(SZ) Vor gut vierzig Jahren brachte Nicholas Ray den Film "Im Land der
langen Schatten" heraus, nach dem gleichnamigen Roman von Hans Ruesch.
In diesem Land wohnen die Eskimos, und einem von ihnen, dem Jäger Inuk
(Anthony Quinn), widerfährt es, dass er von einem Missionar (Marco
Guglielmi) schwer beleidigt wird. Die Sache trägt sich so zu, dass
Inuk in traditioneller Gastfreundschaft dem Gottesmann zunächst
diverse Leckereien anträgt, lebende Maden und so Sachen, und am Ende,
als das alles nicht konveniert, seine Frau (Yoko Tani). Bei diesem
Gastgeschenk gerät der Missionar nun völlig aus dem Häuschen, so dass
der gute Inuk letztlich nicht anders kann, als den Kopf des
Geistlichen so lange gegen die Igluwand zu schlagen, bis dieser tot
ist.
Missionstechnisch betrachtet war das Verhalten des Geistlichen ein
Verstoß gegen das Gebot der Akkomodation. Dieses fordert von
kirchlichen Sendboten, dass sie, bevor sie zur Bekehrung der Heiden
schreiten, zunächst versuchen, sich in deren Denk- und
Vorstellungswelt einzufühlen. Man wird den Kirchen, der katholischen
wie der evangelischen, nicht zu nahe treten, wenn man konstatiert,
dass sie es in diesem Punkt jahrhundertelang am nötigen Feingefühl
empfindlich haben mangeln lassen. Stattdessen betrieben sie, im
Vertrauen auf die vermeintliche Exklusivität ihrer Heilswahrheit,
einen Europäismus beziehungsweise theologischen Kolonialismus, dass
Gott - welcher auch immer - erbarm. Die Kehrseite dessen erfuhren
Buben, die in bestimmte Klosterschulen gehen durften. Ihnen sagte man
gelegentlich, dass es für einen Missionar im Grunde nichts Schöneres
gäbe, als von den "Wilden" gesotten und verzehrt zu werden, eine
Perspektive, die viele dieser Knaben dazu bewog, sich unter Hand
vorzeitig nach weniger aufregenden Berufen umzusehen.
Das Land der langen Schatten scheint bis zu den Fidschi-Inseln zu
reichen, denn auch dort kam ein Missionar aufgrund mangelnder
Akkomodation zu Tode. 1867 wagte es der Geistliche Thomas Baker, dem
Häuptling von Nabutautau, Nawawabalavu, ins Haar zu greifen, obwohl er
bei genügender Vorbereitung hätte wissen müssen, dass er damit ein
Tabu verletzt. Die wahrscheinlich gut gemeinte Geste zahlte sich nicht
aus, denn Baker und acht seiner Anhänger wurden mit Äxten getötet und
verspeist, und das so gründlich, dass nur die Stiefel des Missionars
übrig blieben. Die Nabutautauer glauben, dass seitdem ein Fluch auf
ihrem Dorf liegt, und um den zu lösen, wollen sie sich nun bei Bakers
australischen Nachkommen entschuldigen. Elf von denen werden zu der
Zeremonie anreisen, und wenn sie nur halb so klug sind wie ihr
Ahnvater, lassen sie sich nicht einmal im äußersten Versöhnungstaumel
dazu hinreißen, den Kindern von Nabutautau übers Haar zu streichen.