(SZ)Der Hahn ist tot, ein Satz für Kanons und andere Scherze. Manch
  altvorderer Lehrer hatte was gegen technischen Fortschritt. Empfahl
  ein Schüler aber im Besinnungsaufsatz mit zwingender Logik, dass man
  sich dann statt eines Weckers doch einen Hahn auf den Nachttisch
  stellen sollte, war der Sechser gewiss. Der Hahn: Herr seines
  Misthaufens und Verteidiger gegenüber jedem auch noch so großen
  Eindringling; stolzes Wappentier einer Nation in Rot, Weiß und Blau;
  als gallo nero auch schwarzes Markenzeichen des wahren Chianti-Weins.
  Der Hahn: jener geradezu endzeitliche Vogel, der dreimal kräht, wenn
  Petrus dreimal seinen Herrn verrät; Kämpfer, Sprichworttier, Mythos,
  Sexprotz - ein guter Hahn wird selten fett.

  Durch Kampf zum Sieg, krähen die Trainer, wenn ihre schwächere
  Mannschaft den Favoriten geschlagen hat. Ein Kikeriki, mit dem
  besonders deutsche Fußballer, ihre oft unansehnlichen, aber manchmal
  überraschend erfolgreichen Matches kommentieren. Durch Spiel zum Sieg
  klingt auch unwahrscheinlich undeutsch. Abgesehen vom Sport wird um
  alles Mögliche gekämpft: ums tägliche Brot, um den Platz an der Sonne,
  um Reviere, Ränge, Richtlinienkompetenz in Hessen und Niedersachsen,
  um Frauen und Männer. Wem das nicht reicht, der inszeniert Kämpfe
  zwischen Gut und Böse, Himmel und Hölle, oben und unten, Hund und
  Katz, Mensch und Tier. Oder zwischen Tier und Tier. Schon die alten
  Römer liebten es, in ihren Amphitheatern Löwen auf Tiger zu hetzen,
  Nashörner auf Elefanten, Stiere auf Stiere. Reste dieser so spannenden
  wie unschönen Schaulustbräuche haben sich erhalten: Heuschrecken
  müssen gegeneinander fighten, Schleierschwanzfische sich zerzausen,
  Kakerlaken sich miteinander auf Leben und Tod messen. Und Hähne müssen
  sich zerfetzen vor johlender Menge als Gladiatoren des kleinen Mannes
  in Südostasien und Lateinamerika. Ab und zu gelingt es aber Tieren
  zurückzuschlagen, ihre Züchter, Dompteure, Jäger außer Gefecht zu
  setzen. Stiere spießen Toreros auf, Elefanten trampeln ihre Treiber zu
  Mus; ein Iltis erschießt einen Kreisrat an einem Augusttag im
  Münsterland. So jedenfalls hat es die Bild-Zeitung einmal vermeldet,
  nachzulesen in einer erschröcklichen Sammlung seltener Todesfälle.

  Bei aller Angriffslust des Hahns, dergleichen erwartet niemand von
  ihm. Aber im philippinischen Zamboanga hielt es ein Kampfhahn nicht
  mehr aus, den Lärm, die Wetten, das Gemetzel unter seinesgleichen.
  Sein 24-jähriger Besitzer bereitete ihn gerade auf den Kampf vor,
  schnallte ihm rasiermesserscharfe Klingen an die Sporen. Da sprang ihn
  der Hahn an, schnitt und fetzte und kämpfte, bis der Besitzer
  verblutete. Die Besucher waren schockartig erstarrt. Der Hahn ist tot?
  Keine Red' davon.