(SZ) Aus der Wanderung, die Kurt Tucholsky 1927 mit seinen Freunden
Karlchen und Jakopp durch den Spessart unternahm, ist unter anderem
das schöne Wort "möpseln" hervorgegangen. Wenn der Steinwein nicht gut
genug war, behaupteten jedenfalls die drei Herren nach einer Reihe von
Selbstversuchen in der Waldgaststätte "Lichtenau", möpselte es
anderntags kräftig nach. Und wie sie so möpselnd und dem jungen Tag
noch nicht wirklich zugewandt durch ein Städtchen tappten, fiel
Tucholskys Blick auf eine Inschrift, deren grundlegende Bedeutung und
innere Weisheit sich dem Schriftsteller sofort erschloss: Jeder, stand
dort, habe für sich ja so Recht.
Denkt man dieses Wort zu Ende, gelingt vielleicht eine Annäherung an
Phänomene, die eben noch vollkommen rätselhaft erschienen wie die
Steuerpolitik der Union oder, um doch lieber bei der Kultur zu
bleiben, das, was die Leute unter "Kult" verstehen. So gibt es eine
große Zahl von verzückten Kulturkritikern, die Filme für kultig
halten, in denen irre Maskenmänner, metzelnde Zwerge, der
Klingenmörder von der Elm Street und andere Figuren umgehen, deren
Schöpfer noch vor wenigen Jahrzehnten und nicht aus den schlechtesten
Gründen kritisch auf ihre mentale Befindlichkeit hin untersucht worden
wären. Heute hält man es für normal, wenn das "Fantasy Festival" seine
Besucher mit Verheißungen lockt wie "grauenerregende undead Zombies
aus Australien, unvergleichliche Vampire aus Chile, Cyberserienkiller
aus Spanien und einen ersten Blick auf Kultregisseur Takashi Miikes
neuestes bizarres Meisterwerk Gozu", dessen "Perversionen und Exzesse"
rühmend hervorgehoben werden.
Bei diesem traurigen Stand der Dinge könnte man schon etwas ins
Möpseln geraten, blitzte da nicht ein Lichtschein auf. Nein, es ist
ein Raumschiff, das die Form eines umgedrehten Suppentellers hat: Die
"Orion" ist zurück! Die legendäre deutsche Fernsehreihe
"Raumpatrouille" von 1966 kommt ins Kino, wenn auch arg
zusammengeschnitten. Dem Unzeitgemäßen aber erscheint die von
Commander MacLane alias Dietmar Schönherr mit kantiger Miene
gesteuerte "Orion" ("Rücksturz zur Erde!") dennoch wie die wehmütige
Reminiszenz an eine Epoche, als es morgens noch Brötchen vor der
Haustür und im Film noch keine Cyberserienkiller, dafür aber etwas
Phantasie gab: Die Roboter, die verdächtige Ähnlichkeit mit einem
kugeligen Staubsauger aufwiesen; die Bügeleisen-Steuerung des
Raumkreuzers; der leicht anarchische Tonfall der Geschichten, in denen
das deutsche Ordnungsprinzip, mit kühler Erotik verkörpert von der
Geheimdienst-Offizierin Tamara Jagellovsk, sich der Macht der Liebe
beugt. Und alles in Schwarz-Weiß. Es war wunderbar. Es ist Kult.
Echter Kult! Aber schließlich hat jeder für sich ja so Recht.