| # taz.de -- Das Autorennen | |
| > ELEKTRIK Auf der einen Seite arbeiten Regierung, Autofirmen und | |
| > Atomindustrie. Auf der anderen tüftelt Karl Nestmeier, Hersteller des | |
| > elektrischen Dreirads City EL | |
| AUS BALDERSHEIM UND WOLFSBURG JOHANNES GERNERT | |
| Das Gute ist, dass Karl Nestmeiers Firma jetzt beschleunigt wie ein | |
| Porsche. Wenn alles weiter so läuft, wird auch 2011 wieder ein noch viel | |
| besseres Jahr werden als alle davor. | |
| Das nicht ganz so Gute ist, dass das alles wohl nichts bringen wird, | |
| weltrettungsmäßig. | |
| Ein herrlicher Tag, wenig Verbrennungsmotoren auf den Landstraßen. Die | |
| Sonne scheint auf spitze Kirchtürme, auf Fachwerkhäuser und auf Karl | |
| Nestmeiers Fotovoltaikanlage in Baldersheim in Franken. Vor den Hallen | |
| seiner Firma glänzen die bunten Elektro-Kleinstwagen, Einsitzer mit drei | |
| Rädern. Sie sehen aus wie eine Mischung aus Liegerad und Mini-Ufo: City | |
| ELs. Karl Nestmeier, 45 Jahre alt, Vollbart, sitzt an einem Bürotisch | |
| voller Papierstapel, stößt geringe Mengen Zigarettenrauch aus und erklärt, | |
| was das Thema ist, „der Punkt“, wie er gern sagt. | |
| Der Punkt ist, dass Karl Nestmeier 3.500 City ELs auf deutsche Straßen | |
| gebracht hat. Damit ist er der größte Elektrofahrzeughersteller | |
| Deutschlands. Die Nuckelpinne liegt vorn. Seine Firma verkauft neuerdings | |
| auch Tazzari Zeros, italienische Miniautos, und den indischen Kleinwagen | |
| Reva. Die Firma wird auch dieses Jahr wachsen. Trotzdem sieht es nicht gut | |
| aus für Nestmeiers Idee. Diese Vision von Millionen ultraleichten, | |
| batteriebetriebenen Autos, die so wenig Abgase ausstoßen und so wenig | |
| Energie verbrauchen, wie es angesichts der Klimawandels nötig wäre. | |
| „Deutschland ist ein autoindustriegesteuertes Land“, sagt Nestmeier. Er | |
| drückt seine Zigarette in einen schwarzen Ascher. | |
| ## Der Konzern tut, als hätte er die Zukunft im Griff | |
| Wolfsburg, das Werksgelände von VW. An einem eisigen Wintermorgen parkt | |
| mitten in der Autostadt ein perlweißer Wagen, der aussieht wie ein | |
| gewöhnlicher Golf. Nur der Auspuff fehlt. Und vorne, unter den silbernen | |
| VW-Buchstaben, hat er eine Ladedose. Eike Feldhusen hat sich vor dem Golf | |
| postiert. Er steht fast da wie ein Prediger, in Anzug und Trenchcoat – die | |
| Hände vor dem Oberkörper, als halte er eine Botschaft im Arm. | |
| Feldhusen ist technischer Projektleiter bei VW. Er will Journalisten aus | |
| den USA, aus Großbritannien, Dänemark und Schweden zeigen, wie die | |
| elektronische Zukunft aussieht. Er nimmt ein aralblaues Kabel und steckt es | |
| vorn in den Golf namens BlueMotion. Da, wo sonst die Abgasanlage sitzt, | |
| sagt er, seien die Batterien. Die Batterieladung ist der Treibstoff des | |
| E-Golfs. | |
| Der E-Golf, verkündet der Projektleiter, habe gerade in Großbritannien beim | |
| Future Car Challenge gewonnen, als umweltfreundlichstes Auto. Feldhusen | |
| nimmt die Fäuste hoch und ballt sie ganz kurz. Es sieht nach echter Freude | |
| aus, aber auch ein bisschen unbeholfen. | |
| Bis 2018 will VW der größte Autokonzern der Welt werden. Zum Imperium | |
| gehören nicht nur die Marken Audi, Seat oder Skoda, sondern auch Bentley, | |
| Lamborghini und Porsche. Der Konzern besitzt Fabriken auf vier Kontinenten, | |
| er baut Familienkutschen, Geländekisten, Sportblitze. Allein der Golf hat | |
| sich 2010 in Deutschland mehr als 250.000-mal verkauft. Karl Nestmeier hat | |
