| # taz.de -- Reisebericht Süd-Marokko 2009: Frauengruppe Al-Amane in Marrakesch | |
| > Waltraud Dürmeier vom Frauenhaus in München war bei der taz-Reise nach | |
| > Südmarokko 2009 von der Power der Frauenbewegung begeistert. | |
| Bild: Eingangsschild zum Frauenhaus Al-Amane im Stadtteil Sidi Youssef Ben Ali … | |
| An einem Sonntagnachmittag im Rathaus von Marrakesch – es findet eine | |
| Veranstaltung zum Thema häusliche Gewalt statt. Frauenrechtlicherinnen aus | |
| Marokko und Italien, PolitikerInnen, RechtanwältInnen, Polizei, Richter, | |
| ÄrztInnen und betroffene Frauen füllen den großen Saal. | |
| Eine junge Frau berichtet unter Tränen von den Misshandlungen durch ihren | |
| Mann und ihren Brüdern. Sie hat ihren Bericht vorbereitet, das heißt, sie | |
| kann lesen und schreiben. Mit Hilfe eines Anwalts erstattete sie Anzeige, | |
| die aber seit Monaten nicht bearbeitet wird. Eine andere junge Frau | |
| berichtet, dass sie nach dem Tod ihres Vaters von den Brüdern misshandelt | |
| und mittlerweile aus dem Haus vertrieben wurde. Auch ihre Anzeige war | |
| bisher ergebnislos. Die Männer in den Familien würden zusammen halten. In | |
| der Regel haben die Frauen keine Ressourcen, also wenig Geld, kaum | |
| Informationen über ihre Rechte, viele sind Analphabetin-nen. Der einzige | |
| Weg ist die Unterstützung in einer Frauenassociation, die sie berät, stärkt | |
| und AnwältInnen vermittelt. | |
| In allen Fällen, die Frauenorganisationen exemplarisch für diese Sitzung | |
| aufbereitet haben, wird in der Versammlung bestätigt, dass den Frauen | |
| Unrecht geschehen ist. Aber das große Problem besteht darin, dass die | |
| Verfahren verschleppt werden. Die TeilnehmerInnen analysieren die | |
| persönlich vorgetragenen Erfahrungen der Frauen und es wird deutlich: es | |
| geht um die Einführung eines Gewaltschutzgesetzes in Marokko. Es fehlen | |
| rechtliche Verfahren für den Opferschutz und das ist einer der vielen | |
| Gründe, warum das neue Familienrecht bisher so wenig Wirkung für die | |
| Verbesserung der Lage der Frauen zeigt. | |
| Diese Veranstaltung war der Auftakt einer Fülle von Begegnungen mit Frauen | |
| und Männern des Netzwerkes „Synergie Civique“ in Südmarokko im April dies… | |
| Jahres. „Reisen in die Zivilgesellschaft“, ein neues Projekt der taz, | |
| ermöglichlichte mir und 14 anderen TeilnehmerInnen einen zweiwöchigen | |
| Einblick in das zur Zeit wohl aufregendste Land der arabisch-muslimen Welt. | |
| Aufregend im Hinblick auf die vielen Frauen- und Menschenrechtsgruppen im | |
| Land, die gut vernetzt und mit eigenwilligen kreativen Aktionen seit Mitte | |
| der 90er Jahre die Gesellschaft bewegen. Die Bewegung entstand etwa | |
| zeitgleich mit der Thronnachfolge von König Mohammed VI., der nach der | |
| „bleiernen Zeit“ während der menschenverachtenden Herrschaft seines Vaters | |
| eine fortschrittliche Öffnung des Landes einleitete. Ein umfassender | |
| Demokratisierungs- prozess begann, die Frauenrechte waren und sind ein | |
| wesentlicher Bestandteil der gesamtgesellschaftlichen Agenda. | |
| Die Frauenvereinigungen verstehen sich seit Beginn ihrer Aktivitäten als | |
| Teil der Menschen-rechtsbewegung und der Zivilgesellschaft. Sie stießen | |
| bereits 1992 eine breite Debatte über die Reform der Mudawwana | |
| (Familienrecht) an. Nach mehreren Reformversuchen, begleitet von | |
| Rückschritten und vielen Widerständen vor allem von Seiten der islamischen | |
| Geistlichen, wurde 2004 die neue Mudawwanat al-usra (Familiengesetz) | |
| verabschiedet. Sie enthält alle Regelungen, die Familie, Erbschaft, Heirat, | |
| Ehe, Scheidung oder Kinder betreffen. Damit wurde beispielweise die | |
| Gehorsampflicht der Frau abgeschafft, das Ehefähigkeitsalter von 15 auf 18 | |
| Jahre angehoben. Frauen benötigen bei Heirat keinen Vormund mehr, der sie | |
| vertritt. Familiengerichte sind eingesetzt und eine Scheidung kann nur vor | |
| Gericht und nun auch im gegenseitigen Einvernehmen vollzogen werden. Eine | |
| Verstoßung der eigenen Frau muss vor dem Gericht beantragt werden, die Frau | |
| kann dagegen Einspruch erheben. Will die Ehefrau ihren Mann verstoßen, muss | |
