| # taz.de -- Michael Wobbe war Spitzel des niedersächsischen Landesamtes für V… | |
| ## „Der Verfassungsschutz hat mich angestachelt“ | |
| Herr Wobbe, Sie geben gerne die Story zum besten, daß Sie eigentlich gerade | |
| aus der Rechtsradikalen-Szene aussteigen wollten, als Sie beim | |
| Verfassungsschutz als Spitzel anheuerten. | |
| Michael Wobbe: Das stimmt auch. Ich wollte aus der Szene weg. Aber eines | |
| Tages, im Herbst 1991, standen zwei Herren in der Tür und offenbarten mir | |
| meine Skinheadgeschichten. Die wußten auch, daß ich schon mal Kontakt zu | |
| Meinolf Schönborn [Chef der 1992 verbotenen NF, der Neonazi- Gruppierung | |
| „Nationalistische Front“; d.Red.] gehabt hatte. Beim ersten Besuch | |
| erzählten sie mir das alles, dann kamen sie alle paar Wochen mit Listen | |
| wieder. Ich sollte ankreuzen, wen ich kannte. Dafür habe ich zwischen 100 | |
| und 500 Mark bekommen. Nach einem Jahr fragten sie, ob ich mehr Geld | |
| verdienen wollte. | |
| Also war es das Geld... | |
| Klar, das Geld hat mich verführt. Meine Ideologie ist es, zu überleben. Ich | |
| hab für gutes Geld einen Job gemacht, ich bin käuflich. Aber sie haben mich | |
| auch moralisch erpreßt. Wir hatten damals eine Gruppe gegründet, die ein | |
| Flugblatt der FAP [Neonazistische „Freiheitliche Arbeiterpartei“, 1995 | |
| verboten; d.Red.] abgeschrieben hatte. Die Eltern eines Mädchens in der | |
| Gruppe kamen nicht damit klar, daß ihre Tochter nach rechts gedriftet war. | |
| Sie setzten Karen unter Druck. In den Sommerferien 1991 nahm sie sich das | |
| Leben. Die beiden machten mir klar, daß ich nicht ganz unschuldig daran | |
| sei, schließlich hätte ich die Gruppe gegründet. Ich sagte, ich will doch | |
| raus aus der Szene. Und dann meinten sie: „Wenn du bei uns mitmachst, ist | |
| das die beste Chance, etwas wiedergutzumachen.“ | |
| Und diese Masche wirkte? | |
| Ich war 18, da läßt man sich schnell auf so etwas ein. | |
| Und wie wurden Sie in Ihr Leben als V-Mann eingeführt? | |
| Das muß im Februar 92 gewesen sein. Da bat mich „Uwe Helmbrecht“, mein | |
| Kontaktmann beim Verfassungsschutz, in ein nobles Chinarestaurant. Zwei | |
| andere Männer waren auch dabei. Es gab Wein und Shrimps. Sie drückten mir | |
| einen Laptop in die Hand und erklärten, ich dürfe nichts an Daten | |
| speichern. Einige Monate später mußte ich eine Erklärung unterschreiben, | |
| daß ich wahrheitsgemäß berichte und keine Straftaten begehe. Sonst würde | |
| das Verhältnis sofort aufgelöst. Für den Fall, daß ich „abgeschaltet“ | |
| würde, versprach man mir eine Prämie in Höhe eines Jahresfixums pro | |
| gearbeitetes Jahr. | |
| Wie hoch lag Ihr Honorar? | |
| Als Basis bekam ich erst 300, später 700 Mark im Monat, hinzu kamen Gelder | |
| für die gelieferten Informationen und Spesen. Ich konnte davon leben, | |
| brauchte mich um keinen anderen Job zu kümmern. | |
| Ihre Gegenleistungen? | |
| Psychogramme der NF-Führungsspitze. Den Kontakt zu denen bekam ich im | |
| „Heide-Heim“ in Hetendorf. Das ist das Neonazischulungszentrum. Da habe ich | |
| 14 Tage lang den Vorzeigenazi raushängen lassen. Hab' nicht gesoffen, wie | |