| im selben Zeitraum kaum 100 City Els ausgeliefert. | |
| In Wolfsburg klappt Eike Feldhusen die Motorhaube des E-Golfs auf. Kabel, | |
| viele Kästen, alles sieht ölfrei und gepflegt aus wie eine Stereoanlage im | |
| Wohnzimmer. Feldhusen muss hier zeigen, dass Volkswagen prinzipiell dazu | |
| fähig ist, Nestmeier zu überholen. Denn die kleine fränkische Firma hat | |
| einen Entwicklungsvorsprung vor dem Weltkonzern aus Wolfsburg. | |
| „Ein umgebauter Golf ist physikalischer und ökologischer Blödsinn“, sagt | |
| Nestmeier. Sonnenstrahlen fallen auf die Pressspanplatten, die Wände seines | |
| Büros. Niedrigenergiestandard. | |
| Der Punkt sei doch der: Die Konzerne behaupten, sie würden an | |
| umweltfreundlichen Wagen arbeiten. Versuchen zufolge verbrauchen aber schon | |
| Elektrowagen wie der smart e-drive mehr als 20 Kilowattstunden Strom auf | |
| einen Kilometer. Diesen Strom herzustellen, kostet etwa so viel | |
| Kohlendioxid wie ein Verbrennungsmotor auf derselben Strecke verbraucht: | |
| 100 Gramm CO2. Das ist nicht so sensationell. Karl Nestmeiers City ELs | |
| brauchen vier bis fünf Kilowattstunden Strom. 25 Gramm Kohlendioxid. Viel | |
| weniger. | |
| In Wolfsburg öffnet Feldhusen den Kofferraum des E-Golfs, vollgepackt mit | |
| Batterien. Die Journalisten tragen Funktionsjacken und professionelle | |
| Begutachtungsmienen. Als einer fragt, was passiert, wenn man vorne in die | |
| Ladedose pinkelt, antwortet ein Ingenieur, so was mache man nur einmal. | |
| Stromschlag. Ende. „Da passiert natürlich nix“, muss er sich später | |
| korrigieren. Alles abgesichert. Sie müssen sich noch vortasten in die neue | |
| Welt, die Techniker von VW. | |
| Erst 2013 soll der E-Golf auf den Markt kommen. Schon 2011 könnte ein | |
| entscheidendes Jahr für das Elektroauto werden. Bisher gibt es vor allem | |
| den E-Mini und den E-Smart, alles in Modellprojekten. Doch nun beginnen die | |
| ersten Mitsubishi-Händler, den iMiev in ihre Hallen zu stellen. Dazu kommt | |
| der Leaf von Nissan. Von VW reisen fünf E-Golfs um die Welt, in Wolfsburg | |
| sagen sie „E-Gölfe“. Einen nimmt der Konzernchef Martin Winterkorn zu | |
| Vorträgen mit, zu Autoshows, und PR-Wettrennen. | |
| Karl Nestmeier hält dagegen. Mit Präsentationsecken, die ihm einige | |
| Autohäuser einrichten. | |
| Der E-Golf und der City EL, es sind zwei völlig unterschiedliche Ansätze. | |
| Die Grundidee des City EL ist, dass sich die Autowelt ändern muss, damit | |
| sie der Umwelt weniger schadet. Die Grundidee des Golf ist, dass alles so | |
| bleiben soll wie bisher – nur künftig elektrisch und damit auch irgendwie | |
| umweltfreundlich. | |
| „Es kann doch nicht das Ziel sein, Spritverschwendung durch | |
| Stromverschwendung zu ersetzen“, sagt Karl Nestmeier, ganz sachlich. Er | |
| regt sich nicht mehr auf. Das kurzärmelige Hemd ist papahaft verknittert. | |
| Sein Fuß wippt. Der Stress, vielleicht die Zigaretten, haben das Gesicht | |
| etwas rötlicher gemacht. Oft setzt er sich schon morgens um vier an den | |
| Schreibtisch, in Jogginghosen. | |
| Die größte Schwierigkeit bei der Entwicklung von Elektroautos sind die | |
| Batterien. Sie halten zurzeit selten viel länger als 100 Kilometer und vor | |
| allem sind sie extrem teuer. Je mehr ein Auto wiegt, desto mehr Masse | |
| müssen die Batterien bewegen, desto klobiger und massiver werden die | |
| Energiespeicher. | |
| Man muss die Wagen leicht machen, um die Batterien klein zu halten, dann | |