| sie allerdings bestimmte Bedingungen erfüllen, um eine Scheidung zu | |
| beantragen. | |
| Die Gleichberechtigung ist mit dem neuen Familiengesetz noch nicht | |
| erreicht, doch zumindest eindeutige rechtliche Verbesserungen. Mit einer | |
| nationalen Kampagne brachte das Parlament 2007 zum internationalen Tag der | |
| Menschenrechte den Kampf gegen häusliche Gewalt politisch in die | |
| Öffentlichkeit und brandmarkte die Misshandlung von Frauen als gesetzes- | |
| und fortschrittswidrig. | |
| „Mit der Einführung des Mudawwana hat sich einiges für Frauen getan, aber | |
| mit der Umsetzung ist es sehr schwierig.“ Wir sind am Montag im | |
| Frauenzentrum „Al Amane pour le developpement des femmes“ in einem Viertel | |
| in Marrakesch außerhalb der touristischen Routen. Halima Oulami, die | |
| Leiterin des Zentrums, erklärt uns die Mudawwana, deren wichtigste | |
| Regelungen auf einem Plakat aufgemalt sind. In arabischer, französischer | |
| und berberischer Sprache stehen zwar kurze Beschreibungen für Frauen, die | |
| lesen können. Doch die Mehrzahl der marrokanischen Frauen, vor allem auf | |
| dem Land, sind Analphabetinnen. Um sie zu in-formieren, wird mit Bilder | |
| gearbeitet. | |
| Frauen können sich bei Al Amane kostenlos beraten lassen und hier, vor | |
| allem bei Ausbeutung, Misshandlung und Verstoßung, eine rechtliche | |
| Vertretung finden (centre d’ecoute). Der Verein war bei der Konferenz im | |
| Rathaus Mitveranstalterin, arbeitet im Vorfeld von Gesetzgebungsverfahren | |
| und kümmert sich um neue Verei-ne in der Region. Auf allen Stockwerken im | |
| Haus von Al Amane herrscht ein reges Treiben: Alphabetisierungkurse, Kurse | |
| für Computerarbeit, Internet, Schneidern und „decoration“ finden hier statt | |
| mit dem Ziel der wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Wir sehen Frauen aller | |
| Altersgruppen, in den einfachen Räume herrscht ein reges Treiben. | |
| Interessanterweise arbeitet Al Amane nicht nur mit Mädchen und Frauen. Die | |
| Mitarbeiterinnen gehen in die Schulen und klären die Mädchen und Jungen | |
| über Menschenrechte und Frauenrechte auf. Sie bilden die Jugendlichen als | |
| MultiplikatorInnen aus und sensiblisieren sie für Gewalt und Ausbeutung in | |
| ihrem Umfeld. Sie holen die Kinder von der Straße und versuchen, sie wieder | |
| in die Schule zu integrieren. Schulgeld werde nicht erhoben, aber die | |
| Materialien sind teuer. Es gebe ein „gender budgeting“: jedes Kind erhält | |
| 200 bis 250 Dirham für den Schulbesuch. Aber etwa 15 Prozent der Mädchen | |
| hören nach zwei bis drei Jahren mit dem Schulbesuch auf und müssen im | |
| Haushalt, in der Kinderbetreuung, auf dem Markt und den Arbeitsstellen der | |
| Eltern mithelfen. Doch mit Ausnahme der Alphabetisierungskurse läuft die | |
| Finanzierung für die Kurse und Projekte immer nur befristet. Halima und | |
| ihre Mitstreiterinnen haben seit Gründung laufend internationale Hilfe | |
| eingeworben. | |
| Wir sind sehr beeindruckt von ihrem Engagement und ihren Erfolgen. Wie kam | |
| es dazu? Halima studierte Geographie und schrieb ihre Examensarbeit über | |
| die Lebensbedingungen der Menschen in ihrem Stadtteil. Die Arbeit wurde | |
| prämiert, verschwand aber in der Schublade. So entschied sie sich 2002, in | |
| eigener Initiative mit 12 anderen Frauen das Zentrum zu gründen. Da sie | |
| selbst in dem Stadtteil wohnt, sind ihr und den anderen Mitarbeiterinnen | |
| die Pro-bleme der Menschen hier sehr vertraut. Mittlerweile sei Al Amane | |
| weitgehend akzeptiert, würde aber für einige Gruppen noch immer eine | |
| Provokation darstellen. Eines der wichtigsten Ziele von Al Amane ist der | |
| Aufbau eines Frauenhauses. Bisher gibt es in Marokko wohl nur ein | |
| Zufluchtshaus für Frauen in Casablanca, das nur stark geschützt von der | |
| Polizei Hilfe realisieren kann. Doch dieses Ziel ist in weiter Ferne. Al | |
| Amane hat ab 2010 keine Finanzmittel mehr, um das Haus zu betreiben. Nach | |
| dem Abschied und beim Plaudern auf der Gasse reift in unserer Gruppe schon | |
| der Gedanke, Spenden für das Projekt „halbe Miete für Al Amane 2010“ zu | |
| sammeln. Unser Reiseleiter, Thomas Hartmann, erkundigt sich nach den Kosten | |
