972 den Kalten | |
Krieg zwischen den USA und China beendete. Ähnlich könnte man | |
argumentieren, dass nur der Sozialist Giorgos Papandreou die ökonomischen | |
Grundstrukturen des modernen griechischen Staates infrage stellen konnte. | |
Denn es war vor allem sein Vater Andreas gewesen, der als griechischer | |
Ministerpräsident in den 1980er Jahren den Ausbau dieser Strukturen | |
vorangetrieben hatte. | |
Griechenland wurde zum 1. Januar 1981 in die damalige Europäische | |
Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) aufgenommen. Im Oktober desselben Jahres | |
konnte Andreas Papandreou nach dem Wahlsieg seiner Pasok-Partei zum ersten | |
Mal seit den 1960er Jahren eine linke Regierung bilden. Die blähte das | |
bestehende Klientelsystem weiter auf, indem sie die direkten Subventionen | |
und Transferzahlungen aus den Brüsseler Töpfen noch durch günstige Anleihen | |
bei westeuropäischen Banken aufstockte. Dieser Geldzufluss finanzierte das | |
gigantische Anwachsen des öffentlichen Sektors, wobei die meisten neuen | |
Stellen direkt oder indirekt der politischen Patronage dienten. | |
Im gesamten System waren überdies traditionelle Formen der Korruption gang | |
und gäbe. So gehören Geldgeschenke in Form von fakelaki (kleinen | |
Briefumschlägen), die dem Krankenhausarzt oder einem Beamten der Baubehörde | |
zugesteckt werden, bis heute zum Alltag. Noch fataler war, dass die Reichen | |
und Superreichen fanden, Steuern zahlen sei nur etwas für die Armen und die | |
Dummen. All das machte Griechenland zu einem Land, in dem der | |
Gesellschaftsvertrag nicht mehr funktionierte. | |
Vielen Beobachtern war das alles durchaus bekannt. Trotzdem war die | |
Überraschung groß, als der Sohn von Andreas Papandreou nach dem Wahlsieg | |
der Pasok im Oktober 2009 als erster griechischer Spitzenpolitiker dieses | |
Erzübel nicht nur eingestand, sondern auch frontal zu bekämpfen versprach. | |
"Korruption, Vetternwirtschaft und klientelistische Politik sind politische | |
Praktiken, mit denen wir sehr viel Gelder vergeudet haben", erklärte der | |
frisch gewählte Regierungschef. Eine atemberaubende Feststellung. Dass sie | |
der Wahrheit entsprach, wussten alle, aber seit wann sprechen Politiker | |
Wahrheiten aus, die unpopulär ist? | |
Die EU gewährte Griechenland neue Kredite, damit Papandreou sein | |
Sparprogramm durchziehen konnte. Sie hoffte damit, der Athener Regierung | |
genug Zeit für den Abbau des Haushaltsdefizits gekauft zu haben. Dieses | |
Defizit war nichts anderes als die Lücke zwischen den Ausgaben des | |
griechischen Staates und seinen Steuereinnahmen. Dieser ursprüngliche Plan | |
A ging freilich nicht auf. Papandreou machte zwar tiefe Einschnitte bei | |
allen öffentlichen Ausgaben, aber dabei gingen zwei Dinge schief. Das erste | |
war, dass sich der Konjunktureinbruch noch verschärfte. | |
Unter Wirtschaftswissenschaftlern gibt es die verschiedensten Theorien über | |
die Auswirkungen einer Austeritätspolitik, sprich scharfer | |
Haushaltskürzungen. Für Nichtökonomen ist es etwas beängstigend, wie weit | |
die Meinungen der Fachleute über eine so wichtige und grundsätzliche Frage | |
auseinandergehen. Wenn wir die Theorie einmal beiseitelassen und einen | |
Blick in die Geschichte werfen, müssen wir feststellen, dass Sparen in der | |
Regel keineswegs zu erhöhtem Wachstum führt. Historisch hat sich eher ein | |
