| # taz.de -- Der Schlüssel zum Pogrom | |
| > Wilhelm Solms, Mitgründer der Gesellschaft für Antiziganismusforschung | |
| > und Literaturwissenschaftler, über dämonisierende und romantisierende | |
| > Bilder von Sinti und Roma in Romanen, Märchen und in der Gesellschaft | |
| VON GABRIELE GOETTLE | |
| Wilhelm Solms, Literturwissenschaftler, seit 1977 Prof. f. Neuere deutsche | |
| Literatur u. Mediendidaktik an d. Philipps-Univerität Marburg. 2001 | |
| emeritiert. Er studiert Germanistik u. Musikwissenschaft an d. Univ. | |
| München u. an d. Hochschule f. Musik in Wien. Promotion mit Studien zu | |
| Goethes „West-östlicher Divan“. Seine Forschungs- u. | |
| Publikationsschwerpunkte sind d. Literatur d. 19. Jahrhunderts, Goethe, | |
| Grimms Märchen, Zigeunerbilder in d. Literatur u. Antiziganismus. Er war | |
| 1998 Mitgründer d. „Gesellschaft für Antiziganismus-Forschung“, seit 2002 | |
| ist er Vorsitzender. Wilhelm Solms wurde 1937 in Lich/Oberhessen geboren. | |
| Sein Vater war Land- u. Forstwirt auf dem Familienbesitz (1940 im Krieg | |
| gefallen ), die Mutter übernahm dann seine Aufgaben. Wilhelm Solms ist | |
| verheiratet mit einer Ärztin u. hat vier Kinder. | |
| Ich treffe Herrn Solms in einem Hotel in Berlin, wo er sich für ein paar | |
| Tage aufhält, um die Gedenkstätte Sachsenhausen und die dortige Ausstellung | |
| über das Schicksal der ermordeten Sinti und Roma zu besuchen. „Der | |
| Antiziganismus“, sagt er, „reicht ja von einfachem Misstrauen, Ablehnung, | |
| Ausgrenzung und Vertreibung bis hin zur Verfolgung, Deportation und | |
| Vernichtung der ‚Zigeuner‘ durch die Nazis.“ Ich möchte gerne wissen, wie | |
| er zur Antiziganismusforschung kam. Er schlägt elegant die Beine | |
| übereinander und erzählt: | |
| „Ich habe Ende der achtziger Jahre in Marburg eine Ringvorlesung | |
| organisiert, und da habe ich u. a. auch Herta Müller eingeladen und ich war | |
| unglaublich bewegt von ihrer Lesung. Ein Jahr später, Ende Oktober 1989, | |
| haben wir dann eine große Tagung gemacht über die rumäniendeutsche | |
| Literatur, vor allem über die Aktionsgruppe Banat. Die Schriftsteller haben | |
| über die politische Situation in Rumänien aufgeklärt, über Verfolgungen, | |
| Verhaftungen, Folter, angebliche Suizide. Herta Müller erzählte von dem | |
| ungeheuer brutalen Vorgehen der Securitate, des rumänischen Geheimdienstes | |
| unter Ceausescu. Und dann bin ich mit ihr nach Rumänien gefahren, im März | |
| 1990, wir haben dort verschiedene Interviews gemacht. Wir waren in | |
| Temeschwar, in Brasov, also Kronstadt, Hermannstadt usw., und während | |
| dieser Reise wurde ich auf das „Zigeunerproblem“ aufmerksam. Beispielsweise | |
| waren wir in einer chemischen Fabrik. Wir wollten Fotos machen. Es hat so | |
| unerträglich gestunken, uns wurde sofort schlecht. In dieser desolaten | |
| Fabrik haben nur Roma gearbeitet unter miserabelsten Bedingungen. Sie wurde | |
| später stillgelegt. | |
| Dann war ich in Bukarest, und da hat ein kleiner Junge gebettelt, er hat an | |
| meiner Jacke gezerrt, er war sehr lästig. Ich wollte mich schon aufregen, | |
| dann sagte ich mir: Moment mal! Ich habe ihm etwas Geld gegeben und bin ihm | |