| die anderen, hab zu Schönborn immer gesagt: Ich will politisch aktiv | |
| werden. Der suchte gerade Leute. Also bin ich bei ihm in Pivitsheide | |
| eingezogen. Ich mußte fünf Prozent meines Bruttoeinkommens abgeben und an | |
| vier Grundschulungen teilnehmen. Nach sechs Wochen wurde ich | |
| Sicherheitsverantwortlicher für das Schulungshaus Pivitsheide. | |
| So eine Art interner Blockwart? | |
| Ich hatte gute Ideen. Um Spitzel und Provokateure zu enttarnen, schlug ich | |
| vor, von allen Besuchern die Personalausweise zu kopieren. Das machte ich | |
| in doppelter Ausführung. Eine Kopie steckte ich später in einen toten | |
| Briefkasten am Soldatenfriedhof. Ich habe den NF-Laptop mit allen Adressen | |
| geplündert. | |
| Das ist aber keine Aufgabe, die einen über Jahre ausfüllt. | |
| Als die Psychogramme von NF- Kadern, Schönborn und seinen zwei Hunden | |
| fertig waren, wollte der VS mehr Infos. Ich sollte Adressen von | |
| Kontaktleuten und unabhängigen Kameradschaftsverbänden liefern. | |
| Wie wurden Sie „Reisekader“? | |
| Den hat der Verfassungsschutz erfunden. Als die NF verboten wurde, kamen | |
| auf einmal 80, 90 Briefe am Tag für Schönborn an. Ich schlug ihm vor, die | |
| Interessenten persönlich zu besuchen und sie auch finanziell abzuschöpfen. | |
| Ich sagte, wenn die uns Geld überweisen, dann sieht das der | |
| Verfassungsschutz, man sollte so etwas wie einen Reisekader machen. Den | |
| Vorschlag fand Schönborn wunderbar. Ich habe dann einen grauen Koffer mit | |
| unseren Schriften und Flugblättern bestückt. „Blut und Ehre“-Aufkleber | |
| gingen ebenso weg wie T-Shirts mit einem Fallschirmspringer des Zweiten | |
| Weltkriegs: „Deines Volkes Ehre ist auch Deine Ehre“. Ich war als | |
| Parteidrücker zweieinhalb Jahre ständig unterwegs. Bin quer durch | |
| Deutschland gefahren. Ich habe an Orten geworben, wo sie die NF gar nicht | |
| kannten. Der Verfassungsschutz wollte es so. So habe ich der Bewegung | |
| 50.000 bis 60.000 Mark eingebracht. Der Verfassungsschutz bekam seine neuen | |
| Namen und finanzierte alles: Reisen, Hotels, Essen. Ich hab nicht schlecht | |
| gelebt. | |
| Sie wurden Spesenritter. | |
| Abrechnungen von 5.000 Mark im Monat waren keine Seltenheit. Ich brauchte | |
| niemals Quittungen abzugeben, konnte sagen, ich war im teuren Restaurant, | |
| obwohl ich bloß eine Currywurst gegessen hatte. Ich habe einmal eine | |
| Jahreskarte fürs Schwimmbad abgerechnet, weil Schönborn gerne schwimmen | |
| ging. Ich habe mein komplettes Leben durch Spesen finanziert. | |
| Wie erklärten Sie Schönborn das aufwendige Leben? | |
| Der Szene sagte ich, ich hätte geerbt. Mein Opa war ja gerade gestorben. | |
| Außerdem war ich offiziell Sozialhilfeempfänger, darüber ging meine gesamte | |
| Sozialversicherung. | |
| Und niemand fragte, wie Sie die Erbschaft am Sozialamt vorbeibringen? | |
| Hat keinen interessiert. | |
| Lieferten Sie ständig neue Nachrichten? | |
| Wenn ich eine Berichtsflaute hatte, fragte mein VS-Führungsoffizier: Was | |
| ist los, warum passiert nichts mehr? Los, aktivier die Leute, leier mal was | |
| an! | |
| Und Sie machten etwas los? | |