| kosten sie weniger. Ein gewöhnlicher Golf wiegt gut 1.000 Kilo, ein E-Golf | |
| schon 1.545 Kilogramm. Ein City EL wiegt 230 Kilo. Mit Batterien. Er ist zu | |
| leicht für die Pkw-Statistik. | |
| Doch Deutschland hat über Jahrzehnte große Limousinen in die Welt verkauft. | |
| Mercedes, BMW. Sicherheit, Verdrängung, Wohlstand. Luxus. Mit der Größe der | |
| Autos wächst nicht nur der Batteriebedarf, es wachsen auch die | |
| Gewinnspannen. Image kostet extra. Der E-Golf ist gewichtsmäßig die Grenze, | |
| an die die Autokonzerne gehen können. Sie wollen keine kleineren Wagen. Sie | |
| haben mehr zu verlieren als Nestmeier je gewinnen kann. | |
| Die Politik macht Druck. Das Ziel der Bundesregierung lautet, dass 2020 | |
| eine Million Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen unterwegs sein sollen. | |
| Im Jahr 2010 waren nur 1.588 Elektroautos angemeldet, der City EL nicht | |
| mitgerechnet. Es könnte ein Rennen werden zwischen der Strategie des | |
| Weltkonzerns VW und der Vision des Tüftlers Karl Nestmeier aus Baldersheim. | |
| Aber hat der Herausforderer wirklich eine Chance? | |
| ## Verbrennungsmotor? Der stinkt und ist gefährlich | |
| Während die Autojournalisten in der Wolfsburger Konferenz-Lounge versuchen, | |
| die richtigen Pulversäckchen in die Espressomaschine zu fummeln, läuft sich | |
| ein zweiter VW-Techniker warm. Christoph Kielmann drückt den Rücken gerade. | |
| Er will die Geschichte von der sauberen Welt erzählen. Darin fahren seit | |
| vierzig Jahren alle Menschen E-Fahrzeuge. Nichts stinkt, keine Ölflecken, | |
| abends den Stecker in die Garagensteckdose, morgens losfahren. „Und dann“, | |
| sagt Christoph Kielmann, „kommt jemand und erfindet den Verbrennungsmotor.“ | |
| Er lächelt sanft. „Das stinkt, das ist gefährlich. Da muss man | |
| hochexplosives Benzin mit Lastern durch die Gegend fahren. Wer ist denn so | |
| verrückt und kauft so ein Auto?“ | |
| Kielmann ist seit Mitte der Neunziger bei VW. Er entwickelt den E-Golf mit. | |
| Seine Uhr ist rund und schwer, sein Anzug eng. Er könnte ein Werber sein, | |
| aus einer US-Serie. Den E-Golf begleitet er ab und an durch die Welt. „Wir | |
| wollen erst mal einen Golf darstellen, um Elektromobilität erlebbar zu | |
| machen“, sagt er. Der verlässliche Golf als konkreter Elektrotraum. Als das | |
| Vehikel in einer Welt, in der Fahrzeuge nicht riechen und eher summen als | |
| röhren. Einer Welt, in der Autos nicht mehr schaden. Es ist eine Welt, die | |
| etwa so erreichbar ist wie ein Zwölfzylinder für einen Hartz-IV-Empfänger. | |
| Der ehemalige Chef des Umweltbundesamts, Axel Friedrich, hat in mehreren | |
| Studien vorgerechnet, warum die E-Auto-Offensive in seinen Augen Unfug ist. | |
| Abgesehen davon, dass eine Million Elektroautos nur einen Bruchteil der bis | |
| 2020 erwarteten 50 bis 60 Millionen Fahrzeuge ausmachten, würden die | |
| Blechkolonnen in den Städten durch Elektroautos nicht kleiner. Vor allem | |
| aber seien es keine Null-Emissions-Autos, sondern | |
| „Anderswo-Emissions-Autos“. Das Kohlendioxid entsteht dort, wo der Strom | |
| hergestellt wird. Solange das keine regenerative Energie ist, sieht die | |
| CO2-Bilanz der Elektroautos teils sogar schlechter aus als bei | |
| Verbrennungsmotoren. Beim derzeitigen deutschen Strommix, stellt selbst die | |
| Bundesregierung fest, ist der CO2-Ausstoß von E-Wagen kaum niedriger als | |
| bei modernen Dieselfahrzeugen. Wo aber soll all die erneuerbare Energie | |