| dann eine Stunde lang in einigem Abstand gefolgt. Was ich da gesehen habe, | |
| das war sehr brutal. Die Erwachsenen, Männer wie Frauen, haben ihm den | |
| Ellbogen ins Gesicht gerammt, ihn weggestoßen, getreten, angespuckt. Er hat | |
| das alles scheinbar gleichgültig hingenommen. Es war seine alltägliche | |
| Erfahrung. Also wie dieses Kind behandelt wurde, hat mich sehr erschüttert. | |
| Ich konnte das nicht vergessen. Als ich wieder in Deutschland war, hat | |
| Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, einen | |
| Aufruf gestartet zum Dialog. Dazu gab es eine Tagung im Taunus. Ich habe | |
| teilgenommen, auch Ines Köhler-Zülch. Sie war wissenschaftliche | |
| Mitarbeiterin bei der Enzyklopädie des Märchens und ist die Frau von Tilman | |
| Zülch, dem Vorsitzenden der Gesellschaft für bedrohte Völker – der zu den | |
| wichtigsten Wegbegleitern Romani Roses gehört. 25 Sinti haben an der Tagung | |
| teilgenommen und nur drei Nichtsinti. Ich hatte auch noch mein Manuskript | |
| zu Hause liegen lassen und musste frei sprechen, was natürlich Anlass zum | |
| Witzeln war, denn die Sinti haben ja eigentlich die Tradition der rein | |
| mündlichen Überlieferung. Aber ich war gut vorbereitet, und es ging | |
| tadellos. | |
| ## Die Moral von der Geschicht | |
| Damals war ich Vizepräsident der Europäischen Märchengesellschaft. Sie | |
| veranstaltet u. a. Fachtagungen und fördert die Kunst des Märchenerzählens. | |
| Ich habe dann eine Tagung gemacht und das Thema ‚Zigeunermärchen‘ gewählt, | |
| um vor allem die Märchenerzählerinnen anzulocken. Ich habe den Unterschied | |
| erklärt zwischen authentischen, von Roma mündlich erzählten Geschichten und | |
| den ‚Zigeunermärchen‘. Bei Letzteren gibt es nämlich ‚die Moral von der | |
| Geschicht‘, am Schluss angehängt, man nennt es das Epimythion. Und man muss | |
| fragen: Ist die Moral der Geschichte die Moral, die sich konsequent aus der | |
| erzählten Geschichte ergibt? Bei sehr vielen Märchen ist die Antwort: nein. | |
| Woraus bezieht also dann die Moral ihr Urteil? Sie ist das Ergebnis des | |
| Vorurteils des Aufzeichners, Bearbeiters, Übersetzers, der die von Roma | |
| erzählten Märchen also verfälscht hat. Diese Verfälschung und die | |
| Vorurteile werden eben immer weitergegeben, auch von unseren | |
| Märchenerzählerinnen. Der Daniel Strauß und andere haben dann | |
| Lehrerhandreichungen geschrieben, damit das auch im Unterricht Eingang | |
| findet. Dann hatten wir eine Podiumsdiskussion mit Lektoren und haben | |
| tatsächlich erreicht, dass der Rowohlt Verlag seine „Zigeunermärchen“ | |
| eingestampft hat. | |
| Man hat sie ersetzt durch eine vierbändige Ausgabe von Märchen. Sehr | |
| berühmt sind die Märchen von Lajos Àmi (1886–1963). Er war der größte | |
| Märchenerzähler Ungarns und zugleich einer der wenigen bekannt gewordenen | |
| ‚Zigeuner-Erzähler‘. Lesen und schreiben hatte er nie gelernt, seinen | |
| großen Schatz an Märchen hat er in seinem Gedächtnis aufbewahrt. Erwähnen | |
| müssen Sie auch noch den besonders in Schweden berühmten Johan Dimitri | |
| Taikon (1879–1950), einen schwedischen Rom – er konnte 300 Zaubermärchen | |
| auswendig, Hunderte von Anekdoten. Wo er hinkam, so die Berichte, war es | |
