(SZ) Aller Ärger kommt vom Paradiese her, von Adam und Eva, die, nach
  Genuss dieses einen Apfels, mit Schrecken erkannten, dass sie nackt
  waren. Und so suchten sie sich zu bedecken und flochten, wie unser
  Gewährsmann Luther den Fall in frühneuhochdeutscher Grammatik
  überliefert, "Feigenbletter zusammen/ vnd machten jhnen Schürtze".
  Viel half das nicht mehr, denn hinaus aus dem Garten schob sie der
  Cherub mit dem Flammenschwert und verwehrte ihnen die Rückkehr auf
  alle Zeit. Unglücklich ist der Mensch seither und hadert mit dem
  Schicksal, flieht hinaus in die Welt und findet nicht mehr zurück.
  Stattdessen verwendet er viel Verstand auf allerlei Uniformen und
  Prêt-à-porter-Schauen und wird seines keusch bedeckten Lebens doch
  nicht froh.

  Im Juni vergangenen Jahres begann der Brite Stephen Gough eine
  Wanderung, die ihn im Verlauf von siebeneinhalb Monaten von Land's End
  in Cornwall nach John O'Goats ganz oben in Schottland führte.
  Bekleidet nur mit Hut, Strümpfen, Schuhen und einem Rucksack, durchmaß
  er die ganze britische Hauptinsel, um in all seiner Nacktheit für die
  Freikörperkultur zu werben. Nicht Eis noch Schnee, nicht Regen oder
  Sonnenschein hielten ihn von seinem hehren Ziel ab. Sechzehn Mal und
  insgesamt fünf Monate ließen ihn unverständige Glotzer ins Gefängnis
  sperren, aber nicht einmal das konnte diesen Heiligen der letzten Tage
  bei seinem Querfeldeinmarsch aufhalten. Der freimütige Stephen ist
  nicht allein. Der Oberst Mark Varley, dritthöchster Offizier Ihrer
  Majestät in der Region Ulster und allem Vernehmen nach solide
  verheiratet, fühlte sich ebenfalls berufen, riss sich die Kleider vom
  Leib und entblößte sich der Öffentlichkeit einer so genannten Webcam.

  Das hektische Entblößen ist beileibe keine rein britische Affäre. Der
  große Tacitus berichtet von Germanenweibern, die in der Schlacht durch
  das "Entgegenhalten der entblößten Brust" sowohl den Feind
  erschreckten wie die eigenen Männer daran erinnerten, was sie zuhaus,
  aber erst nach getaner Arbeit erwartet. Leicht ist spotten über diesen
  Exhibitionismus, aber vielleicht waren uns die zauseligen Vorfahren,
  sind uns die Briten schon voraus, weiter sogar, als wir ahnen, zurück
  nämlich in den Paradiesgarten, dorthin, wo wir wieder sein dürften,
  wie der lb. Gott uns mutmaßlich schuf: schön und wohlgestalt von
  Leibe, mit Fuchs und Hase auf Du und Du und aller Sorgen ums tägliche
  Brot ledig. Das Paradies ist, wie der Dichter klagt, verschlossen, und
  wir müssen einen Weg herum um die Welt finden und schauen, ob es
  vielleicht hinten doch irgendwo offen ist. Bis dahin hätten wir uns
  die feigenblattfreien Herren Gough und Varley nicht bloß als
  freikörperkulturelle Avantgarde, sondern als die glücklicheren
  Menschen vorzustellen.