| herkommen, in einem Land mit einer Atomkraftregierung? | |
| Karl Nestmeier ist gegen Atomkraft, gar nicht so sehr gegen | |
| Verbrennungsmotoren. Er hat selbst einen VW-Bus. Das geht mit fünf Kindern | |
| nicht anders in Baldersheim, wo die Busse zur Hauptverkehrszeit nur alle | |
| drei Stunden fahren. Nestmeier besaß schon in den Siebzigern einen Bus, als | |
| Gymnasiast. Da sind sie auf Festivals gefahren. Er hat das | |
| Elektrotechnik-Studium abgebrochen, um den Elektroladen der Eltern zu | |
| übernehmen und Fotovoltaik-Anlagen zu verkaufen, Solarthermie. Er engagiert | |
| sich in der Kirche, liest im Gottesdienst. Thema Schöpfungserhalt. Die | |
| Leute lästerten, als er mit den Solaranlagen anfing. Dann kam das | |
| Erneuerbare-Energien-Gesetz. Als er 1994 die Idee des City EL aus Dänemark | |
| importierte, haben sie ihn belächelt. Das war lange vor der | |
| Elektrooffensive der Regierung. | |
| ## Im Dreirad mit 60 km/h Spitzengeschwindigkeit | |
| Karl Nestmeier ist ein christlich-ökologischer Rationalist. Er mag es, wenn | |
| etwas Sinn ergibt. | |
| Es geht in Autodingen aber nicht nur rational zu, in einem Land, in dem | |
| selbst Gerd Lottsiepen, der Fahrzeugexperte des ökologischen Verkehrsclubs | |
| Deutschland, über den City EL sagt: „Unter einem Auto versteht man ja | |
| gemeinhin doch etwas anderes.“ Auch Lottsiepen wünscht sich, dass „solche | |
| Fahrzeuge einen viel größeren Raum haben in unserer Verkehrswelt“. | |
| Gleichzeitig muss er feststellen: „Viele Leute haben Angst, sich in so ein | |
| Auto zu setzen – wenn sie umgeben sind von Panzern.“ | |
| Man braucht etwas Gelassenheit, um sich in diesem Autoland nicht als | |
| Verkehrshindernis zu fühlen, wenn man mit 60 Stundenkilometern | |
| Höchstgeschwindigkeit auf den drei Rädern des City EL über die Bundesstraße | |
| braust. In einem Land, in dem Jugendliche mit tiefergelegten GTIs | |
| abendelang übers Dorfpflaster röhren. | |
| Es bräuchte kleine, leichte Fahrzeuge, sagt Karl Nestmeier. Damit die | |
| Ressourcen dieser Erde wirklich geschont werden. Es bräuchte einen | |
| Strukturwandel. | |
| Der Verkehrsminister, der einen solchen Wandel finanziell fördern könnte, | |
| er fährt im E-Golf vor. Und die Kanzlerin begutachtet das Modell am Rande | |
| des CDU-Parteitags. Das sind Zeichen: Die Regierung will, dass alles bleibt | |
| wie bisher. VW, BMW und Mercedes sollen große Wagen bauen. RWE, Vattenfall | |
| und Eon sollen den Strom liefern, den diese Autos brauchen. Es müssen | |
| Starkstromzapfsäulen her. Deshalb sind die Energiekonzerne an den | |
| Elektromodellprojekten beteiligt, die die Elektrooffensive fördert. Ein | |
| gutes Geschäft. | |
| Karl Nestmeier muss sich selbst fördern. Einige Fahrer hätten ihre alten | |
| Autos 2009 gern gegen einen City EL getauscht, obwohl er als Einsitzer mit | |
| 10.000 Euro ziemlich teuer ist. Nestmeiers Fahrzeuge wurden aber mit der | |
| Umweltprämie nicht finanziert. Zu klein. Zu leicht. Als der damalige | |
| Umweltminister Sigmar Gabriel den Betrieb auf dem fränkischen Hügel besucht | |
| hat, sei dem die Kinnlade einen halben Meter runtergeklappt, sagt | |
| Nestmeier. | |
| Die Firma wächst dennoch. Nestmeier läuft durch die hellen Büroräume, zur | |
| Landkarte mit den Fähnchen. Überall in Deutschland will er in die | |
| Autohäuser. Er hat dafür die Smiles AG gegründet, mit einem grinsenden | |
| Gesicht als Logo. Es haben sich hunderte Bewerber gemeldet. Man muss | |