| wie ein Volksfest. Er hat hinterher Geld gesammelt und es gespendet für | |
| Bildungseinrichtungen seiner Leute. Ich habe dann auch Seminare mit | |
| Studierenden zum Thema gemacht. | |
| Der direkte Austausch mit Sinti und Roma war mir immer sehr wichtig. Ich | |
| habe Daniel Strauß kennengelernt, ein großartiger Mensch. Unsere | |
| Zusammenarbeit ist optimal. Er hat im Dokumentations- und Kulturzentrum | |
| Deutscher Sinti und Roma gearbeitet, und es hat sich eine gute, | |
| freundschaftliche Beziehung entwickelt. Sein Vater hatte einen Zirkus, ein | |
| Karussell betrieben. Sie sind viel umhergereist, und der Daniel war deshalb | |
| in zwanzig verschiedenen Grundschulen und hat nur die Hauptschule | |
| absolviert. Aber was der leistet, was der kann und weiß, das ist enorm, der | |
| steckt so gut wie jeden Wissenschaftler in die Tasche, jeden Politiker | |
| sowieso! Er ist Vorsitzender des Landesverbandes der Sinti und Roma von | |
| Baden-Württemberg und macht sehr gute politische Arbeit. Es gibt zwei | |
| namhafte Sinti in Deutschland. Der eine ist Daniel Strauß, der andere ist | |
| Romani Rose. Daniel Strauß und ich haben in all den Jahren viel zusammen | |
| gemacht, zum Beispiel RomnoKher gegründet, ein Kulturhaus in Mannheim für | |
| Bildung und Antiziganismus. Es wurde 2007 eröffnet. Vor einem Monat hat es | |
| eine Kulturwoche veranstaltet, und da wurde auch zum ersten Mal an mehrere | |
| Personen der „Schnuckenack Reinhardt“-Preis verliehen. Auch mir wurde diese | |
| Ehre zuteil. Der Franz „Schnuckenack“ Reinhard (1921–2006) war Geiger und | |
| Komponist, sehr populär. Er war ein Vetter von Django Reinhard. | |
| ## Tsiganologie | |
| Und Daniel Strauß und ich, wir haben auch zusammen 1998 die erste | |
| Gesellschaft für Antiziganismusforschung in Deutschland gegründet, weil das | |
| Dokumentationszentrum ausschließlich Dokumentation des Völkermordes macht. | |
| In der Gesellschaft haben sich dann Antiziganismusforscher aus | |
| verschiedenen Disziplinen wie Geschichtswissenschaft, Politologie, | |
| Pädagogik, Europäische Ethnologie und Literaturwissenschaft | |
| zusammengefunden. Wir alle arbeiten ehrenamtlich. Ich habe zuvor darum | |
| gekämpft, die Antiziganismusforschung an der Universität zu etablieren, so | |
| wie es ja auch die Antisemitismusforschung gibt in Berlin. Wir haben | |
| gesagt, das ist eine historisch fundierte, interdisziplinäre Wissenschaft. | |
| Die damalige Kultusministerin von Hessen war meine Fürsprecherin, sie war | |
| dreimal beim Rektor, hat auf die schlimme Vergangenheit der Uni Marburg | |
| hingewiesen, an der ja die führenden Köpfe der Euthanasie lehrten. Dreimal | |
| gab es eine Ablehnung. Aber wir haben es auch alleine geschafft. Wichtig | |
| ist noch zu sagen, worum es bei der Antiziganismusforschung geht: Nicht die | |
| Sinti und Roma sind das Objekt der Forschung – wie bei der Tsiganologie, | |
| der ‚Zigeunerforschung‘, die an rassistische Forschung anknüpft – Objekt | |
| der Forschung ist die negative Einstellung der Mehrheitsbevölkerung den | |
| Sinti und Roma gegenüber (weiterführende Informationen: | |
| [1][www.antiziganismus.de], Anm. G. G.). | |
| Also man kann nichts werden mit Antiziganismusforschung, das zeigt sich | |