Modell bewährt, bei dem die Staatsausgaben mehr oder weniger stabil | |
bleiben, während gleichzeitig andere Bereiche der Volkswirtschaft wachsen. | |
Wobei die Thatcher-Regierung in den 1980er Jahren in Großbritannien | |
vorgeführt hat, was für ein Kraftakt schon das Einfrieren der öffentlichen | |
Ausgaben ist. | |
## Das griechische Dilemma | |
Das erste Problem bestand also darin, dass das griechische Dilemma durch | |
die Haushaltskürzungen nur schlimmer wurde: Die Wirtschaft schrumpfte noch | |
stärker, die Arbeitslosenrate stieg im Frühjahr 2011 auf ein Rekordhoch von | |
16,2 Prozent. Das zweite Problem waren die reichen Griechen, denen es nie | |
eingefallen war, Steuern zu zahlen, und die das auch jetzt nicht taten. | |
Noch verheerender war, dass der Staat weder fähig noch willens war, daran | |
etwas zu ändern. Ohne höhere Steuereinnahmen war der alte Plan A jedoch | |
hinfällig. | |
Stattdessen gibt es einen neuen Plan A: Die Griechen bekommen weitere 109 | |
Milliarden Euro geliehen - mit längerer Laufzeit und zu niedrigeren Zinsen | |
-, von denen ein Teil der Finanzierung einer begrenzten Umschuldung dient. | |
Dafür verpflichtet sich die Regierung zu weiteren Sparmaßnahmen und einem | |
Privatisierungsprogramm, die reichen Griechen beginnen endlich Steuern zu | |
zahlen, die Wirtschaft erholt sich, und wenn der nächste große Batzen an | |
Rückzahlungen fällig wird, kann Griechenland seine Gläubiger auszahlen und | |
die Krise ist überstanden. | |
Wie plausibel ist dieses Szenario? Sein Realitätsgehalt liegt irgendwo | |
zwischen unwahrscheinlich und unmöglich. Nicht etwa, weil die guten | |
Absichten der Athener Regierung in Zweifel zu ziehen wären. Kein zweiter | |
Politiker redet so penetrant wie Papandreou von Dingen, die seine Wähler | |
nicht hören wollen. Aber die griechische Bevölkerung gibt klare Signale, | |
dass sie das Sparprogramm nicht schlucken will. | |
Es begann mit den üblichen wilden linksradikalen Agitationen, die den | |
meisten Griechen seit Langem zum Hals heraushängen und die Papandreou | |
zunächst sogar geholfen haben mögen. Die seit Anfang Juni anhaltenden | |
Proteste werden von "den Empörten" getragen. Diese aganachtismeni gehören | |
großenteils der Mittelklasse an. Ihnen hat das Sparprogramm bereits sehr | |
viel zugemutet, und auf die Schuldenkrise reagieren sie jetzt mit dem | |
titelgebenden Spruch eines Theaterstückes von Dario Fo: "Bezahlt wird | |
nicht!" Die Abstimmung über die jüngste Dosis der Sparmaßnahmen erfolgte in | |
einem vom Volk belagerten Parlamentsgebäude während eines zweitägigen | |
Generalstreiks. | |
Die "Empörten" sind nicht dumm. Ihnen ist erstens völlig klar, dass das | |
ursprüngliche "Bail-out" für Griechenland eben keine Rettungsaktion ist - | |
auch wenn das die richtige Übersetzung des Wortes ist. Ein Bail-out war es, | |
als die Politiker in den USA und in Europa bankrotten Banken neues Kapital | |
aus Steuergeldern nachgeschossen haben. Aber für Griechenland ist das | |
angebliche Bail-out schlichtweg ein neuer Kredit. Das Geld muss | |
zurückgezahlt werden, und zwar zu dem wenig generösen Zinssatz von 5,2 | |
Prozent im Fall Griechenland und 5,8 Prozent im Fall Irland. | |
Diese kurzsichtigen und knickrigen Zinsraten - von den Regierungen der | |
anderen Euroländer festgesetzt, um ihre Wähler zu beschwichtigen - haben | |
ein tiefgehendes Problem verschlimmert. Die Griechen wissen, was neue | |