| aufklären, sagt er, dann verkauft man auch: „Die Leute müssen einen | |
| Aha-Effekt im Kopf kriegen.“ Es ist nur nicht so klar, welche Art von Aha | |
| den Leuten zu vermitteln ist. | |
| Der Autoclub ADAC hat seine Mitglieder gefragt, was sie von Elektroautos | |
| halten. 90 Prozent finden sie gut. Aber 40 Prozent würden dafür nicht mehr | |
| Geld ausgeben. Rational betrachtet ist Nestmeiers City EL ideal. Er ist | |
| gemacht für eine Person, die nicht allzu weit fährt. Im Schnitt sitzen in | |
| Deutschland 1,3 Menschen in einem Auto. Gut 45 Prozent aller Berufspendler | |
| legen dem Statistischen Bundesamt zufolge Strecken von weniger als zehn | |
| Kilometern zurück. Trotzdem, schreibt der Umweltexperte Axel Friedrich in | |
| einem seiner Reports, wollen Großstadtsingles meist lieber einen Fünfsitzer | |
| – falls sie doch mal einen Ausflug machen oder zu Ikea fahren. Und dann ist | |
| da die Angst, liegenzubleiben, gerade im Winter. Man kann in so einem Fall | |
| keinen Stromkanister holen. | |
| Es könnte sein, dass Karl Nestmeiers größter Gegner gar nicht die Industrie | |
| ist und nicht die Politik, sondern der Kunde und seine Träume, seine | |
| Sorgen. | |
| Im Restaurant des Wolfsburger Ritz-Carlton klappert am Mittag leise das | |
| Besteck auf den Tellern mit der Maispoulardenbrust. Ingenieure in Anzügen | |
| reden über eine Autowelt, die noch nicht ihre ist. Gut, sagt einer, bisher | |
| habe man die Elektroentwicklung eher auf Sparflamme gehalten. Aber nun gehe | |
| es los. | |
| Als sie studiert haben, gehörten zu einem Wagen Zylinder, Zündkerzen, | |
| Abgasanlagen. Sie sind unsicher. Lädt man in zwei, drei Stunden per | |
| Starkstrom oder in sieben, acht mit normalem? Wo sollen die Ladedosen hin? | |
| An den Motor? Ist da nicht die Schmutzzone, der Dreck? | |
| Der E-Golf fährt mit einer einzigen Aufladung nur bis zu 150 Kilometer weit | |
| und bis zu 135 Kilometer pro Stunde schnell. Wenn in Deutschland einer | |
| Tempo 130 auf Autobahnen fordert, reagieren viele, als hätte er die | |
| Einführung der Todesstrafe verlangt. Kauft da jemand einen Golf, der gerade | |
| mal 135 fährt? Bei VW haben sie keine Ahnung, ob das klappt. Nach außen | |
| sagen die PR-Leute nicht, wie viele genau am E-Golf arbeiten. | |
| Sie müssen jedenfalls so tun, als setzen sie viel aufs Elektroauto, sonst | |
| können sie von der Politik keine Entwicklungsmillionen fordern, keine | |
| Kaufprämie für E-Autos, wie es sie etwa in Frankreich gibt. Die | |
| Autoindustrie, die sich jahrzehntelang jede Einmischung der Politik | |
| verbeten hat, als es um die Senkung von CO2-Werten ging, plötzlich fordert | |
| sie diese Einmischung – finanziell. | |
| Noch vor dem E-Golf soll der Opel Ampera auf den Markt kommen, ein | |
| Kleinwagen für 42.900 Euro. Es müsste ein kleines Batteriewunder geschehen, | |
| wenn der E-Golf viel billiger werden soll. Mittlerweile gibt es | |
| Überlegungen, E-Autos nicht zu verkaufen, sondern zu verleasen. Weil so | |
| teure Wagen sonst keiner kauft. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle von der | |
| FDP ist gegen eine Kaufprämie. Doch selbst wenn sie käme: Mit einem | |
| Zuschuss von 5.000 Euro wäre ein Opel Ampera dreimal so teuer wie ein | |
| ähnlicher Verbrenner. | |
| Wahrscheinlich ist der Kunde ein Gegner, den VW und Nestmeier gemeinsam | |
| haben. | |
| ## Der E-Golf bleibt liegen, der City EL scheppert | |
| „Es muss funktionieren“, sagt Christoph Kielmann nach einem | |
| Mandel-Amarettini-Eis mit getrockneten Moosbeeren, hinter sich weite | |