| auch am Beispiel von Udo Engbring-Romang. Ein unglaublich guter Mann, sehr | |
| verdienstvoll! Er ist Historiker, hat ein Standardwerk verfasst und ist so | |
| hoch qualifiziert, dass sie ihn rausgeboxt haben. Er ist nicht Professor | |
| geworden. Hat jetzt eine halbe Stelle an der Volkshochschule. Manchmal | |
| allerdings gibt es auch kleine Fortschritte. Der Daniel Strauß hat zum | |
| Beispiel erreicht, dass Baden-Württemberg einen Staatsvertrag geschlossen | |
| hat, als erstes Bundesland bisher. Als Vorsitzender des Landesverbands | |
| Deutscher Sinti und Roma hat er zusammen mit dem Ministerpräsidenten | |
| Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) 2013 einen Staatsvertrag unterzeichnet. | |
| Und dieser Staatsvertrag erkennt nicht nur an, dass Sinti und Roma seit | |
| mehr als 600 Jahren in diesem Land leben, sondern auch, dass sie als | |
| geschützte Minderheit – ebenso wie deutsche Friesen, Dänen, Sorben – ein | |
| Recht auf die Förderung ihrer Kultur und ihrer Sprache, der Romanes, haben. | |
| Und das ist nicht nur eine Versicherung, das ist auch eine Verpflichtung! | |
| Die fördern jetzt Forschungen über die Kultur der Sinti und Roma und über | |
| den Antiziganismus. Und auch diese Kulturwoche unlängst konnte mit den | |
| Mitteln des Staatsvertrags vom November 2013 realisiert werden. | |
| Wir müssen uns aber darüber klar sein, dass in der Gegenwart | |
| Fremdenfeindlichkeit und Antiziganismus wieder stark zugenommen haben. | |
| EU-Länder sträuben sich gegen die Zuwanderung osteuropäischer Roma aus den | |
| neuen Mitgliedsländern – auch von ‚Zigeunerflut‘ ist die Rede – obglei… | |
| sie lediglich ihr Recht als EU-Bürger auf Freizügigkeit wahrnehmen. Sie | |
| werden unter Generalverdacht gestellt, kriminalisiert, als Betrüger, | |
| Bettler, Sozialschmarotzer gekennzeichnet und nach Möglichkeit abgeschoben. | |
| Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass es eine völlige Gleichgültigkeit | |
| gibt, gegenüber den elenden Lebensbedingungen der osteuropäischen | |
| ‚Zigeuner‘, die mit dem Untergang des Kommunismus massenhaft Arbeit und | |
| Lebensgrundlagen verloren haben. Ungerührt wurde 1998 die Vertreibung der | |
| Roma und Aschkali aus dem Kosovo bei uns hingenommen. Ebenso | |
| desinteressiert wird heute die Rückführung von Roma registriert. Herr | |
| Kretschmann, der eben noch, wie erwähnt, den Staatsvertrag unterschrieb, | |
| hat die Abschiebung zahlreicher abgelehnter Asylbewerber, in der Mehrheit | |
| Roma, nach Serbien und Mazedonien gerechtfertigt. Die entsprechende | |
| Gesetzesänderung war aber erst durch seine Zustimmung im Bundesrat zur | |
| Reform des Asylrechtes möglich geworden. Die beiden Westbalkanstaaten | |
| gelten – wie auch Bosnien-Herzegowina – seit Anfang November 2014 als | |
| „sichere Herkunftsländer“, und damit stand der Sache nichts mehr im Wege, | |
| obgleich in diesen Ländern die Roma massiver Diskriminierung und Verfolgung | |
| unterworfen sind. | |
| ## Goethes Toleranz | |
| Vor Diskriminierung sind sie allerdings auch bei uns nicht sicher. Letzte | |
| Umfragen in Deutschland haben eine offene Ablehnung von Sinti und Roma bei | |