Anleihen bedeuten: dass sie künftig für niedrigere Löhne sehr hart arbeiten | |
und zugleich höhere Steuern zahlen müssen, damit die Kredite samt den | |
erhöhten Zinskosten abgezahlt werden können. | |
## | |
Immerhin wurde das Zinsniveau für die neuen Kredite mit den Beschlüssen vom | |
21. Juli korrigiert und ein "Haircut", also ein harter und pauschaler | |
Schuldenschnitt, verhindert. Stattdessen haben die Euroländer eine | |
"höfliche" Form von Umschuldung beschlossen. Die sieht mehrere | |
Möglichkeiten eines Austauschs von alten in neue griechische Staatspapiere | |
vor, die auf einen Schuldenschnitt von etwa 20 Prozent hinauslaufen. Dabei | |
handelt es sich um einen "selektiven" Zahlungsausfall, den die Märkte | |
milder bewerten als einen radikalen Haircut von mindestens 50 Prozent, den | |
viele vor dem Brüsseler Treffen gefordert hatten. | |
Eine solche abrupte Form des Staatsbankrotts - bei der Griechenland die | |
fällig werdenden Anleihen nicht auszahlen könnte oder keine neuen Kredite | |
bekäme - bewerten die Finanzmärkte als "disorderly default" oder | |
unkontrollierte Zahlungsunfähigkeit. Die aber würde weitreichende Folgen | |
haben, die von eher milden lokalen Verwerfungen bis zu einer Kernschmelze | |
des europäischen Finanzsystems reichen könnten. Das würde den Zusammenbruch | |
des Euro und anschließend der gesamten Europäischen Union bedeuten. Die | |
Ökonomen sprechen in solchen Fällen auch von "credit event" und nennen als | |
Beispiel den Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers im September 2008. | |
Solche Kreditereignisse sind von Natur aus chaotisch und unvorhersehbar, | |
und das gilt heute umso mehr, als die Grundstrukturen der | |
Wirtschaftsordnung und der Finanzmärkte, wie sie 2008 bestanden, immer noch | |
intakt sind. Aber im Fall Griechenland haben die Regierungen und die | |
Zentralbanken der Partnerländer nicht etwa Angst vor einem "credit event" à | |
la Lehmann, sondern vor dem Risiko einer "Ansteckung" für die gesamte | |
Eurozone. | |
Als der Euro geschaffen wurde, war eine Zahlungsunfähigkeit von | |
Mitgliedstaaten nicht vorgesehen. Wenn Griechenland seine Schulden nicht | |
mehr bedienen kann, werden womöglich auch Irland und Portugal bald nicht | |
mehr für ihre Staatsschulden aufkommen können. Sollte eines dieser Länder | |
eine "weiche Umschuldung" beantragen, käme dann das nächste Land an die | |
Reihe. Das wäre Spanien oder Italien - und damit würde sich die Lage | |
schlagartig ändern. Spanien ist die zwölftgrößte Volkswirtschaft der Welt. | |
Ein spanischer Zahlungsausfall würde die Glaubwürdigkeit des Euro zerstören | |
und vielleicht auch die europäische Währungsunion, zumindest in ihrer | |
heutigen Gestalt, aus den Angeln heben. | |
Das erklärt die neueste Entwicklung, dass sich die Regierungen der | |
Euroländer widerstrebend dazu durchgerungen haben, den Griechen neues Geld | |
zu leihen. Obwohl sie wissen, dass sie nicht alles zurückbekommen, mussten | |
sie es tun - um sich Zeit zu kaufen. | |
Der Geburtsfehler des Euro war ein demokratisches Defizit. Das hat die | |
europäische Elite vor zehn Jahren allerdings nicht weiter gestört, weil sie | |
dem Glauben an eine Art "gnädiger Vorsehung" verfallen waren. Die | |
Architekten des Euro gingen offenbar davon aus, die neue Währung werde | |
schon durch ihre bloße Existenz eine allmähliche Konvergenz der | |
