(SZ)Jedes Jahr verleiht die Narrhalla München den Karl-
  Valentin-Orden, und jedes Jahr wird ihr das als Vermessenheit
  ausgelegt. Valentin ist von seinen Exegeten mittlerweile so weit aus
  der Gaudi-Zone herausgeschrieben worden, dass, wer nicht gerade einen
  superphilosophischen Scherz auf Lager hat, besser die Goschen hält.
  Dennoch hat sich in München jene bescheidene Valentin-Pflege erhalten
  können, die beispielsweise darin ihren Ausdruck findet, dass man
  Preise für den schönsten Blödsinn auslobt. Die Gewinner haben Sachen
  wie die telefonlose Schnur oder die leere Teigschüssel erfunden - sie
  ist leer, weil der Teig bekanntlich "gehen muss" und den Befehl
  ausnahmsweise mal befolgt hat. In diesem Unterholz hausbackener
  Valentin- Rezeption gedeiht auch der Narrhalla-Orden; heute, Freitag,
  geht er an Alfred "Bio" Biolek, "den Grandseigneur des gepflegten
  Talks".

  Die Begründung: Lebte Valentin noch, so hätte ihn Biolek sicher schon
  als Talk-Gast gehabt oder gar dazu gebracht, in alfredissimo! seine
  berühmten "Semmelnknödeln" zuzubereiten. Für diejenigen, die noch
  nicht am frühen Freitagnachmittag fernsehen: In alfredissimo! kocht
  Biolek mit jeweils einem Gast irgendetwas Apartes, das er beim
  Probieren mit exaltierten, ja fast besinnungslosen Ahs und Ohs und
  Mhhhhhms bedenkt. Da Biolek beim Kochen gern einen Schluck trinkt,
  herrscht Weinzwang, wenn auch nicht so einer wie im "Firmling", wo der
  Kellner sagt: "Wir haben Weinzwang" und der Vater antwortet: "Na
  bringst halt zwoa Halbe Weinzwang." Kann man sich vorstellen, wie Bio,
  wäre denn Valentin bei ihm im Studio, so ein Bonmot be jubeln würde?
  "Zwo-a Halbe Weinzwang - köstlich, ganz köstlich!" Mit den
  Semmelknödeln wäre die Sache schon schwieriger. Hier geht es,
  schopenhauerisch gesprochen, um die vierfache Wurzel der Bezeichnung
  Semmel(n)knödel(n), also darum, dass man aus einer/mehreren Semmel/n
  einen/mehrere Knödel/n (Letzteres ein bairischer Plural) machen kann
  und dass das begriffliche Folgen hat. Bei Valentin beginnt die
  Wurzelbehandlung so: "...deln." - "Was deln?" Wenn nicht alles
  täuscht, haben wir es hier formal mit einem platonisch-sokratischen
  Dialog zu tun, substanziell aber mit jenem Staunen, das den Beginn der
  Philosophie und letztlich aller Erkenntnis bildet.

  Sich Valentin in einer Talk- oder Kochshow überhaupt vorzustellen ist
  eine völlig gespenstische Version des "Ententraums"; dass die
  Narrhalla ihn träumt, weist sie als eine doch irgendwie valentineske
  Organisation aus. Möglicherweise wäre es Biolek ja gelungen, Valentin
  auf seinen Boulevard Bio zu locken. Er hätte freilich damit rechnen
  müssen, dass sein Gast vorzeitig aufsteht, die schlaksige Figur aus
  dem Studio schiebt und dabei wie der Buchbinder Wanninger vor sich
  hinmault: "Saubande, dreckade!"