| mehr als 50 Prozent der Bevölkerung ergeben. Dabei wissen die Leute nicht | |
| mal, dass Sinti seit der Aufklärung einen festen Wohnsitz bei uns haben. | |
| Man muss sich das mal vorstellen: Mehr als 80 Prozent der befragten Sinti | |
| bei uns klagen über Diskriminierungserfahrungen! Die Studie von Markus End | |
| – ‚Antiziganismus in der deutschen Öffentlichkeit‘ – ist 2014 vom | |
| Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma veröffentlicht | |
| worden und sie beleuchtet auch die Berichterstattung in den deutschen | |
| Medien und im Internet. Qualitätsmedien ebenso wie Boulevardmedien | |
| verbreiten regelmäßig durch diskriminierende Berichte Vorurteile über Sinti | |
| und Roma. Auch die meist stereotype Bildauswahl bedient eifrig die | |
| antiziganistischen Vorurteile. Antiziganismus ist in allen Schichten der | |
| Gesellschaft anzutreffen. Er unterliegt nicht – ganz im Gegensatz zum | |
| Antisemitismus – der Political Correctness, sondern er äußert sich | |
| weitgehend selbstverständlich und ganz offen. Niemand hat etwas zu | |
| befürchten, wenn er sich negativ äußert. Antiziganismus ist eine Ideologie, | |
| und sie wird dann gefährlich, wenn ihr Nahrung gegeben wird. Wenn zum | |
| Beispiel die Regierung beschließt, dass unsichere Herkunftsländer sicher | |
| sind. | |
| Die Forderung nach Toleranz genügt nicht. Ich halte mich da an Goethe. Der | |
| sagt: ‚Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: | |
| Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.‘ Toleranz kann | |
| jederzeit in Intoleranz umschlagen. Und ich sage deshalb, der Staat ist | |
| dafür verantwortlich, er hat dafür zu sorgen, dass alle Individuen seinen | |
| Schutz genießen, anerkannt und geachtet werden. | |
| ## Die Verbunkos-Musik | |
| Deutschland ist es den Toten und Überlebenden schuldig, sie mit besonderer | |
| Sorgfalt zu schützen. Und eine der Möglichkeiten, das für Sinti und Roma | |
| umzusetzen, ist beispielsweise das Kennenlernen ihrer großen Kultur und | |
| ihrer Leidensgeschichte, die zugleich unsere Geschichte ist, im | |
| Schulunterricht, an Universitäten usw. Ich habe das mit Erfolg in vielen | |
| Veranstaltungen vorgeführt. Und da zeige ich eben nicht nur ihre Musik, | |
| sondern auch unsere ‚Zigeunerbilder‘ in Musik und Literatur. Angefangen mit | |
| einem deutschen Volkslied, in dem sich so gut wie alle Klischees finden | |
| lassen. Jeder kennt es: ‚Lustig ist das Zigeunerleben … brauchen dem Kaiser | |
| kein Zins zu geben …‘ Hinter dieser Verklärung des nackten Elends wird | |
| versteckt, dass sie herrenlos, rechtlos und vogelfrei sind. Für vogelfrei | |
| erklärt wurden sie aufgrund eines bloßen Gerüchts. Als die ‚Zigeuner‘ | |
| einwanderten, sind sie vor den Türken geflohen. Einer der Chronisten hat | |
| aber niedergeschrieben, die Türken hätten sie als Spione vorausgeschickt | |
| bei ihrem Vorstoß zur Eroberung des christlichen Abendlandes. Und dieser | |
| Vorwurf wurde aufgegriffen und führte ab 1498 zu den Beschlüssen des | |
| Reichstags, wo sie für vogelfrei erklärt und somit der Verfolgung und | |
| Tötung ausgeliefert wurden. Entsprechend sprunghaft nahmen die negativen | |
| Darstellungen in Sprichwörtersammlungen und Chroniken zu.“ (König Friedrich | |