Volkswirtschaften, der Institutionen, der Bankensysteme, der | |
Haushaltspolitiken und der nationalen Kulturen herbeiführen. Mit der neuen | |
Währung kam eine Zentralbank, aber keine Regierung und keine rechtlichen | |
Regeln jenseits der angeblich verpflichtenden Verschuldungsgrenzen, die | |
etliche Eurostaaten von Anfang an und ganz ungeniert durchbrochen haben, | |
ohne dass sie irgendwelche Folgen oder Sanktionen zu spüren bekamen. Da | |
dieses System auf jeglichen Durchsetzungsmechanismus verzichtete, überließ | |
man den Realitätscheck zwei äußeren Instanzen: den Devisenmärkten, die den | |
Wert des Euro festlegten, und den internationalen Ratingagenturen mit ihrer | |
Bewertung der in Euro ausgeschriebenen Staatsanleihen. | |
## Schaffung von Eurobonds | |
Dass die Eurozone eine stärkere institutionelle Struktur und ein | |
Kriseninstrumentarium entwickeln muss, war seit ihrer Gründung, | |
insbesondere aber seit der ökonomischen Implosion von 2008 offensichtlich. | |
Zwar haben die Regierungen im Mai 2010 eine mit 750 Milliarden Euro | |
ausgestattete "European Financial Stability Facility" (EFSF) eingerichtet. | |
Aber dieser als Eurorettungsschirm bekannte Krisenfonds müsste durch eine | |
fiskalische Union und entsprechende politische Strukturen ergänzt werden. | |
Beides liegt noch in weiter Ferne, wenn auch die Brüsseler Beschlüsse vom | |
21. Juli in die richtige Richtung weisen. | |
Der logische nächste Schritt wäre die Schaffung von Eurobonds, das heißt | |
von gemeinschaftlichen Anleihen, die von der gesamten Eurozone garantiert | |
werden. Das sähe weniger nach bilateralen Darlehen der starken an die | |
schwächeren Euroländer aus und wäre vielmehr ein Schritt in Richtung einer | |
Fiskalunion(2), den man nötigenfalls auch leugnen könnte. | |
Doch was würde passieren, wenn ein Land seine Schulden schlicht nicht mehr | |
bezahlen kann und gezwungen wäre, aus der Eurozone auszuscheiden? Wie würde | |
das ablaufen? Das betreffende Land kann das ja keinesfalls im Voraus | |
ankündigen. | |
Stellen wir uns vor, Griechenland würde erklären, aus dem Euro aussteigen | |
zu wollen. Sofort würden alle Griechen zur nächsten Bank rennen, laufen | |
oder kriechen, um ihr Konto abzuräumen. Wenn sie nämlich ihre Euros auf der | |
Bank liegen ließen, würden die sich in Drachmen verwandeln und am nächsten | |
Tag nur noch, sagen wir, die Hälfte wert sein. Mit dem Abzug sämtlicher | |
Guthaben wären die Banken allesamt bankrott. Deshalb müsste die Regierung | |
vor der Einführung der neuen Währung das Einfrieren aller Bankkonten | |
anordnen. | |
Und was würde in einem solchen Fall mit den griechischen Auslandsschulden | |
geschehen, die ja noch in Euro stehen bleiben? Sie wären auf einen Schlag | |
doppelt so teuer, denn sie müssten in der abgewerteten Drachme | |
zurückgezahlt werden. Deshalb müsste die Athener Regierung wahrscheinlich | |
erklären, dass sie ihre gesamten Schulden nicht mehr bedienen kann. | |
Ein solcher totaler Staatsbankrott wäre nicht nur für Griechenland, sondern | |
für ganz Europa höchst gefährlich. Wenn man das tatsächlich riskieren | |
wollte, hätte man längst mit weitreichenden Planungen anfangen müssen. Ob | |
das geschieht oder geschehen ist, wissen wir freilich nicht, denn solche | |
Pläne müssten streng geheim bleiben, damit die Märkte sie nicht ausnutzen | |
und unterlaufen können. | |
