(SZ)Schicksalsfragen potenzieren sich in diesen Tagen, treiben
taumelnd ihrem Höhepunkt entgegen. Ob der Kanzler und der
Finanzminister wahrhaftige Menschen sind, das möchten manche zu gern
wissen, und die sonderbarsten Gestalten machen sich auf, die Antwort
zu finden, so sehnsuchtsvoll, als hätten sie dann den Heiligen Gral.
Noch peinigender aber scheint die Nation die Frage zu plagen, ob ein
spitznasiger Geselle an diesem Freitag ein Wiener Bordell besuchen
dürfe, und zwar im Nikolausgewand. Thomas Gottschalk heißt er, eine
längliche Plaudertasche ist er und mannigfach aufgefallen durch
bizarre Kostüme, mal dem eines Feldmarschalls, mal dem einer
männlichen Gouvernante.
Dieser Gottschalk also als Nikolaus, der gefallene Seelen beglückt.
Viele im Land erregt das über die Maßen. Andere nehmen's so amüsiert
zur Kenntnis, als habe man ihnen einen so genannten Herrenwitz
erzählt, haha. In der Art ist sie wohl auch gedacht gewesen, die dem
Auftritt zugrunde liegende Wette. Sie wird eingelöst auf einem
Parkett, das geschmiert ist mit dem aus Brauchtum und schlüpfriger
Phantasie gemischten Salböl des Spießbürgertums. Dazu eine milde Prise
Blasphemie, die aber längst zur billigen Münze verkommen ist: Für
freche Zoten über Kirche und Glauben muss doch längst keiner mehr ins
Gefängnis gehen. Sowas würde ein Gottschalk auch gar nicht riskieren,
der brave, schalkhafte Junge, Großmutters Liebling. Die wackeren Damen
in Wien jedenfalls werden den öffentlichkeitswirksamen Akt des langen
Blonden so zelebrieren, wie's ihre Art ist. Gottschalk muss kichern -
wetten, dass? Dann aber wird sich die Frage stellen, die eine, die
große: Wer hat sich mehr prostituiert in dem Wiener Bordell? Die, die
doch nur ihre Pflicht tun, Nacht für Nacht: Deckung der
Binnennachfrage, das Geld muss kursieren. Oder der, der da ankommt,
milde Gaben im Gepäck, anstatt den ortsüblichen Preis zu zahlen.
Bei dem, was dort normalerweise gedeckt wird, handelt es sich übrigens
um "Primärbedarf". Sagt der Oberbürgermeister von Bad Kissingen, Karl
Heinz Laudenbach. Er hat, um diesen Primärbedarf richtig zu
befriedigen, die Prostitution in dem Kurort legalisieren lassen,
obwohl dieser, wie Millionen von Gästen wissen, jetzt schon ein
tosendes Paradies ist. Steter Umsatz ist wohl gesichert rund um die
kohlesäurereichen und eisenhaltigen Kochsalzquellen, zumindest dann,
wenn der Deutsche Beamtenbund seine Jahrestagung abhält. Trotzdem
würde es Gottschalk gut anstehen, für ein Kissinger Etablissement zu
werben, schließlich ist uns das Hemd näher als der Rock. Gottschalk
wiederum ist die Narrenkappe näher als die Mitra. Als Nikolaus wirkt
er wie der Bär, der versehentlich auf den Försterball geraten ist.
Lass gut sein, Thomasl.