| I. von Preußen erließ 1770 ein „Geschärftes Edikt wegen derer Zigeuner“ … | |
| ordnete an, alle festgenommenen Frauen und Männer ab dem 16. Lebensjahr | |
| sind zu hängen. Anm. G. G.) „Und wissen Sie, wie lange diese Erklärung, die | |
| sie zu Vogelfreien machte, Bestand hatte? Von 1498 bis 1860. Das | |
| Grundmuster der Verfemung, Dämonisierung und Verfolgung der Zigeuner zieht | |
| sich durch die Geschichte bis zur Gegenwart. | |
| Ein Beispiel für Musik von ‚Zigeunern‘ möchte ich aber auch erwähnen. J�… | |
| Bihari (1764–1825), ein ungarischer Rom und berühmter Geiger, hat | |
| unglaublich viel komponiert. Er brauchte keine Noten, andere haben es | |
| aufgezeichnet. Er ist ein Beispiel dafür, wie stark die Kultur der | |
| Minderheit die der Mehrheit beeinflusst. Er wurde sogar 1814 eingeladen, um | |
| vor dem Wiener Kongress zu spielen. Er hatte enormen künstlerischen | |
| Einfluss. Aus der Verbindung von ungarischer Musik und der Musik der | |
| ‚Zigeuner‘ ist im 18. Jahrhundert die mitreißende Verbunkos-Musik | |
| entstanden, die nicht erst Liszt und Brahms, sondern schon Haydn, Mozart | |
| und Beethoven inspiriert hat. Sie hat den für die Wiener Klassik typischen | |
| Charakter der Diskontinuität, den abrupten Wechsel von Rhythmus, Lautstärke | |
| und Tempo, mit geprägt. Ebenso ist der Flamenco ursprünglich aus der | |
| Verbindung der andalusischen, der maurischen und der Gitano-Kultur | |
| entstanden. Ein weiteres Beispiel für die produktive Verbindung | |
| verschiedener Kulturen ist der mit dem Namen von Django Reinhardt | |
| verbundene Jazz-Gitan, er nutzt Elemente des afroamerikanischen Jazz, des | |
| Valse Musette, eines französischen Walzers, des andalusischen Flamenco und | |
| der osteuropäischen ‚Zigeunermusik‘. | |
| ## Tanzende Zigeunerin | |
| Über die ‚Zigeunermärchen‘ habe ich vorhin ja schon kurz gesprochen, über | |
| die authentischen und die verfälschten mit der angehängten Moral, die damit | |
| ein bestimmtes ‚Zigeuner‘-Bild transportieren. Auch in der Literatur gibt | |
| es zahllose ‚Zigeuner‘-Bilder. Das wohl bekannteste, das uns in vielen | |
| Gedichten und Erzählungen und auch auf vielen Kitschgemälden begegnet, ist | |
| das der tanzenden, leicht verhüllten Zigeunerin. So Cervantes’ Pretiosa, | |
| Goethes Mignon, Mérimées Carmen und Victor Hugos Esmeralda. Ein anderes | |
| tritt in Form des Tiervergleichs auf: Brentanos Mitidika ist schlank ‚wie | |
| ein brauner Aal‘, dagegen ähnelt ihre Großmutter einem ‚Stachelschwein‘. | |
| Raabes ‚Zigeuner‘ streckt ‚seine linke, braune Pfote aus‘, Löns verpas… | |
| einer ‚Zigeunerfigur‘ ein ‚Raubtiergesicht‘. Bei Hauptmann sind die Mä… | |
| ‚aufdringlich wie Fliegen‘ und die Frauen verhalten sich wie ‚diebische | |
| Raben‘. Die ‚Zigeunerin‘ in Hesses ‚Narziss und Goldmund‘ sieht aus �… | |
| ein Fuchs oder Marder […] mit Nachtaugen‘. In Bergengrüns Erzählung ‚Die | |
| Zigeuner und das Wiesel‘ heißt es vom Blick des Wiesels, er sei von | |
| ‚zudringlicher Neugier mit ängstlicher Scheu gepaart, wie es der Wiesel und | |
| Zigeuner Art ist‘. Und Schnurres ‚Zigeunerjunge‘ Jenö riecht wie ein | |
| Wiedehopf. Diffamierendes können wir auch im ‚Till Eulenspiegel‘ von | |