Die neueste Wende der Wirtschaftskrise hat bei Normalbürgern, die das alles | |
aus der Froschperspektive wahrnehmen, große Verwirrung gestiftet. In | |
Island, Irland und Großbritannien bin ich dem Gefühl der Entfremdung, des | |
Nichtbegreifens, des Ausgeliefertseins oft begegnet.(3) Die Leute merken, | |
dass sie ökonomisch oder politisch kaum etwas bewirken können und nur sehr | |
wenig Einfluss auf ihr eigenes Leben haben. In Irland zum Beispiel hat | |
ihnen in den Boomzeiten niemand gesagt, dass es sich nur um eine | |
kurzfristige "Blase" handelte. Und als sie es merkten, war es zu spät. | |
Deshalb reagieren die Griechen auch empört, wenn Vizeministerpräsident | |
Pangalos sagt: "Wir haben das Geld zusammen aufgegessen." Eine solche | |
Analyse widerspricht ganz einfach ihrer Empfindung. | |
Die Macher in der Welt des Geldes ereifern sich im privaten Gespräch gern | |
über die mangelnde Bereitschaft der einfachen Bürger, die Schuld für ihre | |
Lage bei sich selbst zu suchen. Aber wie sich heute zeigt, weiß die breite | |
Öffentlichkeit viel zu wenig über die ökonomischen Mechanismen, die hinter | |
ihrem Rücken ihr ganzes Leben bestimmen. Sie haben an den Urnen für dieses | |
System gestimmt, und es hat ihnen auch niemand erklärt. Und weil Kassandra, | |
solange es aufwärts geht, keine Wählerstimmen gewinnt, sind ihre Rufe im | |
öffentlichen Leben so selten. | |
Griechenland ist dafür ein gutes Beispiel. Das Land hat fast 800 000 | |
Stellen im öffentlichen Dienst, von denen 150 000 innerhalb von vier Jahren | |
abgebaut werden sollen. Es wird schon stimmen, dass die große Anzahl von | |
Stellen im öffentlichen Sektor ein Zeichen von Korruption, Nepotismus und | |
Klientelismus ist - aber so fühlt es sich für jemanden, der auf einer | |
solchen Stelle sitzt, eben nicht an. Was hätte er oder sie auch machen | |
sollen? Die angebotene Stelle trotz fehlender Alternativen ablehnen, weil | |
es für Griechenland schlecht ist, im öffentlichen Sektor so viele Leute mit | |
einem anständigen Gehalt zu beschäftigen? Und hat die betreffende Person | |
denn irgendeinen Hebel oder einen sinnvollen Raum für politisches und | |
ökonomisches Handeln? Diese öffentlichen Bediensteten müssen jetzt also für | |
Entscheidungen büßen, die weit oberhalb ihres Alltagslebens getroffen | |
werden. Das betrifft nicht nur die Griechen, sondern alle Menschen, die zu | |
Opfern staatlicher Sparmaßnahmen werden. | |
Die Ursache für die rigide Sparpolitik ist angeblich die Tatsache, dass es | |
uns allen in den letzten Jahren ein bisschen zu gut gegangen sein soll (was | |
in der öffentlichen Debatte höchstens vorsichtig angedeutet, aber in | |
privaten Gesprächen offen ausgesprochen wird). Doch die meisten von uns | |
haben keineswegs das Gefühl, dass wir es besonders gut hatten. | |
## Deutsche Waren | |
Dieses Gefühl und das Bewusstsein, dass wir auf unsere ökonomische Existenz | |
fast keinen Einfluss haben, führen dazu, dass wir die Vorwürfe nicht auf | |
uns beziehen. Dieses Gefühl ist in Island und Irland ziemlich ausgeprägt | |
und dürfte auch in Großbritannien in der Krise immer stärker werden. Aber | |
in Griechenland ist es so mächtig, dass das Land auf einen Bankrott | |
zusteuert. Was höchstwahrscheinlich bedeutet, dass den meisten Griechen ein | |
Jahrzehnt des Elends bevorsteht. | |
Dass Politik, Wirtschaft und private Lebenswelt auseinanderfallen, gilt für | |
