| # taz.de -- Diskurse der Genoversammlung 2020: Ins digitale Rampenlicht | |
| > Eine neue digitale Form und die traditionelle Lust am Diskurs prägten die | |
| > taz Genoversammlung 2020. Rassismus, Aktivismus und Klimakrise waren die | |
| > beherrschenden Themen. | |
| Bild: taz-Chefredakteurin Ulrike Winkelmann im Gespräch beim Livestream der ta… | |
| Von [1][ULRICH GUTMAIR ] | |
| Die Pandemie hat der taz einen tüchtigen Innovationsschub versetzt. Die | |
| Produktion von Podcasts und Videos – für Social Media-Ströme wie mittels | |
| des taz Talks – gehört nun genauso zum Redaktionsalltag wie die | |
| Morgenkonferenz per Zoom. Die neue Chefredakteurin Ulrike Winkelmann | |
| formuliert es in ihrer Vorstellungsrede so: „Die taz ist Medienhaus und | |
| sendet auf vielen Kanälen.“ | |
| Samstagvormittag im taz Neubau, die lichtdurchflutete Kantine im | |
| Erdgeschoss ist für die taz-Genossenschaftsversammlung in eine Art | |
| TV-Studio umgewandelt geworden. Treffen die Genoss:innen der taz für ihre | |
| alljährliche Generalversammlung normalerweise im Haus der | |
| Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin-Mitte zusammen, verfolgen sie diesmal die | |
| Diskussion nicht nur um das wirtschaftliche Befinden der taz per | |
| Livestream. | |
| Auf ihren Bildschirmen sehen sie nun vier grüne Sessel mit stetig | |
| wechselnder Besetzung, im Hintergrund opulent gewachsene Zimmerpflanzen | |
| flankiert von Sonnenblumen, ein Talkshowsetting. Zwei Kameras zeichnen die | |
| Gespräche auf. Wenn man im Studio sitzt, zeigt sich, was es für ein Aufwand | |
| ist, Bilder live herzustellen, die mit dem Fernsehen konkurrieren können. | |
| ## Nicht-migrantische Leitartikler | |
| Chefredakteurin Barbara Junge befragt am frühen Nachmittag den | |
| Zeit-Reporter Yassin Musharbash. Am Beginn seiner journalistischen Karriere | |
| hat er ein Praktikum bei der taz gemacht hat, einige Jahre später saß er | |
| mit den taz-Kolleginnen Doris Akrap und Deniz Yücel bei den [2][„Hate | |
| Poetry“-Performances] auf der Bühne und las rassistische Leser:innenpost | |
| vor. Heute ist er da, um über den Umgang von Medien mit Rassismus zu | |
| sprechen. | |
| Barbara Junge liest einen Tweet vor, in dem sich Musharbash über die | |
| „Klassensprecherhaftigkeit“ so mancher nicht-migrantischer Leitartikler | |
| echauffierte. Der Zeit-Kollege sagt dazu, ihm fehle bei diesen Kollegen | |
| schlicht ein Gefühl der Erschütterung. Das Thema [3][Rassismus] werde in | |
| den deutschen Medien „weggemanagt“, dann sei wieder Ruhe im Karton: „Das | |
| kann nicht so bleiben.“ | |
| Aber immerhin gebe es nun eine kritische Masse von Journalist:innen, „die | |
| eine Migrationserfahrung in ihrer Familiengeschichte mit sich herumtragen, | |
| die Persons of Colour sind“, die den Diskurs mitgestalteten. Der taz | |
| gesteht Musharbash zu, in Sachen Diversität anderen Medien voraus zu sein. | |
| Dann aber kritisiert er Texte, denen es nicht darum geht, etwas zu | |
| vermitteln, sondern nur darum, eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Das sei | |
| eine legitime aktivistische Methode – aber kein Journalismus. | |
| Die meisten „deutschweißen“ Redaktionsmitglieder in den Medien akzeptierten | |
| inzwischen, dass es ein Recht auf Selbstbezeichnung gibt, und darauf, | |
| Verletzungen zu artikulieren, sagt [4][Musharbash]. Er warnt aber davor, | |
| eine „Selbstoptimierungsnummer“ abzuziehen: Es dürfe nicht heißen, „seit | |
| ich vegan lebe, geht’s mir besser, und seit ich mich drei Minuten lang mit | |
| meinem eigenen Rassismus beschäftigt habe, bin ich ein besserer Mensch.“ | |
| Beim Umgang mit dem Thema der Klimakrise seien viele Journalisten schon | |
| weiter. | |
| ## Klimaleugner als Auskunftsgeber? | |
| Um [5][die sich abzeichnende Klimakatastrophe] geht es im anschließenden | |
| Gespräch zwischen taz-Klimahub-Redakteurin Leonie Sontheimer und | |
| Chefredakteurin [6][Ulrike Winkelmann]. Sie stellt ihrer taz-Kollegin | |
| kritische Fragen: Was macht ihr – und warum macht ihr es so? [7][Leonie | |
| Sontheimer] ist mit drei anderen Kolleg:innen für das Klimahub der taz | |
| verantwortlich, ein Projekt, das sich auf Social-Media-Kanälen wie | |
| Instagram (klima.taz heißt dort der Kanal) an die jüngere Generation von | |
| Klimaaktivist:innen richtet. | |
| Das Klimahub soll die Arbeit der Redaktion Wirtschaft und Umwelt, im | |
| taz-Slang Öwis genannt, in Videoformate übersetzen und die größeren | |
| Zusammenhänge darstellen. Winkelmann fragt, ob das Klimahub jenseits des | |
| Prinzips der Ausgewogenheit operiere, Sontheimer stellt die Gegenfrage, was | |
| die Forderung nach Ausgewogenheit in diesem Kontext wolle? | |
| Zu lange hätten Journalist:innen Leugnende der menschengemachten | |
| Klimaerwärmung als gleichberechtigte Auskunftgeber befragt. Dem Klimahub | |
| gehe es auch nicht darum, die Illusion der Influencer:innen und ihrer | |
| Klientel zu nähren, man müsse nur sein Konsumverhalten ändern. Die meisten | |
| Emissionen kämen aus der Industrie. | |
| Die Lage ist dramatisch, und so will Winkelmann wissen, wie schwarz sie | |
| gemalt werden darf, um die Leute nicht zu erschrecken? Sontheimer sagt: | |
| „Wenn Leute panisch werden, darf uns das nicht davon abhalten zu sagen, was | |
| ist.“ Bei der späteren Keynote im Livestream von Luisa Neubauer geht es | |
| kaum weniger ernst zu. Die nächsten Klimastreiks von [8][Friday for Future] | |
| sind bereits geplant. | |
| 20 Sep 2020 | |
| ## LINKS | |
| [1] /!s=&Autor=Ulrich+Gutmair/ | |
| [2] /Kolumne-Ausgehen-und-Rumstehen/!5019893 | |
| [3] http://https://taz.de/!t5007524/ | |
| [4] http://www.zeit.de/autoren/M/Yassin_Musharbash/index | |
| [5] /Schwerpunkt-Klimawandel/!t5008262/ | |
| [6] /!s=&Autor=Ulrike+Winkelmann/ | |
| [7] /!s=&Autor=Leonie+Sontheimer/ | |
| [8] /!t5571786/ | |
| ## AUTOREN | |
| Ulrich Gutmair | |
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