| Hauptmann lesen : ‚Braune Rangen, halbnackte, umstanden den Wagen des | |
| Gauklers, jeder Diebstahl im Blick‘. Und über die ‚Zigeunerinnen‘: ‚Ve… | |
| kamen heran, die wie diebische Elstern sich lauernd nieder hockten.‘ Als | |
| Brentano, in dessen Werken ein ganzes Dutzend ‚schöner Zigeunerinnen‘ | |
| auftritt, 1810 in Böhmen mit Roma zusammentraf, schrieb er den Brüdern | |
| Grimm: ‚die Zigeuner sind alle zum Galgen reif und gar nicht romantisch‘. | |
| Die ‚Zigeunerbilder‘ sind ein dunkles Kapitel in der deutschen Literatur. | |
| Es gibt eigentlich nur ganz wenige Beschreibungen, die man positiv nennen | |
| kann. Beispielsweise Grimmelshausen in seiner ‚Courage‘, wo er mit den | |
| Vorurteilen der Leser spielt , oder Kleist mit seiner Gerichtsnovelle | |
| ‚Michael Kohlhaas‘, da hat die ‚Zigeunerin‘ der Rolle der Dea ex Machin… | |
| Ganz toll! Und dann finde ich auch Günter Bruno Fuchs gut. Und Johannes | |
| Bobrowski, ‚Levins Mühle‘. Aber der Klassiker in den Schulbüchern ist eben | |
| leider ‚Jenö war mein Freund‘ von Wolfdietrich Schnurre, ein schlimmes | |
| Ding! Gut gemeint vielleicht, aber voller althergebrachter Klischees. Ganz | |
| schlimm aber ist auch Martin Walsers Drehbuch zum „Tatort“-Krimi ‚Armer | |
| Nanosh‘ von 1988. Der Kriminalroman erschien ein Jahr später und ist | |
| zurückgezogen worden. Aber der „Tatort“ wird immer wieder gezeigt. Ich habe | |
| mal was geschrieben über die dreizehn deutschsprachigen Nobelpreisträger, | |
| die es gibt. Neun davon haben über ‚Zigeuner‘ geschrieben. Da gibt es z. B. | |
| ‚Zigeunerfreunde‘, die verkitschen, wie Hesse. Und Grass gehört übrigens | |
| auch dazu, er ist zwar ein Unterstützer der Sinti und Roma, aber er hat | |
| auch seine Zigeunerromantik, spricht immer vom ‚europäischen Volk‘. Und es | |
| gibt ‚Zigeunerfeinde‘ wie Hauptmann, der ist ganz schlimm! Aber es gibt | |
| auch ganz andere, die bei der Realität bleiben, wie die viel geschmähte | |
| Elfriede Jelinek, die in ihrem Stück ‚Stecken, Stab und Stangl‘ den | |
| Rohrbomben-Mordanschlag auf Roma im österreichischen Oberrath sehr | |
| ausführlich thematisiert hat. Damals, 1995, sind vier Roma ums Leben | |
| gekommen. Und auch Herta Müller gehört dazu, sie hat schon in den 90er | |
| Jahren in der FAZ einen hervorragenden Artikel geschrieben über eine Reise | |
| durch Rumänien und die rumänischen ‚Zigeuner‘. | |
| Zusammenfassend möchte ich sagen, sowohl die romantisierenden als auch die | |
| dämonisierenden oder rassistischen Bilder, die auf die ‚Zigeuner‘ | |
| projiziert werden, sind keine objektiven Abbilder der Sinti und Roma und | |
| ihrer Lebensrealität. Sie sind Gegenbilder zum Bild des abhängigen, | |
| arbeitsamen und disziplinierten Staatsbürgers. Sie spiegeln dessen Hass, | |
| Neid und Sehnsucht wider, seine Ambivalenz zwischen Verachtung und | |
| Faszination. Himmler hat sehr gerne ‚Zigeunermusik‘ gehört und er wollte ja | |
| auch 30 ‚reinrassige Stämme‘ in einer Art Homeland am Südufer des | |
| Neusiedler Sees ansiedeln. Hitler hat das aber abgelehnt. Also | |
| ‚Zigeunerliebe‘ und Völkermord sind kein Gegensatz. | |
| Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht auch, welchen | |
| Niederschlag das in der Nachkriegszeit gefunden hat. Nach der | |