alle Gesellschaften. Es gibt jedoch ein Land, in dem die Unverbundenheit | |
dieser Sphären eine akute Gefahr für die globale Wirtschaftsordnung | |
darstellen, und das ist Deutschland. | |
Die Wirtschaftswissenschaftler verweisen darauf, dass die deutschen | |
Interessen und die griechischen, irischen oder spanischen Interessen nicht | |
auf einer Linie liegen. Sie sprechen von "makroökonomischen | |
Ungleichgewichten" und meinen damit: Deutschland ist als Wirtschaftsmacht | |
so groß und dominant, dass seine europäischen Nachbarn darunter zu leiden | |
haben - es sei denn, eine neue und erweiterte europäische Geldpolitik sorgt | |
dafür, dass die kleineren und schwächeren Länder Schritt halten können. | |
Die niedrigen Zinssätze, die im ersten Jahrzehnt nach der Euro-Einführung | |
der deutschen Industrie zugutekamen, haben in Griechenland, Irland und | |
Spanien zur Bildung toxischer Kreditblasen beigetragen. Die Folgen dieser | |
Entwicklung zu überwinden, dürfte weitere zehn Jahre dauern, und die werden | |
für die Bevölkerung dieser Länder extreme Härten bringen. Die Griechen, | |
Iren und Spanier werden jahrelang dafür ackern müssen, dass ihr Staat genug | |
Steuern einnimmt, aus denen er die Kredite deutscher Banken abbezahlen | |
kann, deren Kreditpolitik zu der Blase beigetragen haben. Denn diese Banken | |
haben in der Vergangenheit deutsche Einlagen an andere Länder verliehen, | |
damit diese deutsche Waren von deutschen Unternehmen kaufen können, die | |
wiederum ihre Gewinne bei deutschen Banken anlegen, die sie dann erneut | |
verleihen und so weiter. | |
Das System ist nicht gerade elegant, aber es dürfte funktionieren, solange | |
die deutschen Steuerzahler bereit sind, die Rettungskosten für die | |
Bankrotte zu begleichen, die in diesem System unvermeidbar sind. Die | |
deutsche Volkswirtschaft ist groß und stark genug, um diese Gelder | |
aufbringen zu können - wenn die deutsche Bevölkerung es will. Aber je | |
länger sich die Euroturbulenzen hinziehen und je klarer wird, wie die | |
Grundlinien einer Eurorettung aussehen, desto deutlicher wird der Unwille | |
der deutschen Wähler, bei dieser Lösung mitzumachen. | |
Die deutsche Boulevardpresse stellt ihren Lesern immer wieder die Frage, | |
warum sie bis zum Alter von 67 Jahren arbeiten sollen, damit griechische | |
Staatsbedienstete mit 55 in Rente gehen können. Die Formulierung ist | |
natürlich demagogisch verzerrt(4), aber im Kern ist es eine gute Frage. Und | |
eine, die Angela Merkel sichtlich am Herzen liegt. Die Bundeskanzlerin | |
betont unablässig, dass bei einem Schuldenschnitt auch die privaten Inhaber | |
griechischer und anderer Anleihen Verluste hinnehmen müssen, weil diese | |
nicht allein zulasten der zunehmend renitenten Steuerzahler gehen | |
dürfen.(5) | |
## | |
Diese neue, national verengte Haltung Deutschlands droht die Eurozone zu | |
sprengen. Wenn sich nämlich die europäische Geldpolitik nach den deutschen | |
Interessen richtet, werden die riesigen strukturellen Ungleichgewichte nur | |
noch weiter anwachsen. Dann aber müssen die Deutschen entweder für die | |
Korrektur dieser Ungleichgewichte zahlen oder sich damit abfinden, dass der | |
Euro nicht primär den deutschen Interessen dient. Sollten sie beides | |
ablehnen, kann der Euro nicht überleben. | |
Derzeit ist schwer zu sagen, wie die deutsche Regierung sich in dieser | |