| Ich hatte ja die Adressen derer, die mal was im Zentrum bestellt hatten. | |
| Die habe ich angerufen und gesagt, in drei Wochen komme ich, trommelt mal | |
| alle Interessierten zusammen. Dann bin ich zum Beispiel nach Oldenburg | |
| gefahren. Habe den Jugendlichen gesagt: Haut mal rein, ich schul' euch | |
| auch. Da entstand langsam eine unabhängige Kameradschaft, die sich ohne | |
| mich nie gegründet hätte. Heute sitzen die Jungs alle im Knast, die hätten | |
| sehr wahrscheinlich nie etwas gemacht ohne mich. Ich habe gegründet, damit | |
| das Amt zuschlagen kann. | |
| Das erfüllt Sie noch heute mit Stolz? | |
| Ich war kein schlechter V- Mann. | |
| Sie hatten keinerlei Probleme, Leute in den Knast zu bringen? | |
| Die haben ja die Sachen gemacht, nicht ich. | |
| Sie wollen doch nicht etwa behaupten, Sie hätten aus den hehren Motiven des | |
| geläuterten Aussteigers gehandelt. | |
| Doch. Diese Typen, die ich ans Messer lieferte, haben es nicht besser | |
| verdient. Deren ideologische Einstellung war doch schon da. | |
| Haben Sie sich niemals als Verräterschwein gefühlt? | |
| Anfangs schon, aber nach einem Jahr habe ich im Kopf abgeschaltet. Wenn ich | |
| in der Szene war, fühlte ich mich als „Artland“ oder „Rehkopf“, wie ic… | |
| Decknamen hieß. Zu Hause war ich Michael, der sich den Kopf zusoff. | |
| Von Beruf ein Anstachler? | |
| Der Verfassungsschutz hat mich angestachelt. Ich hatte bloß prima Ideen. Im | |
| Mai 93 hatten wir uns Antifa-Aufkleber besorgt und die nachts auf | |
| Oldenburgs beste Geschäfte gepappt. Dieses „Gegen Nazis“ konnte bald | |
| niemand mehr lesen. Die Leute haben gesagt: Die Roten bekleben uns die | |
| Schaufenster. Dann sind wir hingegangen und haben mit den Jungen | |
| Nationaldemokraten einen Stand aufgebaut – gegen die „linken Gewalttäter�… | |
| Das hat prima geklappt. Ein Geschäftsmann hat uns eine Spende von über | |
| 1.000 Mark gegeben, ist anschließend sogar beim Rudolf-Heß-Marsch dabei | |
| gewesen und hat zwei Handys und Funkgeräte spendiert. So etwas brachte mir | |
| viel Achtung in beiden Szenen ein. | |
| Der niedersächsische Verfassungsschutz sagt, Sie hätten erstklassig | |
| gearbeitet, seien aber wegen Ihrer Raffgier unzuverlässig geworden und | |
| hätten abgeschaltet werden müssen. | |
| Im Herbst 93 war ich in Füssen. Ich hatte meine Schulungsbriefe von der NF | |
| verteilt, die neuen Kameraden hatten ihre Interpretationen geschrieben. Ich | |
| saß acht Wochen da unten und hatte nichts Neues zu berichten. Abgestiegen | |
| bin ich im Nobelhotel, mit Kutschfahrten und anderem habe ich mich | |
| amüsiert. Da waren schnell 9.000 Mark aufgelaufen. Ich konnte die | |
| Hotelrechnung nicht mehr bezahlen und bin verhaftet worden. | |
| 62 Tage saß ich in Untersuchungshaft. Einem Beamten habe ich erzählt, ich | |
| sei V-Mann. Und ausgerechnet diese Aussage landete in der Prozeßakte von | |
| Meinolf Schönborn. Der wußte dann später, wer ich wirklich war. So etwas | |
| Dilettantisches hatte ich vom VS nicht erwartet. Die haben mich einfach | |
| auffliegen lassen. | |
| 13 May 1996 | |
| ## AUTOREN | |
| A.Rogalla / B.Schroeder | |
| ## ARTIKEL ZUM THEMA |