| Massenvernichtung tauchten plötzlich in den kleinbürgerlichen Schlafzimmern | |
| der 50er Jahre diese Wandbilder mit verlockenden Zigeunerinnen auf. Es | |
| handelte sich um sogenannte Schlafzimmerbilder, die man über dem Ehebett | |
| aufgehängte. Es wurde auf den Bildern vollkommen unbefangen eine | |
| ‚Zigeunererotik‘ in Szene gesetzt, eine, die man ihnen unterstellt, die | |
| aber in Wirklichkeit Ausdruck einer Wunschfantasie ist. Es geht um das | |
| verführerische und wilde Weib, verlockend und fremd zugleich. Und mit | |
| ziemlich entblößtem … Das habe ich auch für Literatur und Märchen | |
| beschrieben, dass sie gern in Lumpen gehüllt werden, weil Lumpen eben auch | |
| Durchblicke gestatten. Diese Schlafzimmerdekoration ist ein unglaubliches | |
| Beispiel dafür, wie sehr die Verbrechen des Dritten Reichs ignoriert | |
| wurden. | |
| ## Asoziale und Kriminelle | |
| Der Umgang mit den realen Personen, den überlebenden Sinti und Roma nach | |
| dem Krieg, war von keiner Einsicht in irgendeine Schuld getrübt. Zwar hatte | |
| man an ihnen einen Völkermord begangen, was von namhaften Historikern bis | |
| heute bestritten wird – bis zu einer halben Million Menschen aus aller | |
| Herren Länder wurden systematisch umgebracht. Dennoch hat man Überlebende, | |
| die aus den Lagern in die deutschen Städte und Gemeinden zurückkehrten, | |
| sogleich wieder polizeilich erfasst, in ‚Zigeunerlagern‘ abgesondert und | |
| schikaniert. Man hat sie aus der Gruppe der Opfer des Faschismus | |
| ausgeschlossen und damit aus der Gruppe derer, die Aussicht auf | |
| ‚Wiedergutmachungszahlungen‘ hatten. Viele bemühten sich vergeblich, | |
| Anträge wurden in der Regel negativ beschieden. Das Argument der Richter | |
| und Gutachter war, sie seien nicht als Ethnie verfolgt und ins KZ | |
| verschleppt worden, sondern als Asoziale, als Arbeitsscheue und Kriminelle. | |
| Im Rahmen einer Präventivmaßnahme sozusagen. Damit hat man sie dann auch | |
| noch betrogen und zwar doppelt: Um ihre Anerkennung als Opfer der | |
| NS-Rassenpolitik und um ihren Anspruch auf eine ihnen zustehende | |
| finanzielle ‚Wiedergutmachung‘. Beides mussten sie sich als | |
| Bürgerrechtsbewegung durch energische Proteste und Hungerstreiks selber | |
| erkämpfen. Erwähnen muss man auch noch, dass viele der NS-Täter nach dem | |
| Krieg wieder in Amt und Würden eingesetzt wurden, zum Beispiel bei der | |
| Polizei, im Justizwesen oder auch als Ärzte im öffentlichen Dienst. In | |
| Marburg musste der Bruder vom alten Herrn Strauß eines Tages wegen der | |
| ‚Wiedergutmachung‘ aufs Gesundheitsamt, und dort stand er plötzlich dem | |
| Arzt aus Auschwitz gegenüber. | |
| Am Schluss möchte ich noch sagen, dass in Zeiten sprunghaft ansteigender | |
| Fremdenfeindlichkeit deutlich gemacht werden muss, dass aus der Verbindung | |
| alter und neuer Vorurteile sehr schnell ein lebensgefährliches Feindbild | |
| entsteht und dass bei dessen Etablierung in der Mehrheitsgesellschaft Staat | |
| und Medien unübersehbar sekundieren.“ | |
| 26 Jan 2015 | |
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| ## AUTOREN | |
| GABRIELE GOETTLE | |
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