Frage verhalten wird. Sobald das Thema "Rettung vor einem Staatsbankrott" | |
auftaucht, liefert Angela Merkel eine einstudierte Pantomime ab, die ihren | |
Unwillen zu weiteren deutschen Zahlungen ausdrücken soll. Dabei bleibt | |
jedoch unklar, wie ernst sie das meint und ob sie nicht in erster Linie | |
Wähler im Auge hat, die von Rettungsaktionen für arbeitsscheue Südeuropäer | |
nichts wissen wollen. | |
Allerdings ist die Haltung der Berliner Regierung keineswegs einheitlich. | |
Eine deutlich andere Meinung lässt schon seit Monaten Finanzminister | |
Schäuble erkennen(.6) Und auch unter den Ökonomen und | |
Wirtschaftsjournalisten mehren sich die Stimmen, die einen erheblichen | |
deutschen Beitrag zu einem Rettungsprogramm für unvermeidlich halten. | |
Genau davon müssen die deutschen Steuerzahler überzeugt werden, wenn der | |
Euro in seiner heutigen Form Bestand haben soll. Deutschland muss das in | |
der Tat gesamteuropäische Interesse genauso wichtig nehmen wie sein eigenes | |
nationales Interesse. Andernfalls ist der Euro erledigt. | |
Historisch betrachtet hat sich die Position Deutschlands damit auf | |
verblüffende Weise umgekehrt. Während des gesamten 20. Jahrhunderts war die | |
größte Gefahr für die Stabilität in Europa, dass Deutschland sich zu | |
Besonderem berufen fühlte. Im 21. Jahrhundert liegt die größte Gefahr für | |
die europäische Stabilität darin, dass Deutschland sich weigern könnte, | |
seine besondere Berufung anzunehmen. Das heißt: Nur wenn die deutschen | |
Steuerzahler - wie widerwillig auch immer - einzusehen vermögen, dass sie | |
zur Übernahme dieser Last verpflichtet sind, wird der Euro überleben. Aber | |
schön wird es nicht. | |
Fußnoten: | |
(1) Dazu ausführlich Niels Kadritzke, "Griechenland - auf Gedeih und | |
Verderb", "Le Monde diplomatique, Januar 2010. | |
(2) Zur Problematik dieses Begriffs siehe Detlef Gürtler: | |
[1][blogs.taz.de/wortistik/2010/12/11/fiskalunion]. | |
(3) Zur Islandkrise siehe Robert Wade und Silla Sigurgeirsdóttir, "Die | |
Reykjavík-Gang. Wie Islands Staatskasse verzockt wurde", "Le Monde | |
diplomatique, Mai 2011. | |
(4) Die falschen Zahlen über "die Griechen", mit denen bestimmte Ökonomen | |
und Politiker inklusive der Bundeskanzlerin operieren, korrigierte ein | |
Kommentar in der "Financial Times Deutschland vom 19. Mai 2011: | |
[2][sondergutachten-unnoetige-renten-provokationen/60054215.html:www.ftd.de | |
/politik/deutschland/:sondergutachten-unnoetige-renten-provokationen/600542 | |
15.html]. | |
(5) Mit den Brüsseler Entscheidungen vom 21. Juli wurde eine solche | |
Beteiligung des Privatsektors immerhin durchgesetzt, allerdings in | |
bescheidenem Umfang von etwa 20 Prozent. Siehe dazu die Kalkulation von | |
Jens Berger "Ackermanns großer Bluff" in dem Blog NachDenkSeiten vom 22. | |
Juli 2011: [3][www.nachdenkseiten.de/]. | |
(6) Zuletzt in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen | |
Sonntagszeitung vom 31. Juli: "Was gut für Griechenland ist, ist gut für | |
den Euro". | |
Aus dem Englischen von Niels Kadritzke | |
© "London Review of Books, für die deutsche Übersetzung "Le Monde | |
diplomatique, Berlin | |
14 Aug 2011 | |
## LINKS | |
[1] http://blogs.taz.de/wortistik/2010/12/11/fiskalunion | |
[2] http://www.ftd.de/politik/deutschland/ | |
[3] http://www.nachdenkseiten.de/ | |
## AUTOREN | |
John Lanchester | |
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