| und wir beschließen, den Plan während der Reise reifen zu lassen. | |
| Wir stehen erst am Beginn des spannenden Reiseprogramms. Wir lernen im | |
| Süden Marokkos UmweltschützerInnen, Teppichweberinnen, die Malerin Fatima | |
| Mellal, ein Projekt zur Unterstützung der Nomaden in der Sahara, | |
| Alphabetierungs- und Berufsprojekte auf dem Land, Vertreter des „Beirates | |
| für Menschenrechte“ in Zagora und einen Journalisten kennen, der uns die | |
| aktuelle Entwicklung der Presse- und Meinungsfreiheit beschreibt. Wir | |
| erleben den Aufbruch, die Spannung zwischen Tradition einerseits und | |
| Demokratisierung und Gleichberechtigung andererseits. Die Frauen und Männer | |
| vor Ort erzählen ihre Geschichte und von ihren Plänen, so bekommt für uns | |
| die gesellschaftliche Veränderung in Marokko ein Gesicht. Wenn ich es | |
| richtig in Erinnerung habe, gibt es mittlerweise über 18.000 | |
| Nichtregierungsorganisation (NGO). | |
| Die Idee und das Wirken des Netzwerkes „Synergie Civique“ begleitet uns auf | |
| der ganzen Reise. Der Name Fatema Mernissi ist eng damit verbunden. Die | |
| Frauenrechtlerin und Autorin stellt seit langem die Verbindung zwischen den | |
| AkteurInnen im ganzen Land und über seine Grenzen hinaus her. Von ihr | |
| stammt die Beschreibung einer ebenfalls sehr exponierten Akteurin: „Es war | |
| Jamila Hassoune, die von einem fliegenden Teppich träumte, um Bücher in die | |
| ländlichen Gegenden zu bringen, womit es begann: ‚In 1001 Nacht waren | |
| fliegende Teppiche normal’, sagt sie. Ich träume heute von einem fliegenden | |
| Buchladen.“ | |
| Jamila Hassoune ist Buchhändlerin in Marrakesch und begann 1996 mit ihren | |
| Bücherkisten in die Dörfer in den Hohen Atlas zu fahren. So entstand die | |
| „Caravane Civique“. Jedes Jahr reist Jamila nun nicht nur mit Büchern, | |
| sondern mit SchriftstellerInnen, KünstlerInnen und engagierte Leuten für | |
| mehrere Wochen in entlegene Gebiete des Landes. Mit Aufführungen, Lesungen | |
| und Gespräche motivieren sie gemeinsam Frauen, Männer und Jugendliche, | |
| lesen und schreiben zu lernen, sich für die eigene Geschichte und Kultur zu | |
| interessieren und natürlich für ihre Rechte als BürgerInnen. Ihr Modell | |
| machte Schule. | |
| Die Aufklärungskampagnen in Marokko finden nicht nur in den Städten, | |
| sondern auch auf dem Lande statt. Wir hatten das Glück, Jamila nach ihrer | |
| „caravan du livre 2009“ zu treffen. Obgleich sie schon sehr müde von der | |
| Reise war, spürten wir ihre enorme Energie für ihr Engagement und zwar | |
| besonders für Frauen und für Jugendliche. Für Frauen, von denen bis zu 90 | |
| Prozent auf dem Land nicht lesen und schreiben können. Für Jugendliche, die | |
| von einem paradiesischen Europa träumen. In unserer gemeinsamen Diskussion | |
| bezeichnet sie sich als marokkanische Feministin, die mit anderen im Land | |
| einen sehr eigenen Weg geht. Sie erzählt von ihrem neuen Projekt, mit dem | |
| sie junge Marokkaner, die illegal in Europa leben, in Verbindung mit | |
| Jugendlichen Marrakesch bringt. Der Austausch werde über Internet laufen | |
| und sie hoffe, dass der Briefwechsel über die Erwartungen der Jugendlichen | |
| in Marrakesch und den Erfahrungen der jungen Erwachsenen in Europa als Buch | |
| veröffentlicht werden kann. | |
| Unsere Reisegruppe setzte auch nach der Heimkehr das Netzwerken fort. Das | |
| Projekt „Halbe Miete für Al Amane 2010“ ist mehr als gut finanziert. Gisela | |
| Baumgardt schickte mir ihre Reisenotizen. Thomas Hartmann informierte mich | |
| über spannende feministische Sozialwissenschaftlerinnen und über | |
| SchriftstellerInnen aus der muslimischen Welt. | |
| Die Begegnungen in Marokko, einem muslimischen Land, haben mich persönlich | |
| einmal mehr für das Netzwerken und das interkulturelle Erleben und Lernen | |
| begeistert. Die Prozesse und die Erfolge der Frauenbewegung und der | |
| Menschenrechtsbewegung im Land beeindruckten und ermutigten mich sehr. | |
| Vielleicht entstehen weitere Verbindungen zu unseren Netzwerken, das stelle | |
| ich mir für alle sehr bereichend vor. | |
| 28 Feb 2013 | |
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