(SZ)Es gibt Wörter, Begriffe, mit denen ältere Mitbürger wenig
  anfangen können, auch wenn sie, wie Ludwig Stiegler (SPD) oder Franz
  Josef Strauß sel. (CSU) mit Stolz darauf hinwiesen, einst sich das
  sog. "Große Latinum" erworben zu haben, das einem in Bayern jedenfalls
  die lebenslange Berechtigung verschafft, in die gesprochene Rede als
  silberne Rippe ein lateinisches Zitat oder doch wenigstens ein
  lateinisches Wort einzuflechten, ohne dass einen die Zuhörer für
  übergeschnappt halten. Zu diesen Wörtern oder Begriffen zählt jedoch
  nicht die lateinische Übersetzung für "vorlaut" oder "voreilig"
  (praecox), mit der besagter Stiegler unlängst im Fettnapf öffentlicher
  Peinlichkeit herumplatschte, weil die selbst von Mitmenschen mit
  "Kleinem Latinum" verstanden und belacht wird. Nehmen wir deshalb den
  von jeglichen Missverständnissen freien und weithin unverstandenen
  Begriff "Kulturtransfer" zum Exempel.

  Was damit gemeint ist, lässt sich an dem funkelnagelneuen TransRapid,
  diesem unbezahlbar teuren und vom Kanzler gerade nach Shanghai
  verkauften Meisterstück deutscher Ingenieurskunst, weniger gut
  illustrieren, als an ein paar alten Knochen. Die gehören dem heiligen
  Nikolaus und werden seit dem 9. Mai 1087 im süditalienischen Bari
  aufbewahrt. Dorthin gelangten sie, weil Piraten das Grab des Bischofs
  von Myra in Kleinasien (Türkei), gest. 6. Dezember 345, weiland in
  schnöder Gewinnabsicht schändeten, um dessen sog. sterblichen Reste an
  den damaligen Stadtpfarrer von Bari zu verkaufen. Angesichts der
  großen spirituellen und wirtschaftlichen Bedeutung, die dem hl.
  Nikolaus seither in EU-Europa zugewachsen ist, nimmt es nicht wunder,
  dass jetzt eine türkische NikolausStiftung (!) die bischöflichen
  Gebeine zurückfordert. Der Vorsitzende der Stiftung, Muammer
  Karabulut, sagte zur Begründung: "Wir haben nicht vergessen, dass die
  gestohlenen Gebeine des Weihnachtsmannes in Bari sind."

  Die Forderung ist von nicht unbilliger List, zumal viele, die im
  Besitz des "Großen Latinums" sind, das in Bayern Voraussetzung für das
  Amt des Ministerpräsidenten ist, unlängst vehement bestritten, dass
  die Türkei zu Europa gehört und sich dabei vor allem kultureller
  Argumente bedienten. Würden nun, wie von M. Karabulut gefordert, die
  Gebeine des hl. Nikolaus wieder an den Ort seines Wirkens und Sterbens
  zurückgeschafft, dann könnte auch der unterdessen dank Kulturtransfer
  zum Weihnachtsmann mutierte sagenumwobene Bischof von Myra in seiner
  Heimat das Wunder des großen Konsumrauschs bewirken, dessen Marketing
  er in hiesigen Breiten so lange erfolgreich besorgt hat. Gelänge dies,
  dann könnte die Aktion sogar als Beispiel für einen doppelten
  Kulturtransfer einstehen. "Quod erat demonstrandum", wie L. Stiegler
  dies kommentierte.