| Fenster und rote Fabriktürme. „Es muss immer funktionieren.“ Das ist ihr | |
| Anspruch. Am Vormittag sind sie mit den Journalisten im E-Golf durch | |
| Wolfsburg gefahren. Sie haben die verschiedenen Beschleunigungsstufen | |
| probiert, die Anzeige mit der blau leuchtenden Golfsilhouette begutachtet, | |
| vorne, neben dem Lenkrad. Durch den virtuellen Golf flossen Energieströme, | |
| und wenn man bremste, lud er sich auf, die Ströme wurden grün. Die Reifen | |
| brummten über den Asphalt, gedämpft und dumpf. Stiller als Nestmeiers City | |
| EL, der ein wenig scheppert. Seine Fahrerzelle ist nicht besonders | |
| isoliert, die Bremsen sind nicht verstärkt. Man muss die Beine ein wenig | |
| anstrengen, um das fränkische Dreirad anzuhalten. | |
| Aber dann ist beim Testfahren ein E-Golf einfach liegen geblieben. Wieso? | |
| Sie wissen es nicht. Es sei noch „sehr viel Handarbeit“, sagen sie. Es ist | |
| ein Golf, den sie aus der normalen Produktionsstraße geholt haben, bevor | |
| der Motorblock, bevor die Abgasanlage eingebaut worden waren. Sie werden | |
| noch etwas brauchen, damit es funktioniert. | |
| Der City EL läuft. | |
| „Ach, die Kiste!“, ruft einer der VW-Ingenieure. Habe er nie als Auto | |
| betrachtet. Sei doch beim leichtesten Aufprall Schrott. | |
| Schrott? Karl Nestmeiers Füße federn in die Halle hinein. Er packt einen | |
| Hammer, greift einen Brocken aus Kunststoff, knallt ihn auf den Boden und | |
| drischt darauf ein. Sein Gesicht färbt sich rot. Das Eisen klopft auf den | |
| Brocken, tockt, viel zu hell, fast wie ein Tischtennisball auf der Platte. | |
| Nestmeier hält inne. Keine Delle im Kunststoff. „Polyurethan“, sagt er. | |
| Ganz leicht der Stoff, trotzdem kaum kaputtzukriegen. Daraus sind die | |
| Fahrerkabinen des City EL gemacht. | |
| Noch so ein Thema, Nestmeier erzählt jetzt, energisch: Ein | |
| Mercedes-Sprinter überfährt ein Stoppschild und „jubelt“ einem City EL vo… | |
| in die Seite, die es dabei richtig „schrotet“, wobei die Wanne | |
| „aufspreißelt“. Dem Fahrer sei nichts passiert. Das hat mit der | |
| Massenträgheit zu tun und damit, dass der City EL leicht weggeschoben | |
| werden kann. Im Gegensatz zu einem 1,5-Tonnen schweren E-Golf, der eher | |
| stehen bleibt und zerquetscht wird. | |
| Trotzdem: Der Golf ist das meistverkaufte Auto in Deutschland. Und auch | |
| wenn Nestmeier seine Umsätze weiter verdoppelt und verdreifacht: Spätestens | |
| im Jahr 2014 dürfte der E-Golf den City EL überholen, zahlenmäßig. | |
| Ganz sicher ist es nicht. | |
| Nestmeier steigt in einen Tazzari Zero, einen ultraleichten italienischen | |
| Sporthüpfer, den er auch verkauft, sparsam und „piepeinfach zu fahren“. Er | |
| drückt erst auf den grünen Knopf, Öko-Modus, dann schaltet er auf Rot, | |
| Boostbetrieb, und schießt in den Ort hinein. Der Tazzari pfeift wie ein | |
| Formel-1-Wagen. Mitten auf dem Dorfplatz von Baldersheim zieht Nestmeier | |
| die Handbremse. Der Tazzari schleudert um 180 Grad herum. Karl Nestmeier | |
| triumphiert: „Ja, ein Elektroauto ist keine Nuckelpinne!“ | |
| In diesem Moment ist er ein Mann, der einmal ein Teenager war, der in einem | |
| Autoland aufwächst. Dort, wo Halbstarke hinter getönten Windschutzscheiben | |
| sinnlos Benzin verbrennen. Weil es Spaß macht. Und Lärm. Und stolz. | |
| ■ Johannes Gernert, 30, sonntaz-Redakteur, fährt ein Diamant-Rad | |
| 15 Jan 2011 | |
| ## AUTOREN | |
| JOHANNES GERNERT | |
| ## ARTIKEL ZUM THEMA |