(SZ) Nichts geschieht mehr, wie es soll in Schlusslichtland.
Weihnachtsmärkte vermehren sich wie die Karnickel, aber statt zu
kaufen, sparen die Leute. Schnee fällt sonstwann, nur nicht zu
Weihnachten - wenn er überhaupt noch fällt. Auf Skisprungschanzen
werden daher jahreszeitunabhängige Keramik-Anlaufspuren angedacht.
Noch dazu ist das Christkind fast verschwunden, weil sich an jeder
Ecke, in jedem Kaufhaus, in jedem Schaufenster, auf Geschenkkarten,
kurz überall diese dicken rauschebärtigen alten Kerle in rotweißer
Montur mit Zipfelmützen und verdächtig glühenden Schnapsnasen breit
machen. Diese Weihnachtsmänner!
Außerdem steht die Gesangskultur in Deutschland "auf der Kippe" zum
Absturz hin. Sagt Domkantor Gerd-Peter Münden aus Braunschweig. "Süßer
die Glocken nie klingen, saurer die Zipfel nie hingen", mag da manch
einer spotten und sich gleich schämen, hat er doch am letztjährigen
Weihnachtsfest beim familienmäßigen Absingen der einschlägigen Lieder
durch ungelenkes Brummen auf einem Ton selbst seine sängerische
Inkompetenz bewiesen. Er möge auch an die Kirchengemeinde denken, als
sie an den hohen Tönen der diversen Weihnachtslieder schauerlich
scheiterte. Dem möchte Domkantor Münden abhelfen, weshalb er 241
Choralsätze der beliebtesten Kirchenlieder in tiefere Tonarten verlegt
hat zum bequemeren Singen. Aber was singen die Menschen in diesem
vermeintlich so antiamerikanischen Land? "Jingle Bells" statt "O
Tannenbaum". Professor Krämer vom Verein Deutsche Sprache (VDS) ist
empört: "Wenigstens die Feiertage sollten wir von Anglizismen
freihalten." Krämer sieht das deutsche Weihnachtslied unter US-Druck.
Da stimmt Hans Triebel, Vorsitzender des Fördervereins Bairische
Sprache und Dialekte, klagend ein. Die Mundartlieder seien vom
Aussterben bedroht, nur frühestes Training vom Kindergarten an könne
das bayerische Liedgut retten: "Ohne unsere Lieder funktioniert unser
Selbstverständnis nicht."
Bestürztes Schweigen, während aus den Lautsprechern "White Christmas"
oder "Rudy The Red Nosed Reindeer"schmalzt. Ein Bündnis fürs deutsche
Weihnachtslied muss her! Noch besser wäre eine Kommission von
Sprachschützern und Dialektrettern unter Vorsitz des Kanzlers. Dort
sollte er - kurz entschlossen wie einst bei der Elbeflut in
Gummistiefeln - im Knecht-Ruprecht- Gewand auftreten. "I Wish You a
Merry Christmas", dröhnt es dazwischen. Nein, ein
Untersuchungsausschuss muss eingerichtet werden zur Klärung der Frage,
ob Rot-Grün von dieser Krise deutscher Weihnachtskultur nicht schon
vor Weihnachten gewusst hat. "Silent Night, Holy Night", säuselt es da
unüberhörbar. Wenigstens dieses deutsche Lied ist ein Welterfolg. Auf
Englisch.